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Veröffentlicht am 20.02.2020

"Das Kind ist nicht abrichtfähig"

Die Unwerten
1


Das Buch mit dem oben angeführten Titel steht bei mir im Regal. Es beschreibt die Versuche, welche in der Klinik des Ortes Waldniel durchgeführt wurden. Es gab etliche dieser Anstalten, die sich das „Ausmerzen ...


Das Buch mit dem oben angeführten Titel steht bei mir im Regal. Es beschreibt die Versuche, welche in der Klinik des Ortes Waldniel durchgeführt wurden. Es gab etliche dieser Anstalten, die sich das „Ausmerzen unwerten Lebens“ zur Aufgabe machten. Auch das Buch Die Unwerten beschreibt dieses Unrecht, wenn auch in Form eines Romans.

Es ist der 22.12.1939 als der glühende Anhänger Hitlers, der Herr Pilz, die kleine Hannah vor der Klasse demütigte. Er ist ein Sadist und es macht ihm große Freude, die Halbjüdin so sehr aufzuregen, dass sie ohnmächtig wird. Nach dem Anfall schickt er sie zum Direktor und durchsucht in der Zeit ihre Hefte. Was er dabei entdeckt, wird für Hannah kaum übersehbare Folgen haben. Hannahs Mutter lässt ihre Tochter von einem Arzt untersuchen und der stellt fest, dass sie unter Fallsucht (Epilepsie) leidet. Hannah und ihre Mutter müssen fliehen und werden von den Nazis verfolgt. Sehr hartnäckig ist dabei ein Arzt, der zu den Verantwortlichen der Aktion T4 gehört. Wie auch seine Kollegen, nimmt er sich das Werk von Hermann Lubeck als Vorbild, das sogenannte Rassenbuch. Es ist das erste „Grundsatzwerk zur Rassenhygiene“.

Am 01. Januar 1934 trat ein Gesetz in Kraft, welches den Namen: „Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses“ erhielt. Systematisch wurden Behinderte ermordet und das so lange, bis die Bevölkerung davon erfuhr. Die Predigten des Clemens Graf Galen führten unter anderem dazu, dass die Aktionen kurzfristig eingestellt wurden. Aber nur kurz, das Morden durch Verhungern oder Überdosierung von sedierenden Medikamenten gab es bis zum Kriegsende. Viele der Täter wurden nicht belangt. Sie konnten weiter als Ärzte arbeiten oder flohen ins Ausland.

Das Buch zeugt von intensiver Recherche und zeigt, wie es damals in Deutschland zuging. Viele Kinder wurden den Eltern entrissen und in Heimen ermordet. In dem Roman Die Unwerten ist die Hauptperson auch ein Kind. Sie erlebt schreckliche Dinge und muss sich gegen Menschen durchsetzen, die sie verfolgen oder gar töten wollen. Es ist ein Auf und Ab und die Spannung hält sich auf hohem Niveau. Auch wenn mir der Schluss zu langatmig war, gebe ich fünf Sterne. Alleine schon deshalb, weil dieses Thema viel mehr Aufmerksamkeit benötigt. Niemals dürfen wir schweigen, wenn Nazis die Oberhand gewinnen wollen. Der Autor schreibt in seinem Nachwort, wie schwer es für ihn war, dieses Buch zu vollenden. Das kann ich sehr gut nachvollziehen und danke ihm daher ausdrücklich, dass er es trotz Schwierigkeiten abschloss.

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Veröffentlicht am 20.02.2020

Krankhafte Mutterliebe ist gefährlich

Krähenmutter
1

Und wieder einmal bekommt es Laura Kern mit einem sehr verzwickten Fall zu tun. Ein Baby wurde entführt als die Mutter kurz den Blick vom Kinderwagen abwandte. Nein, nicht auf offener Straße sondern in ...

Und wieder einmal bekommt es Laura Kern mit einem sehr verzwickten Fall zu tun. Ein Baby wurde entführt als die Mutter kurz den Blick vom Kinderwagen abwandte. Nein, nicht auf offener Straße sondern in einem Kaufhaus. Damit nicht genug. Der Vater des Kindes ist ein angesehener, sprich reicher, Mensch und nicht nur Lauras Chef drängt auf rasche Aufklärung. Auch die Berliner Senatorin für Inneres, Marion Schnitzer, nervt mit ihrem Einmischen und den unqualifizierten Äußerungen zum Fall.

Max und Laura sind entsetzt. Kein Zeuge kann eine vernünftige Täterbeschreibung abgeben und die Eltern schweigen sich aus. Und als erneut ein Kind entführt wird, erreicht die Ratlosigkeit ihren Höhepunkt. Keine Lösegeldforderung gibt es und keine Nachricht der Entführer. Die Story ist in zwei Stränge aufgeteilt und das macht die Sache noch spannender. Was hat es mit dem „Baby“ auf sich? Wer nimmt sich das Recht heraus, einfach fremde Kinder mitzunehmen? Und in welcher Weise hängen die Entführungen mit einem anderen Fall zusammen?

Ein spannendes Hörbuch fand den Weg zu mir. Besonders die Sprecherin Dana Geissler gefiel mir, da sie ihre Stimme den Akteuren perfekt anpasste. Spannend bis zur letzten Minute gebe ich glatte fünf Sterne und ein Lese- beziehungsweise Hörempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.02.2020

Soll man die Vergangenheit ruhen lassen?

Die Galerie am Potsdamer Platz
1

Alice ist eine junge Frau, deren Mutter starb. Von Wien aus macht sie sich auf den Weg nach Berlin. Hier lebt ihre Großmutter, die jeglichen Kontakt zur Tochter verweigerte. Alice begegnet Helena, so heißt ...

Alice ist eine junge Frau, deren Mutter starb. Von Wien aus macht sie sich auf den Weg nach Berlin. Hier lebt ihre Großmutter, die jeglichen Kontakt zur Tochter verweigerte. Alice begegnet Helena, so heißt die Großmutter, und sieht deren eiskalte Augen. Ein Gespräch ist nicht möglich. Im Gegenteil. Wo sie kann zeigt Helena, was sie von Alice hält. Zum Glück gibt es in der Familie auch noch andere Menschen, die sich die junge Frau kümmern und ihr wohlgesonnen sind. Obwohl sie es nicht vorhatte, bleibt Alice zunächst in Berlin und möchte sich hier eine neue Existenz aufbauen. Sie erfährt schlimme Dinge aus der Vergangenheit und auch die Zunahme der Macht Hitlers machen ihr zu schaffen.

Die Galerie am Potsdamer Platz ist ein Debütroman und das habe ich bei der Beurteilung berücksichtigt. Mir war es ein Zuviel an Ereignissen und dadurch fehlte es an Tiefe. Die Handlungen wurden angedacht, dann aber verliefen sie im Sande. Die Sprache ist sehr einfach und daran sollte die Autorin noch arbeiten. Auch der Titel passt nicht zum Inhalt des Buches. Die Galerie spielt nur eine Nebenrolle. Gut fand ich die Ausführungen über Künstler, die damals ihre Werke ausstellten, wobei mir auch hier etwas mehr Tiefe besser gefallen hätte. Der Roman ist Teil eins einer Trilogie. Dass hier aber kein Cliffhanger das Ende des Buches trübten, spricht für die Autorin. Ich gebe drei Sterne für das Buch und denke, dass die Autorin sich mit Sicherheit noch steigern wird.

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Veröffentlicht am 17.02.2020

Gibt es Liebe ohne Leiden?

Die Kleider der Frauen
0

In dem Buch Die Kleider der Frauen ist die 22jährige Estella die Hauptfigur. Sie arbeitet in einem Atelier in Paris als Modezeichnerin. Nach Feierabend kopiert sie die Kreationen berühmter Modeschöpfer ...

In dem Buch Die Kleider der Frauen ist die 22jährige Estella die Hauptfigur. Sie arbeitet in einem Atelier in Paris als Modezeichnerin. Nach Feierabend kopiert sie die Kreationen berühmter Modeschöpfer und sorgt dafür, dass diese Kopien in die USA gelangen. Auch ihre Mutter, die 37jährige Jeanne arbeitet im Atelier von Monsieur Aumont. Coco Chanell ist eins der Vorbilder Estellas und sie möchte in der Zukunft ebenfalls solch umwerfende Kreationen schaffen. Obwohl, oder gerade weil, die Gefahr von Krieg und dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris bevorsteht, möchte Estella sich amüsieren und geht gerne aus. Nachdem sie sich in einer Bar amüsierte und tanzte, tritt sie den Heimweg an. Dabei findet sie ihren Chef, Herrn Aumont, blutüberströmt und auf einer Bank liegend. Er ist so schwach, dass er kaum noch sprechen kann. Dennoch erhält sie von ihm einen Auftrag, der ihr Leben grundlegend verändern wird.

Die Geschichte der Hauptfiguren wird in zwei Zeitabschnitten erzählt. Und zwar während des Zweiten Weltkrieges und dem Werdegang der jungen Estella und dem Jahr 2015 und dem Leben ihrer Enkelin. Neben vielen Darstellungen von modischen Kleidern, spielt die Liebe stets eine große Rolle. Aber auch die Arbeit von tapferen Menschen, die sich im Widerstand gegen deutsche Besatzer in Paris zusammentaten, wird erläutert. Es gibt viele Wendungen und die waren für meinen Geschmack oft zu unrealistisch. Warum die Autorin dieses Buch schrieb und was ihr dabei besonders wichtig war, klärt sie erst im Nachwort auf. Missbrauch und Demütigung von Mädchen und jungen Frauen gab es damals und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Dass die Täter nur sehr selten belangt werden ist eine traurige Tatsache.

Meine Mutter war eine Schneiderin und sie fertigte noch Kleidung nach Maß an. Leider gibt es heute kaum noch solche Fachleute und wenn, dann sind die Stücke nur für jene erschwinglich, die viel Geld dafür bezahlen können. Mir gefiel das Buch recht gut, obwohl es für meinen Geschmack zu viele Längen hatte. Daher gebe ich vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die sich für die Mode der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts interessieren.

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Veröffentlicht am 15.02.2020

Außergewöhnlich und außergewöhnlich gut

Milchmann
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Milchmann ist das Werk der irischen Autorin Anna Burns. Sie schreibt über die Zeit der großen Konflikte in ihrer Heimat, wo Mord und Totschlag an der Tagesordnung lagen. Die Rede ist oft von „Wir“ und ...

Milchmann ist das Werk der irischen Autorin Anna Burns. Sie schreibt über die Zeit der großen Konflikte in ihrer Heimat, wo Mord und Totschlag an der Tagesordnung lagen. Die Rede ist oft von „Wir“ und „die da drüben“, wobei „drüben“ nur die andere Straßenseite war. „Unsere“ Religion und „deren“ Religion bietet ebenfalls immer wieder Stoff zu tödlichen Auseinandersetzungen.

In dem Buch Milchmann beschreibt die Ich-Erzählerin ihr Leben in Irland. Sie berichtet von sexueller Nötigung durch ihren Schwager und der Gerüchteküche ihrer Nachbarschaft. In ihren Augen war es eine „Chefgerüchteküche“, die nicht nur ihr das Leben schwer machten. Die Menschen sind verstört, weil sie, geprägt von dauerhafter Gewalt und sozialen Konflikten, ihr Leben in Belfast fristen. Die Autorin verarbeitet hier eigene Traumen und Erlebnisse und das macht das Buch zu etwas Besonderem. Sie weiß, wovon sie schreibt. Nichts ist übertrieben und, obwohl zuweilen lustig, so blieb mir als Leser das Lachen im Halse stecken.

Die Hauptperson des Buches ist 18 Jahre alt und leidet unter den Familienverhältnissen. Der Vater ist depressiv und muss immer wieder zur langwierigen Behandlung in eine psychiatrische Klinik. Wie es damals wohl noch extremer war als heute, wo wurde die Erkrankung gegenüber der Nachbarschaft geleugnet. Die Mutter verstand nicht, was den Vater belastete. „Man sah doch nichts.“ Die junge Frau ist ebenfalls Opfer von Verleumdung und übler Nachrede. Keiner der Denunzianten hinterfragt den Wahrheitsgehalt der Gerüchte, dabei hätte sie deren Hilfe so sehr gebraucht.

Nein, es ist kein Buch, welches ich einfach mal so locker weg lesen konnte. Es gibt ungewöhnlich lange und verschachtelte Sätze sowie viele neue Wortschöpfungen. Oder haben Sie schon mal etwas von „Vielleicht-Freund“, „Zehnminutengegend“ oder „Bruder zwei“ gehört oder gelesen? Und gerade deshalb packte mich die Freude an außergewöhnlicher Literatur und ich ließ mich auf das besondere Buch ein. Es lohnte sich und ich lernte die Situation der Iren aus einer anderen Perspektive kennen. Nämlich der einer jungen Frau. Erschrecken war für mich, dass der Konflikt noch immer schwelt und der Roman in einer Zeit spielt, die noch gar nicht so lange zurück liegt. Wer sich auf ungewöhnliche Sprache einlässt, wird bei der Lektüre von Milchmann nicht enttäuscht.

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