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Veröffentlicht am 19.04.2026

Wir vergessen nicht

Die Kinder von Izieu
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Am 06. April 1944 ist die Welt im Kinderheim von Izieu noch in Ordnung, die 44 dort untergebrachten jüdischen Kinder sowie deren Betreuer rechnen nicht mit der Unmenschlichkeit, die ihnen unerwartet widerfährt, ...

Am 06. April 1944 ist die Welt im Kinderheim von Izieu noch in Ordnung, die 44 dort untergebrachten jüdischen Kinder sowie deren Betreuer rechnen nicht mit der Unmenschlichkeit, die ihnen unerwartet widerfährt, als während der Frühstückszeit draußen Wehrmachtsangehörige nebst drei Gestapo-Offizieren auftauchen. Die Kinder und die anwesenden Erwachsenen werden in Lastwagen verfrachtet, einzig Léon Reifman rettet sich mit einem Sprung aus dem Fenster, und ins Gefängnis Montluc gebracht, von wo aus sie am nächsten Tag nach Drancy überführt werden. Eine Woche nach der Razzia deportiert man die meisten von ihnen nach Auschwitz-Birkenau, der Rest folgt einige Zeit später. Nur die Erzieherin Léa Feldblum kehrt lebend zurück.

Nikolaus »Klaus« Barbie war ein deutscher Kriegsverbrecher, der wegen seiner Grausamkeit unter der Bezeichnung »Der Schlächter von Lyon« zu zweifelhaftem Ruhm gelangte. Von 1942 bis 1944 war er Chef der Gestapo in Lyon, mit einem seiner schlimmsten und niederträchtigsten Verbrechen beschäftigt sich die vorliegende Graphic Novel.

Vor einiger Zeit las ich eine Graphic Novel über Klaus Barbie, bei dem es mir sehr schwer fällt, ihn Mensch zu nennen, solch grausame Verbrechen hat er begangen. Eines davon haben Pascal Bresson und Giulio Salvadori thematisch verarbeitet, mich damit beeindruckt und sehr bewegt. Einem Denunzianten war es zu verdanken, dass unschuldige Kinder und deren Betreuer damals abgeholt und in den sicheren Tod geschickt worden sind. Einen Verdacht gab es zwar, aber an Beweisen hat es leider gefehlt, um diesen Menschen dafür zur Verantwortung zu ziehen. Das vorliegende Werk beleuchtet die Umstände, beschäftigt sich mit dem Gerichtsprozess und lässt Überlebende zu Wort kommen. Die Geschichte hat mich berührt und ich finde es großartig, dass eine Erinnerung an die vielen Toten weiterhin besteht. Gegen das Vergessen.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Perfekt analysiert

Das Ende der Wahrheit?
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Die Straf- und Verfassungsrichterin Elisa Hoven begeistert mich mit ihren Büchern immer wieder aufs Neue, was ich zu Beginn besonders hervorheben möchte, da ich Sachbücher selten bis gar nicht lese, ihre ...

Die Straf- und Verfassungsrichterin Elisa Hoven begeistert mich mit ihren Büchern immer wieder aufs Neue, was ich zu Beginn besonders hervorheben möchte, da ich Sachbücher selten bis gar nicht lese, ihre Werke allerdings förmlich verschlinge, weil ich nicht genug davon bekommen kann. Die Autorin ist Professorin für Strafrecht und Direktorin für Medienrecht an der Universität Leipzig sowie Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Ihre fachliche Kompetenz merkt man ihren Texten an, die so geschrieben sind, dass sogar sehr komplizierte und komplexe Sachverhalte plötzlich leicht, einfach und für Laien verständlich sind. Dieses Talent ist nicht vielen Juristen in die Wiege gelegt worden, wie ich aus jahrelanger Erfahrung sagen kann.

Das vorliegende Buch befasst sich unter anderem mit Fake News, Deepfakes, der Nutzung der Künstlichen Intelligenz sowie den Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Lebens. Was ist die Wahrheit und wie erkennt man die Lüge? Dürfen Politiker lügen und wie erkennt man, ob Journalisten ehrlich sind? Gibt es eine Wahrheit im Krieg und welchen Preis zahlen wir für Lügen? Diesen und vielen anderen Fragen geht Elisa Hoven nach und nicht nur das, denn sie liefert gleichzeitig Vorschläge und skizziert Ansätze, was man anders machen kann, zeigt auf, wo Handlungsbedarf besteht. Die von ihr genannten Beispiele kommentiert sie erfrischend wertfrei, niemals ist etwas nur Schwarz oder Weiß, die vielen Nuancen dazwischen werden angesprochen, benannt und auch mal kritisiert. Aktueller und informativer geht es kaum, denn dieses Buch trifft den Nerv der Zeit im perfekten Augenblick. Große Leseempfehlung gibt es dafür von mir.

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Großartig!

Schwelbrand
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Die Privatermittlerin Liv Jensen wird von einem neuen Klienten beauftragt, Kameras in dessen Haus anzubringen, da bei ihm eingebrochen wurde und er seltsame Drohanrufe erhalten hat. Während sie im Keller ...

Die Privatermittlerin Liv Jensen wird von einem neuen Klienten beauftragt, Kameras in dessen Haus anzubringen, da bei ihm eingebrochen wurde und er seltsame Drohanrufe erhalten hat. Während sie im Keller arbeitet, wird ihr Auftraggeber in seinem Wohnzimmer erschlagen. Bei ihren Nachforschungen findet Liv heraus, dass es eine Verbindung zu einem vierzig Jahre zurückliegenden Fall gibt, den damals ihr Großvater geleitet hat. Ein junger Mann starb seinerzeit unter ungeklärten Umständen, sein Tod wurde als Selbstmord zu den Akten gelegt. Liv gräbt tiefer und muss feststellen, dass seinerzeit nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist und ihr Großvater näher am Fall war, als gedacht.

Der dritte Fall mit der sympathischen Privatermittlerin Liv Jensen ist für diese der persönlichste und für mich der absolute Höhepunkt der großartigen Reihe, die zusätzlich mit zwei vielschichtigen und interessanten Nebenfiguren glänzt. Wie bereits in den ersten beiden Bänden wechselt die Perspektive zwischen den drei Akteuren und zusätzlich gibt es Rückblicke in die Vergangenheit, die quälend langsam enthüllen, welche Tragödie sich vor vierzig Jahren ereignet und welche Auswirkungen manch eine Handlung auf die heutigen Ereignisse hat. Auch in der Gegenwart gibt es einige Dramen, ob beruflich oder privat, und zusammen mit den überraschenden und zahlreichen Wendungen ergibt sich ein Kriminalroman, der keine Wünsche offen lässt, außer dem einen, dass es hoffentlich weitergeht und nicht bei einer Trilogie bleibt. Die Autorin selbst schließt dies jedenfalls nicht aus. Ich würde ausflippen vor Glück und hoffe darauf!

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Protokoll einer Tragödie

Da, wo ich dich sehen kann
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Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf, der tyrannische Vater unterdrückt und misshandelt die Mutter, die unterwürfig alles erträgt. Als er diese schließlich tötet, bricht die Welt des kleinen Mädchens ...

Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf, der tyrannische Vater unterdrückt und misshandelt die Mutter, die unterwürfig alles erträgt. Als er diese schließlich tötet, bricht die Welt des kleinen Mädchens zusammen. Einzig ihre Patentante Liv findet Zugang zum Kind, als Astrophysikerin zeigt sie Maja die Wunder des Universums und beschützt gemeinsam mit den Großeltern das traumatisierte Mädchen so gut es geht.

»Männer töten Frauen, weil es eben geht.« (Seite 199)

Frauen werden umgebracht von ihren Partnern, Ex-Freunden, ihren Ex-Männern und Ehemännern, ihren Vätern, Brüdern, Söhnen. Es sind keine Familientragödien, Beziehungstaten, Schicksale und auch keine familiären Streitigkeiten. Es ist Mord, Femizid nennt man das, weil es Frauen sind, die sterben. Die genaue Definition lautet: Tötung einer Frau oder eines Mädchens aufgrund ihres Geschlechts. Es ist schrecklich und abscheulich, es passiert in Deutschland jährlich Hunderte von Malen, die Dunkelziffer ist unerträglich hoch. Männer töten Frauen. Schon immer. Oder immer noch. Wann hört das auf? Wann gibt es Schutz? Für dich, für mich, für uns?

»Eifersucht, Trennungsschmerz, psychische Ausnahmesituation, bla, bla, bla, was für ein Gelaber - denn eigentlich geht es doch um Macht. Um Kontrolle, um Selbstverständlichkeit, um Besitzanspruch. Oft darum, dass jemand nicht akzeptieren will, dass eine Frau ein eigenes Leben führt.« (Seite 196)

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Jasmin Schreiber von der Zeit nach der Tragödie. Den Mord selbst und die Einzelheiten lässt sie hierbei aus, bietet dem Täter dafür keine Bühne, wofür ich dankbar bin, denn die Opfer sind es, auf die wir unser Augenmerk richten sollten, nur ihnen und den anderen Überlebenden gebührt unsere Anteilnahme, unser Mitgefühl und auch unser Respekt. Sehr einfühlsam und behutsam erzählt die Autorin den Weg der Familie, den der kleinen Maja, die ihre Mutter fand, aber auch den der Großeltern mütterlicherseits sowie väterlicherseits, die genauso mit dieser schrecklichen Tat leben lernen müssen. Daneben ist die Sicht der besten Freundin Liv für mich persönlich am schwersten zu ertragen, sie und Maja rühren mich zu Tränen und sind die heimlichen Heldinnen dieser Geschichte, die so unfassbar traurig, aber dennoch voller Hoffnung und Liebe ist.

Wieder einmal hat Jasmin Schreiber bewiesen, was für eine großartige Erzählerin sie ist. Große Leseempfehlung und zehn von fünf Sternen gibt es dafür von mir.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Großartige Unterhaltung!

Das Signal
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Viola kommt im Krankenhaus zu sich, anscheinend ist sie im heimischen Weinkeller verunglückt, ihr linker Unterschenkel musste amputiert werden. Zurück zu Hause hilft ihr eine von ihrem Mann Adam engagierte ...

Viola kommt im Krankenhaus zu sich, anscheinend ist sie im heimischen Weinkeller verunglückt, ihr linker Unterschenkel musste amputiert werden. Zurück zu Hause hilft ihr eine von ihrem Mann Adam engagierte Pflegekraft bei den täglichen Aufgaben, die unfreundliche Frau erweist sich bald als eine regelrechte Plage. Und auch Adam benimmt sich seltsam, flüchtet permanent aus dem Haus, erfindet Ausreden, um nicht mit Viola zusammensein zu müssen. Als Dinge verschwinden, stattet Viola diese mit Trackern aus, auch ihrem Mann verpasst sie welche, und bald muss sie feststellen, dass Adam sie belügt. Ans Haus gefesselt versucht sie herauszufinden, was vor sich geht, denn sie hat einen furchtbaren Verdacht.

»Jeder läuft mit Geheimnissen durchs Leben. In meinem Fall ist es nur ein einziges, und - zugegeben - es ist nicht klein. Aber es ist nur diese eine Sache, die ich vor Adam und der Welt verheimliche.« (Seite 187)

Eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, ein Unglück, Geheimnisse, Lügen und ein Handicap, das klingt nach einer aufregenden Mischung und das war es auch. Obwohl sich die Handlung aufgrund der erlittenen Verletzung von Viola überwiegend in ihrem Zuhause abspielt, schafft es die Autorin trotzdem einen ganzen Film in meinem Kopf stattfinden zu lassen. Mit einer raffinierten Hauptfigur, gefesselt an den Rollstuhl, die Krücken oder einfach nur ans Bett, erschafft Ursula Poznanski eine Atmosphäre, die mich förmlich durch die Seiten fliegen lässt. Kleine Andeutungen garnieren die Handlung, manche Wendung ist wie eine geschmackvolle Würze und die Auflösung das sehnsüchtig erwartete Dessert. Das Ende ist mehr als genial und ich traurig darüber, dass ich fertig bin.

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