Zwischen Kunst, Manipulation und Abhängigkeit
The Artist„The Artist“ von Lucy Steeds hat mich komplett überrascht und begeistert. Die Geschichte entfaltet in diesem abgelegenen Dorf in der Provence eine ganz besondere Atmosphäre – ruhig und gleichzeitig beklemmend. ...
„The Artist“ von Lucy Steeds hat mich komplett überrascht und begeistert. Die Geschichte entfaltet in diesem abgelegenen Dorf in der Provence eine ganz besondere Atmosphäre – ruhig und gleichzeitig beklemmend. Vor allem die Dynamik zwischen Joseph, dem berühmten Künstler Tata und Ettie fand ich faszinierend. Obwohl die drei so unterschiedlich sind, verbindet sie die Kunst auf eine intensive und teilweise zerstörerische Weise.
Besonders spannend fand ich Joseph als Figur: ein sensibler Kunstliebhaber und Journalist, der sich freiwillig dem toxischen Verhalten des Malers aussetzt, absolut geblendet von dessen Ruhm und Ausstrahlung. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie manipulativ und kontrollierend Tata eigentlich ist. Für mich steht er sinnbildlich für das Patriarchat – ein Mann, der seine Macht mit aller Gewalt festhält und dabei längst den Bezug zu anderen Menschen und auch zu sich selbst verloren hat. Gerade Etties Situation ging mir dabei sehr nahe. Sie ist zunächst in ihrer Situation gefangen - durch Abhängigkeit, Kontrolle und Angst.
Lucy Steeds schafft es wirklich beeindruckend, die frauenverachtenden Strukturen der damaligen Zeit sichtbar zu machen. Auch die Schrecken des Krieges lässt die Autorin gekonnt miteinfließen. Interessant ist, dass sie dabei nie die grausamen Schlachten im Blickfeld hat, sondern die einzelnen Beteiligten, die mehr oder weniger freiwillig, dabei waren. Auch die medizinischen Absurditäten - nur Männer sind Ärzte - oder Elektroschockbehandlungen - zeigen das Ausmaß des monströsen Irrsinns. Das Buch zeigt schonungslos die Irrwege einer Männer-dominierten Welt - in der selbst die Kunst nicht ihrer selbst willen gefeiert wird - sondern als Wertobjekt vergöttert und entwertet wird.