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Veröffentlicht am 30.01.2018

Die Flucht oder der Wettlauf mit der Verzweiflung

Der Reisende
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„Und so wird es vielleicht immer weitergehen. Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert. Ich bin nicht mehr ...

„Und so wird es vielleicht immer weitergehen. Ich bin jetzt Reisender, ein immer weiter Reisender. Ich bin überhaupt schon ausgewandert. Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert. Ich bin nicht mehr in Deutschland. Ich bin in Zügen, die in Deutschland fahren. Das ist ein großer Unterschied.“


Inhalt


Der wohlhabende Kaufmann Otto Silbermann verliert förmlich über Nacht sein gesamtes bisheriges Leben. Am 9. November 1938 in der Reichspogromnacht rücken Nazis bis in seine Wohnung vor und er flieht in letzter Minute durch den Hintereingang des Hauses. Auch sein bisheriger Firmenteilhaber Gustav Becker, der zwar offiziell kein Judenhasser ist, aber dennoch arischer Abstammung, bricht mit ihm. Zu gefährlich ist eine geschäftliche Verbindung mit dem Staatsfeind Nr.1. Silbermann erhält von seinem ehemaligen Freund noch 40.000 Reichsmark bar auf die Hand und soll sich damit gefälligst aus dem Staub machen, bevor er in Deutschland festsitzt und wie so viele andere in ein Konzentrationslager verfrachtet wird. Fortan ist Otto ein Getriebener, er lebt in den Zügen der Deutschen Reichsbahn und verhält sich möglichst unauffällig. Sein oberstes Ziel ist die Flucht aus Deutschland, doch nachdem er an der belgischen Grenze aufgegriffen wird, verwirft er diese Option. Er schwört sich nur eines, solange er noch Geld hat, kämpft er um sein Leben. Doch eines Tages wird sein Aktenkoffer mit den restlichen 30.000 Mark gestohlen und Otto sieht ein, dass er im Rechtsstaat seines Landes, radikal ausradiert wurde …


Meinung


Dieses Werk des mit bereits 27 Jahren verstorbenen Autors Ulrich Alexander Boschwitz, erschien bereits 1939 in England und wurde nun erstmals durch den Herausgeber Peter Graf auch in einer deutschen Fassung aufgelegt. In Erinnerung an eine Zeit voller Schrecken, in der es Menschen zweiter und dritter Klasse gab, ebenso wie Abteile in deutschen Zügen. Ein umfangreiches Nachwort des Herausgebers zeigt, dass Boschwitz selbst mit dem Regime ausreichend Erfahrung sammeln konnte und der vorliegende Text viele autobiografische Parallelen aufweist. Ein Grund mehr diesen Roman als wichtiges Zeitdokument zu deklarieren, eben weil die Empfindungen und Ereignisse nicht erfunden sind, sondern auf Fakten basieren. Auch dieser historische Hintergrund macht den Mehrwert des Buches aus, denn als Leser bekommt man hier nicht nur eine beängstigende Geschichte präsentiert, sondern ein aussagekräftiges Zeugnis einer menschenverachtenden Zeit.


Die Geschichte selbst wird als eine wahre Odyssee quer durch ein Land beschrieben, denn der Hauptprotagonist, ein anständiger, gewissenhafter Mensch mit ehrenhafter Überzeugung, kann es zunächst einfach nicht glauben, dass gerade er in einem Land, mit dem er sich eigentlich sehr verbunden fühlt, plötzlich zu den Ausgestoßenen zählen soll. Als Kaufmann ist ihm aber auch bewusst, dass ihn sein Vermögen möglicherweise retten wird, er erhofft sich zumindest eine kleine Chance. Doch die Realität trifft ihn mit voller Breitseite. Vermögend zu sein entwickelt sich zunehmend als Handicap, denn wohin soll er mit dem Bargeld?


Der Autor vermag es gekonnt die Sorgen von Otto Silbermann für den Leser lebensecht nachzuerzählen, man spürt die Sehnsucht nach Ruhe, den Wunsch nach einem friedlichen Leben aber auch den Überlebenswillen des Protagonisten. Mit jeder neuen Hürde wächst die Verzweiflung und bald ist auch der Leser ein Getriebener, denn man muss unbedingt wissen, welchen Ausgang diese dramatische Geschichte nehmen wird. Besonders hervorheben möchte ich die Nähe des Textes zum Leser an sich, denn man kann sich vortrefflich in die missliche Lage des Erzählenden hineinversetzen, es sind sehr einfache, äußerst plausible Sachverhalte, die den Handlungsverlauf vorantreiben. Und es sind auch interessante Menschen, die Herrn Silbermann in den Zügen begleiten und seinen Weg auf ganz unterschiedliche Art und Weise beeinflussen.


Dieser Roman ist ein Zeitzeugnis, ein Andenken und eine diskussionswürdige Geschichte zugleich, denn er berührt sowohl Menschliches als auch Historisches, er erzeugt zunächst eine zuversichtliche Grundhaltung, die sich jedoch nach und nach der Tristesse ihrer Zeit anpasst, aus Verständnis wird Unverständnis und letztlich Unvermögen, sich als Individuum ohne Fehl und Tadel dem verhärmten Zeitgeist zu entziehen. Und genau deshalb wirkt der Roman so nachhaltig, denn anhand einer kleinen Einzelgeschichte zeigt sich, wie es dem Mensch an sich im Nationalsozialismus mit all seinen Verblendungen ergangen ist und ebenso wird deutlich, dass der Jude Silbermann nur einer von unzähligen anderen war, ein Mensch unter Wölfen in einem Land jenseits einer moralischen Verantwortung.


Fazit


Ich vergebe sehr gute 5 Lesesterne, denn „Der Reisende“ konnte mich auf ganzer Linie überzeugen. Es ist ein gelungener Mix aus Historie, persönlichem Schicksal und aussagekräftiger Gesamterzählung. Ein leicht lesbarer Schreibstil und ein zeitlich klar strukturierter Handlungsverlauf erfreuen den Leser ebenso. Es ist kein großer, literarischer Wurf, den man erst nach mehrmaligen Lesen zu schätzen weiß, nein es ist die Geschichte des kleinen Mannes, der zur falschen Zeit am falschen Ort gefangen war und dessen innere Überzeugung sich nicht mit den Prämissen der äußeren Geschehnisse decken konnte. Ich habe es ausgesprochen gern gelesen.

Veröffentlicht am 29.01.2018

Was vom Volk noch übrig bleibt ...

Unter der Drachenwand
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„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat-und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“


Inhalt


Für ...

„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat-und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“


Inhalt


Für Veit Kolbe, der mutig im Krieg gekämpft hat, haben sich alle Illusionen verflüchtigt. Für ihn bedeutet seine Kriegsverletzung vor allem eines: dem Schrecken entkommen, wenigstens für ein paar Monate nicht mehr an der Front zu kämpfen, sondern sich im Hinterland erholen. In der kleinen Gemeinde Mondsee gelegen im Salzburger Land, direkt unter der majestätischen Gebirgskette der Drachenwand findet er eine bescheidene Unterkunft und versucht sich nun angestrengt mental über Wasser zu halten. Seine Kriegserlebnisse holen ihn immer wieder ein, er leidet unter einer posttraumatischen Störung und ist bald schon auf Medikamente angewiesen, die seine Angstzustände mindern. Und auch, wenn die feindlichen Bomber anderswo sind, merkt er, wie die restliche zivile Bevölkerung auch: Der Krieg hat alles vernichtet, ganze Städte, tausende Menschenleben und selbst die Aussicht auf einen Neubeginn – am Boden zerstört sind die Überlebenden und gewonnen hat nur die lange Hand der Zerstörung. Für Veit wird jeder Tag in Mondsee wertvoll, denn er findet dort eine echte Liebe, ein Quäntchen Glück im Zerfall eines ganzen Landes, doch das Damoklesschwert schwebt bedrohlich über ihm. Wie lange noch, kann er sich mit gefälschten Unterlagen vor der Vaterlandspflicht freikaufen? Wann holt ihn sein ärgster Feind wieder ein?


Meinung


Arno Geiger, der österreichische Autor, der bereits mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, fängt in dieser Erzählung ganz vortrefflich die Aussichtslosigkeit und das Unverständnis der Menschen ein, die in den Krieg geraten sind, ohne ihn jemals wirklich forciert zu haben. Das ganze Ausmaß ihrer Verzweiflung wird nun, im Winter 1944/ 1945 besonders deutlich, denn ein Sieg ist nicht mehr zu erwarten und der Schrecken des Krieges, seine allumfassende Vernichtungswirkung trifft jeden zivilen Bürger, trifft Alte, Junge, Frauen und Kinder, Städte und Menschen – die Welt liegt in Schutt und Asche und doch scheint es Hoffnung zu geben. Irgendwo zwischen Entmutigung, Verzweiflung, Sorgen und Überlebenskampf, glimmt die kleine Flamme des möglichen Neuanfangs.


Das Buch besticht durch mehrere Erzählungen und auch diverse Erzählstimmen, die leider nicht immer klar voneinander abgegrenzt sind. Dadurch entsteht ein sehr umfassendes, allumgreifendes Portrait dieser Zeit, welches nicht durch ein einziges, trauriges Schicksal wirkt, sondern eher durch das Ineinandergreifen mehrerer schwerer Ereignisse. Der Leser begegnet Menschen, die fliehen, um ihrer persönlichen Verfolgung zu entgehen, anderen die trotzig versuchen ihren Charakter zu bewahren, auch wenn Rückgrat in der Meinungsbildung gesellschaftlich nicht anerkannt wird. Es gibt die Ausgebombten, deren größter Wunsch ein Bett, etwas zu Essen und Wärme ist und es gibt die Resoluten, die selbst in der ausweglosesten Situation einen kühlen Kopf bewahren und besonnen ihren Weg durch Trümmer und Tränen beschreiten. Diese Vielfalt an Eindrücken macht im Wesentlichen auch den Reiz des Buches aus, weil dadurch das Gefühl einer intensiven, lebensnahen Geschichte entsteht, die das Ausmaß der kriegerischen Handlungen kurz vor Ende des 2. Weltkrieges authentisch und bedrückend zugleich einfängt.


Manchmal jedoch tritt die Handlung etwas auf der Stelle, wirkt die Erzählung sehr träge und ausgelaugt auf mich, so wie eben auch die Menschen, die sie schildern. Der Mangel an glücklichen Momenten, die vielen kleinen aber auch größeren Rückschläge der Protagonisten stimmen mich selbst sehr traurig und führen die Entbehrung jeglicher Notwendigkeit dieser kriegerischen Handlung erst Recht vor Augen. Mir fehlte auch etwas der Blick nach vorn, zunächst der nach vorn an die Front, dann aber auch der zwischenmenschliche Faktor. Denn die Interaktion zwischen den Personen verläuft ein bisschen wie zwischen Seifenblasen – man hält Distanz zueinander, lässt sich treiben und gerät in Gefahr zu zerplatzen, wenn man einander zu nahekommt. Letztlich wirkt das Leben des Einzelnen ebenso kostbar wie zerstörerisch und manchmal sind es nur Momente oder minimale Abweichungen, die den Verlauf der Zukunft willkürlich ändern können.


Fazit


Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen ernsten, ruhigen Roman über die Schrecken und Wirkungen des Krieges im Hinterland. Er setzt sich mit zahlreichen Emotionen auseinander und veranschaulicht, warum die Menschen verzweifeln, was sie noch antreibt, wenn es scheinbar keinen Motivator mehr gibt und welche Gefühle dennoch auf der Strecke bleiben, gerade weil der Krieg nicht nur Häuser zerstört, sondern auch die Seelen der Menschen. Facettenreich und ansprechend erzählt der Autor eine Geschichte des Schreckens, in deren Materie man hier als Leser eintauchen kann, man muss aber auch bemüht sein, wieder aus dem Sumpf herauszufinden.

Veröffentlicht am 23.01.2018

Der erbitterte Kampf im eigenen Käfig

Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens
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„Er sei froh, sagte er schließlich, dass er nur noch im eigenen Käfig kämpfe. Man wisse, wo er beginne und wo er ende. Das sei viel. Solange er außerhalb des eigenen Käfigs gekämpft habe, sei er im Draußen ...

„Er sei froh, sagte er schließlich, dass er nur noch im eigenen Käfig kämpfe. Man wisse, wo er beginne und wo er ende. Das sei viel. Solange er außerhalb des eigenen Käfigs gekämpft habe, sei er im Draußen immer mehr verloren gegangen, wo zugegeben vieles sein möge, die Fantasie, die Moral, das Abenteuer, der Ruhm nur eines eben nicht: er selbst, sein Kern.“


Inhalt


Der kurz vor der Pensionierung stehende Kriminalkommissar Ioan Cozma bekommt einen heiklen Fall zugeteilt. Ein junges Mädchen wurde brutal ermordet, angeblich von ihrem Liebhaber Adrian Lascu– doch schon bald wird klar, dass es zwischen dem Flüchtigen und dem Mordopfer gar keine sexuelle Beziehung gab, stattdessen finden sich an dem Opfer Spuren eines anderen Mannes. Und dieser wurde wahrscheinlich von Lascu beobachtet. Die Spur führt in die Heimat der Ermordeten, hinein ins beschauliche Prenzlin und Cozma erkennt, dass hinter dem Mord noch weit mehr steckt als ein persönliches Rachemotiv. Seine Ermittlungsarbeit deckt einen unmittelbaren Bezug zu einer ominösen rumänischen Firma auf, die immer wieder kleine Parzellen Agrarland von privaten Besitzern aufkauft, um diese gewinnbringend zu vermarkten. Das organisierte Verbrechen streckt diesmal seine Hand aus und wirft die Frage nach dem übergeordneten Plan und den Drahtziehern im Hintergrund auf. Cozma und sein gleichaltriger Kollege Cippo wühlen tief in den korrupten Machenschaften der Verantwortlichen und geraten bald selbst in die Schusslinie der Unberechenbarkeit …


Meinung


Der deutsche Erfolgsautor Oliver Bottini, der bereits mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde, konzentriert sich mit dem vorliegenden Roman auf ein dunkles Kapitel der jüngeren Vergangenheit, welches gesellschaftskritisch und sachlich inspiriert über Verbindungen zwischen europäischen Staaten berichtet und weit mehr Input bietet, als ein herkömmlicher Kriminalroman. Besonders intensiv und ungewöhnlich fand ich die Kombination aus persönlichen Schicksalen, Ermittlern mit Profil, Nebencharakteren mit dramatischen Lebensgeschichten und ganz generell dem Vorhandensein einer großen, erzählenswerten Geschichte.


Dieser stille, doch keineswegs spannungsarme Krimi, setzt den Fokus auf eine Hintergrundhandlung, die erst aus dem Zusammenspiel der Charaktere und deren Verfehlungen, sowie auf einer großen Gemeinsamkeit beruht. Einerseits sind da die Guten, die für Gerechtigkeit sorgen, die objektiv und unparteiisch handeln und mit Integrität aufwarten und zum anderen die Bösen, die sich mittels Macht und Gier auf jede Unwegbarkeit einlassen und voller Skrupellosigkeit vor Mord und Gewalt nicht zurückschrecken. Der Knackpunkt jedoch ist der, dass es der Autor vermag, glaubwürdige Charaktere zu schaffen, die Ecken und Kanten haben, die sich nicht immer geradlinig durchs Leben bewegen und denen man als Leser eine große Authentizität zuschreibt.


Besonders hervorheben möchte ich auch die Vielschichtigkeit, mit der Bottini aufwartet. Zwar spürt man durchaus die Ermittlungstätigkeit der Beamten und auch die Angst der Opfer, selbst die unglückliche Involvierung diverser Randfiguren, doch letztlich ist es das Geflecht aller Begebenheiten, die diesen Kriminalroman so gut und andersartig gestalten. Als Leser hat man das Gefühl, immer tiefer in eine Geschichte einzutauchen, die sich erst nach und nach in ihrer vollen Dimension entfaltet. Und so ist es nicht nur die einprägsame Sprache, die Nachhall bringt, sondern in erster Linie ein geradliniger, umfassender Plot, der sich nicht vordergründig auf Action und Gewalt stützt, dafür aber immer mehr vermittelt, als man es aus manch anderer kriminalistischer Erzählung gewöhnt ist.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne und eine unbedingte Leseempfehlung für diesen Kriminalroman, der mit leichter Hand eine bedrückende Geschichte der Menschen erzählt, der Gefühle wie Machtlosigkeit, Hoffnungsschimmer und Einsamkeit thematisiert und selbst Werte wie Freundschaft, Loyalität und Aufrichtigkeit aufgreift. Für mich eine belletristische Glanzleistung, die sich sehr positiv von anderen Romanen abhebt und einen unverwechselbaren Erzählton anschlägt. Für alle Leser, die Bücher mit Substanz mögen und sich gerne mit diversen Charakteren auseinandersetzen – eine gelungene Mischung, die mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Veröffentlicht am 18.01.2018

Variationen eines fragilen modernen Lebens

Nussschale
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„Meine getreue Schnur, die Lebensader, die mich nicht erwürgte, stirbt plötzlich den ihr bestimmten Tod. Ich atme. Köstlich. Mein Rat an Neugeborene: Schreit nicht, schaut euch um, schmeckt die Luft.“


Inhalt


Trudy ...

„Meine getreue Schnur, die Lebensader, die mich nicht erwürgte, stirbt plötzlich den ihr bestimmten Tod. Ich atme. Köstlich. Mein Rat an Neugeborene: Schreit nicht, schaut euch um, schmeckt die Luft.“


Inhalt


Trudy und Claude führen eine halboffizielle Liebesbeziehung, mit familiärem Hintergrund. Denn während Trudy hochschwanger mit ihrem Schwager verkehrt und ihr neues Liebesglück feiert. Wächst der ungeborene Sohn in ihrem Bauch als ein Überbleibsel der vergangenen Beziehung. Aber der gehörnte Ex namens John gibt nicht so schnell auf, schließlich ist er Dichter und konnte Trudy bereits vor einiger Zeit mit Poesie begeistern. Doch diesmal hat er die Rechnung ohne seine Frau und seinen Bruder gemacht, ganz zu schweigen von dem kleinen Menschlein mit seinem Erbgut, eines ist mehr als klar – John Cairncross muss endgültig von der Bildfläche verschwinden, diesmal jedoch für immer …


Meinung


Ich mag den besonderen Schreibstil des britischen Autors Ian McEwan sehr gern, in seinen Romanen gelingt es ihm menschliche Gefühle regelrecht zu sezieren und die Bedeutsamkeit der Emotionen an die Oberfläche zu holen. Auch hier in der abgeschirmten Welt eines noch ungeborenen Kindes tobt ein wahrer Sturm an diversen Befindlichkeiten, doch leider konnte mich seine „Nussschale“ nicht so gefangen nehmen, wie ich es mir erhofft habe. Schon seit seinem Erscheinen 2016 schlummerte der Roman in meinem Bücherregal und ich freue mich, ihn nun gleich zu Beginn des Lesejahres ans Licht geholt zu haben, selbst wenn es meinerseits so einige Kritikpunkte gibt.


Erzählt wird die Geschichte aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive, nämlich aus Sicht eines ungeborenen Kindes, welches auf Gedeih und Verderb den Befindlichkeiten und der hormonellen Achterbahnfahrt seiner hochschwangeren Mutter ausgesetzt ist. Gerade dieser Blick auf einen Hauptprotagonisten ohne Namen, macht den eigentlichen Reiz dieser Erzählung aus. Denn irgendwie finde ich diese Idee sehr alternativ und überaus spannend. Rückblickend war sie tatsächlich das ausschlaggebende Erzählelement, welches mich dazu bewogen hat, das Buch zu beenden.


Die Handlung selbst ist wahrlich nichts Neues und birgt keine Überraschungen. Der Leser trifft eine Frau, die sich einen Liebhaber genommen hat, der sie sexuell beglückt. Das dieser nun gerade der Bruder ihres Noch-Ehemannes ist, scheint eher ein Zufall zu sein als Beabsichtigung. Auch der betrogene Ehemann wirkt nicht gerade ambitioniert, mal abgesehen von seiner dichterischen Ader, die er in selbstgeschriebenen Reimen zum Besten gibt. Und der ungehobelte Klotz von Mann, der nun der Auserwählte ist, verfügt nach Meinung des Erzählers nicht einmal über Benehmen, geschweige denn über Stil oder Grips.


Leider konnte mich die aufgegriffene Geschichte ganz und gar nicht begeistern. Denn obwohl es um einen Mord geht, noch dazu einen absolut sinnlosen, bleibt die Story so schwammig wie nur denkbar, möglicherweise ist das durch die Verbindung aus dem Mutterleib nicht anders denkbar, vielleicht sogar gewollt, doch dann hätte der Umfang einer Kurzgeschichte ausgereicht. Sehr bitter aufgestoßen haben mich die vielen Nebensächlichkeiten, die tatsächlich keine sind: die werdende Mutter hängt an der Flasche, aber der Embryo schätzt die Vorzüge eines guten Weines und ist Kenner auf diesem Gebiet. Die Mutter selbst empfindet zwar Wollust beim Liebesspiel, doch kümmert sie sich nicht einmal emotional um das kleine Wesen in ihrem Bauch. Und so wird das Baby zum ungeliebten Mittelpunkt dieser Erzählung, ungewollt, immer im Weg und dann auch noch in der Lage dazu, seine Mutter und ihren neuen Gefährten aufzuhalten, indem es die Fruchtblase zerstört. Einmal abgesehen von einigen humoristischen Passagen, die mich zum Lachen gebracht haben, finde ich wenig lobenswerte Punkte. Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob ich das Buch nun gelesen hätte oder nicht, in Erinnerung bleibt es nicht und wenn dann eher mit negativen Attributen versetzt.


Fazit


Ich vergebe müde 2 Lesesterne für diesen ungewöhnlichen Roman, bei dem die Idee zur Umsetzung noch das Beste war. Wenig Aussagekraft, eine Handlung, die man bereits zu Beginn voraussehen kann und sehr idiotische Charaktere – alles wird bewusst überspitzt dargestellt. Ein bitterböser Humor kommt noch dazu, der mir doch das ein oder andere Lächeln entlocken konnte. Insgesamt leider eine schwache Leistung, die ich nur widerwillig beendet habe. Sehr schade, denn aus dem Ansatz hätte eine wunderbare Geschichte werden können, zumindest in meiner Vorstellung. Möglicherweise kann man dieses Buch in der Interaktion mit anderen Lesern besser verstehen. Ich könnte es mir sehr gut als Oberstufenlektüre vorstellen, vielleicht habe ich den Knackpunkt der Story nur ganz falsch verstanden …

Veröffentlicht am 16.01.2018

Die unberechenbaren Winkelzüge des Schicksals

Traumsammler
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„Man soll einen Sinn im Dasein finden, heißt es, und dann leben, aber manchmal stellt man erst im Alter fest, dass das eigene Leben tatsächlich einen Sinn gehabt hat – wenn auch nicht den, den man sich ...

„Man soll einen Sinn im Dasein finden, heißt es, und dann leben, aber manchmal stellt man erst im Alter fest, dass das eigene Leben tatsächlich einen Sinn gehabt hat – wenn auch nicht den, den man sich vorgestellt hat.


Inhalt


Pari und Abdullah leben mit ihrer Familie in großer Armut in einer bescheidenen Hütte in der Wüste Afghanistans, die Mutter gestorben, der Vater hat sich eine neue Frau genommen und die Geschwister suchen aneinander Halt in ihrer kleinen Welt, die durch Unruhe geprägt ist. Doch Pari weckt das Interesse eines wohlhabenden Ehepaares aus Kabul, die selbst kinderlos sind und sich in das kleine Mädchen verliebt haben. Und so trennen sich die Wege der beiden fast für ein ganzes Menschenleben. Und während Pari in Frankreich ein gut situiertes Leben führt, bleibt Abdullah in der Heimat. Nur ihrer beider Onkel Nabi weiß noch um die genauen Zusammenhänge, weil er es auch war, der den Kontakt zwischen Paris Pflegefamilie und seinem Bruder hergestellt hat. Und erst in seinem Nachlass taucht ein Brief auf, der es den Nachkommen ermöglicht, an einer Familienzusammenführung im Alter mitzuwirken – damit sich findet, was einst zusammen gehörte …


Meinung


Der aus Afghanistan stammende Autor Khaled Hosseini entführt den Leser in seinen Büchern in seine Heimat und schildert das Leben und Leiden der Menschen vor Ort. Seine zahlreichen Romane wurden zu Weltbestsellern und erschienen in 70 Ländern. Für mich war „Traumsammler“ allerdings das erste Buch des Autors, welches ich gelesen habe und obwohl es mich nicht ganz überzeugen konnte, würde ich sehr gern ein weiteres lesen. Denn eines kann man der Erzählsprache nicht abstreiten – sie ist intensiv, empathisch und ergreifend, sie berührt den Leser auf eine sehr leise, Art und Weise und weckt das Interesse an Menschen, Emotionen und Wendungen des Schicksals.


Zugegeben habe ich mir unter der vorliegenden Geschichte zunächst ein Geschwister-Schicksal und die Auswirkungen auf das jeweilige Leben der Beteiligten vorgestellt, doch dieser Aspekt bildet lediglich den Handlungsrahmen des Romans. So war ich während des Lesens immer etwas enttäuscht, das weder Abdullah noch Pari den Stellenwert bekamen, den ich ihnen zugedacht hätte. Der Autor legt nicht unbedingt Wert auf einen Hauptprotagonisten, vielmehr schafft er ein ganzes Heer an Nebencharakteren, die dann jedoch aus ihrer Sicht, Bruchstücke der erlebten Geschichte wiedergeben. Es sind demnach mehr die Schnittstellen einzelner Schicksale und die zufälligen Ereignisse im Leben diverser Menschen, die den eigentlichen Kern der Erzählung vermitteln.


Dadurch entstehen viele kleine Episoden, die fast wie Fragmente das Gerüst der Gesamterzählung ausmachen. Und dieser irgendwie zerfaserte Erzählstil, ist auch mein Hauptkritikpunkt an einer ansonsten tiefgründigen, stillen Erzählung über das Leben der Menschen in der Fremde. Hosseini greift auf sehr elementare Gefühlsregungen zurück, er beschreibt nicht nur Orte, sondern zeigt auch, warum sie wichtig waren. Er bezieht Stellung zu Nächstenliebe, Leben in der Fremde, einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl aber auch zu Wandlungen, zu Verfehlungen seiner Protagonisten, zu Schuld und Reue und damit auch zum Schicksal selbst.


Immer wieder ist es dieser unbenannte Handlungsschwerpunkt, der mich nachhaltig faszinieren konnte. Im inneren der Geschichte liegt für mich der tief verwurzelte Glaube an eine Sinnhaftigkeit des Lebens, an die Gewissheit des Einzelnen, dass sein Dasein, egal wie bitter es auch erscheinen mag, einen ganz bestimmten Zweck erfüllt. Und das die unberechenbaren Winkelzüge des Schicksals eines Tages für die Erfüllung ebenjener Aufgabe stehen, dass nichts umsonst war und das die Hoffnung nicht nur bei einem Menschenleben liegt, sondern auch in der Gesamtheit einer Familie, eines Interessenverbandes oder auch im Herzen der Verstorbenen.


Fazit


Ich vergebe 3,5 Lesesterne (aufgerundet 4) für diesen Roman, der die Thematik Familie, Leben, Schicksal und Bestimmung berührt und eine weitreichende Geschichte über viele Generationen hinweg beschreibt. Wer einen gefühlvollen, sinnreichen Roman über Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit sucht wird ihn hier definitiv finden. Allerdings muss man sich auf die Erzählweise einlassen, denn die Menschen hinter der Geschichte bleiben ungewöhnlich blass und austauschbar. Namen, Beweggründe und Handlungen sind so zahlreich und unübersichtlich, dass ich mir schlicht und einfach eine klare Erzählstruktur mit eindeutigen Aussagen gewünscht hätte. Zu vieles bleibt der Sicht des Lesers überlassen, zu vieles bleibt ungesagt und manche Figuren schleichen sich still und heimlich davon, fast wie der Wüstensand, der kilometerweit verweht wird und doch nur ein Körnchen im Getriebe war.