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Veröffentlicht am 11.09.2025

Caroline Schmitt did it again!

Monstergott
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Caroline Schmitt hat mich schon mit ihrem Debüt „Liebewesen“ begeistern können und legt mit „Monstergott“ thematisch anders, aber nicht weniger genial nach. Ich bin und war schon immer Atheistin, stand ...

Caroline Schmitt hat mich schon mit ihrem Debüt „Liebewesen“ begeistern können und legt mit „Monstergott“ thematisch anders, aber nicht weniger genial nach. Ich bin und war schon immer Atheistin, stand einem Buch über die Dynamiken einer Freikirche daher interessiert und gleichzeitig wachsam gegenüber.

Ich erkenne in ihrem neuen Roman viel aus dem Vorgänger wieder und hoffe sehr darauf, dass sich dieser Stil auch in Zukunft verfestigt. Schmitt schreibt auf eine leise Art über ernste Dinge und setzt einen deutlichen Fokus auf Solidarität und menschliche Unterstützung. Dass sie es ohne extreme Dramaelemente trotzdem schafft, die sexistischen und queerfeindlichen Machtstrukturen religiöser Gemeinden am Beispiel einer Freikirche nicht nur abzubilden, sondern auch einzuordnen, spricht für ihr literarisches Talent.

Das Geschwisterpaar im Fokus, Ben und Esther, erzählt abwechselnd - ein Element, das ich sehr schätze, weil es Geschichten Vielschichtigkeit verleihen kann. Beide sind sehr fest in ihrem Glauben und der Gemeinde verwurzelt, Ben noch einmal mehr als Esther. Letztere begibt sich schon recht früh im Buch in ihren Abnabelungsprozess, weil ihr die patriarchale Auslegung der Bibel aufstößt.

Bens Prozess empfand ich als intensiver und um ein Vielfaches suggestiver. Schmitt deutet hier ganz viel nur an, wird am Ende aber doch klar genug. Auch generell würde ich sagen, dass der Roman seine finale Wirkung erst bei den Lesenden entfaltet und gar nicht einmal so viel klar vorgibt. Ich finde das insofern ausreichend, weil Schmitt es trotzdem schafft, ihre eigene Position zu vermitteln.

Ich habe noch nie Einblicke in religiöse Gemeinschaften gehabt, Kritik insbesondere an christlichen Institutionen aber natürlich zuhauf mitbekommen. Glaube sollte den einzelnen Personen vorbehalten sein, sobald Strukturen jedoch die Macht haben, das „richtiges“ Verhalten zu diktieren, richtet es meiner Meinung nach echten Schaden an. Und das sieht scheinbar auch die Autorin so.

Die Figuren sind vielschichtig und in ihrer teils tiefen Verzweiflung so greifbar, dass ich tatsächlich oft ergriffen war. Nicht zuletzt aufgrund der Liebe und Solidarität, die sich von Religionsvorgaben nicht begrenzen lässt - genau das braucht es, um Menschen von kirchlich geprägten Schuld- und Schamgedanken zu befreien. Außerdem stehen die Betroffenen und ihre Befreiungsgeschichte zu jedem Zeitpunkt im Zentrum - und nicht etwa Rache oder Abrechnung.

Caroline Schmitt schafft es erneut, mich restlos zu begeistern - und das bei einem Thema, dem ich durchaus skeptisch gegenüberstehe (der Glaube an Gott nimmt schon viel Raum ein). Sie schreibt auf eine beobachtende Art, die den Figuren Raum zum Fühlen und den Lesenden Raum für eigene Interpretationen lässt. Ihre Ironie setzt sie an den exakt richtigen Stellen ein, um die Schwere etwas aufzulockern. Ich würde jeden nächsten Roman der Autorin wieder ungesehen lesen!

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Ein fesselnder, bedrohlicher Roman - unter Vorbehalt

Heimat
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[Disclaimer: Die Autorin verpasst es meiner Meinung nach, die von Tradwifes/völkischem Denken ausgehende Gefahr klar abzubilden. Progressive Personen können dies wahrscheinlich für sich selbst weiterdenken, ...

[Disclaimer: Die Autorin verpasst es meiner Meinung nach, die von Tradwifes/völkischem Denken ausgehende Gefahr klar abzubilden. Progressive Personen können dies wahrscheinlich für sich selbst weiterdenken, aber Lühmann wird einer wichtigen Verantwortung hier nicht gerecht. Entsprechend sorgsam sollte das Buch besprochen werden.]

Ich fand den Ansatz eines Romans über die Dynamiken von Tradwifes, konkret auch auf Social Media, extrem spannend und mehr als zeitgemäß. Und ich bin überwiegend positiv überwältigt aus dem Roman gegangen, habe dann aber ein wenig zur Autorin recherchiert und weiß nicht mehr so recht, wie ich das Buch einordnen soll.

Erst einmal aber zum Buch: Hannah Lühmann kann zweifelsohne schreiben! Das Buch umfasst gerade einmal 170 Seiten und ist von einer solchen Dichte, dass es seinen Sog am besten entfalten kann, wenn es möglichst am Stück gelesen wird. Lühmanns Schreibstil lässt sich wohl am besten als immersiv bezeichnen, je weiter ich gelesen habe, desto größer wurde mein Gefühl von Beklemmung. Es liegt stetig ein Gefühl von Bedrohung in der Luft, weshalb ich auch nicht wirklich aufhören konnte zu lesen.

Die Autorin setzt eine Protagonistin in den Mittelpunkt der Handlung, die ich als irgendwie unpolitisch bezeichnen würde. Und das meine ich überhaupt nicht positiv (diese Einstellung können wir uns in einer Demokratie schlicht nicht leisten), ich finde das Fallbeispiel aber enorm spannend. Jana ist mit gewissen Dingen in ihrem Leben unzufrieden: die Beziehung zu Noah läuft nicht mehr so richtig, nun ist sie mit ihrem dritten Kind schwanger und fühlt sich irgendwie verloren. Die Nachrichten zu Attentaten und gewaltvollen Ausschreitungen in der Stadt helfen dabei auch überhaupt nicht weiter.

In dieser Situation, kurz nach dem Umzug des Paares auf’s Land, trifft sie Karolin, die ihr Leben als Fünffach-Mutter scheinbar völlig unter Kontrolle hat. Sehr gut abgebildet fand ich die Einflechtungen völkischen Gedankenguts („Urlaub in der Heimat“, „Frau ordnet sich dem Mann unter“, Kleidung …) und die Einblicke in die Dynamik von Algorithmen. Hier auf einen Link im Telegram-Kanal geklickt, dort ein neues fragwürdiges Profil empfohlen bekommen. Diese Hinweise innerhalb des Textes sind extrem subtil und gehen bei längeren Lesepausen ziemlich sicher ebenso verloren wie die Ambivalenz der Figuren. Während die neuen Freundinnen auf dem Dorf zunehmend deutlich mit der #noAfD sympathisieren, haben sie als Teil der wohlhabenden Mittelschicht bspw. kein Problem mit dem georgischen AuPair. Diese Doppelmoral fand ich fein herausgearbeitet.

Das Ende war mir persönlich zu abgedreht und es fügte sich nicht organisch in den vorherigen Stil ein. Ich habe regelrecht mit angehaltenem Atem auf die Auflösung (und Konsequenzen!) gewartet, wurde tendenziell aber eher enttäuscht. Nichtsdestotrotz fand ich die Themen des Romans vielfältig, packend und gut geschrieben. Die Autorin bleibt dabei oberflächlich, ja. Eine klare Einordnung gibt es nicht wirklich, weil die Protagonistin manche Dinge zwar hinterfragt, aber eben auch nicht wirklich in ihrer Tiefe reflektiert. Mir, als dahingehend sehr sensibilisierter Person, genügt es dennoch, weil ich die Gefahr aus genau dieser scheinbaren Harmlosigkeit herauslese.

Doch ich verstehe sehr gut, was daran kritisiert wird. Die Autorin schreibt etliche, teils gewaltvolle Andeutungen in ihren Text hinein, ohne sich dazu zu positionieren oder sie auch nur aufzulösen. Die Interpretation bleibt den Lesenden überlassen. Und so sehr ich das literarisch auch gut und wichtig finde, ist das bei diesem Thema in der aktuellen Zeit einfach nicht mehr genug. Die einzig dagegenhaltende Figur ist Noah und der kommt als irgendwie abwesender Vater nicht sonderlich gut weg. Alles, was sonst so an eventuellem linken Aktivismus stattfindet, wird maximal angedeutet und versandet in der Bedeutungslosigkeit.
Außerdem habe ich eigenartige Aussagen der Autorin selbst gefunden (aka „Tradwifes haben irgendwie auch recht“), zusätzlich schreibt sie für die EMMA, die u. a. bekannt ist für ihre islamfeindliche Position. Da entsprechende Aussagen gegenüber Migrant:innen auch in „Heimat“ vertreten sind, weiß ich nun nicht mehr, wie ich die Autorin einordnen soll. Denn ich bin davon überzeugt, dass Werk und Autor:in sich keinesfalls trennen lassen …

Rein literarisch war es für mich trotz des weirden Endes ein 5-Sterne-Read. Ich muss das Werk aber in Kontext setzen und ziehe dafür deutlich Sterne ab. Denn Tradwifes sind gefährlich - gerade in ihren Elementen, die irgendwie „richtig“ erscheinen. In einer komplexen und krisengeprägten Welt kann sich der Rückzug in eine Scheinkontrolle mit klaren Regeln und Überzeugungen verlockend anfühlen. Doch an diesem Punkt endet der Roman, weshalb die Thematik doch extrem verharmlost (wenn nicht gar romantisiert) wird. Da hätte so viel mehr Potenzial drin gesteckt!

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Eine unterhaltsame Kurzgeschichte auf literarischem Topniveau

Hieb und Strich
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Ich habe von Margaret Atwood vorher tatsächlich noch nichts gelesen, aber zu Kurzgeschichten kann ich nur schwer Nein sagen. Und was soll ich sagen: Schreiben kann diese Frau auf jeden Fall!

Atwood erzählt ...

Ich habe von Margaret Atwood vorher tatsächlich noch nichts gelesen, aber zu Kurzgeschichten kann ich nur schwer Nein sagen. Und was soll ich sagen: Schreiben kann diese Frau auf jeden Fall!

Atwood erzählt auf einem sehr hohen literarischen Niveau, was diese Kurzgeschichte wirklich sehr dicht macht. Manche Sätze sind so lang und verschachtelt, dass ich sie doppelt lesen musste. Aber insgesamt fand ich das in dem Umfang sehr in Ordnung, einen 300-Seiten-Roman hätte ich so eher ungern gelesen.

Besonders gefallen hat mir auch Atwoods Humor. Eine feine Ironie zieht sich durch die Handlung und die ernsthaften Elemente des Textes dabei keineswegs ins Lächerliche, sondern ergänzt sie um eine unterhaltsame Komponente.

Dass Menschen hier mehr Crime erwartet hätten, kann ich aufgrund des Klappentextes verstehen. Ich bin kein Krimi-Fan, sodass diese Abweichung für mich durchaus positiv war.

Gespickt ist der Text mit ein paar politischen Überlegungen. Manche Elemente habe ich nicht ganz verstanden, etwa die (eventuelle?) Infragestellung von Gender. Hier konnte ich nämlich nicht wirklich rauslesen, ob es sich um die Einstellung der Autorin oder eine ironische Überspitzung handelt. Insgesamt nimmt das alles jedoch weniger Raum ein als die Solidarität unter Freundinnen - aber auch Fragen rund um Schuld und Rache bzw. Wiedergutmachung.

Am Ende lässt die Kurzgeschichte so manches offen und ist doch gleichzeitig handlungstechnisch abgeschlossen. Ein solides und kurzweiliges Werk der Autorin, die mich mit ihrem literarischen Talent und feinen Humor neugierig auf Mehr gemacht hat.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Freundlichkeit, Lebensweisheiten und eine gute Portion Spiritualität

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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Ich habe bereits einige vergleichbare Bücher aus Japan gelesen und erkenne bei diesem koreanischen Roman viele Elemente wieder. Bei dieser Art Literatur geht es weniger um vielschichtige, tiefgründige ...

Ich habe bereits einige vergleichbare Bücher aus Japan gelesen und erkenne bei diesem koreanischen Roman viele Elemente wieder. Bei dieser Art Literatur geht es weniger um vielschichtige, tiefgründige Protagonist:innen und vielmehr um Weisheiten für das eigene Leben, die selbst interpretiert werden können. Das hat immer etwas Philosophisches, in diesem Fall spielt auch Spiritualität eine größere Rolle. Das muss mensch sich vorher schon bewusst machen, um nicht mit den falschen Erwartungen in die Lektüre zu starten.

Ab und zu finde ich solche Romane wirklich sehr nett. „Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ ist meiner Meinung nach eines der besseren Werke dieser speziellen Sparte. Zum einen finde ich es originell, die Geschichten der Verstorbenen ausgehend von einem Gebäck kennenzulernen und damit auch gleich einen Exkurs in die koreanische Küche zu haben. Außerdem mochte ich den Ansatz der Autorin, verschiedenen Formen von Liebe Raum zu geben. Diese lässt sich eben nicht nur in romantischen Beziehungen finden, sondern auch zwischen Geschwistern oder Freund:innen. Nach dem Verlust eines gebliebten Menschen tut es immer gleich weh - ganz egal, um welche Beziehung es sich nun genau gehandelt hat.

Gut zu wissen ist sicherlich auch, dass wir hier vielmehr eine Sammlung in sich abgeschlossener Lebensgeschichten haben, die über das Setting und die Protagonistin Yeonhwa sacht miteinander verbunden sind. Ich fand das sehr in Ordnung, aber es lässt sich darüber natürlich auch keine tiefe Verbundenheit zu den Figuren herstellen. Die Kapitel sind kurzweilig und da wir alle wissen, dass es auf eine noch zu identifizierende Art nicht gut ausgeht, entsteht eine angenehme, nicht angespannte Spannung beim Lesen. Ein wiederkehrendes Problem ist auf jeden Fall mangelnde Kommunikation.

Buddhismus und damit Spiritualität spielen schon eine wirklich große Rolle und ich bin davon ehrlicherweise gar kein großer Fan. Irgendwie war es hier aber sympathisch umgesetzt und ich kann es als einen Teil der Lebensrealität vieler Menschen so hinnehmen. Yeonhwa bleibt beim Lesen wie erwartet eher distanziert - das mag auch einfach an kulturellen Unterschieden liegen. Am Ende bekommen wir aber immerhin einen genaueren Einblick in ihr Schicksal, das hat mir gut gefallen, wenn es auch alles etwas arg schnell ging. Ein paar mehr Seiten und ein wenig mehr Tiefe hätten hier nicht geschadet.

Enttäuscht war ich von der Rolle der Katze - hier habe ich mir einfach mehr erhofft. Und so komplett rund war die Erzählung für mich am Ende auch nicht, obwohl die Autorin überraschend viele Stränge noch zusammengeführt hat.

Alles in allem ein wirklich kurzweiliger und netter Read, aus dem sich sicherlich einige Menschen etwas mitnehmen können. Gerade für Trauernde kann das Buch vielleicht auch eine heilsame Erfahrung sein. Literarisch ist es nun wahrlich kein Meisterinnenwerk, aber das muss ja auch nicht immer der Fall sein. Mit meinen aus Erfahrung stammenden angepassten Erwartungen habe ich das Buch recht gern gelesen.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Eine der besten Anthologien und ein Lese-Muss

Angry Cripples - Stimmen behinderter Menschen gegen Ableismus
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Diese Anthologie habe ich fast in einem Zug gelesen! Das liegt an den wirklich herausragend kuratierten Beiträgen, die sich überwiegend sehr leicht lesen lassen und ein vielschichtiges Bild von den Lebensrealitäten ...

Diese Anthologie habe ich fast in einem Zug gelesen! Das liegt an den wirklich herausragend kuratierten Beiträgen, die sich überwiegend sehr leicht lesen lassen und ein vielschichtiges Bild von den Lebensrealitäten behinderter, chronisch kranker und neurodivergenter Menschen zeichnen. Zwei Beiträge sind in Bildform, der Rest in kurz gehaltenen Texten gestaltet.

Wie immer und völlig akzeptabel bei Anthologien: Manche Texte haben mich mehr erreicht als andere. Die Beiträge von Chris Lily Kiermeier, Jasmin Dickerson, Irina Angerer und Tanja Kollodzieyski haben mich besonders begeistert.

Das Buch sollte nicht als ein Einstiegswerk zum Thema Ableismus verstanden werden. Es ist vielmehr eine unglaublich wichtige Ergänzung zum theoretischen Wissen, für das ich bspw. „Behindert und Stolz“ von Luisa L’Audace empfehlen kann. Denn die reine Theorie kann uns als Gesellschaft nicht ausreichend weit bringen, wenn wir unter Ableismus leidenden Menschen in ihrer Vielfalt nicht zuhören. Und genau das schafft dieses Werk auf kurzweilige und eindringliche Art.

Absolute Empfehlung!

P.S.: Vom Umgang der Herausgeberinnen mit den Vorwürfen gegen einen der Autoren können sich richtig viele Menschen im Literaturbereich etwas abgucken! Der Betroffenen wurde geglaubt und der entsprechende Beitrag ab der folgenden Auflage sowie dem Hörbuch (das sowieso zu empfehlen ist) gestrichen. So und nur so sollte es sein!

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