Profilbild von lielo99

lielo99

Lesejury Star
offline

lielo99 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lielo99 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.10.2022

"Wie vermisst man einen Menschen?"

Geschichte eines Kindes
0

Eine junge Frau bringt ein Kind zur Welt und ist davon überzeugt, dass sie es nicht behalten möchte. Also wird es zur Adoption freigegeben. So weit, so gut. Allerdings sehen die Verantwortlichen ein Problem, ...

Eine junge Frau bringt ein Kind zur Welt und ist davon überzeugt, dass sie es nicht behalten möchte. Also wird es zur Adoption freigegeben. So weit, so gut. Allerdings sehen die Verantwortlichen ein Problem, da der Säugling nicht dem gängigen Aussehen entspricht. Er gilt als „mittelbreitnasig“ (ja, diesen Begriff gab es damals) und das bedeutet, dass der Erzeuger ein „Schwarzer“ sein muss.

„Wie vermisst man einen Menschen?“ Unglaublich, dass diese Frage im Jahr 1953 obere Priorität hatte. Wer als alleinstehende Mutter sein Kind nicht abtreiben, sondern zur Adoption freigeben wollte, der durfte keinen Mischling entbinden. Da waren sich die Sozialarbeiter einig. Kein Ehepaar will ein Baby adoptieren, welches „Negerblut“ in den Adern hat. Für uns heute nicht vorstellbar, damals aber leider normal.

Der kleine Junge wurde immer wieder genauestens untersucht und vermessen. Also unter anderem der Abstand zwischen den Augen, die Breite der Nase und jene seiner Lippen. Und trotzdem konnte kein Experte mit Bestimmtheit sagen, dass es sich um einen Mischling handelt. Nur die Identität des Erzeugers würde für Klarheit sorgen.

„Geschichte eines Kindes“ ist die fiktive Erzählung einer österreichischen Schriftstellerin. Im Jahr 2013 reist sie in die USA. Ihr Name ist Franziska und sie bezieht ein Zimmer bei Frau Joan Truttman. Die beiden kommen sich näher und Frau Truttman wird mutig. Sie fragt, wie es sich anfühlt, als einzige Asiatin unter „Weißen“ zu leben. Franziska ist selbstbewusst und weiß darauf eine passende Antwort. Jedoch, wie mag es für den kleinen Daniel gewesen sein? Als „Mischling“ geboren zu sein?

Die Autorin verwebt sehr gekonnt ihre eigene Geschichte mit jener, die vor vielen Jahren ihren Anfang nahm. Ist es tatsächlich heute leichter, wenn das Aussehen nicht dem eines „Weißen“ entspricht? Ich denke nicht. Sehr abstoßend empfand ich diese unsäglichen Untersuchungen des Säuglings, die in dem Buch sehr glaubhaft dargestellt wurden. Ich empfehle das Buch allen, die bereit sind, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.10.2022

Von "Nine Eleven" bis Salman Rushdie ist alles dabei

Die Stimme
0

Es sollte ein ganz besonderer Tag werden. Endlich hatte Bor um ihre Hand angehalten und heute, am 11.09. 2001 wird geheiratet. In New York, direkt neben den Zwillingstürmen. Doch mitten in der Zeremonie ...

Es sollte ein ganz besonderer Tag werden. Endlich hatte Bor um ihre Hand angehalten und heute, am 11.09. 2001 wird geheiratet. In New York, direkt neben den Zwillingstürmen. Doch mitten in der Zeremonie ein lauter Knall. Die Zeit steht still. Ein Flugzeug fliegt in einen Turm des World Trade Centers. Nur zwei Blocks von den Jungvermählten entfernt. So beginnt das Buch
„Die Stimme“ und zeigt, welche Auswirkungen Fanatismus haben kann.

Eine junge Muslimin mit dem Namen Amal mit ausdrucksstarker Stimme, gewinnt einen Gesangswettbewerb. Gleichzeitig wendet sie sich öffentlich gegen alles, was ihr bisheriges Glaubensleben ausmacht. Sie legt während einer Fernsehsendung ihren Schleier ab. Es folgen Drohungen und Stalking. Nicht nur sie ist davon betroffen. Auch das mit ihr befreundete Ehepaar Bor und Zelda mit ihren drei Kindern.

Die Ich-Erzählerin Zelda schreibt von sich: „Meine Erinnerungen sind nicht chronologisch. Lauter Fetzen.“ Ja, das stimmt und es ist nicht immer einfach, diesen „Fetzen“ zu folgen. Das Buch ist nicht nur spannend, es zeigt ebenfalls wie gefährlich es ist, sich gegen die Lehre Mohammeds und seiner Anhänger zu stellen. Das Schicksal Amals ähnelt sehr dem des Autors Salman Rushdie. Gegen ihn gab es ebenfalls eine Fatwa. Es machte mich nachdenklich und ja, es empörte mich auch. Meine Leseempfehlung gilt ohne Einschränkung.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.10.2022

Liebe kennt keinen Stolz!?

Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Die Poesie der Liebe
0

Ob das wohl gut geht? Zwei gefragte Schriftsteller ein Paar? Max Frisch und Ingeborg Bachmann, das waren zwei brillante Künstler. Dauerhaft zusammenleben, das konnten sie nicht. Warum das Ansinnen zum ...

Ob das wohl gut geht? Zwei gefragte Schriftsteller ein Paar? Max Frisch und Ingeborg Bachmann, das waren zwei brillante Künstler. Dauerhaft zusammenleben, das konnten sie nicht. Warum das Ansinnen zum Scheitern verurteilt war und wie sie trotzdem glückliche Stunden verlebten, das wird in dem Buch „Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Die Poesie der Liebe“ sehr realistisch dargestellt.

Ich las bereits einige Bücher von Bettina Storks und freute mich sehr auf dieses Werk. Wieder mal aufwendig recherchiert und dabei die neuesten Erkenntnisse von Historikern verarbeitet. Nichts Anderes erwartete ich von Frau Storks. Dass sie dann ebenfalls diese Aufbruchstimmung nach dem verheerenden Weltkrieg gekonnt vermittelte, gefiel mir ebenfalls. Die zahlreichen Originalzitate ließen mich den Künstlern noch näher kommen. Einen Nachweis über deren Ursprung, gibt es im Anhang nachzulesen.

Wer mehr über Max Frisch und Ingeborg Bachmann erfahren möchte, der findet am Schluss des Buches viele Empfehlungen dazu. Warum ich aber bei meiner Bewertung einen Stern abziehe? Die Sprache ist mir zu poetisch. Das mag dem Thema des Buches geschuldet sein, ist aber nicht mein Fall. Und trotzdem gebe ich eine Leseempfehlung. Zumal auch andere Künstler, wie unter anderem Paul Celan, Erwähnung finden. Obwohl er lange Zeit mit Frau Bachmann liiert war, kannte ich ihn noch nicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2022

Der betörende Duft von Indien ist allgegenwärtig

Die Hennakünstlerin
0

Als die Briten endlich abzogen, wurde in Indien gefeiert. Die Einwohner fühlten sich nach Jahren der Herrschaft endlich frei. Auch die junge Lakshmi spürt die Freude. Sie floh vor einigen Jahren aus ihrer ...

Als die Briten endlich abzogen, wurde in Indien gefeiert. Die Einwohner fühlten sich nach Jahren der Herrschaft endlich frei. Auch die junge Lakshmi spürt die Freude. Sie floh vor einigen Jahren aus ihrer Heimatstadt und baute sich ein gut gehendes Geschäft auf. Die Unabhängigkeit von England bewirkte, dass ihr Kundenstamm wuchs. Reiche Inderinnen taten ihre Freude kundtun, indem sie ihren Körper, von der Hennakünstlerin verzieren ließen. Sie versprachen sich davon unter anderem, dass sie schwanger wurden und/oder für ihren Mann attraktiv blieben.

Im Indien der 1950er Jahre war es üblich, dass junge Mädchen mit Männern verheiratet wurden, die ihre Eltern aussuchten. Es spielte keine Rolle, ob das Paar sich liebte oder wie groß der Altersunterschied war. Wenn die Männer ihre Angetrauten schlugen, dann war es halt so. Einen Grund zur Scheidung gab es nicht. Weil sie nicht länger mit einem prügelnden Ehemann zusammen sein wollte, floh Lakshmi nach Jaipur. Als dann plötzlich ihr Ehemann vor ihr steht und zudem noch ein für Lakshmi völlig unbekanntes Mädchen bei sich hat, ändert sich ihr gut geordnetes Leben in einem Augenblick.

Die Story kommt in guter Bollywood Manier daher. Leicht zu lesen, aber mit vielen bildhaften Erklärungen zum bunten und pulsierenden Indien. Dass es einige Längen gab, störte mich nicht so sehr, da es der erste Roman der Autorin ist. Die nächsten Bücher werden mit Sicherheit kurzweiliger. Gut gefielen mir die Erläuterungen von Pflanzen und Ölen. Nicht nur die Aufbereitung, sondern auch die Wirksamkeit kommen zur Sprache.

Ideengeberin für den Roman war die Mutter der Autorin. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie ihre Träume hätte leben dürfen?

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.09.2022

Vorhersehbar und unrealistisch

Du entkommst mir nicht
0

Fräulein Johanna Talbach ist wieder Single. Sie trennte sich von ihrem Freund und sucht eine eigene Wohnung. Die findet sich rasch. In einem Hochhaus. Frisch renoviert und mit einem sehr sympathischen ...

Fräulein Johanna Talbach ist wieder Single. Sie trennte sich von ihrem Freund und sucht eine eigene Wohnung. Die findet sich rasch. In einem Hochhaus. Frisch renoviert und mit einem sehr sympathischen Nachbarn. So denkt sie. Er wohnt über ihr, ist Mitte 40 und ein Angeber. Er ist auf jeden Fall von Johanna besessen und das wird bald zu einer tödlichen Falle für die junge Frau.

"Du entkommst mir nicht" ist in zwei Erzählstränge aufgeteilt. Johanna spricht in der Ich-Form und das Agieren Arthurs wurde in der dritten Person geschrieben. Die Story beginnt mit der Suche nach einer Wohnung und der Enttäuschung über die Verwahrlosung. Wie ein helfender Engel erscheint Arthur und lässt sie renovieren. Sofort empfindet Johanna Dankbarkeit für ihn. Dabei gefällt sie ihm und er will sie für sich gewinnen. Ein leider sehr vorhersehbares Katz- und Mausspiel beginnt.

Leichte Lektüre, die mich nicht überzeugte. Das lag einmal an der sehr schlichten Ausdrucksweise und zum anderen an der nicht vorhandenen Spannung. Die Story ist brutal und das macht für mich aber keineswegs einen guten Thriller aus. Ein Plus sind die gut recherchierten Fakten zu psychischen Erkrankungen, die hier aber auch übertrieben oder gar unglaubwürdig dargestellt werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere