Profilbild von nessabo

nessabo

Lesejury Star
offline

nessabo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit nessabo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.08.2024

Ein Buch voller Sensibilität, Schmerz und Loyalität von einer unfassbar begabten Autorin

Taumeln
0

Ich bin komplett geflasht von „Taumeln“, obwohl ich anfangs aufgrund des wechselnden Erzähltempos nicht unbedingt damit gerechnet habe, dass es so ein Highlight wird. Aber was Sina Scherzant hier geschrieben ...

Ich bin komplett geflasht von „Taumeln“, obwohl ich anfangs aufgrund des wechselnden Erzähltempos nicht unbedingt damit gerechnet habe, dass es so ein Highlight wird. Aber was Sina Scherzant hier geschrieben hat, ist einfach nur bemerkenswert.

Zuerst einmal finde ich das Buch selbst wunderschön und haptisch richtig besonders. 💚
Inhaltlich geht es primär um die Suche nach Hannah, die seit 2 Jahren verschwunden ist. Und genauso lange begibt sich eine Gruppe von einander eigentlich fremden Personen rund um ihre Schwester Luisa jeden Samstag in den Wald und sucht sie.

Im Laufe der Handlung wird aber zunehmend klar, dass es gar nicht so sehr um Hannahs Verschwinden geht. Vielmehr dreht sich die Geschichte um die einzelnen Personen dieser Zweckgemeinschaft und darum, warum sie trotz aller Aussichtslosigkeit so beständig zusammenkommen. Scherzant stellt mit ganz viel emotionaler Sensibilität menschliche Einzelschicksale heraus, sodass die anfänglichen Nebenfiguren immer mehr zu Protagonist*innen werden.

Die Sprache des Romans ist bildlich, manchmal metaphorisch, die Tempi wechselnd und der Schreibstil phasenweise ausschweifend - Sätze über eine Seite sind keine Seltenheit. Das machte es mir mitunter schwer, gedanklich nicht den Faden zu verlieren, daher gebe ich auch nicht ganz die volle Punktzahl. Doch gleichzeitig bekommt das Buch dadurch an den richtigen Stellen eine Atemlosigkeit, die mich in die Handlung hineingesaugt hat.

Zu den Figuren konnte ich unterschiedlich viel Nähe aufbauen, aber wenn, dann war sie zerschmetternd. Die Autorin beschreibt die schlimmsten Zustände im Leben mit so viel Feingefühl, dass ich mehrfach zu Tränen gerührt war. Parallel dazu werden aber auch moralische Fragen universellen Mitgefühls und gesellschaftlicher Verantwortung behandelt.

Das Buch thematisiert die ganz verschiedenen Formen von Einsamkeit in unserer Gesellschaft, bietet aber auch Momente der Loyalität an, die richtig heilsam wirken. Achtet auf die Triggerwarnungen, aber lest „Taumeln“ unbedingt, wenn ihr euch emotional mitnehmen lassen wollt von einer Geschichte mit viel Aua-Aua, aber auch ein bisschen Heile-Heile. 🥺

.
.
TW:
.
.
häusliche Gewalt, Panikattacken, Depression, Vernachlässigung von Kindern

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.08.2024

Ein schwer zu beschreibendes Buch, in dem wenig und doch im Detail so viel passiert

Die Sache mit Rachel
0

Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil ...

Ich weiß nicht, ob mir eine Buchrezension schon einmal so schwer gefallen ist wie für „Die Sache mit Rachel“. Im ersten Viertel habe ich nämlich ein paarmal überlegt, den Roman abzubrechen. Nicht, weil er schlecht geschrieben wäre, aber ich konnte eine Weile wenig Kontakt zu den Figuren aufbauen und hatte keine Idee, wo die Handlung hingeht. Aber irgendetwas ist mit diesem Buch, denn es geht nicht nur mir so, dass mensch trotzdem nicht aufhören kann zu lesen.

Der Text ist aus Sicht von Rachel geschrieben, die hauptsächlich über die Zeit rund um 2010 in Cork erzählt. Die Perspektivlosigkeit einer ländlichen Gegend in Irland zu Zeiten der Finanzkrise spielt eine große Rolle, doch es geht auch um viele weitere Themen. Wie nebenher webt Caroline O’Donoghue bspw. Homofeindlichkeit und die Abtreibungsdebatte in dem katholisch geprägten Land ein.

Neben Rachel spielen auch ihr bester Freund James, der sich sehr früh als schwul outet, und ihr Professor Dr. Byrne eine große Rolle. Letzteren will Rachel mit Hilfe von James nämlich eigentlich verführen, aber das Ganze entwickelt sich in eine völlig andere Richtung.

Sprachlich wählt die Autorin eine direkt, manchmal vulgäre Sprache, die ich zum einen authentisch fand für eine 20-Jährige und außerdem gern mochte. Das ist sicherlich Geschmacksache. Zu Beginn habe ich mich mit einigen popkulturellen Referenzen schwer getan. Doch im Endeffekt muss mensch die auch gar nicht kennen, um der Handlung folgen zu können.

Vielmehr geht es nämlich um persönliche Schicksale und Entscheidungen, um das Leben in Perspektivlosigkeit sowie um Privilegien und Beziehungsdynamiken. Ganz besonders wichtig ist natürlich die Freund*innenschaft zwischen Rachel und James, mit der ich erst warm werden musste. Die Zuneigung der beiden ist nicht direkt greifbar, aber mit dem Kennenlernen der Figuren fiel es mir schwer, sie nicht gern zu haben, obwohl oder gerade weil sie irgendwie messy sind.

Ich war selten froh, ein Buch doch nicht abgebrochen zu haben. Hier bin ich es! Ja, mit den Figuren musste ich erst warm werden und ja, am Anfang hatte ich keine Idee, wohin genau die Geschichte gehen soll. Aber der Roman ist so sehr eine leichte Sommerlektüre wie er ein akkurates Bild der Zeit und des Ortes zeichnet, in denen er spielt. Mit kleinen Zeitsprüngen werden immer wieder Cliffhanger eingearbeitet, die mich das Buch irgendwann nicht mehr aus der Hand haben legen lassen. Und auch die Figuren sind irgendwie liebenswert und echt, auch wenn sie teilweise überspitzt gezeichnet sind. Dabei ist der Roman emotional nicht super tief, aber genau das fand ich passend zur Lektüre.

Die Geister scheiden sich an diesem Roman, ich fand in rückblickend wirklich gut. Eine sehr überraschende Leseempfehlung daher für Millennials und alle anderen, die eine leichte Lektüre suchen und kein Problem mit einer derben Sprache von unperfekten Charakteren haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.08.2024

Schöne Geschichte zu innerer Schönheit mit einigen Längen in der Umsetzung

A Beautiful Flaw
0

Ich fand das beschriebene Setting im Klappentext spannend und auch das Hauptthema zu "Was ist eigentlich schön" hat mich angesprochen. Außerdem wurde ein Vergleich zu Bridgerton gezogen und da bin ich ...

Ich fand das beschriebene Setting im Klappentext spannend und auch das Hauptthema zu "Was ist eigentlich schön" hat mich angesprochen. Außerdem wurde ein Vergleich zu Bridgerton gezogen und da bin ich natürlich sofort am Start. 😅

Die Geschichte lässt sich sprachlich gut lesen und besonders gut haben mir die Abschnitte mit den Drehbuchauszügen gefallen. Die Handlung wechselt zwischen den Perspektive von Vic und Lex, Sam kommt als Hauptdarstellerin der Serie und als Vics Schwester auch in ein paar Kapiteln zu Wort. An der Stelle habe ich aber bereits eine erste Kritik, denn ihre Sichtweise bleibt mir viel zu flach, eindimensional und langweilig. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Perspektive hätte auch gestrichen werden können und es hätte nichts an der Handlung verändert. Sam bekommt im nächsten Teil ja auch noch ihren Auftritt, das hätte meiner Meinung nach auch genügt. Vic und Lex sind als Figuren deutlich komplexer, doch auch sie konnte ich emotional nicht zu 100 % greifen bzw. waren sie mir ein wenig zu vorhersehbar. Ich mag aber auch ambivalente Figuren lieber, das sei zur Einordnung gesagt.

Trotz des zugänglichen Schreibstils und des hilfreichen Glossars hatte das Buch seine Längen, durch die ich mich phasenweise etwas durchbeißen musste. Auf den Themen "vergangene Traumata" sowie "innere Schönheit" wurde mir persönlich ein wenig zu intensiv herumgeritten und auch der Beziehungsaufbau zwischen Vic und Lex hätte für mich ein wenig mehr Dynamik haben können. Ein paar Inkonsistenzen/Fehler gab es auch im Roman, so wurde z. B. beschrieben, dass die Serienszenen oft gar nicht chronologisch zur Handlung gedreht werden, aber die Schlussszene wurde dann auf einmal doch ganz am Ende gedreht. Und so sehr das Glossar bei den Filmbegriffen hilft, bleibt für mich bspw. trotzdem offen, was mit "Cont'd" im Skript gemeint ist.

Die konkreten Unsicherheiten Vics können bestimmt vielen Menschen dabei helfen, sich gesehen und weniger allein zu fühlen. Auch, wenn das konkret mich persönlich nicht angesprochen hat, finde ich den Roman sehr wichtig. Die 4 Sterne sind aufgrunddessen etwas aufgerundet, da er für mich wie gesagt deutlich flüssiger und emotional zugänglicher hätte sein dürfen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.08.2024

Wirklich tolle Idee, doch leider zu kompliziert und wenig emotional umgesetzt

Das Verschwinden
0

Der Klappentext versprach mir eine feministische Dystopie mit utopischen Anteilen, deshalb habe ich mir das Buch auch gekauft. Doch meine Erwartungen wurden leider sehr enttäuscht.

Ich hatte zu keinem ...

Der Klappentext versprach mir eine feministische Dystopie mit utopischen Anteilen, deshalb habe ich mir das Buch auch gekauft. Doch meine Erwartungen wurden leider sehr enttäuscht.

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt wirklich einen angenehmen Lesefluss, nur am Ende wurde es für mich durch Evangelynes Vergangenheitsbewältigung kurz spannend. Die Handlung war mir zu sehr "irgendwo und nirgendwo" - dem Verlauf fehlte es mir an Stringenz und es gab zu viele Charaktere, die aber wiederum nicht wirklich Raum bekommen haben, um sich zu entfalten. Da mir außerdem Jane ziemlich unsympathisch war und Evangelyne sich überwiegend unnahbar angefühlt hat, habe ich zu keiner der Figuren eine emotionale Bindung aufbauen können.

Auch sprachlich fand ich das Buch anstrengend. Es fällt mir nicht leicht, mein exaktes Problem zu beschreiben, aber es wirkte phasenweise sehr sachbuchartig und vor allem in der Tiefe nicht sonderlich emotional. Vielleicht haben Menschen hier Freude, die eine experimentellere und nüchterne Sprache mögen. Als Liebhaberin einer klaren, emotional vielschichtigen Sprache und Handlung war ich hiermit leider unzufrieden.

Und dann habe ich abschließend das Gefühl, die Geschichte einfach nicht verstanden zu haben. Von den Enthüllungen Evangelynes habe ich mir eindeutig mehr Klarheit erhofft, stattdessen verbleibe ich nach dem Ende einfach mit 100 Fragezeichen im Kopf.

Ich gebe trotzdem wohlmeinende 2 Sterne für die Ideen, die im Roman stecken und für die komplexe Betrachtung unserer Welt. Sandra Newman verfällt nicht in vereinfachte Lösungsvorschläge und thematisiert nebenher rassistische Polizeigewalt ebenso wie Transgeschlechtlichkeit. In ihrer Vielfalt finde ich die ganzen Themen zwar oft zu lose in die Handlung eingewoben, aber ich möchte den Versuch trotzdem wertschätzen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.07.2024

Solide RomCom mit interessantem Setting, jedoch wenig emotionalem Tiefgang und Tension

An dir führt kein Weg vorbei
0

Ich habe die Geschichte zwar gut lesen können, bin aber emotional nicht so richtig reingekommen. Da gibt es im RomCom-Bereich Bücher, die mir persönlich besser gefallen.

Richtig gern mochte ich die zugrundeliegende ...

Ich habe die Geschichte zwar gut lesen können, bin aber emotional nicht so richtig reingekommen. Da gibt es im RomCom-Bereich Bücher, die mir persönlich besser gefallen.

Richtig gern mochte ich die zugrundeliegende Idee, dass die beiden einige der von ihrer Firma angebotenen Freizeitaktivitäten gemeinsam testen sollen, obwohl sie sich in einem direkten Konkurrenzkampf befinden. So gibt es einige lustige Dates/Nicht-Dates. Der Textfluss ist romcom-typisch leicht und ermöglicht ein schnelles Leseerleben.

Mir persönlich fehlte es aber an Tiefe. Weder habe ich so richtig eine sich aufbauende Spannung zwischen Marina und Lucas wahrgenommen, noch war es emotional sonderlich komplex. Das Enemies-to-Lovers war mir auch zu seicht und der beschriebene Konkurrenzkampf schien sich schnell erledigt zu haben. Enttäuscht war ich persönlich auch davon, dass der Spice komplett gefehlt hat, obwohl er sich gut in die Handlung hätte einfügen lassen. Irgendwie plätschert die Geschichte doch sehr vor sich hin und ich habe mich mehrfach beim unaufmerksamen Lesen ertappt, weil ich emotional einfach keine gute Bindung zu den Figuren aufbauen konnte.

Eine solide RomCom für alle, die es ziemlich vorhersehbar mögen und eine zarte Geschichte ohne Spice lesen möchten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere