Profilbild von marcello

marcello

Lesejury Star
offline

marcello ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit marcello über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.03.2025

IT steht drauf und ist auch drin

Make IT Real
0

Angesichts von „Make IT Real“ von Ally Crowe musste ich ein wenig an Susannah Nix denken, von der ich „The Love Code“ gelesen habe. Dort war die Protagonistin in der IT-Branche tätig und ich hatte mich ...

Angesichts von „Make IT Real“ von Ally Crowe musste ich ein wenig an Susannah Nix denken, von der ich „The Love Code“ gelesen habe. Dort war die Protagonistin in der IT-Branche tätig und ich hatte mich angesichts der erhofften nerdigen Liebesgeschichte doch gefreut. Letztlich war das aber gar nicht groß ein Thema und deswegen auch eher im Marketing irreführend. Dementsprechend war ich bei Crowe nun gespannt, ob auch drin ist, was drauf steht.

Die deutschsprachige Autorin ist selbst in der Branche tätig und da sie gleich beide Protagonisten, also Fallon und Jesper in einem IT-Unternehmen arbeiten lässt, wurde für mich die volle Dosis bedient. Es gab viele Szenen am Arbeitsplatz und man hat auch gemerkt, dass sich Crowe nicht zurückgehalten hat, typische Begrifflichkeiten einzubauen. Es war aber schon noch so reduziert und logisch schnell zu erfassen, dass ich keine Schwierigkeiten zum Folgen hatte. Auch wenn also kein absolutes Expertenwissen nötig war, aber ich habe definitiv einiges Neues gelernt und das ist genau das, was ich mir auch erhofft habe. Weiterhin ist positiv, dass mit Fallon sehr deutlich die schwierige Arbeitsplatzsituation von Frauen in der Branche beleuchtet wurde. Auch wenn man bei Jesper ebenfalls Herausforderungen merkt und generell das ganze Unternehmen offenbar indiskutabel geführt wird, so kam über Fallon viel deutlicher die Vorurteile und vor allem der Sexismus rüber. Ethan als Figur ist wirklich schauerlich, aber echt wichtig für die Geschichte, weil sein Typus im Kern viele von Fallons Gefühlen und Entscheidungen erklärt.

Dieser Teil war also schon mal ein echtes Plus, aber auch ansonsten muss ich sagen, dass ich mit „Make IT Real“ insgesamt einen empfehlenswerten Liebesroman zu lesen bekommen haben. Ein Plus ist eindeutig auch der Humor. Gerade Jesper und seine Schwester, aber auch Fallon mit ihren Freundinnen waren immer wieder toll aufbrechend für die Stimmung. Auch wenn die Geschichte selten emotional schwer ist, aber wenn richtig locker gelassen wird, weil man merkt, die Figuren kennen sich gut und lange, dann entsteht immer ein Wohlfühlen. Auch wenn Fallons Idee mit der Zwillingsschwester echt eine Schnapsidee ist, aber es gab auch einige sehr lustige Situationen, die sich daraus ergeben haben. Es war auch charakterlich interessant, wie Fallon sich als Rosalie fallen lassen konnte, weil man deutlich gemerkt hat, wie anders sie vor allem auf die Männerwelt gewirkt hat. Umgekehrt haben wir durch die private Fallon mit ihren Freundinnen diese Persönlichkeit immer gesehen. Sie war also kein Fake, aber es war deutlich zu erkennen, dass sie diese Seiten an der Bürotür abgibt. Dementsprechend war es für die Liebesgeschichte auch wichtig, dass sich Jesper immer mehr in sie hineinversetzt hat und damit ein Gleichgewicht der Figuren entstand.

Was ich jetzt schon etwas kritisieren wollen würde, das ist die Inkonsequenz in manchen Bereichen sowie einfach das Auslassen von mehr Kontext. Ich würde „Make IT Real“ keinesfalls als oberflächlich bezeichnen, aber die Geschichte hätte locker noch reicher sein können. Da ist dann auch weniger wichtig, was Mick alles so erlebt, sondern es ist wichtiger, was Fallon und Jesper betrifft. Speziell bei Jesper hatte ich den Eindruck, dass wir kaum in die Konflikte in seinem Leben eingetaucht sind. Seine Elternbeziehung, man erkennt das Muster, aber es ist schwer nachzuvollziehen, warum Kinsey da so hart ist, während Jesper sich immer noch so quält und dass die beiden da kaum miteinander drüber reden. Umgekehrt haben wir auch Jespers Geschäftsidee mit einem alten Kumpel. Was genau vorgefallen ist, bleibt eher nebulös. Auch hier muss ich die Lücken selbst füllen. Manchmal schadet es auch einfach nicht, die Figuren miteinander reden zu lassen und so alles einzuflechten. Bei Fallon war das nicht ganz so stark zu beobachten, aber ich hätte sie in ihrem Arbeitsalltag als Autorin auch noch gerne mehr begleitet.

Was ich auch noch erwähnen möchte, obwohl es mich selbst wundert, ist die Beurteilung des Spices, weil es auch relativ offensiv beworben wird. Es wurde deutlich, dass Fallon dies als Autorin offenbar sehr auslebt, auch von einer Aufzugszene war immer die Rede. Angesichts dieser Betonung muss ich doch sagen, dass ich „Make IT Real“ eher brav finde. Ich schwanke öfters schon mal in diesem Genre, was für mich genau richtig ist, was zu wenig und was unangenehm zu viel. Wäre die Geschichte anders aufgebaut gewesen, ich hätte wahrscheinlich gar nichts gesagt, aber so entstehen durch Fallons Schreibszenen gewisse Erwartungen und dafür war die knisternde Chemie zwischen Fallon und Jesper etwas schwach. Ich mochte die beiden, aber es fehlte dann einfach ein konstantes Knistern.

Fazit: Ich bin froh, dass „Make IT Real“ mir die Erwartungen bezüglich der IT-Branche und der Frauenrolle darin voll erfüllt hat. Man hat hier sehr gemerkt, dass die Autorin dort zuhause ist, weswegen das gesamte Buch eine echte Spiegelung ihres Lebens ist. Dennoch gibt es Kritikpunkte, was gewisse Lücken und auch die intimeren Momente angeht, aber ich habe das Buch sehr gerne und zügig gelesen, weil es toll geflossen ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2025

Zwielichtige Floristin als Hobby-Ermittlerin

The Florist
0

Nachdem einige Jahre lang die Spannungsromane in waren, in denen man der weiblichen Hauptrolle kaum vertrauen konnte, weil ordentlich an ihrer Glaubwürdigkeit gesägt wurden, sind sie wieder zurück. So ...

Nachdem einige Jahre lang die Spannungsromane in waren, in denen man der weiblichen Hauptrolle kaum vertrauen konnte, weil ordentlich an ihrer Glaubwürdigkeit gesägt wurden, sind sie wieder zurück. So jedenfalls würde ich auch „The Florist“ von C. L. Pattinson einstufen, das ich als Hörbuch, gelesen von Sarah Liu, konsumiert habe.

Von der Autorin habe ich bislang noch nichts gehört und es scheint tatsächlich auch ihr erstes auf Deutsch veröffentlichte Werk zu sein. Ich fand, dass der Klappentext spannend klang und das dazu passende Cover hat für mich dann den letzten Schub ausgemacht. Da die Geschichte rein aus Amys Perspektive erzählt wird, hat für mich Lius Erzählstimme auch hervorragend gepasst, auch weil sie für mich schnell zu Amy geworden ist. Ich mochte auch den Farbklang ihrer Stimme, der etwas rotziger ist und daher zu einer eher wenig angepassten Frau wie der Protagonistin passt. Gleichzeitig hat mir die Stimme auch geholfen, eine Verbindung zu Amy zu halten, auch wenn das menschlich eher schwierig war, denn Amy ist echt eine Nummer für sich. Das zeigt sich nicht direkt im ersten Kapitel, aber doch relativ früh. Und es passt letztlich auch dazu, dass alle anderen Figuren ihr mit einer gewissen Vorsicht begegnen. Manche Menschen strahlen einfach aus, dass sich Großes hinter ihrer Fassade bewirkt. Bei Amy ist der Hauptgrund, dass sie kaum etwas spontan und intuitiv macht. Stattdessen ist sie von vorne bis hinten durchgeplant und damit ist es echt schwer, sie in ihren Interaktionen als Gefühlsmensch wahrzunehmen.

Ein Roboter ist Amy aber auch nicht und dementsprechend gibt es doch einige Passagen, speziell wenn sie über ihre Abhängigkeit ihrer Beziehung zu Izzy nachdenkt, da merkt man ihre Gedankengänge. Dementsprechend habe ich mir natürlich auch schon Gedanken gemacht, warum ist Amy wer sie ist? Da ähnliche Bücher immer einen Kniff haben, um die Protagonistin nicht sofort zu mögen, war mir schon klar, dass sie trotz ihrer suspekten Methoden und ihrem teilweise ignoranten Verhalten nicht die Antagonistin des Geschehens wird. Dementsprechend wird sie zu einer Art Heldin, die überraschend gute Ermittlungsmethoden für sich entdeckt und daher ihren Moment bekommt. Auch wenn ich Amy niemals als Freundin oder gar Bekannte haben wollen würde, aber in der Gesamtgeschichte war es für mich immerhin so, dass ich ihr das Erfolgserlebnis gegönnt habe.

Kommen wir abseits von Amys Persönlichkeit noch zu anderen Seiten dieses Romans. Wir haben die Gegenwart durch Amys Augen, aber wir haben auch Zeugenaussage, die sich auf einen mysteriösen Vorfall beziehen. Diese dienen natürlich vor allem dazu, Spannung zu erzeugen und in Amy Zweifel zu erzeugen. Es sind schon harte Außenperspektive auf ihren Charakter. Sicherlich subjektiv noch einmal verschärft, aber es ist eine clevere Gesamtkomposition, um alles am Laufen zu halten. Auch abseits dieses Springens hat es für mich die Handlung aber geschafft, dass ich konstant dran geblieben bin. Selbst wenn Amy selbst mich nicht mitreißen konnte, so waren es aber die Geschehnisse um sie herum, die Menschen um sie herum. Ein Tod zwischendurch ist auch strategisch gut platziert, auch weil man sich dann fragt, was kommt wohl danach noch?

Es ist für mich auch gelungen, die Person hinter alldem lange zu verschleiern, sodass es für mich als Überraschung kam. Es hat sicherlich auch geholfen, dass Amy keine dominante Ermittlerin war und dazu auch eine echte Könnerin. Sie hat viel herausgefunden und Puzzleteile zusammengesetzt, was alles vorangebracht hat, aber es war gar nicht ihre Aufgabe zu wissen, wer hinter allem steckt und so kam es dann für uns alle wohl eher überraschend. Danach hat das Buch für mich aber zwei größere Fehler gemacht. Sowohl die Geschichte hinter den Taten sowie gelüftete Geheimnisse aus Amys Vergangenheit werden relativ stoisch hintereinander wegerzählt. Da hat man gemerkt, das große Geheimnis ist jetzt gelüftet und jetzt geben wir noch alle Antworten. Auch wenn ich immer für alle Antworten bin, aber ich will die am Ende nicht lieblos aneinandergereiht haben, weil das erzählerisch lahm ist. Ich habe da also ein extrem zähes Ende bemerkt. Der Knall muss schon so spät wie möglich sein und dann nicht noch 100 Seiten Aufklärung.

Fazit: „The Florist“ ist auf jeden Fall ein interessantes Werk. Ich konnte es sehr gut weghören und es hat für mich auch genug Überraschungseffekte geboten. Es war mit Amy nicht immer leicht und auch das Ende war dann viel zu langgezogen, was die vorher geernteten Früchte wieder faul hat werden lassen. Aber insgesamt würde ich für Fans des Genres eine Empfehlung aussprechen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2025

Ein Leuchten durch Charakterentwicklungen

Was wir verloren glaubten
0

„Was wir im Stillen fühlten“ war schon der ideale Einstieg in die „Problems“-Reihe von Brittainy Cherry, denn sie schreibt selten so Reihen, wo alles richtig zusammengehört und auch das Kleinstadt-Feeling ...

„Was wir im Stillen fühlten“ war schon der ideale Einstieg in die „Problems“-Reihe von Brittainy Cherry, denn sie schreibt selten so Reihen, wo alles richtig zusammengehört und auch das Kleinstadt-Feeling hat hervorragend zu ihrem Stil gepasst. Nun geht es also mit der ältesten Kingsley-Schwester Avery weiter, die ihr Glück findet.

Wenn ich noch an Yara aus Band 1 denke, dann muss man schon eingestehen, dass sie und Avery wie Tag und Nacht sind. Während Yara sich in zig peinliche Situationen gebracht hat, auch weil sie das Herz auf der Zunge trägt, so ist Avery viel ernster. Ich hatte direkt optisch und charakterlich mehrere Personen für sie im Kopf, vor allem aus TV-Serien. Diese Rollen wirken oft unnahbarer, haben in sich aber ein Leuchten, was erst nach außen gekehrt werden muss. Bei Avery ist das total offensichtlich. Wenn man sie in ihrem Kopf über vieles reden hört, dann merkt man die pure Leidenschaft, ihren Witz und ihre Warmherzigkeit. Aber sie trägt das nicht so offensiv nach außen wie andere Figuren in dieser Welt. Die Parallelen zu Alex aus Band 1, die mehrfach getätigt wurden, sind da schon richtig. Dementsprechend ist es auch gut gewesen, dass Nathan als männlicher Gegenpart ihr ähnlich, aber doch anders als Alex ist. Er hat auch Dämonen in sich tragend, er kennt lähmende Verantwortung, dementsprechend teilt er viele Gefühle mit Avery, aber er ist in seinem Prozess viel weiter als sie, weswegen es ihn für sie ideal macht. Denn sie können sich verstehen, aber sie sind so unterschiedlich genug, dass sie sich aus Spiralen raushelfen und nicht weiter hineindrängen.

Bevor ich jetzt weiter schwärme von „Was wir verloren glaubten“ muss ich aber einen Kritikpunkt anwenden. Wesley als Averys Verlobten haben wir schon in Band 1 kennengelernt. Und auch wenn ich ihn keinesfalls mit Nathan ansatzweise vergleichen könnte, so fand ich ihn durchaus sympathisch und hatte mich da schon bei Gedanken erwischt, wie Cherry es wohl auflöst, wenn es um Averys Geschichte geht. Denn normalerweise haben wir es dann eher mit Dreckssäcken zu tun, die man gut rechts liegen lassen kann. Und ja, wie hat sie es gelöst? Sie hat Wesley zu der Figur gemacht, die man schnell loswerden will. Das ist alles okay, aber ich denke, dass es dann besser gewesen wäre, Wesley schon im ersten Band so zu zeichnen, weil so wirkt es doch etwas so, als wäre Cherry nichts anderes mehr eingefallen. Auf einer anderen Ebene hat die Beziehung zu Wesley aber auch sehr geholfen, die Charakterisierung von Avery zu verfeinern, weil ich finde, dass diese durchgängig sehr gut gelungen ist.

Mir hat extrem gefallen, wie gut ausgestaltet Avery gewirkt hat. Sie ist mir sicherlich in vielen Punkten sehr ähnlich, weswegen ich es immer berührend finde, wenn ich das Gefühl habe, dass diese Figuren respektvoll gestaltet sind, dass man sich wirklich wiedererkennt. Gerade die Thematik des ältesten Geschwisterkindes war mir sehr nah, aber mir hat auch gefallen, wie Averys Verlustängste mit ihrer Mutter gestartet sind, um sie bis ins Jetzt zu gestalten. Richtig klasse fand ich auch, dass die Reise von Avery zur Selbstliebe mit einem kleinen Kniff in der Erzählweise authentisch erzählt wurde. Es gibt oft Bücher, wo ich schnelle Entwicklungen einfach kritisieren muss, aber hier hat Cherry mit kleineren Zeitsprüngen das rechte Maß gefunden. So begeistert ich mich bislang zu Avery geäußert habe, so darf mir Nathan keinesfalls verloren gehen, denn er ist umgekehrt auch wunderbar gelungen. Im Gegensatz zu Alex hat er direkt etwas sehr Warmes. Ich fand es großartig, mit ihm in die Familiendynamik der Pierces einzutauchen. Da gab es viel zu entdecken, zu neuen Figuren, aber auch zu Nathan selbst. Denn wie gesagt, auch er hat seine Dämonen und man erlebt es immer wieder, wie auch er zu kämpfen hat. Aber weil er den Schritt weiter ist, merkt man, dass er nicht mehr seine Beziehungen manipuliert und so war es einfach schön, wie er Avery in allen Punkten auf Händen getragen hat. Ihre Chemie war echt gigantisch und ich habe alles genossen.

Fazit: „Was wir verloren glaubten“ hat mich doch in nahezu allen Belangen sehr verzaubert. Auch wenn die Rolle von Wesley etwas schade war, so war die Ausgestaltung von Avery und Nathan in allen Belangen ein Geschenk und es hat ihre Beziehung zusätzlich leuchten lassen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.03.2025

Dramatisches Thema mit gewissen Schwächen

Am Ende nur du
0

Sarah Stankewitz ist auch eine dieser Namen im New Adult-Genre, der mir natürlich schon mehrfach begegnet ist, aber es hat bislang noch nie gepasst. Ihr 2018-Titel „Am Ende nur Du“ wurde nun als Hörbuch ...

Sarah Stankewitz ist auch eine dieser Namen im New Adult-Genre, der mir natürlich schon mehrfach begegnet ist, aber es hat bislang noch nie gepasst. Ihr 2018-Titel „Am Ende nur Du“ wurde nun als Hörbuch neu aufgenommen und da dachte ich, dass es doch die ideale Gelegenheit ist, sie als Autorin einmal kennenzulernen, wenn mir natürlich auch bewusst ist, dass sich ein Schreibstil in sieben Jahren sehr ändern und wandeln kann.

Mir hat „Am Ende nur Du“ im Grunde gut gefallen, in jedem Fall aber von der Story her, weil es durch die Suchtthematik sehr erwachsen daher kam. Auch sonst ließ sich das Buch schwer in eine Schublade pressen. Manchmal will ich es etwas aus der Schublade haben, aber in den allermeisten Fällen ist es ein Kompliment, weil die Geschichte dann in keiner Form vorhersehbar ist. Das war hier auch so. Auch wenn hier klar war, dass es am Ende auf Harper und Adam hinausläuft, aber die gemeinsame Geschichte von Harper und Alec ist dennoch respektvoll gestaltet worden und durch seine Sucht hatte es eine Brisanz, die mir schon oft unter die Haut gegangen ist. Denn eine Sucht verändert eine Beziehung und es sorgt für ein Verantwortungsgefühl, das toxisch werden kann. Das wurde hier als Themenspektrum sehr gut abgebildet, sowohl von Harper als Freundin als auch von Adam als Bruder.

Durch die Hörbuchform habe ich drei Stimmen im Ohr gehabt, weil es Kapitel aus drei Perspektiven gibt. Da habe ich dann auch den ersten Punkt, an dem ich etwas kritisieren möchte. Die Stimmen an sich waren für mich völlig in Ordnung, auch wenn ich speziell die Männerstimmen als Gewöhnungssache empfunden habe. Dann kam noch hinzu, dass die beiden Männerperspektiven untergeordnet sind. Das meiste erleben wir aus Harpers Sicht. So habe ich die Männer eh weniger im Ohr gehabt und dann habe ich auch gemerkt, dass sie mir stimmlich nicht unterschiedlich genug waren. Dementsprechend war es schon hilfreich, dass die Namen anfangs immer gesagt werden, weil rein stimmlich hätte ich mich nicht sofort orientieren können. Dann muss ich noch bei Alec als Perspektive bleiben, weil er die wenigsten Kapitel hat. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob es seine Perspektive überhaupt gebraucht hätte. In den Kopf des Süchtigen zu blicken, das ist sicherlich faszinierend und auch für eine Autorin eine Spielwiese, um Außenstehende etwas nahe zu bringen. Aber es war insgesamt zu wenig, um das so rechtfertigen zu können. Das erste Kapitel aus Alecs Sicht hat kaum Rückschlusse auf eine Sucht gelassen und danach wurde es auch nicht wesentlich expliziter. Die entscheidenden Momente waren immer aus Harpers oder Adams Sicht und es hat gereicht, weil Alec in der Ausgestaltung keinen Mehrwert hatte.

Während mir die Ebene zwischen Harper und Adam durchgängig gefallen hat, was auch das wichtigste ist, weil sie die größte gemeinsame Geschichte haben, so war ich etwas überrascht, wie die anderen Beziehungen rübergekommen sind. Aufgrund des ersten Kapitels hatte ich eher den Eindruck, dass Alec und Harper beste Freunde sind. Auch wenn es schon aufgeklärt wird, so fehlte da eine gewisse Ebene für mich völlig. Stankewitz wird das möglicherweise auch bewusst so gewählt haben, was natürlich auch zur späteren Thematik passt, aber das war erstmal irritierend. Ein weiterer Punkt ist die Brüderbeziehung. Mir haben insgesamt deutliche Momente zwischen den beiden gefehlt. Harper musste eigentlich immer alle Scherben aufsammeln, während Adam ihn fast nur high und völlig neben sich stehend erlebt hat. Dabei haben die beide eine Beziehung und eine gemeinsame Geschichte, die so viele Ebenen andeutet, die spannend gewesen wäre. Letztlich haben wir noch die Mitbewohnerin, die anfangs eine echte Antagonistin ist, ehe noch eine unglaubliche Entwicklung ausgepackt wurde. Das war zwar süß, kam aber doch etwas aus dem Nichts.

Fazit: Insgesamt habe ich die achteinhalb Stunden an einem Tag weggehört. Das spricht für sich, aber ich habe doch auch gemerkt, dass es eher einer der ersten Werke ist, weil manches etwas ad hoc wirkt und Schwerpunkte für ein Ungleichgewicht der Gesamtgeschichte sorgen. Dennoch bin ich nun interessiert an Sarah Stankewitz.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.02.2025

Überfordernd und erst am Ende mit Sogwirkung

The Courting of Bristol Keats
0

Mit Mary E. Pearson verbinde ich einige Jahre beste Fantasy-Unterhaltung und sie ist mir wahrscheinlich genau deswegen so beeindruckend im Kopf geblieben, weil ihre „Chronik der Verblieben“ mich in einem ...

Mit Mary E. Pearson verbinde ich einige Jahre beste Fantasy-Unterhaltung und sie ist mir wahrscheinlich genau deswegen so beeindruckend im Kopf geblieben, weil ihre „Chronik der Verblieben“ mich in einem Genre überzeugt haben, das bei mir kein Selbstläufer ist. Angesichts der Faszination, die sie bei hinterlassen konnte, ist es natürlich bedauerlich, dass sie nicht zu den Autoren gehört, die ständig einen raushauen, wobei das echt seine Vor- und Nachteile hat. Aber so verliert man Autoren auch schnell mal aus den Augen, weswegen ich bei „The Courting of Bristol Keats“ kaum glauben konnte, dass es endlich wieder Nachschub gibt.

Und dann habe ich diesen Wälzer zwischen und leider sprang einfach kein Funken über. Ich habe insgesamt nun weit über einen Monat an Bristol Keats gelesen. Da es anfänglich schon so zäh war, hat mich die Seitenzahl, die ich noch zu bewältigen hatte, zusätzlich abgeschreckt und ich war echt demotiviert. So habe ich mir dann gesagt, dass ich ein wenig überfliege, vor allem die beschreibenden Passagen. Auch wenn das eigentlich wahrlich nicht der Sinn des Lesens ist, aber es hat in mir doch gearbeitet, dass Pearson als Erzählerin doch echt ein Gewinn ist, weswegen es nicht sein kann, dass es nicht Klick machen will. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich beim letzten Drittel dann doch am Haken war. Auch wenn es mir weiterhin viel zu viele Charaktere waren, aber die zentralen, auf die es ankam, die habe ich immer besser sortiert und für mich charakterisiert bekommen, sodass ich dann echt noch Mitfiebern mit der Handlung entwickelt habe. Auch wenn ich damit dann quasi in der Geschichte drin war, als es schon wieder zu Ende war, so werde ich bis zur Veröffentlichung des zweiten Bandes fleißig rätseln, ob ich weiterlesen werde. Denn selbst wenn es am Ende lief, Band 2 ist nicht mal angekündigt, so bleibt unklar, wie viel mir dann noch im Kopf ist und damit wird es verdammt schwer werden und nochmal will ich so eine innerliche Barriere eigentlich nicht erleben.

Kommen wir jetzt aber nochmal etwas genauer zu meinen Eindrücken. Anfänglich war mein größtes Problem, mich in diesem Konzept zwischen menschlicher Welt und Elfenheim zurechtzufinden. So wie alles in der übernatürlichen Welt wirkte, wollte mir nicht recht in den Kopf, dass Bristol in einer Welt wie meiner lebte, denn ich hatte immer das Gefühl, dass sie eher in einer anderen Zeit lebt. Deswegen gab es für mich einige Brüche. Umgekehrt fiel es mir aber auch schwer, mich in Elfenheim einzufinden. Gerade weil ich mich bei der menschlichen Welt immer so vertan habe, war ich völlig aufgeschmissen, wie ich mir dort alles vorstellen soll. Dazu hat dann nicht geholfen, dass es echt einige Figuren gibt und so prasselten Eindrücke über Eindrücke auf mich ein, ohne dass ich es richtig sortiert bekommen hat. Zudem wurde vieles mysteriös gehalten. Das hat die Handlung, obwohl sie faktisch schon lief, so statisch gemacht. Denn es bewegte sich was, aber in meiner Entwicklung mit der Geschichte tat sich nichts. Es war einfach Überforderung bei mir und das passiert mir bei Fantasy leider schon mal öfters, weswegen es einerseits für mich ein guter Maßstab ist, ob es was für mich ist oder nicht, aber andererseits ist natürlich Überforderung kein schönes Gefühl.

Bristol war als Figur sicherlich stetig ein Anker. Sie ist eine starke Persönlichkeit und sie hat mir auch die gesamte Lektüre über gefallen. Tyghan wiederum ist als Gegenpart jemand, an den ich mich erst gewöhnen musste. Ich merke, dass mir die Bad Boy-Aura immer weniger zusagt und anfangs war er echt abweisend und arrogant. Aber wahrscheinlich hat es für mich auch vor allem wegen ihm Klick gemacht, weil sein Panzer irgendwann aufbricht und so hatte ich zwei Anker, auch zwei, die zusammenpassen. Zudem floss die Handlung dann irgendwann. Da ich aber einiges eher oberflächlich gelesen habe, mag mir auch einiges entgangen sein, aber insgesamt war es doch schon so, das Ende der stärkste Teil ist.

Fazit: „The Courting of Bristol Keats” hat für mich die alte Mary E. Pearson-Magie nicht reaktivieren können. Auch wenn ich im letzten Drittel ihr Erzähltalent wiedererkannt habe, aber zweidrittel waren doch sehr anstrengend, zäh und für mich persönlich überfordernd. Erfahrene Fantasy-Leser werden sicherlich wesentlich mehr Spaß haben, garantiert, aber so werde ich für mich erstmal nicht klären können, ob ich die Reihe weiterverfolge.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere