Interessante Dystopie
Ich, die ich Männer nicht kannte39 Frauen und ein junges Mädchen werden in einem Käfig im Keller gefangen gehalten und rund um die Uhr von männlichen Wärtern bewacht. Wie die Frauen dorthin gekommen sind und warum und wie lange sie dort ...
39 Frauen und ein junges Mädchen werden in einem Käfig im Keller gefangen gehalten und rund um die Uhr von männlichen Wärtern bewacht. Wie die Frauen dorthin gekommen sind und warum und wie lange sie dort schon ausharren, wissen sie nicht. Sie werden mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt, das Zubereiten der Speisen stellt das Highlight ihres Tages dar. Ansonsten gestalten sich ihre Tage monoton und ohne sinnvolle Beschäftigung. Das einzige, was ihnen geblieben ist, sind die Erinnerungen an ihr Leben vor dem Käfig. Nur das junge Mädchen, das keinen Namen hat und nur "die Kleine" genannt wird, kann sich nicht mehr an ihre frühe Kindheit erinnern, sie kennt nur das Leben im Käfig. Sie weiß weder wie eine Wolke aussieht noch wie sich der Wind anfühlt.
Die Situation der Frauen im Käfig ist sehr beklemmend: unwissend, gesteuert von den äußeren Bedingungen, kein Tageslicht, unter ständiger Beobachtung, ohne sinnvolle Tätigkeit.
Gerade als die Wärter den Käfig für die Übergabe der Lebensmittel öffnen, ertönt eine schriller Alarm und die Wärter lassen alles stehen und liegen und flüchten. Die Frauen sind nun keine Gefangenen mehr und treten hinaus in eine Welt, die nicht vergleichbar ist mit der, die sie kennen. So anders, dass sie sich nicht sicher sind, ob sie noch auf der Erde sind. Die anfängliche Freude dem Käfig entkommen zu sein, wich nach wenigen Tagen der Ernüchterung.
"Wir waren frei. In Wahrheit hatten wir nur das Gefängnis gewechselt." (S. 85)
Nach den vielen Jahren im Käfig begleiten wir die Frauen nun in der neuen Welt. Die gesamte Geschichte wird aus der Sicht der Kleinen erzählt. Da sie nicht auf die Erfahrungen und Erinnerungen der Frauen zurückgreifen kann, waren die Beschreibungen für mich eher distanziert, was auch mich auf Distanz hielt. Auch wenn die Frauen über sehr viele Jahre kein schönes Leben hatten und es einige emotionale Szenen gab, konnte mich das Buch gefühlsmäßig nicht wirklich abholen.
Gut herausgearbeitet war, dass der Mensch einen Sinn, eine sinnvolle Beschäftigung oder Aufgabe in seinem Leben benötigt. Auch wenn die Frauen nun außerhalb des Käfigs frei leben konnten, machte ihnen die Sinnlosigkeit zu schaffen. Was braucht der Mensch noch außer der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse?
"Ihr ganzes Leben lang hatten sie sich nach etwas gesehnt. Aber das, was ihnen nun gegeben wurde, war nicht, was sie erwartet hatten. Vielleicht wird einem das Fremde nie vertraut, wenn man einmal einen sinnvollen, geordneten Alltag gehabt hat. Doch das kann ich, die ich nichts als das Sinnlose kenne, nur vermuten." (S. 76)
Die Geschichte lässt viele Fragen offen. Das muss man mögen. Trotzdem regt sie zum Nachdenken an. #dystopie