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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.06.2026

Vertraut und Verraten

Das letzte Buch von Marceau Miller
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Der Roman spielt geschickt mit der Idee eines Buches im Buch. Ein Konzept, das sich bereits durch den fehlenden Autorennamen auf dem Cover andeutet und die Frage aufkommen lässt, warum dieses letzte Buch ...

Der Roman spielt geschickt mit der Idee eines Buches im Buch. Ein Konzept, das sich bereits durch den fehlenden Autorennamen auf dem Cover andeutet und die Frage aufkommen lässt, warum dieses letzte Buch überhaupt geschrieben wurde. Hatte Marceau Miller auf diese Weise Vorkehrungen getroffen? Aber worauf begründen sich seine Ahnungen?

Marceau Miller ist tot. Am Boden einer Felswand liegend, wird er gefunden. Bereits im Prolog erfahren wir, dass er nicht abgestürzt ist, sondern getötet wurde. Und auch seine Frau glaubt nicht an einen Unfall.

Im Zentrum der nun folgenden Handlung steht Sarah, die Ehefrau des toten Autors. Gemeinsam mit ihr begibt man sich auf Spurensuche, während ihr Leben durch den Tod von Marceau komplett aus den Fugen gerät. Und so verhält sie sich manchmal auch. Zwar voller Schmerz und Trauer, aber auch völlig unberechenbar, sprunghaft und starrköpfig. Ich würde fast sagen, sie wütet sich durch die Handlung, was andere Ereignisse überlagert und manche ihrer Reaktionen extrem und schwer nachvollziehbar wirken lässt. Die angedeuteten Sonderbarkeiten der Geschichte gingen für mich dadurch fast unter. Sie wurden schlicht von Sarahs Dominanz überdeckt, und ich konnte nicht einschätzen, ob sie überreagiert oder ihr Verhalten und ihre Zweifel begründet sind. Trotz ihres intensiven Charakters blieb sie mir persönlich seltsam fremd. Auch die Ich-Perspektive schaffte es nicht, sie mir näherzubringen und ihren Schmerz nachfühlen zu können.

Die übrigen Charaktere empfand ich gleichermaßen als schwer greifbar. Hier lag es jedoch daran, dass sie zumeist im Hintergrund blieben und dadurch so schemenhaft waren, dass man sich keinen Eindruck von der Person machen konnte.

Der Lesefluss war für mich wechselhaft. Während ich mich durch große Teile der ersten zwei Drittel eher durchringen musste, fand ich das letzte Drittel schließlich am packendsten. Hier zog die Geschichte an, wurde klarer und schlüssiger.
Beworben als Spannungsroman versucht das Buch, sich vom klassischen Roman zu lösen und Elemente eines Krimis einzubinden. Für mich gelingt jedoch beides nur bedingt. Für einen Roman fehlte mir die Emotionalität, und für einen Krimi entwickelte es nicht genug Spannung.

Fazit: Trotz des über weite Teile dramatischen Untertons konnte ich diesen nicht nachempfinden, da ich die Hauptperson zumeist als anstrengend empfunden habe.

Veröffentlicht am 26.05.2026

Die Stille vor der Wahrheit

Home Before Dark
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Das Buch überzeugt bereits durch den Prolog mit einem ungewöhnlichen Einstieg. Statt einer klassischen Szene beginnt die Handlung mit einem Traum bzw. dem Gefühl, nach einem Traum aufzuwachen. Dies wirkt ...

Das Buch überzeugt bereits durch den Prolog mit einem ungewöhnlichen Einstieg. Statt einer klassischen Szene beginnt die Handlung mit einem Traum bzw. dem Gefühl, nach einem Traum aufzuwachen. Dies wirkt direkt beklemmend, da man nicht weiß, welche Begebenheit sich dahinter verbirgt und ob es mehr ist als nur ein Traum.

Auch die folgenden Seiten lesen sich sehr spannend und sorgen für eine Reihe an Fragen. Zentrales Thema ist das ungeklärte Verschwinden von Stina, Marsibels Schwester. Nun, viele Jahre später, traut sich Marsibel, dieser Frage aktiv nachzugehen und sich ihren Schuldgefühlen zu stellen.

Die parallelen Erzählstränge, Stina im Jahr 1967 und Marsibel 1977, sind klar voneinander abgegrenzt und durch unterschiedliche Zeitformen zusätzlich markiert. Die Ich-Perspektive bei beiden Strängen sorgt für Nähe und das Gefühl, den Szenen beizuwohnen, während Rückblenden und Erinnerungen die Handlung sinnvoll ergänzen.

Es gibt keine neuen technischen oder polizeilichen Erkenntnisse. Die Story beruht alleine auf den privaten Nachforschungen von Marsibel und ist somit von Erinnerungen und Gesprächen mit Freunden und Bekannten geprägt. Dadurch entsteht ein schmaler Spagat zwischen dem Gefühl, dass nichts Nennenswertes passiert, und gleichzeitig dem Spiel mit Andeutungen und klitzekleinen Ungereimtheiten, welche die Handlung dennoch Schritt für Schritt voranbringen. Aber genau dieses subtile Spiel mit Andeutungen hat mir in diesem Buch besonders gut gefallen. Es ist der Fantasie des Lesers überlassen, damit umzugehen. Denn einerseits ist klar, dass die eingestreuten Informationen aus dem Zusammenhang gerissen sind und einen völlig harmlosen Hintergrund haben können. Gleichzeitig ist man als Leser auf der Hut, um keine Ungereimtheit zu verpassen, denn natürlich könnte sich auch etwas Größeres dahinter verbergen. Es ist also diese Unsicherheit, die die Autorin geschickt einzusetzen weiß und ausnutzt. So ist es auch kein Wunder, dass hier etliche Personen ins Visier geraten und potenziell etwas mit dem Verschwinden von Stina zu tun haben könnten.

Doch bei all den Verdächtigen bleiben über weite Strecken die zentralen Fragen bestehen, ob Stina oder Marsi das Ziel war und ob Stina nicht vielleicht doch freiwillig verschwunden ist.

Fazit: Ein leiser und ruhiger Thriller, der mir sehr gut gefallen hat. Er kommt ohne Brutalität aus, weiß aber mit dem Spiel der Möglichkeiten zu überzeugen. Er vermittelt permanent das Gefühl, völlig im Dunkeln zu tappen, und ist wunderbar geeignet, um mitzurätseln, gespannt zu verfolgen, was ans Licht kommt, und sich von der Auflösung überraschen zu lassen.

Veröffentlicht am 20.05.2026

Eine Entscheidung, die alles verändert

Die Namen
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Der Roman geht der spannenden Frage nach, was ein Name über eine Person aussagt und wie er das Leben beeinflussen kann. Und ganz sicher kennen werdende Eltern diese Frage nur zu gut und wollen ihrem Kind ...

Der Roman geht der spannenden Frage nach, was ein Name über eine Person aussagt und wie er das Leben beeinflussen kann. Und ganz sicher kennen werdende Eltern diese Frage nur zu gut und wollen ihrem Kind mit dem Namen etwas mit auf den Weg geben. Und so steht Cora vor der wegweisenden Frage, welchen Namen sie ihrem Jungen geben soll. Soll sie sich für Bear, Julian oder Gordon entscheiden? Welche Assoziationen verbindet sie mit ihrer Wahl und wie prägt der Name das spätere Leben des Jungen? Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise der ersten 35 Jahre dieses Jungen und zeigt uns drei ganz unterschiedliche Biografien auf.

Zugleich steht die Namenswahl in diesem Buch auch für den Mut der Mutter und ist ein Ausdruck dafür, inwieweit sie sich dem Willen des Vaters beugt bzw. widersetzt. Es wird deutlich, wie sehr ihre Entscheidung nicht nur den Weg des Kindes beeinflusst, sondern auch ihren eigenen, den der gesamten Familie und ihres Umfelds. Und so unterschiedlich wie die Namen sind, so unterschiedlich sind auch die Lebenswege. Für meinen Geschmack vielleicht sogar ein bisschen zu verschieden, da sich ganz unterschiedliche Interessen und persönliche Eigenschaften des Jungen herausbilden.

Der Beginn des Buches ist stark von Szenen häuslicher Gewalt geprägt, deren Lektüre schwer auszuhalten ist. Dennoch halte ich eine Warnung nicht für notwendig, da sich diese Beschreibungen im weiteren Verlauf legen. Der Autorin gelingt es wunderbar, die Gewalt des Vaters spürbar zu machen, ohne aktiv davon erzählen zu müssen. Denn natürlich zieht sie sich wie ein roter Faden durch das Leben der gesamten Familie und prägt alle drei Lebenswege nachhaltig.

Die Lebenswege werden in Zeitsprüngen von 7 Jahren erzählt. Man ist nicht bei allen wichtigen Entwicklungen dabei und erfährt vieles erst im Rückblick. Somit erschließt sich zu Beginn eines Kapitels nicht sofort, welche Weichenstellungen in den vergangenen Jahren prägend waren. Man ist als Leser gefordert, aufmerksam zu bleiben. Denn nach und nach erfährt man, was in den Zwischenräumen passiert ist, und die Puzzleteile fügen sich stimmig zusammen.

Der eindringliche und direkte Schreibstil hat mich sehr angesprochen, dennoch hätte ich mir insgesamt etwas mehr Emotionalität gewünscht. Eine stärkere emotionale Nähe zu den Figuren hätte die Geschichte für mich noch greifbarer gemacht und mich mehr mitfühlen lassen.

Fazit: Spannendes Gedankenexperiment, wie eine einzige Entscheidung die Zukunft prägen und wie unterschiedlich diese ausfallen kann.

Veröffentlicht am 30.04.2026

Das Haus am Rande

Meeresdunkel
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Dies ist eines der Bücher, das mich ratlos zurückgelassen hat. Ich wollte es gerne mögen, aber es hat einfach nicht gereicht. Das gewählte Setting mit einem renovierungsbedürftigen Ferienhaus, der Doppelbuchung, ...

Dies ist eines der Bücher, das mich ratlos zurückgelassen hat. Ich wollte es gerne mögen, aber es hat einfach nicht gereicht. Das gewählte Setting mit einem renovierungsbedürftigen Ferienhaus, der Doppelbuchung, dem aufziehenden Unwetter und das die beiden Familien deswegen an das Haus gefesselt sind und sich miteinander arrangieren müssen, hätte eine beklemmende Atmosphäre erzeugen können. Aber diese ist bei mir nicht aufgekommen.

Schon die Grundidee wirkt nur bedingt überzeugend. Denn wer verbringt freiwillig Urlaub in einem Haus, das offensichtlich renoviert werden muss? Ehrlich gesagt finde ich diese Vorstellung ziemlich abstrus. Verständlich wäre es nur, wenn genau diese Region oder dieses Haus ein Alleinstellungsmerkmal aufweist. Diese Besonderheit konnte aber nicht transportiert werden, sodass die Ausgangssituation reichlich unrealistisch erscheint.

Als dann noch eine gefälschte Vermietermail, Eheprobleme, der zu erwachsen wirkende achtjährige Juri mit seiner Puppe und eine alte umhergeisternde Frau hinzukommen, wirkte es auf mich überfrachtet und konstruiert. So bin ich dann auch der stattfindenden Entwicklung eher mit Befremden und einer gewissen Distanz und Zurückhaltung gefolgt. Und je weiter ich las, desto weniger wusste ich, worauf das Ganze hinauslaufen soll.

Gut gewählt fand ich hingegen die Kapiteleinteilung. Sie waren kurz und die Perspektive wechselte ständig. Erzählt wurde aus Sicht von Juri, Samuel und Henrike. Mit dieser Wahl wurde direkt oder indirekt den verschiedenen Familienmitgliedern eine Stimme verliehen. Den Kindern, den Erwachsenen, beiden Familien und Männern wie Frauen. Allerdings empfand ich die Erzählweise stellenweise als gewöhnungsbedürftig, da sie mit abgehackten und zu kurz wirkenden Sätzen gespickt war. Dies war nicht nur irritierend, sondern störte auch den Lesefluss.

Dass keine der beteiligten Personen sympathisch wirkte, ist vermutlich beabsichtigt, sorgte aber auch für eine Distanz ihnen gegenüber. Auch die Auflösung hinterlässt gemischte Eindrücke. Die Motivation einer treibenden und aktiv beteiligten Person ist für mich fragwürdig und nicht nachvollziehbar.

Am stärksten bleibt für mich der Eindruck zurück, dass sich hier die Geschichte wiederholt und Vertuschung auf allen Seiten und mit unterschiedlichen Beweggründen geschieht. Kaum jemand kommt gut weg, und es tun sich bei den hier beteiligten Personen Abgründe auf, die aus ganz verschiedenen Motiven heraus entstehen.

Fazit: Am Ende bleibt ein Thriller, der interessante Ansätze hat, aber für mich weder atmosphärisch noch erzählerisch richtig überzeugt.

Veröffentlicht am 23.04.2026

Wagnis Neubeginn

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Manche Entscheidungen im Leben plant man sorgfältig. Ein Hauskauf gehört zweifellos dazu. Umso faszinierender ist es, Sophie dabei zu begleiten, wie sie genau das Gegenteil tut. Aus dem Bauch heraus kauft ...

Manche Entscheidungen im Leben plant man sorgfältig. Ein Hauskauf gehört zweifellos dazu. Umso faszinierender ist es, Sophie dabei zu begleiten, wie sie genau das Gegenteil tut. Aus dem Bauch heraus kauft sie ein Haus im Nirgendwo. Kopfüber stürzt sie sich in das Abenteuer Hausbesitzerin und kann selbst kaum begreifen, was sie da eigentlich tut.

Aus der Ich-Perspektive schildert sie mit einer gewissen Selbstironie ihre völlig unvorbereitete und planlose Reise. Als Leser begegnet man dem mit einem ganzen Bündel an Gefühlen. Einerseits möchte man den Kopf über ihre Spontanität schütteln und sie davon abhalten. Andererseits ertappt man sich dabei, über die Absurdität der Situation und Sophies Gedanken zu schmunzeln. Sobald Sophie sich des Ausmaßes und der Konsequenzen ihrer Entscheidung bewusst wird, fühlt man mit ihr. Und wenn die Einsamkeit und die nächtlichen Geräusche an ihren Nerven zerren, möchte man sie am liebsten in den Arm nehmen.

Der Roman lebt von den leisen, unspektakulären Momenten, den heiteren Szenen und den stillen Tönen. Davon die Zufriedenheit in den kleinen Dingen zu finden und die schrittweisen Erfolge zu würdigen und zu genießen. Es gibt kein großes Drama, keine spektakuläre Handlung, sondern wir begleiten Sophie auf ihrer mutigen und bewundernswerten Reise. Nur im letzten Drittel wurde mir die entschleunigende Reise dann doch etwas zu langatmig und ich wollte wissen, wohin dieses Experiment führt und welchen Weg Sophie einschlägt.

Allerdings hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Realitätssinn gewünscht. Die Geschichte funktioniert, weil sie im Sommer spielt. Nur einmal stößt Sophie an die Grenzen ihres Projektes und muss sich ernsthaft mit den Dingen auseinandersetzen, die nicht funktionieren. Sehr gerne hätte ich davon öfter gelesen. Winterkälte ohne Heizung oder finanzielle Verpflichtungen wie Versicherungen, Strom oder Wasser bleiben außen vor. Das Leben „von der Hand in den Mund“ wirkt dadurch manchmal etwas zu unbeschwert und romantisch.

Fazit: Eine bewegende Geschichte davon, das Leben zu genießen. Vom Scheitern, Besinnen und sich Erden, vom Träumen und Ausprobieren und davon, Dinge einfach zu wagen, auch wenn man nicht weiß, wohin sie führen.