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Veröffentlicht am 20.07.2025

Zwischen den Welten

Sing, wilder Vogel, sing
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Honora war schon immer anders, in ihrem Zuhause, einem Dorf an der irischen Westküste, gilt sie als Außenseiterin. Als 1849 die Große Hungersnot ausbricht, verliert sie alles und macht sich auf den Weg ...

Honora war schon immer anders, in ihrem Zuhause, einem Dorf an der irischen Westküste, gilt sie als Außenseiterin. Als 1849 die Große Hungersnot ausbricht, verliert sie alles und macht sich auf den Weg nach Amerika, um dort ihre Freiheit zu finden.

Natürlich habe ich bereits einige Bücher über die Hungersnot in Irland gelesen, von der Tragödie in Doolough, County Mayo, aber noch nie etwas gehört. Das Tal ist nach dem See Doo Lough (auf Irisch Dúloch - schwarzer See) benannt. Während der Großen Hungersnot in Irland passierte dort im Jahre 1849 eine Tragödie. Die ländlichen Gegenden hatten am stärksten zu kämpfen mit der Not, die meisten Iren litten nicht nur Hunger, sondern hatten ihr Heim sowie ihre Einnahmen verloren. Die sogenannte Poor Law sollte den ärmsten der Armen eine Grundversorgung ermöglichen und um zu vermeiden, dass diese an Menschen ausgegeben wurde, die nicht dazu gehörten, schickte die englische Regierung Abordnungen zur Kontrolle nach Irland. Am 30.03.1849 kamen zwei Abgeordnete in Louisburgh an, abends sollten sich die Bedürftigen versammeln, wenn sie weiterhin diese Zuwendungen erhalten wollten. Nach einer Essenseinladung in die über zwanzig Kilometer entfernte Delphi Lodge beschlossen die Abgeordneten, dass sie die Kontrolle am Folgetag dort abhalten würden. Die über sechshundert geschwächten Männer, Frauen und Kinder hatten keine Wahl, als die Nacht durchzumarschieren, wenn sie nicht die wenigen Almosen verlieren wollten, die kaum zum Überleben reichten. Wieviele Menschen das Ziel erreichten, ist unbekannt. Diejenigen, die es geschafft hatten, wurden jedoch mit leeren Händen zurückgeschickt, sie sollten sich erneut in Louisburgh einfinden. Nach Schätzungen starben bei und durch diesen Marsch über vierhundert Menschen durch Hunger und Erschöpfung, viele sind erfroren.

»Geschichten waren nur dann real, wenn sie erzählt wurden. Bei all den anderen, den verborgenen, nicht erzählten, nicht gehörten Geschichten - da war es, als wären die Dinge nie geschehen. Man konnte so tun als ob, oder die Ereignisse im Kopf so ummodeln, dass sie einem am Ende gefielen.« (Seite 115)

Als ich zu lesen anfing, brauchte ich einige Seiten, um reinzufinden ins Buch. Ich muss gestehen, dass mir anfangs nicht gefiel, was ich las, fast war ich versucht, das Buch auf die Seite zu legen. Zu meinem großen Glück habe ich das nicht getan und nur kurze Zeit später saß ich gebannt da und begleitete Honora auf ihrem Weg. Die Autorin hat rund um das Ereignis in Doolough eine Geschichte erzählt, die fast magisch war, und mir damit ein Lesevergnügen beschert, das unvergesslich bleiben wird - inklusive einem kleinen Splitter in meinem Herz. Wer erfahren möchte, welche Rolle das Volk der Cayuse, ein indianischer Stamm im heutigen US-Bundesstaat Oregon, dabei spielt und welche historische Verbindung es zwischen Iren und indigenen Amerikanern gibt, muss das Buch schon selbst lesen. Ich wünsche gute Unterhaltung. Es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 18.07.2025

Anspruchsvoll und etwas sperrig

Nochmal von vorne
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Als ihr Vater stirbt, versucht Rosa Jeruscher, ihre Schwester Nadja zu erreichen, zu der sie bereits dreimal den Kontakt abgebrochen hat. Die Kindheit der beiden Schwestern war überschattet durch Streitereien ...

Als ihr Vater stirbt, versucht Rosa Jeruscher, ihre Schwester Nadja zu erreichen, zu der sie bereits dreimal den Kontakt abgebrochen hat. Die Kindheit der beiden Schwestern war überschattet durch Streitereien der Eltern, die nicht füreinander geschaffen waren, aber trotzdem geheiratet und zwei Kinder miteinander bekommen haben. Gezwungenermaßen kümmert sich Rosa um die Auflösung der Wohnung ihres Vaters, die einst die gemeinsame Wohnung der deutsch-jüdischen Familie war und voller Erinnerungen steckt, die nicht zu den schönsten gehören in ihrem Leben, manche aber schon.

»Ich wette, dass kein Außenstehender erraten würde, dass sie irgendwann zusammengekommen sind, um Eltern zu werden, es gibt zwischen ihnen keine augenfällige Verbindung, es gibt einen hadernden, ungeschickten Mann und eine Frau mit trägem Spott in den Augen. Es gibt sonst nichts.« (Seite 90)

Nach den ersten drei Seiten war ich überzeugt davon, dass ich ein Highlight in den Händen halte. Nach den weiteren Seiten allerdings wich meine Begeisterung einer Ernüchterung und ich war kurz davor, das Buch abzubrechen. Zum Glück habe ich das nicht getan, denn ein wenig später war ich drin in der Geschichte eines dysfunktionalen Paares, das nie hätte zusammenkommen, geschweige denn Eltern werden dürfen. Schwierig fand ich es trotzdem bis zuletzt, denn Sätze wie Peitschenhiebe sind das eine, wenn diese aber verschachtelt über eine oder mehrere Seiten gehen, dann kann das schon mal anstrengend werden, weil man sich unglaublich konzentrieren muss, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Die Erzählung selbst aber unterhielt mich, die Eltern uneins, egal um welches Thema es geht, die Schwestern zwischen zwei Stühlen, sympathisierend mit einem Elternteil, was ihrer Beziehung zueinander nicht gerade förderlich war und ist. Auf den ersten Blick eine ganz normale Familie, aber wenn man hinter die Kulissen schaut, erschrickt man ob des schwelenden Zorns, der sich seinen Weg bannt und alles verschlingen will. Eine Bereicherung für jeden, der sich auf diese Tragödie einlassen möchte. Für mich war es ein durchwachsenes Erlebnis, das ich trotzdem nicht missen will.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Lustig und unterhaltsam

Unverblümt
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Als ich auf der letzten Buchmesse in Frankfurt dieses Buch sah, musste ich sofort danach greifen und es durchblättern. Dabei ist der Umschlag verrutscht und es kam etwas zum Vorschein, das mich laut auflachen ...

Als ich auf der letzten Buchmesse in Frankfurt dieses Buch sah, musste ich sofort danach greifen und es durchblättern. Dabei ist der Umschlag verrutscht und es kam etwas zum Vorschein, das mich laut auflachen ließ, weil es auf den ersten Blick nicht erkennbar war. Der Phantasie sind allerdings keine Grenzen gesetzt ;)

Die großartigen Texte von Karina Albrecht sind nicht nur witzig, sie treffen punktgenau ins Schwarze. Probe gefälligst? Bitteschön:

»Mit Sechzig ist die Frau vollkommen.
Das Leben hat ihr Maß genommen.
Sie steht fortan in höchster Blüte,
und ist von allerbester Güte,
trotzt sehr gelassen dem Gemeinen
und ist mit sich, der Welt im Reinen.
Jetzt will sie nochmal richtig steppen
und das Parkett des Lebens räppen.«
(Seite 30)

Das dazugehörige Bild kann ich bedauerlicherweise nicht beschreiben, verweise aber gerne erneut auf die Phantasie eines jeden Menschen.

Ergänzt werden die Texte, wie bereits angedeutet, durch wunderschöne Bilder der international renommierten Malerin Ute Patel-Missfeldt, die dabei gerne freizügig, um nicht zu sagen frivol geraten sind, allerdings gibt es natürlich auch andere Zeichnungen, die absolut jugendfrei sind. Insgesamt ein tolles Werk, das mir amüsante Stunden beschert hat in Wort und Bild. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Erinnerungen eines Hauses

Treppe aus Papier
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Nele bereitet einen Aufsatz vor, es geht um die Entstehung der BRD und die Zeit davor. Hilfe bekommt sie von Irma, einer 90jährigen Nachbarin, die bereits als Kind in dem Haus gelebt hat, zusammen mit ...

Nele bereitet einen Aufsatz vor, es geht um die Entstehung der BRD und die Zeit davor. Hilfe bekommt sie von Irma, einer 90jährigen Nachbarin, die bereits als Kind in dem Haus gelebt hat, zusammen mit ihren nazitreuen Eltern. Nele möchte mehr darüber erfahren, aber ihre Eltern sind nicht bereit, mit ihr über vergangene Zeiten zu sprechen, geschweige denn, sich mit Schuld oder Unschuld der eigenen Familie an den damaligen Ereignissen auseinanderzusetzen.

»Wenn die Bomben kommen, verlassen alle das Haus, wie sie es taten, als sie fielen. Sie überließen das Vergangene sich selbst und bauten ohne Altlasten neu. So funktioniert Erinnerung. Wenn du frei entscheiden kannst, was du bewahrst und was nicht.« (Seite 218)

Ein Haus erzählt, seine Mauern, Wände, Flure atmen für mich, sprechen mich an und erzählen von der Gegenwart, aber auch von früher, von der grausamen Vergangenheit, die anfangs gar nicht so schlecht schien. Hier gibt es Fragen, die Antworten geben Geister, die durch die Räume gehen und den Staub vergangener Tage atmen, ohne dass ein Luftzug weht. Ein Haus erzählt und ich höre zu.

»Wir sehen dich schreiben, und deine Fragen verschwimmen mit den unseren. Im Chor der Jahrzehnte hallen sie aus den verschiedenen Ecken in uns. Es wird verstummt, es wird erzählt, beschwichtigt, erklärt. Gerechtfertigt und verdreht, gebeichtet und geplaudert.« (Seite 74)

Ein Haus, das seine Geschichte erzählt, über die Menschen, die in ihm wohnten, die ausgezogen sind, freiwillig oder mit Gewalt, die neu hinzukamen und blieben oder gingen. Diese Idee fand ich so spannend, dass ich es nicht erwarten konnte, das Buch zu lesen. Die Bewohner des Hauses damals im Vergleich mit denen heute, parallel erzählt, überlappend und manchmal sogar gleichzeitig; was sich kompliziert anhört, war es überhaupt nicht. Völlig in den Bann gezogen folgte ich der Geschichte, hörte zu, lächelte, spürte Angst, Trauer und Wut. Ich hätte gerne mehr Zeit verbracht im Haus, mit dem Haus zusammen den Geister nachgespürt. So aber schlage ich tief bewegt das Buch zu, sehe wie das Licht erlischt und bin einfach nur glücklich, dass ich dabei gewesen bin. Buchhighlight!

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Große Gefühle leicht erzählt

Von hier aus weiter
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Marlene ist Witwe, nach über 30 Jahren Ehe ist sie nun allein, ohne Perspektive und wütend. Sie bereitet ihren Suizid vor, als Jack vor ihrer Tür auftaucht, der Klempner ist und - wie sich herausstellt ...

Marlene ist Witwe, nach über 30 Jahren Ehe ist sie nun allein, ohne Perspektive und wütend. Sie bereitet ihren Suizid vor, als Jack vor ihrer Tür auftaucht, der Klempner ist und - wie sich herausstellt - einer ihrer früheren Schüler. Jack zieht vorübergehend bei Marlene ein, bekocht sie und versucht, hinter die Ursachen ihrer Wut zu kommen. Als sich eine frühere Freundin meldet, die einen Abschiedsbrief des Verstorbenen erhalten hat, um ihn Marlene persönlich auszuhändigen, macht sich diese zusammen mit Jack und ihrer Hausärztin Ida auf den Weg nach Wien. Ihre Pläne hat sie dabei aber noch lange nicht aufgegeben.

»Mit Vollgas auf einen Baum zuzufahren war nicht unbedingt ihre bevorzugte Todesart, aber vielleicht erwischte sie ihn ja doch, diesen einzigartigen Moment, in dem ihr alles egal war, auch ihr Hunger, so dass sie das Steuer festhalten und nicht doch noch in allerletzter Sekunde herumreißen würde.« (Seite 22)

Ich klappte das Buch mit tränennassen Wangen und einem Lächeln im Gesicht zu. Mit wunderbarer Leichtigkeit erzählte Susann Pásztor die Geschichte von Marlene und ihren Weggefährten, fand passende Worte, um zu beschreiben, wie die einsame Witwe sich fühlt, welche unterschiedlichsten Gefühle sie durchlebt und mit welchen Dämonen sie sich auseinandersetzt, weil sie eine letzte Handlung ihres verstorbenen Mannes nicht akzeptieren will. Dieses ernste Thema so gefühlvoll umzusetzen, das ist schon große Kunst. Meiner Meinung nach ist dies hier perfekt gelungen. Lesenswert!

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