Profilbild von hasirasi2

hasirasi2

Lesejury Star
offline

hasirasi2 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit hasirasi2 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.01.2024

Gemeinsam einsam

So was wie Freunde
0

„Es ist schrecklich, wenn man jemanden verliert, den man liebt. Der Schmerz ist immer derselbe, egal, wie es passiert und wer die Schuld daran trägt.“ (S. 321) Vor sieben Jahren ist Toms Mutter gestorben, ...

„Es ist schrecklich, wenn man jemanden verliert, den man liebt. Der Schmerz ist immer derselbe, egal, wie es passiert und wer die Schuld daran trägt.“ (S. 321) Vor sieben Jahren ist Toms Mutter gestorben, seitdem flüchtet sich sein Vater in den Alkohol und überlässt ihn sich selbst, wenn er nicht gerade wieder mit ihm streitet. Um sich die Wochenenden zu verkürzen und seinen Vater so wenig wie möglich zu sehen, geht Tom samstags in die örtliche Bibliothek. Das erinnert ihn an die früheren gemeinsamen Besuche mit seiner Mutter Er leiht sich Liebesromane aus, die ihr gefallen würden. Und obwohl es eigentlich nicht geplant war, liest er sie auch und findet er schnell Gefallen daran, denn er lernt aus ihnen, wie man sich Mädchen nähert.

„Ihr Kleinbauernhof war ihre Insel der Ablenkung in einem Meer von Langeweile.“ (S. 43) Auch Maggie kommt jeden Samstag in die Bibliothek, um am örtlichen Buchclub teilzunehmen. Die 72jährige betreibt seit dem Tod ihres Mannes vor 10 Jahren allein eine kleine Farm, züchtet Schafe und Hühner. Als sie eines Abends nach den Buchclub überfallen wird, kommt ihr Tom zu Hilfe. Die beiden freunden sich an und als es Tom zu Hause nicht mehr aushält, flüchtet er sich zu ihr.
Tom ist in der Schule ein Außenseiter und wird gemobbt, hat kein Selbstbewusstsein und mogelt sich so durch den Alltag. Erst als ihm sein Vater eröffnet, dass er nach dem Sommer in der gleichen Fabrik wie er arbeiten soll, wird Tom klar, dass er mehr will, sein Abitur machen und studieren.
Bei Maggie wird ihm klar, wie verfahren sein Leben bei seinem Vater ist, ohne jemanden, der sich für ihn interessiert, ihm einen geregelten Alltag und gesunde Mahlzeiten bietet. Außerdem findet er das Leben auf der Farm mit den ganzen Tieren und im Einklang mit der Natur spannend. Maggie wird zu der Großmutter, die er nie hatte.

„Bücher boten stets eine geheime Tür, durch die man in andere Welten flüchten konnte, wofür sie in ihrem Leben häufig dankbar gewesen war. Auch für die Bücherei war sie dankbar. Sie hatte oft einen sicheren, ruhigen Ort gebraucht, an denen sie fliehen konnte, und die Bücherei hatte sie nie enttäuscht.“ (S. 22)
Maggie war früher ein Blumenkind und hatte eine sehr bewegte Jugend, jetzt lebt sie schon lange allein. Der Buchclub und die Bibliothek sind fast ihre einzigen Kontakte zu anderen. Als sie sieht, dass Tom Hilfe braucht, handelt sie ohne nachzudenken und gibt ihm ein Zuhause. Und als sie erfahren, dass die Bibliothek geschlossen werden soll, schweißt der Kampf dagegen sie noch mehr zusammen.

Ich muss zugeben, dass ich mir von dem Buch ausgehend vom Klappentext etwas anderes erwartet hatte. Ich war nicht auf Toms trost- und liebloses Leben bei seinem Vater vorbereitet, der sich so überhaupt nicht für seinen Sohn interessiert. Maggie wird da schnell zum Lichtblick und Rettungsanker, eine etwas exzentrische alte Dame, die Quad fährt und Yoga macht. Die Liebe zu Büchern bringt sie zusammen, aber der erwähnte Kampf um den Erhalt der Bibliothek kam mir persönlich viel zu kurz und nur am Rand vor.
Trotzdem ist „So was wie Freunde“ von Bella Osborne eine sehr berührende Geschichte, die zeigt, wie Freundschaft und Mitgefühl ein Leben ändern können und dass es nie zu spät ist, sein Leben zu ändern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.01.2024

Hochpotenzierte Liebe

Die Elemente des Lebens
0

„Sie hatte nicht erwartet, dass er sie auch als Mann faszinieren würde. Er strahlte Ruhe und Weisheit aus; Eigenschaften, die sie bei anderen Männern viel zu oft vermisst hatte.“ (S. 49)
Paris 1834: Die ...

„Sie hatte nicht erwartet, dass er sie auch als Mann faszinieren würde. Er strahlte Ruhe und Weisheit aus; Eigenschaften, die sie bei anderen Männern viel zu oft vermisst hatte.“ (S. 49)
Paris 1834: Die Marquise Mélanie d’Hervilly ist 34 und unverheiratet, eine vielseitig interessierte, geachtete Dichterin und Malerin. Ihrem Vater hat sie eine umfassende Ausbildung zu verdanken, zu der auch Reiten und Jagen gehören. Und auch sonst ist sie keine typische Frau, trägt beim Reiten und auf Reisen Männerkleidung und ist nicht auf der Suche nach einem Ehemann. Weil sie schon länger unter undefinier-baren Krämpfen leidet und bei den Ärzten als austherapiert gilt, reist sie nach Köthen zu dem berühmten Homöopathen Dr. Samuel Hahnemann. Der heilt ganzheitlich und bezieht auch die psychischen Probleme seiner Patienten ein, weswegen er sie ganz genau nach ihrem Leben befragt. Schon beim ersten Gespräch fühlen sie sich zueinander hingezogen und nach 3 Tagen macht er ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt – obwohl der Witwer bereits 79 ist und seine Kinder älter sind als sie.

Susanne Lieder beleuchtet in ihrem neuesten Buch „Die Elemente des Lebens“ das Leben und Wirken von Hahnemanns zweiter Ehefrau Mélanie, das ganz eng an das ihres Mannes gebunden war. Hahnemann wollte sich eigentlich zur Ruhe setzen, als sie in sein Leben trat, aber ihre Wissbegierde und Intelligenz haben ihn animiert, weiter zu forschen und sie zu seiner Nachfolgerin auszubilden.

„Man kann die Selbstheilungskräfte des Körpers in Gang setzen, es braucht nur die richtige Substanz und die richtige Dynamisierung. Ich nenne es auch Potenzierung. … je stärker die Verdünnung, desto intensiver die Heilungsreaktion des Körpers.“ (S. 64) Ich habe schon einige Bücher gelesen, in denen es um Hahnemann und die von ihm entwickelte Homöopathie geht und fand es interessant, etwas über seinen letzten Lebensabschnitt aus Sicht seiner jungen Frau zu erfahren. Denn hier steht vor allem ihr gemeinsames Leben im Vordergrund, ihre Arbeit bildet nur den Rahmen.

„Ich fühle mich dir ebenbürtig, Samuel. Wir sind uns so ähnlich. … wir sind verwandte Seelen.“ (S. 76) Obwohl Mélanie so viel jünger ist als Samuel, scheinen sie eine extrem liebevolle, zärtlichen und einander zugewandte Beziehung gehabt zu haben. Sie ergänzen sich perfekt – er führt sie in die Homöopathie ein, sie zeigt ihm, was Paris in Sachen Kunst und Kultur zu bieten hat. Ihr war von Anfang an klar, was der Altersunterschied bedeutet, sie geht sehr rücksichtsvoll mit ihm um. Sie werden bewundert und angefeindet, erst wegen des Altersunterschiedes, später wegen ihres Erfolges, aber das schweißt sie nur noch mehr zusammen. Mélanie ist eine mutige, furchtlose Frau, die für ihre Liebe und ihren Erfolg zu kämpfen bereit ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2024

Zwei Krimis in einem

Das Mörderarchiv
0

„Ich weiß schon lange, dass mein Leben durch einen Mord enden wird, und deshalb hinterlasse ich meinen Besitz – und zwar in Gesamtheit – der Person, die erfolgreich eben diesen Mord an mir aufklärt.“ (S. ...

„Ich weiß schon lange, dass mein Leben durch einen Mord enden wird, und deshalb hinterlasse ich meinen Besitz – und zwar in Gesamtheit – der Person, die erfolgreich eben diesen Mord an mir aufklärt.“ (S. 143) Annie hat ihre Großtante Frances nie kennengelernt und ist verwundert, als die sie einlädt, um ihr ihr Testament zu erklären. Aber als Annie auf Gravesdown Hall ankommt, ist Frances tot und Annie nicht automatisch die Erbin. Auch Frances Stiefneffe und die Polizei haben eine Chance. Wer ihren Tod innerhalb einer Woche aufklärt, bekommt alles. Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit und Konkurrenz beginnt, denn der Mörder scheint es nicht bei dem einen Todesfall belassen zu wollen. Zum Glück steht allen Suchenden ein umfassendes Archiv zu Verfügung, denn: „Frances hat 60 Jahre damit zugebracht, alles für diesen Moment vorzubereiten.“ (S. 136)

„Das Mörderarchiv“ ist ein klassischer Whodunit-Kirmi mit einem ungewöhnlichen Start. Weil Frances mit 17 auf einem Jahrmarkt vorhergesagt wurde, dass (und in kryptischen Hinweisen auch von wem) sie ermordet werden wird, sammelt sie ihr ganzes Leben lang Hinweise und Motive, die ihren Mörder überführen könnten.
Annie, die sich gerade als Krimiautorin etablieren will, stützt sich bei ihren Nachforschungen vor allem auf Frances Tagebuch von vor über 60 Jahren, das mit dem Verschwinden von deren Freundinnen Emily beginnt. Obwohl Emily nie gefunden wurde, war Frances bis zuletzt überzeugt, dass sie ermordet wurde, und hatte die Suche nach ihr und dem Täter nie aufgegeben.

Die Autorin Kirsten Perrin hat ein sehr interessantes Personenensemble geschaffen, in dem jeder an mindestens einer Stelle als Mörder in Frage kommt. Da ist zum einen der Stiefneffe, der schon als Kind merkwürdig war und anderen gerne hinterherspioniert hat – und überzeugt war, dass er der Erbe ist. Aber auch der Testamentsvollstrecker / Anwalt scheint eigene Interessen zu vertreten, um nur einige Beteiligte zu nennen. Und immer wieder tauchen Hinweise auf die Vergangenheit und Emilys Verschwinden auf – gibt es am Ende sogar zwei Fälle zu lösen?

Obwohl Annie Frances nicht kannte, fühlt sie sich ihr durch die Suche sehr nah. Sie interessiert sich nicht nur für den Mord, sondern auch für das Leben ihrer Großtante, die als verrückt und nervig galt und relativ isoliert auf dem alten Herrensitz gelebt, ihre Nachbarn aber trotzdem nachhaltig geprägt hat. „Jeder meidet Frances. Sie ist verrückt. Und zwar so sehr, dass sie es in der Gegend zu einiger Berühmtheit gebracht hat – die sonderbare alte Dame mit einem gewaltigen Landsitz und säckeweise Geld, die jeden gnadenlos durchleuchtet für den Fall, dass er oder sie eventuell ihr Mörder ist.“ (S. 23)

Mir hat das Lesen und Miträtseln viel Spaß gemacht, weil es durch die verschiedenen Zeitebenen und gefühlt immer mehr werdenden Verdächtigen bis zum Ende sehr spannend blieb.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2024

Lebensentscheidungen

Glückstöchter - Einfach lieben
0

1911: Nach dem Tod ihres Vaters und einem längeren Aufenthalt auf dem Monte Veritá zieht sich Baroness Anna von Quast auf die Tonkaalm zurück, die 12 Jahre unbewohnt war. Eigentlich hatte sie gehofft, ...

1911: Nach dem Tod ihres Vaters und einem längeren Aufenthalt auf dem Monte Veritá zieht sich Baroness Anna von Quast auf die Tonkaalm zurück, die 12 Jahre unbewohnt war. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihr Tessiner Lebensgefährte Benni sie begleitet, aber der wollte seine Heimat und Familie letztendlich dann doch nicht verlassen. Anna macht die Alm mithilfe ihrer Nachbarn wieder bewohnbar und trotzt dem Berg einen Nutzgarten ab, von dem sie fast komplett autark leben kann. Außerdem richtet sie sich eine kleine Töpferei ein, um einen Nebenverdienst zu haben. Bald stellt sie fest, dass sie sich selbst genug ist, dass es schön ist, auf niemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen und sich das Leben frei einteilen zu können.

1977: Evas WG verdient inzwischen gut an den Bio-Müslis, die sie selbst herstellen und auf dem Wochenmarkt verkaufen. Als sie einen leerstehenden Laden entdeckt, wird die Idee eines eigenen Geschäfts geboren, in dem sie auch Naturkosmetik und regionale Bio-Lebensmittel verkaufen wollen.
Eva hatte erst vor kurzem erfahren, dass sie adoptiert wurde. Dadurch fühlet sie sich entwurzelt, wollte sich auch in Beziehungen nicht festlegen. Aber nachdem ihre beste Freundin nach Indien gegangen war, ist sie mit ihrem Mitbewohner Milo zusammen. Jetzt hat ihre Zieh-Oma einen neuen Hinweis auf Evas Vergangenheit gefunden – bringt der sie bei der Suche nach ihrer leiblichen Mutter weiter?

„Glückstöchter – Einfach lieben“ ist leider schon der Abschluss der Reihe. Stephanie Schuster erzählt parallel die Vorgeschichte zu Annas Leben auf der Alm und wie es bei Eva weitergeht.

Anna hat schwer am Verlust ihres Vaters und der Ungerechtigkeit seiner zweiten Frau zu tragen. Zum Glück hat ihr Vater, ein bekannter Naturforscher, sie gut ausgebildet und stets alle ihre Interessen gefördert.
Die Häuschen auf der Alm ist in einem extrem schlechten Zustand und der von ihrer Mutter angelegte Garten völlig verwildert. Anna muss über ihre körperlichen und mentalen Kräfte hinausgehen, um dort oben zurechtzukommen, doch das schwere, einfache, auf sich gestellte Leben macht sie auch sehr glücklich.

Eva hat „die Nase“, kann unzählige Gerüche unterscheiden, studiert Pharmazie und arbeitet nebenher in einer Apotheke, interessiert sich für Naturkosmetik und gesunde Ernährung. Bei Milo scheint sie jetzt endlich angekommen zu sein, auch wenn sie ihre Freundin in Indien schrecklich vermisst und die Suche nach ihrer richtigen Mutter weiter vorantreibt.

Schon der erste Band hatte mir gut gefallen, aber mit der Fortsetzung konnte mich Stephanie Schuster noch mehr fesseln – ich habe die 640 Seiten komplett am Stück gelesen. Ihre Protagonistinnen sind bewundernswert starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frauen, die ihren Weg und ihre Stimme gefunden haben.
Sie beschreibt Annas harte Leben, die vielfältige Natur und die Umstände, unter denen sie allein hoch oben in den Bergen lebt, sehr mitreißend.
Auch Evas Lebensumstände und die Suche nach ihrer Herkunft sind sehr spannend, denn sie muss einige Entscheidungen treffen, die sie zum Teil selber überraschen.

Mein Fazit: Ein toller zweiter Band, schade, dass es keinen weiteren über Evas Mutter geben wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.01.2024

Immer wieder dienstags …

Mauerträume
0

„Glück sollte im Leben niemals das Ziel sein, sondern stets der Zustand.“ (S. 28) Eigentlich wollte Anni Kunstgeschichte studieren, aber ihr wurden ein Platz an der EOS und damit das Studium verwehrt. ...

„Glück sollte im Leben niemals das Ziel sein, sondern stets der Zustand.“ (S. 28) Eigentlich wollte Anni Kunstgeschichte studieren, aber ihr wurden ein Platz an der EOS und damit das Studium verwehrt. Stattdessen ist sie Kellnerin in einem Ausflugslokal am Müggelsee geworden, hat aber immer ihr Notizbuch dabei, um sich Skizzen zu allem zu machen, was sie bemerkenswert findet. Ausgerechnet dieses verliert sie am Tränenpalast (dem Bahnhof Friedrichstraße in Ost-Berlin), als sie wie jeden Dienstagnachmittag ihre Tante Gundula dort abholt. Zum Glück bringt ihr ein ehrlicher Finder das Büchlein zurück, allerdings ist Emil aus dem Westen und fordert als Gegenleistung ein Date mit ihr. Bisher hat sich Anni noch nie für Männer interessiert, schon gar nicht für „Klassenfeinde“, obwohl einige ihrer Freundinnen und Kolleginnen es gerade auf Westler abgesehen haben, um in den Genuss von Luxusgütern zu kommen und den Reiz des Verbotenen zu genießen. Doch Emil hat etwas an sich, das ihr Herz berührt. Langsam kommen sie sich näher, immer in dem Wissen, das eine Beziehung eigentlich unmöglich ist. Als dann auch noch Gundula schwer erkrankt, wird Annis Wunsch, die Seiten zu wechseln, immer größer. Aber kann sie ihre Familie verlassen und sie damit den Repressalien des DDR-Staates überlassen? Kann sie ihr Glück über das der anderen stellen?

„Du bist meine klügste Schülerin. Und du hast deine eigene Meinung. Bewahre sie dir.“ (S. 56) Annis jüngere Schwester Paula ist Klassenbeste, doch auch sie bekommt keinen Platz an der EOS, weil sie ihre Kritik an der DDR zu deutlich zeigt. Ihr neuer Deutschlehrer teilt ihre Ansichten und fördert ihren Widerspruchsgeist, gibt ihr Bücher zum Lesen, die zwar nicht verboten, aber unerwünscht sind. Damit ist er dem Direktor der Schule ein Dorn im Auge. Der macht Paula ein Angebot – wenn sie ihren Lehrer bespitzelt und verpfeift, kommt sie doch noch an die EOS.

Kathi Stephans „Mauerträume“ haben mich sofort in meine eigene Kindheit und Jugend zurückkatapultiert, da ich auch in der DDR aufgewachsen bin – nur leider ohne Westverwandtschaft. Sie beschreibt das Leben und Zeitgefühl damals sehr lebendig und so anschaulich, sodass man sich da auch sehr gut einfühlen kann, wenn man es nicht selber erlebt hat.
Ich kann mich gut an die beschriebenen Tauschgeschäfte über mehrere Ecken erinnern, wenn z.B. ein Trabbiersatzteil oder neue Fliesen benötigt wurden. Aber auch an die Pioniernachmittage und geforderte Staatstreue, die Verdächtigungen, wer bei der Stasi ist, und die Blicke, wenn man jemandem in einer Gruppe nicht vertraute. Allerdings habe ich das damals noch nicht so kritisch gesehen wie heute, schließlich war ich noch ein Kind und bin damit aufgewachsen, es war einfach so.

Annis Familie steht beispielhaft für viele, die nicht so ganz der Norm entsprachen.
Ihr Vater hält eisern an seiner kleinen, privaten Schusterei fest und wehrt sich seit Jahren gegen die Verstaatlichung, auch wenn er kaum noch davon leben kann.
Ihre Mutter hält die Familie mit Tauschgeschäften über Wasser, die Waren dafür bringt Tante Gundula von drüben mit.
Anni hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden und die Träume vom Kunststudium aufgegeben, sie ist weder glücklich noch unglücklich. Erst Gundulas Frage, was sie vom Leben eigentlich erwartet, und Emil bringen ihren eingefahrenen Alltag ins Wanken und lassen sie vom privaten kleinen Glück in Freiheit träumen.
Und Paula will vor allem integer sein, aber sie will eben auch studieren. Was ist sie bereit, dafür zu tun?
Gundula war für mich die überraschendste Protagonistin. Sie ist vor 14 Jahren in den Westen gegangen, weil sie es in der DDR nicht mehr ausgehalten hat. Und obwohl ihr Bruder ihr das nie verziehen hat, kommt sie jede Woche zu Besuch. Als sie von Annis Dilemma wegen Emil erfährt, erzählt sie ihr, wie es für sie damals war, ihr altes Leben und die Familie hinter sich zu lassen und im Westen neu anzufangen.
Auch Emil weiß, was der Weggang, die Flucht, für Anni bedeuten würde, in welche Gefahr sie sich und die Familie damit bringt.

Sehr eindringlich erzählt Kati Stephan eine berührende deutsche Familien- und Liebesgeschichte über Mauern hinweg, von Entscheidungen der Einzelnen, die doch alle betreffen. „Manche Dinge tut man nicht, weil sie klug sind oder irgendeinen Sinn ergeben … Sondern einfach, weil sie sich richtig anfühlen. Weil sie dich glücklich machen. Wenigstens für den Moment.“ (S. 192)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere