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Veröffentlicht am 26.03.2025

sonne scheint erde dreht sich

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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„bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“, der autobiographische Debutroman von Oliver Lovrenski, erschienen 2025 bei Hanser Berlin, ist das eindrückliche Dokument einer Einwandererjugend auf der ...

„bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“, der autobiographische Debutroman von Oliver Lovrenski, erschienen 2025 bei Hanser Berlin, ist das eindrückliche Dokument einer Einwandererjugend auf der Straße und begeistert vor allem formal und sprachlich.

Ein großes Shout-Out zunächst an die Übersetzerin Karoline Hippe, der es einfach genial gelingt, den von Lovrenski perfekt eingefangenen und zugespitzen Slang der Jugendgangs ins Deutsche zu übertragen – was für Meisterleistung.

Lovrenski erzählt von Ivor und Marco, den Brüdern durch Gelegenheit, die in den Straßen Oslos zwischen Drogen, Kriminalität, Gefahr und permanenter Brutalität, aber auch voller Freundschaft, Solidarität und Hoffnung auf ein besseres Leben aufwachsen, immer wieder am Rand der Existenz und doch immer wieder kurz auch fast dabei, das Milieu verlassen zu können. In schnellen, kurzen Clips, ein Buch wie der Swipe auf TikTok, in gedrängter, gehetzter Sprache, die nicht umsonst auf groß und klein verzichtet, oft hart und fast wie eine Fremdsprache, dann immer wieder sehr poetisch und zart, führt uns Lovrenski durch die Jugend einer wild zusammengewürfelten Truppe Heranwachsender, die mit jedem Tag tiefer abrutschen – bis der erste ganz abrutscht und die Unschuld endgültig verloren ist.

Der Beat peitscht durch dieses Buch wie die Wut durch Ivor, Marco, Jonas und all die anderen Mitglieder der Wahlfamilie, die einfach unter den falschen Voraussetzungen geboren wurden und kaum eine Chance haben, sich aus diesen zu befreien. Wir reden viel von Durchlässigkeit – doch der Roman zeigt eindrücklich, dass diese nichts hilft, wenn ein Umfeld nicht mitspielt. „die welt ist ungerecht, stell dir mal vor ein kleines unglück kann so viel scheiße anrichten“ – und vielleicht ist dieses unglück manchmal einfach die geburt. Lovrenski schafft dabei das Kunststück, durchweg so viel Liebe für seine Charaktere durch das Buch scheinen zu lassen, dass es den Lesenden kaum gelingen wird, nicht mit ihnen mitzuleiden, auch wenn diese eigentlich alles tun, um uns das Gegenteil empfinden zu lassen.

Es ist ein schonungslos ehrlicher Roman, der alle Wunden unserer Gesellschaft offenlegt. „sonne scheint erde dreht sich“ – das Leben geht weiter, ob wir es leben wollen oder nicht. Kein Entkommen, keine Gnade. Und zwischen Täter und Opfer manchmal nicht mehr viel Unterschied.

Lovrenski hat dabei in seinem Buch an alles gedacht und schenkt deshalb denen unter uns, die mit lowkey disbattle nicht so vertraut sind, ein Glossar am Ende des Buches. G der Mann. Empfehlung geht raus und nächstes Buch wird dringlich erwartet, sehr spannend, was passieren wird, wenn diese Stimme sich vielleicht einem nicht-autobiographischen Thema widmet. +10.000 Aura Starpotenzial.

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Verlorengegangen im Ethik-Dschungel

Dunkle Momente
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„Dunkle Momente“ von Elisa Hoven, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, kann für mich leider nur im Mittelfeld der Frühjahrsneuerscheinungen mitspielen. Hoven stellt uns hier ein solides Buch vor, auf ...

„Dunkle Momente“ von Elisa Hoven, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, kann für mich leider nur im Mittelfeld der Frühjahrsneuerscheinungen mitspielen. Hoven stellt uns hier ein solides Buch vor, auf der Grenze zwischen Erzählung und Episodenroman tanzend, das zwar grundsätzlich gut geschrieben und sauber konstruiert ist, mich aber leider zu keinem Zeitpunkt überraschen und in den Bann ziehen konnte.

Protagonistin des Romans ist Eva Herbergen, die als Strafverteidigerin immer wieder mit schwierigen Fällen konfrontiert ist und aufgrund eines Traumas dabei in ihren Dunklen Momenten immer wieder die Professionalität verliert und deshalb weit über ihren eigentlichen Auftrag hinaus in ihre Fälle eingreift bzw. sich hineinziehen lässt. Das Buch ist unterteilt in neun solcher Fälle, erst der letzte wird Aufschluss darüber geben, warum Eva sich verhält wie sie sich verhält. Das ist kein Spoiler, denn Hoven wird nicht müde am Ende eigentlich jeden Falles auf den Fall „Stefan Heinrich“ zu verweisen – und das Inhaltsverzeichnis zeigt uns diesen als neunten und abschließenden Fall des Buches auf.

Die neun Fälle haben für mich persönlich nichts Neues erzählt, was daran liegen kann, dass ich mich als Theaterschaffende permanent mit den Grenzen des menschlichen Handelns beschäftige, so waren mir viele der Themen sehr vertraut. Auch die Fragen, für die sich Hoven zu Recht interessiert, wie schnell kommt der Mensch mit Moral an seine Grenzen, gibt es Recht und Unrecht denn überhaupt und wer legt das fest, rechtfertigt Leid, das man selbst erfahren hat, das Leid, das man anderen antut, darf man Menschen das Recht auf Wahrheit und Erkenntnis verweigern, wenn man glaubt, dass sie mit den Erkenntnissen nicht gut umgehen könnten, ist Tötung auf Verlangen auch dann okay, wenn man selbst einen Lustgewinn daraus zieht – um nur einige der Fragen zu nennen – diese Fragen sind für mich leider auch ein alter Hut, und Hoven macht einen Fehler im Grundkonstrukt, der bei mir dazu führt, dass die Antwort auf die Fragen irrelevant wird.

Denn die Strafverteidigerin Eva Herbergen ist eine Figur, die dringend therapiebedürftig ist und jegliche professionelle Distanz, die sie in ihrem Job bräuchte, längst verloren hat. Da dieses so ist, kommt zum einen keinerlei Spannung auf, alle Fälle verlaufen nach dem gleichen Muster, so dass wir nach den ersten zwei Fällen immer schon wissen, wie der Verlauf sein wird. Zum anderen werden die Fragen nie bei klarem Verstand gestellt, sondern sind immer durch ein Trauma (das ich persönlich auch nicht nachvollziehen konnte) geprägt, weshalb ich Eva Herbergen leider nicht ernst nehmen konnte. Die einzige Frage, mit der ich aus diesem Buch ging, war die, wie wir unser Rechtssystem davor schützen können, dass labile Personen auf verantwortlichen Positionen arbeiten. Insgesamt habe ich das Buch auch als sehr redundant erlebt.

Positiv möchte ich festhalten, dass es in der Leserunde, in der ich das Buch las, auch andere Stimmen gab, die fanden, durch die Fälle und die Position der Verteidigerin würde eine Debatte über Recht und Ethik angestoßen. Mir selbst ging das nicht so, aber ich möchte dem Buch gern zugutehalten, dass es diese Perspektive gibt. Hoven schreibt auch gut und flüssig, ich finde ihr dramaturgisches Grundkonzept nicht sinnvoll, in diesem schreitet sie aber konsequent und logisch voran. Es mag also meiner Bubble und meiner eigenen Biografie geschuldet sein, dass dieses Buch bei mir so gar nicht geklickt hat. Der Vergleich zu Büchern des Autors Ferdinand von Schirach drängt sich auf, die erzeugen bei mir etwas ganz anderes, da dieser nüchtern und neutraler schreibt.

Ein Lob noch für das Cover! Dieses ist schlicht, aber eindringlich und das Motiv ergibt am Ende des Romans noch einmal einen tieferen Sinn. Wer sich also vielleicht noch nicht so viel mit der Frage nach Recht und Unrecht und den Grenzen von Ethik auseinandergesetzt hat, könnte hier ein Buch zum Lesen gefunden haben. Mich selbst hat es leider nicht überzeugt.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Go on and cry, Ophelia

Stromlinien
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„Stromlinien“, der neue Roman von Rebekka Frank, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, hat mich vom ersten Moment an gefesselt und bis zum Ende nicht losgelassen.

Rebekka Frank erzählt uns die Geschichte ...

„Stromlinien“, der neue Roman von Rebekka Frank, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, hat mich vom ersten Moment an gefesselt und bis zum Ende nicht losgelassen.

Rebekka Frank erzählt uns die Geschichte der Zwillingsschwestern Jale und Enna, die darauf warten, dass nach 38 langen Jahren in Haft ihre Mutter Alea entlassen wird – doch als die Stunde Null endlich eintritt, taucht nicht nur Alea nicht auf, nein, auch Jale ist verschwunden. Enna bleibt allein zurück, geht auf Spurensuche – und gerät dabei in einen Strudel, der den Strömungen der Fahrrinne in der Elbe nichts nachsteht und bis weit in die Vergangenheit führt.

Die Handlung spielt auf drei Zeitebenen 2023, 1983/84 sowie 1923. Diese sind gut sortiert und Überschriften sowie Personal lassen die Lesenden den Zeitsprüngen leicht folgen. Die Haupthandlung liegt schwerpunktmäßig im Jetzt des Jahres 2023. Immer wieder eingeschoben sind zunächst rätselhafte Passagen ohne Jahresangabe in Kursivdruck. Frank schreibt großartige, nahegehende Figuren und Begegnungen, extrem atmosphärisch bringt sie uns die Elbmarschen vor Augen mit immer wieder wundervollen Landschaftsbeschreibungen, die Handlung ist durchweg packend und oft zerstörerisch, immer mehr ist man mit gefangen mit den Menschen, die durch die Stromlinien mäandern.

Apropos Stromlinien: Auch Optik und Haptik des Buches begeistern einfach, das Cover passt perfekt und die sichtbaren Stromlinien lassen sich auch erfühlen – wunderschön. Sehr elegant auch, wie Frank mit dem Ophelia-Motiv spielt, das auf bedrückende Weise Sinn ergibt.

Es ist ein Roman, der sehr tief in Beziehungen und Familien blickt und dabei durchweg Komplexität aufzeigt. Einfach superdicht geschrieben und konstruiert, es hat mich sehr berührt, irgendwo ganz tief.
Das Nachwort der Autorin hat mich dann noch einmal umgehauen, wie viel echte Historie in diesem Buch steckt, das macht es noch einmal besonders hart. Das war insgesamt ein sehr rundes und großartiges Leseerlebnis, genau wie ich es mir erhofft hatte, auch wenn es kleinere Ungereimtheiten gibt – die verzeiht man jedoch gern und wünscht sich zum Ende des Buches, es hätte noch mehr Seiten, damit man es nicht beenden muss. Irgendwie gerät man beim Lesen quasi in die Fahrrinne der Elbe und dann zieht es einen rein und man kommt nicht mehr raus. Unbedingte Empfehlung, sich der Strömung hinzugeben.


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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein actionreicher Female Roadtrip zur Fuggerzeit

Im Auftrag der Fugger - Der Burgunderschatz
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„Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“ von Peter Dempf, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist ein mitreißender historischer Roman, bei dem der Autor einmal mehr all seine Stärken souverän ausspielt. ...

„Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“ von Peter Dempf, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist ein mitreißender historischer Roman, bei dem der Autor einmal mehr all seine Stärken souverän ausspielt.

Wir befinden uns in Augsburg, im Jahr 1503, als die junge, verwaiste Bettlerin Afra eine besondere Zeichnung in die Hände bekommt und so davon erfährt, dass eine Delegation aus Basel versucht, den wichtigsten Kaufleuten aus Basel extrem wertvolle Kleinode zu verkaufen – einen Teil des Burgunderschatzes, bestehend aus dem Federlin, dem Gürtelin, der Rose und den Drei Brüdern. Dieser Zufall ist der Ausgangspunkt für eine wilde Reise und Verfolgungsjagd auf Leben und Tod, bei der Afra im Auftrag Jakob Fuggers, des wohl berühmtesten Kaufmanns aus Augsburg, nach dem eine Ära benannt wurde, gemeinsam mit dessen Boten Herwart, dem Afra ebenfalls schon zuvor zufällig begegnet ist, nach Basel und zurückreist, um auf dem Hinweg viel Geld und auf dem Rückweg den Schatz zu transportieren. Natürlich sind die beiden nicht die einzigen, die von diesen Preziosen Kenntnis haben, so dass sich der Botendienst immer mehr zu einer Hatz ausweitet.

Dempf schreibt sehr kenntnisreich und atmosphärisch, er hat ein Händchen für die Charaktere – sowohl für die sympathischen als auch für die fiesen. Lebendig lässt er die Zeit um 1500 auferstehen mit vielen Details, so dass die Reise in die Schweiz und zurück gleichzeitig auch eine Lehrstunde in Geschichte ist – aber immer unterhaltsam und handlungsgebunden. Dabei arbeitet er besonders gut die Situation von Frauen im angehenden 16. Jahrhundert heraus und beschönigt hier nichts – außer bei seiner Heldin Afra, die manchmal schon fast zu Wonder Woman mutiert.

Es gibt so einige Plottwists und zwischenzeitlich wähnt man sich fast eher in einem Actionmovie oder Krimithriller als in einem historischen Roman und ja, auch für etwas Romance ist gesorgt, dankenswerterweise ohne zu viel Spice. Pikante Details finden sich eher bei sehr kreativen Versteckmethoden, doch hier soll nicht zu viel verraten werden.
Insgesamt waren es mir aber doch ein paar Verfolgungsjagden zu viel und gerade gegen Ende der Geschichte häufen sich die unwahrscheinlichen Zufälle und Rettungen doch etwas sehr, so dass sich die Handlung gegen Ende etwas zog. Daher kann ich leider nicht ganz die 5 Sterne geben, die ich für die erste Hälfte auf jeden Fall gesehen hätte. Aber in jedem Fall liegt hier ein rasanter historischer Roman mit starken Frauenfiguren vor, der wirklich gut zu lesen ist! Und wittere ich am Ende sogar einen zweiten Band? (Keine Sorge, der Roman ist in sich geschlossen.) Den würde ich ganz bestimmt lesen. Auch unbedingt noch zu erwähnen ist ein knackiges Nachwort, in dem Dempf noch einmal historische Fakten einordnet und ergänzt, bei historischen Romanen immer sehr gern von mir gesehen. Dieses hat auch eine perfekt gewählte Länge, was auch nicht selbstverständlich ist. Eine runde Leistung also, der nicht viel zum fünften Stern fehlt.

Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 06.03.2025

We are what we are

Die Zeit der Fliegen
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„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im ...

„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im Unionsverlag erschien, ist aber auch ohne Kenntnis dieses Vorgängers gut zu lesen, allerdings finde ich, es hilft beim Verständnis in der Tiefe, auch diesen Roman gelesen zu haben.

Inés Experey, ehemals Pereyra, kommt aus dem Knast, pardon, sie bevorzugt das Wort Gefängnis, nachdem sie eine lange Haftstrafe für den Mord an der Geliebten ihres Gatten verbüßt hat. Wirklich reuig ist sie nicht, auch wenn sie sich über dies und das Gedanken macht, während sie versucht, im Leben Draußen wieder anzukommen, das sich sehr weiterentwickelt hat und Inés vor Aufgaben stellt, zu denen sie noch keine Haltung gefunden hat. Was ist das mit dieser Gender Fluidity und Political Correctness und dem intersektionalen Feminismus, irgendwie vielleicht gut aber irgendwie auch ganz schön anstrengend? In der Haft hat Inés die Manca kennengelernt und mit ihr gemeinsam gründet sie nun die Firma FFF – in der vollkommen unterschiedliche Tätigkeitsbereiche zusammengeführt werden, einfach weil frau es kann – und weil es so doch auch viel mehr Spaß macht, als alleine vor sich hin zu wurschteln. Während die Manca ihren Lebensunterhalt mit Detektivarbeit verdient, ist Inés in der Ungeziefervertilgung aktiv, denn in ihrer Zeit im Gefängnis hat sie sich viel Wissen über Insekten, insbesondere hierbei über Fliegen, angeeignet (die Buchauswahl war nun einmal nicht so groß). Alles läuft genau so langweilig wie gut, bis Inés eines Tages ein unmoralisches Angebot erhält, das sie ins Wanken bringt.

Das Buch verfolgt formal neben der Handlungsebene noch zwei weitere, zum einen gibt es immer wieder Kapitel, die sich sehr ausführlich mit den Fliegen beschäftigen, zum anderen gibt es einen antiken Chor, angelehnt an Medea von Euripides, der die Themen aus genau diesem Werk hier in der Neuzeit verhandelt, insbesondere hier die Frage nach Mutterschaft als Wohl oder Wehe. Das hat hohe Relevanz, denn Inés hat mit dem Gang ins Gefängnis seinerzeit auch den Kontakt zu ihrer Tochter Laura verloren, die, inzwischen erwachsen, selbst ein Familienleben wie aus dem Poesiealbum führt.

Der Erzählton sehr ähnlich wie schon bei „Ganz die Deine“ souverän, etwas gehetzt, lässig, grundsätzlich humorvoll, manchmal auch plakativ, aber Piñeiro weiß, was sie tut, das lässt sich gut lesen. Und am Ende wartet das Buch mit einem Clou auf, den wahrscheinlich die wenigsten haben kommen sehen.

Das Grundproblem des Romans ist ein sehr langsamer Fortgang der Handlung bei gleichzeitiger Überfrachtung mit philosophisch-gesellschaftlicher Thematik bei extrem viel Bildungsreferenz, insofern ist das Buch auch sehr elitär und somit exklusiv. Das Thema des Mutterseins oder doch nur Gebärens oder vielleicht auch nichts davon finde ich ein sehr Wichtiges, insgesamt wird es mir dennoch zu ausgewalzt besprochen, es ist eine sehr bekannte Debatte für mich, vielleicht für andere nicht, ich habe irgendwann leider angefangen querzulesen, da waren keine neuen Gedanken drin für mich 2025, vielleicht sieht das in Lateinamerika anders aus, das ist gut möglich. Insgesamt gibt eine Tendenz zum Übererzählen, vor allem auch in den Chorpassagen. Die Autorin überfrachtet das Buch mit Themen, wodurch die Handlung immer wieder massiv ins Stocken gerät.

Am Ende geht dann alles vielleicht auch deshalb sehr holterdipolter und wichtige Inhalte werden auf einmal sehr kurz abgehandelt, was ich aus einer hier relevanten Betroffenheitsperspektive nicht akzeptabel finde. Grundsätzlich ist der vom Anfang zum Ende geschlagene Bogen gut konstruiert und auch überraschend, ABER was hilft es, wenn man dadurch unter Umständen viele Leser:innen verliert, weil diese nicht bis zum Ende durchhalten? Ein bisschen entstand bei mir der Eindruck, dass Piñeiro eigentlich einen Essay schreiben wollte und dann einen Roman drum herum konstruiert hat. Hätte ich die Metaebene mit dem Medeachor überhaupt gebraucht? Ich bin nicht sicher. Ebenso das sehr ausgewalzte Fliegenthema nur um am Ende dabei zu landen, dass das Leben ein anderes wäre, wenn man seine Entscheidungen mit mehr Zeit angehen würde, mehr Zeit hätte abzuwägen. Ja gut, eine Binsenweisheit. Wir sind nunmal keine Fliegen. So what? Was sollen wir mitnehmen aus dem Buch? Dass es furchtbar ist, wenn wir die Menschen nicht als das nehmen und sein lassen, was sie sind und ihnen nicht zuhören, ihnen keinen Raum geben, sich zu verändern? (Das trifft auch auf die Hauptfigur Inés zu) Das ist ja klar. Am Ende wird auf einmal sehr viel sehr schnell reingedacht in das Buch bis hin zu einer Inés, die vielleicht doch noch ihre Bisexualität entdeckt. Oder Pan. I don’t know... Mich überzeugt der Roman nicht. Alles klug gedacht, aber es hat mich nicht mitgenommen und am Ende ist nichts wirklich neu gedacht. Vielleicht bin ich zu sehr eh in der Bubble, die die Themen des Romans täglich wälzt. Vielleicht ist dieses Werk in Lateinamerika revolutionär. Aber gerade dann hätte es am Ende mehr Raum für ein Fertigerzählen und für noch ein paar Gedanken mehr vertragen.

„Die Zeit der Fliegen“ wird gerade für Netflix verfilmt. Ich bin sehr gespannt und vermute, dass hier der Essayistische Anteil deutlich eingedampft wird. Ich lasse mich überraschen, als Crime-Plot mit schrägen Charakteren ist der Roman sehr geeignet. Vielleicht wird es auch ein Genre-Mix. Ein schöner Erfolg für Piñeiro, den ich ihr als Autorin sehr gönne, denn wie gesagt: Schreiben kann sie. Mich hat nur die Gesamtkonstruktion leider in ihrer Ausgewogenheit nicht überzeugen können.

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