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Veröffentlicht am 20.06.2026

Wenn Herkunft Fragen stellt und Liebe Antworten offenlässt

Niemands Töchter
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„Niemands Töchter“ ist kein Roman, der schnelle Antworten geben möchte. Er entfaltet sich langsam, tastend, beinahe wie Erinnerung selbst: nicht geradlinig, sondern in Bewegungen, Rückblenden, Perspektivwechseln ...

„Niemands Töchter“ ist kein Roman, der schnelle Antworten geben möchte. Er entfaltet sich langsam, tastend, beinahe wie Erinnerung selbst: nicht geradlinig, sondern in Bewegungen, Rückblenden, Perspektivwechseln und kleinen Verschiebungen, die erst nach und nach sichtbar machen, wie eng Leben miteinander verbunden sind.
Im Zentrum steht zunächst Marie, und doch erzählt dieses Buch nie nur von einer Person. Es erzählt davon, wie eine einzige Entscheidung Kreise zieht und Menschen berührt, die vielleicht nie wussten, dass ihr eigenes Leben bereits mit dem eines anderen verwoben war. Gabriele, Alma, Isabell, Hedwig – ihre Geschichten stehen nebeneinander und greifen zugleich ineinander, bis sich langsam ein größeres Bild ergibt.
Besonders berührend ist dabei die Frage, die unter allem liegt: Was macht uns eigentlich zu dem Menschen, der wir sind? Ist es Herkunft, sind es Gene, ist es das Wissen darüber, woher wir kommen? Oder ist es die Liebe derjenigen, die uns begleiten, erziehen, tragen? Der Roman verurteilt nicht. Er zeigt vielmehr, wie schwer Lebenslügen werden können, selbst dann, wenn sie aus Fürsorge entstehen, und wie sehr das Ungesagte Beziehungen prägt, belastet oder verändert.
Die vielen Zeitebenen und Perspektivwechsel verlangen Aufmerksamkeit, wirken aber nie beliebig. Im Gegenteil: Stück für Stück setzt sich alles zusammen wie ein Puzzle, bei dem am Ende nicht die große Enthüllung im Vordergrund steht, sondern das Verstehen.
Und dann gibt es noch diese stille, beinahe schmerzhafte Idee von Liebe. Zwischen Leonard und Marie. Eine Verbindung, die nie ganz gelebt werden durfte und gerade dadurch etwas Beharrliches, Zartes bekommt. Als würde das Buch fragen, ob manche Gefühle nicht unabhängig davon existieren, ob sie erfüllt werden.
Ein ruhiger, kluger Familienroman über Abstammung, Identität, Entscheidungen und die Frage, was ein erfülltes Leben letztlich ausmacht.

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Veröffentlicht am 17.06.2026

Zwischen Glaubenssuche, Familienchaos und der Kunst, das Leben nicht zu glätten

Verlorene Schäfchen
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Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich ...

Manchmal gibt es Bücher, die man nicht deshalb mag, weil sie genau den eigenen Geschmack treffen, sondern weil man anerkennt, wie klug und eigen sie gemacht sind. Genau so ging es mir mit Verlorene Schäfchen.
Ich habe das Buch gehört und gerade als Hörbuch hat es für mich überraschend gut funktioniert. Die Stimme hatte genau dieses schwer zu beschreibende Gespür für Tonlagen: trocken, nie überzeichnet, dabei voller feiner Zwischentöne. Ich hätte mir kaum eine passendere Interpretation vorstellen können, weil sie die Ironie nicht erklärt, sondern einfach wirken lässt.
Dieser Roman erzählt von einer Familie und ihrem Umfeld. Über Beziehungen, Enttäuschungen, Sehnsüchte und all die kleinen und großen Erschütterungen, die sich im Alltag ansammeln. Es geht um Liebe, um Unsicherheiten, um Wünsche, um Lebensentwürfe, die nicht aufgehen, um Schicksalsschläge und um die Frage, woran Menschen sich festhalten, wenn Gewissheiten brüchig werden.
Dabei liegt über allem eine durchgehende Ironie, die ich als große Stärke empfunden habe. Nicht bissig oder herablassend, sondern mit einem sehr feinen Blick auf menschliche Widersprüche. Viele Situationen sind skurril, überzeichnet, beinahe aberwitzig und gerade dadurch oft erstaunlich wahr. Immer wieder musste ich schmunzeln und gleichzeitig denken: So absurd ist das eigentlich gar nicht.
Besonders interessant fand ich die Rolle von Kirche und Glaube. Der Roman verhandelt Religion nicht als einfache Antwort, sondern eher als Sehnsucht nach Orientierung, Gemeinschaft und Halt. Manche Figuren suchen darin Trost, andere Reibung, manche einfach eine Erklärung für das, was sich nicht erklären lässt.
Für mich war das kein Buch, das mich emotional mitgerissen hat oder zu meinem bevorzugten Genre geworden ist. Aber es war eines, das ich respektiert und mit echtem Interesse gehört habe. Weil darin viel Beobachtungsgabe steckt. Weil es Menschen ernst nimmt, auch in ihrer Übertreibung. Und weil zwischen all der Komik immer wieder etwas sehr Echtes aufscheint: das Leben in seiner ganzen Unordnung.

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Veröffentlicht am 17.06.2026

Aus Stein wird Stimme

Sommerrauschen
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Es gibt Bücher, die erzählen. Und es gibt Bücher, die freilegen.
Sommerrauschen gehört für mich zu den Büchern, die nicht gelesen, sondern Schicht für Schicht berührt werden wollen. Ein Roman, der nicht ...

Es gibt Bücher, die erzählen. Und es gibt Bücher, die freilegen.
Sommerrauschen gehört für mich zu den Büchern, die nicht gelesen, sondern Schicht für Schicht berührt werden wollen. Ein Roman, der nicht drängt, nicht erklärt und kaum jemals laut wird – und gerade dadurch eine besondere Intensität entwickelt.
Im Zentrum steht Judith, Bildhauerin, Tochter, Schwester, Mutter. Und vor allem jemand, die über Jahrzehnte gelernt hat, um einen bestimmten Kern ihres Lebens herum zu existieren. Die Rückkehr einer Person aus der Vergangenheit setzt nichts Spektakuläres in Bewegung. Kein dramatischer Umschlag, kein großes Enthüllen. Stattdessen beginnt etwas viel Schwierigeres: Erinnerungen verändern ihre Form. Das, was verborgen war, wird nicht plötzlich sichtbar, sondern kristallisiert sich langsam heraus.
Dieses Buch folgt dabei einem Rhythmus, der Aufmerksamkeit verlangt. Es liest sich nicht nebenbei. Jeder Absatz wirkt gesetzt, jede Erinnerung scheint bewusst nicht vollständig ausgesprochen. Die Sprache arbeitet mit Zwischenräumen, mit Andeutungen, mit einem Vertrauen darauf, dass Lesende selbst Formen erkennen können. Sie erinnert tatsächlich an Bildhauerei: nichts wird hinzugefügt – etwas wird abgetragen, bis sichtbar wird, was längst da war.
Besonders eindrucksvoll fand ich, wie Vergangenheit hier nicht als abgeschlossenes Ereignis erscheint, sondern als Material, das ein Leben unmerklich weiter formt. Das verborgene Schicksal steht nicht als dramatische Enthüllung im Raum, sondern als etwas, das Beziehungen, Entscheidungen und Selbstbilder über Jahrzehnte leise mitgestaltet hat.
Und dennoch bleibt dieser Roman nicht bei Schmerz oder Verlust stehen. Sein eigentliches Thema scheint mir etwas anderes zu sein: die vorsichtige Annäherung an die eigene Gestalt. Das Erkennen, dass Frieden nicht bedeutet, unversehrt zu sein, sondern aufzuhören, gegen die eigene Geschichte anzuleben.
Ein besonderes Buch. Kein schnelles Weglesen. Sondern eines, das Konzentration fordert und dafür eine stille, sehr nachhaltige Form von Schönheit hinterlässt.

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Veröffentlicht am 14.06.2026

Wenn Nähe zur Täuschung wird und jede Perspektive eine neue Wahrheit eröffnet

Geschwister
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Dieses Buch hat mich vor allem mit seiner Konstruktion beeindruckt. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so eindrücklich vor Augen führt, wie begrenzt die eigene Wahrnehmung bleibt. Selbst dann, ...

Dieses Buch hat mich vor allem mit seiner Konstruktion beeindruckt. Selten habe ich eine Geschichte gelesen, die so eindrücklich vor Augen führt, wie begrenzt die eigene Wahrnehmung bleibt. Selbst dann, wenn man überzeugt ist, einen Menschen verstanden zu haben.
Über weite Strecken entsteht eine enorme Nähe zur Protagonistin. Ihre Verletzungen, ihre Gedanken, ihre Empfindungen wirken nachvollziehbar und unmittelbar. Man liest nicht nur mit, man nimmt Partei. Man ärgert sich, wird wütend, empfindet Ungerechtigkeit und beginnt unbewusst, die Welt ausschließlich durch ihren Blick zu betrachten.
Und dann verschiebt sich etwas.
Mit den Perspektiven der Geschwister beginnt das Buch, sich neu zu schreiben. Nicht, weil frühere Gefühle falsch gewesen wären, sondern weil sie unvollständig waren. Menschen, die zuvor eindeutig erschienen, gewinnen plötzlich Brüche, andere Motive, andere Erinnerungen. Auch die Protagonistin selbst verändert sich nicht und wirkt gleichzeitig wie ein völlig anderer Mensch. Dieser Moment des Lesens war für mich der stärkste Teil des Buches: das Erkennen, wie schnell man sich selbst beim Urteilen auf nur eine Erzählung verlässt.
Besonders gelungen fand ich dabei die Darstellung von Familiengeschichte. Erinnerungen erscheinen nicht als objektive Wahrheit, sondern als etwas, das durch Nähe, Wissen, Schweigen und unterschiedliche Erfahrungen geprägt wird. Ein gemeinsames Familienleben existiert und dennoch erlebt jedes Kind eine andere Kindheit.
Das Buch zeigt sehr fein, wie tief Kindheitserfahrungen in das spätere Leben hineinwirken können. Nicht plakativ, nicht erklärend, sondern in den unterschiedlichen Wegen, wie Menschen mit Erlebtem umgehen, was sie erinnern, verdrängen oder daraus machen.
Ein Roman, der nicht nur von Geschwistern erzählt, sondern davon, wie fragil unsere Urteile über andere, und manchmal auch über uns selbst, sind.

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Veröffentlicht am 11.06.2026

Wenn das Leben leiser wird und plötzlich leichter

Alt genug
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Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah ...

Alt genug ist kein lautes Buch über das Älterwerden, sondern eines, das sich eher wie ein inneres Gespräch anfühlt – ehrlich, manchmal überraschend zärtlich, dann wieder scharf beobachtet und sehr nah an alltäglichen Gedanken, die viele lieber für sich behalten. Als Hörbuch, selbst gelesen von der Autorin, entsteht dabei eine besondere Intimität: die Stimme trägt die Ironie ebenso wie die kleinen Unsicherheiten, die zwischen den humorvollen Momenten immer wieder aufblitzen.
Im Kern kreist alles um diese Lebensphase, in der vieles nicht mehr neu, aber dafür klarer wird. Erwartungen verlieren an Gewicht, Rollenbilder werden durchlässiger, und plötzlich entsteht Raum für eine andere Form von Freiheit – eine, die nicht mehr laut beweisen muss, sondern einfach da ist. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und stiller Erkenntnis macht den Reiz aus. Es ist kein Werk, das große Lebenspläne entwirft, sondern eher eines, das kleine Verschiebungen im Inneren sichtbar macht.
Der Humor trägt viel durch das Hörbuch. Er ist nicht aufgesetzt, sondern wirkt wie ein natürlicher Reflex auf die Absurditäten des Alltags und der eigenen Gedankenwelt. Gleichzeitig gibt es Passagen, die kurz innehalten lassen – nicht dramatisch, sondern eher wie ein gedanklicher Nachhall. Genau diese Wechselwirkung sorgt dafür, dass das Hörbuch trotz seiner leichten Oberfläche nicht beliebig wirkt.
Am Ende bleibt der Eindruck eines sehr persönlichen, warmen und angenehm unprätentiösen Hörbuchs, das weniger erklären will als begleiten.

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