Ist ein besseres Leben möglich?
In ihrem Debütroman „Ein verlassenes Haus“ von Lisa Wölfl gerät die Ich-Erzählerin Sonja ins Schleudern: Sie verliert ihren Job im Bio-Laden, ihr schmerzgeplagter Ehemann Harald muss sich als Leiharbeiter ...
In ihrem Debütroman „Ein verlassenes Haus“ von Lisa Wölfl gerät die Ich-Erzählerin Sonja ins Schleudern: Sie verliert ihren Job im Bio-Laden, ihr schmerzgeplagter Ehemann Harald muss sich als Leiharbeiter auf dem Bau abplagen. Von ihr selbst bleibt kaum etwas übrig, zu sehr stressen sie die Geldsorgen, die Kinder und der Haushalt.
„Mein Körper ist ein verlassenes Haus. Die Kinder sind ausgebrochen und haben dabei die Fenster zerschlagen. Mein Boden ist morsch. An der Wand Graffiti, im Keller Drogenbesteck. Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich bekomme kaum Besuch von schwindeligen Investoren. Ich gehe an meinem eigenen Schimmel kaputt.“
Da scheint es eine perfekte Gelegenheit, von zu Hause aus Geld zu verdienen, für eine Agentur über das Profil einer schönen, jungen Studentin auf einer Datingplattform mit Männern zu chatten, die davon natürlich nichts ahnen, dass alles Fake ist.
„Ich reize das Gespräch endlos aus, bis der Täter zu meinem Opfer wird. Irgendwann antwortet er nicht mehr. Das ist kein Problem. Ich habe mehrere Dutzend Männer in meiner Inbox. Ich bin Fließbandarbeiterin.“
Sonja findet wieder mehr zu sich selbst und gewinn Selbstvertrauen durch den neuen Job, doch ihre Familie zerbricht nebenbei. Vor allem ihr Mann hat große Probleme mit ihrem neuen Job: „Die wenigen Schichten im Geschäft bringen uns weniger Geld als die Chatarbeit. Harald ist es lieber, ich stehe jeden Samstag hier, sehe meine Kinder kaum, anstatt dass ich zwischendurch beim Putzen und Kochen ein paar Nachrichten schreibe. Nur das Beste.“
Sonja entfernt sich immer mehr von ihrem Mann - könnte einer der Datingplattform-User ihr Ausweg sein?
Thematisch ist das Buch eigentlich genau mein Ding, aber die Umsetzung konnte mich leider nicht komplett überzeugen. Es gab durchaus ein paar starke Momente -
„Alles kostet. Einen Körper haben, das kann ich mir kaum leisten. Haralds Körper noch weniger. Und
trotzdem habe ich noch mehr Körper hergestellt, die ich jetzt erhalten muss.
Jede Frau und viele Männer, auch die, die als Naturschönheiten gelten, alle sind gemacht. Nichts ist echt. Es ist unfair. Es ist unfair, wie die Reichen sich nicht nur Bildung, ein sicheres Heim und Karrieren kaufen können. Sie shoppen ganz einfach nach dem Gesicht, nach dem Körper, den sie haben wollen.“
- Aber oft verlor sich der Roman zu sehr in Banalitäten und Wiederholungen.
Meiner Meinung nach ein durchaus interessanter Debütroman und eine Autorin mit Potential, auch wenn mir das Buch nur bedingt gefallen hat. Vor allem das sehr offene Ende hat mir nicht zugesagt.
Vielen Dank an den Kremayr & Scheriau Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚