Wenn ein Fluss nicht trägt, sondern verschlingt
Der FährmannRegina Denk hat mit „Der Fährmann“ einen Roman geschrieben, der nicht einfach erzählt, sondern einen hineinzieht wie dunkles, kaltes Wasser. An der deutsch-österreichischen Grenze zur Zeit des Ersten Weltkriegs ...
Regina Denk hat mit „Der Fährmann“ einen Roman geschrieben, der nicht einfach erzählt, sondern einen hineinzieht wie dunkles, kaltes Wasser. An der deutsch-österreichischen Grenze zur Zeit des Ersten Weltkriegs entfaltet sich ein atmosphärisch düsteres Familiendrama über Freundschaft, Liebe, Schuld, Ausgrenzung und eine Gemeinschaft, die langsam vom Nationalismus vergiftet wird.
Dieses Buch ist roh, bildstark und von einer fast körperlichen Eindringlichkeit. Man spürt den Fluss, die Enge der Dörfer, den Geruch von Erde, Stall, Weihrauch und unausgesprochenem Leid. Regina Denk schreibt so, dass Vergangenheit nicht fern wirkt, sondern erschreckend nah: als würde man selbst am Ufer stehen, wissend, dass das Wasser etwas mit sich nimmt, das nie wieder zurückkommt.
Besonders erschütternd ist der Blick auf die jungen Frauen dieser Geschichte. Auf Leben, die nicht entworfen, sondern verhandelt werden. Auf Töchter, die nicht geschützt, sondern geopfert werden – und auf Mütter, deren Härte zugleich grausam und tragisch verständlich erscheint, weil auch sie Kinder einer gnadenlosen Ordnung sind. Darüber liegt ein Gottesbild, das nicht tröstet, sondern richtet: ein allmächtiger Blick von oben, unter dem Schuld, Scham und Gehorsam schwerer wiegen als Glück.
Auch die Männer sind Gefangene. Gefangen im Erbe ihrer Väter, in Gewalt, Pflicht, Besitzdenken und der Vorstellung, Härte sei eine Tugend. Liebe wird nebensächlich, das eigene Leben zweitrangig, solange Hof, Name, Ansehen und Vaterland bestehen. Und als der Krieg kommt, marschiert diese Männlichkeit voller Stolz hinein – um gebrochen zurückzukehren und doch oft nichts anderes sprechen zu können als dieselbe Gewalt.
Beim Lesen hält man immer wieder den Atem an. Man hofft mit diesen Figuren auf einen Spalt Licht, auf Flucht, auf Rettung – und ahnt doch, dass der nächste Schlag schon im Dunkeln wartet. „Der Fährmann“ ist kein leichtes Buch. Aber es ist ein großes. Eines, das die eigene Wahrnehmung verschiebt, als hätte jemand die Welt einmal kräftig durchgeschüttelt und neu zusammengesetzt.