Wenn Kunst Erinnerungen bewahrt
Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel"Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" von Alena Schröder erzählt eine vielschichtige Geschichte über Frauen, Familie, Schuld und das, was Generationen miteinander verbindet. Ausgangspunkt ist ...
"Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" von Alena Schröder erzählt eine vielschichtige Geschichte über Frauen, Familie, Schuld und das, was Generationen miteinander verbindet. Ausgangspunkt ist ein unscheinbares Porträt – eine Leinwand, die sich wie ein roter Faden durch mehrere Leben zieht und Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwebt.
Die Handlung bewegt sich auf zwei Zeitebenen: Im Jahr 1945 versteckt sich die 14-jährige Marlen in einem verlassenen Forsthaus vor den russischen Soldaten. Dort entdeckt sie ein Porträt, das später eine besondere Bedeutung für ihr Leben bekommen wird. Wilma, die Marlen hilft und bei sich aufnimmt, trägt selbst ein Geheimnis in sich, das sie zu zerbrechen droht. In der Gegenwart begleitet man Hannah, die sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen muss – und mit der Frage, was aus der wertvollen Leinwand ihrer Großmutter geworden ist.
Ich habe das Buch als Hörbuch gehört und sehr gemocht. Besonders gut gefallen hat mir das ständige Wechseln zwischen den Zeitebenen. Zu Beginn werden die Verbindungen zwischen Hannah und Marlen nur angedeutet, sodass sich die Zusammenhänge erst nach und nach erschließen. Dieses allmähliche Zusammenfügen der Geschichten hat für mich eine schöne Spannung erzeugt.
Als Kunstliebhaberin haben mich außerdem die Beschreibungen der Malerei besonders angesprochen. Die Szenen rund um Wilmas – und später Marlens – künstlerisches Arbeiten sind so atmosphärisch geschildert, dass man sich das Atelier förmlich vorstellen kann: den Geruch von Farbe, das Licht, die konzentrierte Stille beim Malen.
Die Figuren lösen dabei durchaus ambivalente Gefühle aus. Wilma tat mir im Verlauf der Geschichte immer wieder leid – gleichzeitig empfand ich auch Wut über ihr Verhalten und ihren Egoismus. Genau diese Widersprüchlichkeit macht sie aber zu einer interessanten Figur. Ähnlich ging es mir mit Hannahs Vater, der ebenfalls sehr unterschiedliche Emotionen auslöst.
Die Geschichte ist emotional, ohne kitschig zu sein, und entfaltet nach und nach eine schöne Tiefe. Als Hörbuch hat mir zudem die Stimme von Julia Nachtmann sehr gut gefallen – angenehm, ruhig und genau passend zur Atmosphäre des Romans.
Fazit:
Eine warmherzige, vielschichtige Geschichte über Familie, Kunst und die Spuren, die Vergangenheit in unserem Leben hinterlässt. Die wechselnden Zeitebenen, die atmosphärischen Atelier-Szenen und die ambivalenten Figuren machen das Buch zu einem sehr stimmigen Lese- bzw. Hörerlebnis.