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Veröffentlicht am 06.08.2025

Ein Werk mit sanfter Unterhaltung und klugen Gedanken

Ja, nein, vielleicht
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Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.

Knecht ...

Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.

Knecht zeigt hier, dass sie eine Meisterin der Autofiktion ist. „Das Leben mit der Erfindung vermischt“ schreibt die Autorin (oder die Protagonistin?) selbst im Text und das trifft es auf den Kopf. Immer wieder streut sie Überlegungen zu den Figuren ein, über die ein Absatz weiter oben noch ganz normal geschrieben wurde. Was Figur und was Autorin ist, verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit. Ich finde das irritierend, aber auf eine gute Art.

Der Text plätschert zwar schon vor sich hin, strotzt aber auch nur so vor kluger Gedanken. Ich bin zwar deutlich jünger als die Protagonistin, finde es aber bereichernd, von einer solchen Figur zu lesen. Einen besonderen Fokus legt die Autorin in ihrem aktuellen Werk auf die Stellung romantischer Paarbeziehungen. Warum richten sich selbst absolut unabhängige, im Leben stehende Frauen in Bezug auf Aussehen und Verhalten plötzlich wieder so stark auf einen Mann ein, der in ihr Leben tritt? Warum gilt die monogame Zweierbeziehung als die unantastbare Königin aller Beziehungen? Und welchen Wert haben andere Lebensentwürfe?

Ich habe die Gedanken als sehr fundiert empfunden. Sie entspringen einem individuellem Umstand, das strukturelle Problem dahinter wird aber stets klar. Nebenbei geht es auch um Themen wie Machtmissbrauch, Sexismus und MeToo. Das Ende der Handlung hat mich sehr zufrieden hinterlassen und ich wünsche mir mehr Bücher wie dieses.

Ein wenig oft wurde mir das Wort „triggern“ abseits seiner eigentlichen Bedeutung verwendet. Das Hörbuch ist sehr passend eingesprochen von Nina Petri, die stimmlich perfekt zur Protagonistin passt. Für mich hätte es noch ein wenig lebhafter sein können und die Abgrenzung zu den anderen Figuren war nicht immer so klar, aber insgesamt empfehle ich auch das Hörbuch.

Der Roman ist ein Plädoyer fürs Alleinsein bei gleichzeitiger Gemeinschaft, die wiederum viel größer gedacht wird als romantische Paarbeziehungen. Eine Versicherung, dass Männer keinesfalls ein Heilversprechen sind und es doch auch okay ist, dass wir den patriarchalen Strukturen zumindest gedanklich manchmal nachgeben. Der Text liefert keine fertigen Antworten zu diesem Thema, ich konnte für mich aber klare Schlussfolgerungen mitnehmen.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Eine unglaublich gut konstruierte Geschichte mit geschickter Spannung und viel Menschlichkeit

Das Geschenk des Meeres
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Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch ...

Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch abbildet, das Werk aber sprachlich sehr greifbar belässt. Außerdem ist die Bildsprache des Romans eine, die ihresgleichen sucht.

Ganz zentral für diesen Meeresroman ist seine Stimmung. Gefühlt spielt sich alles im eisigen, chaotischen Winter ab, sodass die Atmosphäre ebenso bedrohlich wie dicht ist. Bemerkenswert fand ich außerdem die Figurenzeichnung: einerseits für die damalige Zeit auf frustrierende Art authentisch (Aus heutiger Sicht sind so einige Handlungen der Frauen wirklich zum Haare raufen!), andererseits mit ganz viel Liebe und Tiefgang. Selbst die kleinste Nebenfigur erhält Vielschichtigkeit, was es den Lesenden unmöglich macht, klare Urteile zu fällen.

Besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach die tragende Hauptfigur. Dorothy ist phasenweise eine etwas unzuverlässige Erzählerin (womit ich üblicherweise meine Probleme habe), doch das wird am Ende sehr einfühlsam und glaubwürdig aufgelöst. Ich war durchgängig absolut bei ihr und habe ihr jede Erzählung geglaubt - damit war ich dann manchmal auch ebenso überrascht wie sie selbst. Die Entwicklung der Figur ist makellos, während trotzdem auch nicht alles auserzählt wird. Sie wird keine moralisch perfekte Protagonistin, sondern eine Figur mit Schmerz und Freude gleichermaßen. Sie überwindet durch einen neuen Schmerz einen noch viel größeren und das war schlicht beeindruckend geschrieben. Ich habe sie unglaublich gern begleitet.

Der Verbund der Dorfgemeinschaft ist in seiner Dynamik außerdem äußerst reizvoll. Dank geschickter Rückblenden baut die Autorin nicht nur eine Spannung auf, die für einen tollen Lesesog sorgt, sondern entwickelt auch das glaubwürdige Bild einer solchen Gemeinschaft. Dabei sind die grundlegenden Aussagen des Romans absolut zeitgemäß: Wenig ist so, wie es scheint und wir sollten miteinander ins Gespräch kommen, statt uns auf unserem ersten Urteil über andere auszuruhen.

Die Autorin schafft es, auch mit wenigen Worten viel zu sagen. Immer wieder webt sie geschickt kleine Details ein, die in ihrer Tragweite für die Figuren enorm sind. Es macht richtig Spaß, gerade auch im Austausch mit anderen, diese Suche nach Handlungssegmenten zu starten. Ich bin völlig geflasht von der Vielzahl der Themen, die die Autorin dadurch in diese zu Beginn einfach erscheinende Geschichte einbaut.

Eine klare Empfehlung für dieses Buch, das in irgendeiner Form ein Familienroman ist, wenn auch nicht auf die typische Weise. Fans von vielschichtigen Figuren und einer melancholischen Bildsprache werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Die Handlung driftet bei allem Drama nie ins Überladene ab und sorgte bei mir gerade zum Ende hin für einen echten Kloß im Hals.

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Veröffentlicht am 05.08.2025

Ein literarisches Eintauchen in das Collegeleben der 90er mit subtilem Tiefgang

Mein letztes Jahr der Unschuld
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Daisy Alpert Florin hat hier einen gut lesbaren Roman geschrieben, der oft leise daherkommt, auf eine ganz subtile Art aber mit Spannungsmomenten und einigem Tiefgang aufwartet.

Ich fand es schon einmal ...

Daisy Alpert Florin hat hier einen gut lesbaren Roman geschrieben, der oft leise daherkommt, auf eine ganz subtile Art aber mit Spannungsmomenten und einigem Tiefgang aufwartet.

Ich fand es schon einmal toll, mit Isabel einer jüdischen Studierenden zu begegnen und so auch immer wieder Einblicke in jüdische Traditionen, Lebensweisen und Sprache zu bekommen. In ihrem Leben ist das Jüdischsein aber auch einfach ein Teil ihrer komplexen Identität und das finde ich insgesamt authentisch ausgearbeitet.

Ein Element, zu dem die Autorin immer wieder greift, ist eine sanfte Art des Foreshadowing. Manchmal nur in einem Nebensatz entfaltet das beim Lesen eine tolle Wirkung und ordnet das Geschehen noch einmal zusätzlich ein, ohne zu viel vorwegzunehmen. Denn immer wieder müssen wir uns hier meToo-Fragen stellen. Den irgendwie verkrampften Sex mit dem Kommilitonen ordnet Isabel später anders ein als sie es direkt im Nachgang tut. Die gesellschaftlichen Dynamiken und das innere Zurechtreden, das in den 90ern wohl noch einmal mehr Realität war als jetzt, tun weh, obwohl oder gerade weil sie sprachlich gar nicht so laut formuliert sind.

Generell ist Subtilität ein tragendes Element der Handlung. Viele Figuren bekommen später zusätzliche Aspekte, sodass wir ihre Rolle retrospektiv noch einmal überdenken können/sollen. Die Konstellation aus Studentin und Professor sowie die damit einhergehende Machtdynamik ist literarisch natürlich nicht neu, doch Florin hat sich ihr auf eine vorsichtige und sprachlich tiefe Weise angenommen. Dass sowohl die Protagonistin angehende Autorin ist als auch die Autorin selbst logischerweise schreibt, spiegelt sich im wiederkehrenden Deep Dive zu den Themen Literatur und Schreibprozess wieder. Mein Interesse liegt da nicht unbedingt, weshalb ich das manchmal etwas langatmig fand, aber für viele ist es sicher ein spannender Einblick.

Neben der zentralen Affäre spielen aber auch andere Themen eine Rolle. Isabel befindet sich in einer fragilen Zeit des Erwachsenenwerdens und ich war wieder einmal froh, diese hinter mich gebracht zu haben. Es gibt außerdem familiäre Auseinandersetzungen, häusliche Gewalt sowie die Frage, was Männer tun, um sich gegenseitig zu schützen. Auch Depressionen werden nebenbei, aber sehr authentisch dargestellt. In all dem lotet die Protagonistin geschickt aus, was sie eigentlich vom Leben möchte und was Konsens genau bedeutet - und beantwortet das für sich manchmal erst viel später, manchmal auch gar nicht.

Wer einen Collegeroman lesen möchte, der einen leisen Tiefgang sowie politische Relevanz besitzt, kann beruhigt zu diesem Werk greifen. Er ist ganz sicher nicht DER meToo-Roman schlechthin, greift Fragen rund um dieses Thema aber auf jeden Fall auf und hat mich dahingehend gut unterhalten. Manchmal schweift er vielleicht ein wenig ins Leben der Protagonistin ab, aber ich finde diese Darstellung nicht schlecht, sondern eine echte literarische Bereicherung.

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Veröffentlicht am 02.08.2025

Tolle Unterhaltung mit starken Figuren

People Person
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Ich mochte "Queenie" bereits gern und habe mich von "People Person" ähnlich gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist ein wahres Plädoyer für Zusammenhalt - in diesem Fall innerhalb einer Blutsverwandtschaft, ...

Ich mochte "Queenie" bereits gern und habe mich von "People Person" ähnlich gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist ein wahres Plädoyer für Zusammenhalt - in diesem Fall innerhalb einer Blutsverwandtschaft, die bis zum auslösenden Moment der Handlung keine große Rolle spielte. Als es aber hart auf hart kommt, halten die Geschwister zusammen. Für mich wirft die Geschichte einen Blick darauf, was Familie bedeutet und wie sie ausgestaltet sein kann.

Zu Beginn des Romans war ich erst ein wenig ernüchtert, weil mir die Storyline nun schon wiederholt begegnet ist und ich sie ein wenig auserzählt finde. Doch es wird zum Glück anders aufgelöst, sodass ich insgesamt versöhnt war. Sie Skurrilität der Situation und die absolute Ernsthaftigkeit, mit der die Geschwister ihr begegnen, ist unterhaltsam und trifft meinen Humor sehr gut.

Gleichzeitig fand ich die Figuren total stark geschrieben! Alle Geschwister haben ihre ganz eigenen Charakterzüge, die mir (fast) alle auch wirklich sympathisch waren. Wir bekommen hier viel sensible Männlichkeit und solidarische Frauen - genau sowas möchte ich viel öfter lesen! Mich hat der Zusammenhalt unter den Geschwistern sehr empowert. Außerdem flicht die Autorin immer wieder gesellschaftskritische Aspekte wie z. B. rassistische Polizeigewalt oder häusliche Gewalt ein.

Mein einziger Wermutstropfen ist, dass für mein Empfinden die Auseinandersetzung mit dem Vater viel zu zurückhaltend war. Seine Figur hat mich bis auf's Blut gereizt und ich sag mal so: Ich wäre ihm ganz anders begegnet! 🤬

Nichtsdestotrotz eine tolle Unterhaltung mit authentischen, liebenswerten Figuren und ganz viel Solidarität - klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Innovative Idee und guter Auftakt, dann aber mit deutlichen Schwächen

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Ich fand die Figurenkonstellation des Romans wirklich äußerst reizvoll. Zwei Frauen treffen in einem Luxus-Hotel aufeinander. Während die eine ihre minutiös geplante, glamouröse Hochzeit feiern möchte, ...

Ich fand die Figurenkonstellation des Romans wirklich äußerst reizvoll. Zwei Frauen treffen in einem Luxus-Hotel aufeinander. Während die eine ihre minutiös geplante, glamouröse Hochzeit feiern möchte, ist die andere nur für ihren Su!zid gekommen. Leider hat der Roman für mich aber zu sehr an der Oberfläche gekratzt, sodass das Potenzial der Idee für mein Empfinden nicht annähernd ausgeschöpft wurde.

Den trockenen Humor der Geschichte mochte ich wirklich gern, fand ihn im Vergleich zum emotionalen Tiefgang aber schlicht zu dominant. Phoebe ist eine richtig interessante, smarte Figur und wie über sie Depressionen dargestellt werden, hat mir gut gefallen. Dafür kann es gar nicht genug authentische Repräsentation geben! Und doch blieb sie mir bis zum Schluss einfach zu distanziert. Auch die Beziehung zwischen Phoebe und Lila wurde an ihrem Potenzial vorbei geschrieben und neben der zweifelsfrei existierenden humorvollen Ebene habe ich eine emotionale Verbundenheit sehr vermisst.

Dabei werden neben psychischer Gesundheit auch einige andere ernste Themen behandelt wie der Tod einer Beziehungsperson oder unfreiwillige Kinderlosigkeit. Und auch den Ansatz einer Sozialkritik mit dem satirischen Blick auf reiche Menschen mochte ich. Doch es fehlte mir einfach der Spark. Mit überspitzten Figuren habe ich in einer Satire kein Problem, doch das ist es irgendwie nicht, was der Roman primär vorgibt zu sein. Ihm fehlt meiner Meinung nach eine gesunde Balance zwischen ernstem Tiefgang und auflockernden Elementen.

Streckenweise ist „Wedding People“ sicherlich gute Unterhaltung und einige Male habe ich dank des gut geschriebenen Humors geschmunzelt. Aber dann gab es auch Phasen, in denen ich quergelesen habe, weil es mir zu platt und langatmig war. So ganz wusste ich bis zum Schluss nicht, wo die Geschichte eigentlich hinmöchte. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen aufgrund des Marketings für dieses Buch auch einfach hoch angesetzt. Für einen lockeren oder packenden Summer-Read würde ich das Buch nicht wirklich empfehlen.

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