Profilbild von reni74

reni74

Lesejury Star
offline

reni74 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit reni74 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.04.2022

Nichts bleibt für immer verborgen

Das versunkene Dorf
0

Als Polizist hat man einen äußerst gefährlichen Job, das muss leider auch Noemie Chastain erleben, als ein Einsatz gründlich schief läuft. Sie bleibt zwar im Dienst, wird aber in die tiefste französische ...

Als Polizist hat man einen äußerst gefährlichen Job, das muss leider auch Noemie Chastain erleben, als ein Einsatz gründlich schief läuft. Sie bleibt zwar im Dienst, wird aber in die tiefste französische Provinz abgeschoben. Die Polizeistation in ihrer neuen Heimat auf Zeit soll eigentlich geschlossen werden, viel zu selten passiert hier etwas und dann entdeckt ein Angler ein mysteriöses Fass im Stausee über einem, vor Jahren gefluteten, Dorf.

Um die Energieversorgung sicherzustellen wird oft sehr umfangreich in die Umwelt eingegriffen. Beim Tagebau verschwinden so ganze Ortschaften und auch beim Errichten von Staudämmen kommt es vor, das Orte geflutet werden und andernorts neu entstehen. Ein solches Szenario macht sich der Autor in seinem Krimi zu Nutzen und verknüpft es sehr geschickt mit einer Cold Case Ermittlung rund um die Entführung mehrerer Kinder.

Die Geschichte ist von der ersten Seite an spannend erzählt. Im Prolog legt der Autor ein unglaubliches Tempo vor und zieht den Leser in die Ereignisse hinein, die wie im Film vor dem inneren Auge ablaufen. Obwohl es dann im weiteren Verlauf ruhiger wird, ganz der idyllischen Atmosphäre der Provinz angepasst, bleibt die Grundstimmung immer etwas bedrohlich und geheimnisvoll.

Der Autor versammelt in seinem Buch einige interessante Figuren, allein Kommissarin Chastain ist so vielschichtig, durch ihre Erlebnisse traumatisiert, zerrissen, aber auch sensibel und zerbrechlich. Ihre Figur polarisiert, innerhalb und außerhalb des Buches. Ihr zur Seite gestellt ist der unglaublich witzige Psychologe Melchior, der ein tolles Gegengewicht bildet. Dazu die Bewohner des Dorfes Avalon, im Fokus natürlich die Eltern der verschwundenen Kinder, die so unterschiedlich mit dem Verlust umgehen.

Das Buch ist recht klassisch aufgebaut, das Szenario um einen traumatisierten Ermittler aus der Großstadt, der in die Provinz versetzt wird und dort Staub aufwirbelt nicht unbedingt neu, aber der Autor hat bei der Interpretation alles richtig gemacht und schafft es seine Leser von der ersten Seite an zu packen. Das Setting, die Figuren, die Geschichte sind stimmig, bei einem Teil der Auflösung hat der Autor dann allerdings die ein, oder andere Schleife eingebaut, die ich persönlich jetzt nicht unbedingt gebraucht hätte. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch in einem Rutsch gelesen und könnte mir den Stoff auch gut als Verfilmung vorstellen. Bin gespannt, ob es mehr von Noemie Chastain geben wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2022

Ironische Selbstreflexion

Lecko mio
0

Auch Weltenbummler werden alt und wenn man, wie Helge Timmerberg Schriftsteller ist, dann philosophiert man darüber in einem Buch und teilt so seine Gedanken über das Altern mit der Welt.

Ich habe über ...

Auch Weltenbummler werden alt und wenn man, wie Helge Timmerberg Schriftsteller ist, dann philosophiert man darüber in einem Buch und teilt so seine Gedanken über das Altern mit der Welt.

Ich habe über die Jahre einige von Timmerbergs Büchern gelesen, mit viel Begeisterung, denn seine Art zu schreiben hat mich immer schon mitgenommen. Auch hier ist man sofort drin in seinem Kopf, der zugegebenermaßen oft ziemlich wirres Zeug von sich gibt, aber eben auch total witzig und oft auch durchaus tiefgründig. Die Lektüre gleicht einem wilden Ritt, atemlos versucht man Schritt zu halten mit den bunten Gedankenbildern.

Timmerberg geht hier mit sich selber ins Gericht, kennt seine Fehler und Schwächen genau und bringt sie dem Leser mit einer gehörigen Portion Selbstironie näher. Man erfährt viel persönliches über den Autor, wenn er mit kleinen Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Auch im Alter bleibt sich der Autor treu, erzählt unverblümt von seinem Drogen - und Alkoholkonsum, oder seinen Problemen mit dem Gendern. Natürlich kann man ihm jetzt Ignoranz vorwerfen, zu laschen Umgang mit kontroversen Themen, Homophobie, ein nicht mehr zeitgemäßes Frauenbild, allerdings muss ich sagen, der Mann ist siebzig, ein Virtuose auf dem Gebiet der Reiseliteratur, er darf eine eigene Meinung haben, er darf sein Rebellenimage weiter pflegen, er tut dies eh mit einem Augenzwinkern und dafür mag ich ihn.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2022

Idylle? Nur auf den ersten Blick!

Hamdraht
0

Die Uhren ticken anders im beschaulichen Südburgenland und nun hat ein Zugereister hier mitten im Nirgendwo ein Wellnesshotel eröffnet. Die Gäste sollen hier entschleunigen und sich mit Kräuter-Küche, ...

Die Uhren ticken anders im beschaulichen Südburgenland und nun hat ein Zugereister hier mitten im Nirgendwo ein Wellnesshotel eröffnet. Die Gäste sollen hier entschleunigen und sich mit Kräuter-Küche, oder Blaufränkisch-Bädern verwöhnen lassen. Die Einheimischen stehen dem natürlich skeptisch gegenüber und als es direkt beim Probelauf eine Leiche gibt, beginnt die Fassade zu bröckeln.

Hamdrath ist bereits der zweite Gartenkrimi von Martina Parker, ich habe den Vorgänger nicht gelesen und für die in sich abgeschlossene Geschichte war das jetzt auch nicht unbedingt nötig. Der Leser trifft hier viele bekannte Gesichter rund um Journalistin Vera und die Mitglieder im Club der grünen Daumen. Die Figuren, die die Autorin hier geschaffen hat sind so wunderbar skuril und besonders. Großartig ausgebaute Charaktere, liebenswert, teils bitterböse, sympathisch, unsympathisch, manchmal etwas überspitzt und vielleicht auch etwas Klischee, aber eben im positiven Sinne und nie drüber.

Die Autorin hat eine sehr mitreißende Art zu schreiben, manchmal sind ihr die Worte dabei etwas ausgeufert. Ich habe dafür totales Verständnis, geht mir persönlich auch oft so. Leider hatte das Buch für mich dadurch ein paar unnötige Längen und ein bisschen Straffung hätte ich hier besser gefunden. Jedem Kapitel sind kleine Weisheiten vorangestellt, hier erfährt der Leser wissenswertes und witziges aus der Tierwelt. Witziges Detail, allerdings für mich nicht halb so amüsant, wie die Gedanken einer Wasserleiche, die in kurzen Zwischenspielen zu Wort kommt. Der Humor hier ist ganz meins und macht den Krimi aus.

Endlich wieder ein Krimi, der sich abhebt von der Masse, voller hintergründigem Humor, trotzdem aber spannend mit hinreißenden Figuren und viel Lokalcholorid. Ich werd mir jetzt schnellstmöglich den ersten Teil besorgen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2022

Das reizend kann täuschen

Lauter reizende alte Damen
0

Tommy Beresford besucht seine Tante Ada in ihrer Seniorenresidenz. Die alte Dame hat so ihre Eigenheiten, ist spitzzüngig und nicht unbedingt umgänglich, gerade Tommys Frau bekommt das zu spüren. Aus diesem ...

Tommy Beresford besucht seine Tante Ada in ihrer Seniorenresidenz. Die alte Dame hat so ihre Eigenheiten, ist spitzzüngig und nicht unbedingt umgänglich, gerade Tommys Frau bekommt das zu spüren. Aus diesem Grunde bleibt sie allein im Salon zurück und kommt hier mit einer anderen, reizenden Bewohnerin ins Gespräch. Ein Gespräch, dass Tuppence ins Grübeln bringt und bald einige Kreise zieht.

Tommy und Tupperence Beresford bilden ein weiteres Ermittlerduo im Krimiuniversum von Agatha Christie. Es macht allerdings den Anschein, als gingen diese Beiden gegenüber den Berühmtheiten Miss Marple und Hercules Poirot etwas unter und tatsächlich gibt es hier einige Unterschiede. Die Beiden sind ein Ehepaar und der Leser lernt sie schon in recht jungen Jahren kennen, auch bringen sie beruflich einen gewissen Hintergrund in die Geschichten ein, den sie arbeiten während des Krieges im Auftrag der britischen Regierung beim Geheimdienst. Ihre Fälle sind daher auch öfter politisch angehaucht, oder im Spionagebereich angesiedelt. Mich hat das bei früheren Büchern etwas abgeschreckt, war mir meist zu kompliziert und die richtige Krimispannung fehlte mir.

In diesem Buch sind die Titelhelden bereits gealtert und gerade Tuppence hadert damit etwas, das ist dann auch der Grund, warum sie sich so in das Verschwinden der alten Dame aus dem Seniorenheim hineinsteigert. AC schöpft hier wieder aus dem Vollen und legt Spuren, gibt Hinweise, schürt Verwicklungen und verwirrt so nicht nur ihre Hauptfigur erfolgreich, sondern zeitweise auch den Leser. Das Buch ist, passend zu den Figuren, etwas anders aufgebaut als ihre anderen Krimis. So fehlt zb am Ende die typische Zusammenkunft, um den Mörder zu entlarven.

Mit der Auflösung des Falls erstaunt die Autorin, löst viele der losen Enden und bringt Ordnung ins Chaos. Die Auflösung ist mir persönlich jetzt vielleicht nicht ganz lückenlos, aber letztlich raffiniert erdacht und spannend umgesetzt.

Agatha Christie gilt nicht ohne Grund als die Queen of Crime. In diesem Buch sieht man wie sie ihre Art zu schreiben an ihre verschiedenen Ermittlerfiguren anpasst. Es wird so nie monoton für den Leser und man entdeckt seine Lieblingsautorin vielleicht nochmal ganz neu. Ich auf jeden Fall.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.03.2022

Nicht alles golden im Berlin der Zwanziger

Der blonde Hund
0

In einer kalten Novembernacht landet ein bayrischer Journalist in einem Berliner Kanal. Kommissar Spiro und sein Kollege Bohlke werden mit den Ermittlungen betraut. Zuerst scheint der Fall klar und der ...

In einer kalten Novembernacht landet ein bayrischer Journalist in einem Berliner Kanal. Kommissar Spiro und sein Kollege Bohlke werden mit den Ermittlungen betraut. Zuerst scheint der Fall klar und der Tote Opfer eines Raubüberfalls geworden zu sein, doch schon bald stößt Spiro auf Ungereimtheiten. Zeugen blocken ab, erzählen nur die halbe Wahrheit und beteuern immer wieder, welch angesehene Person der Tote gewesen ist, obwohl die Ermittlungen ein ganz anderes, eher unrühmliches Bild zeichnen.

Der blonde Hund ist bereits der dritte Fall um den Ermittler Ariel Spiro. Das Buch erzählt einen in sich angeschlossenen Fall und kann gut einzeln gelesen werden. Der Leser sollte sich allerdings nicht wundern, wenn die Lust auf die Vorgänger geweckt wird.

Die Autorin schreibt spannend und packend, der Leser wird eingesogen in die Zeit der goldenen Zwanziger in Berlin. Golden ist hier aber nur die Fassade, den auf den zweiten Blick entpuppt sich schnell, welcher Schmutz sich in den opulenten Salons der feinen Gesellschaft verbirgt.

Die Kriminalgeschichte führt den Leser durch ganz Deutschland und gibt Einblick in geschichtliche Hintergründe, die mir teilweise unbekannt waren. Sehr eindrucksvoll gelingt es der Autorin die überall sichtbaren Zeichen des beginnenden Nationalsozialismus in die Geschichte einzubauen, ebenso die Sorglosigkeit mit der diesem Phänomen begegnet wird. Mit meinem heutigen Wissen wollte ich die Figuren mehr als einmal zurufen - wacht auf, tut das nicht ab, seid wachsam, aber es hätte eh nichts genützt. Ich habe fast bestürzt registriert, dass es viele Parallelen zum heutigen Umgang mit solchen politischen Strömungen gibt und wie gefährlich es ist, diese zu verharmlosen, oder zu ignorieren.

Kerstin Ehmer hat einen sehr spannenden klassischen Krimi mit historischen Bezügen geschrieben. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass dies nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre ist, in diesem Fall aber war ich direkt in der Lektüre drin und konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Die Verbindung von Kriminalfall, Figuren und Zeitgeist ist unglaublich gut gelungen. Die Nebenschauplätze um Spiros Beziehung zu Nike, deren Abstecher ins Übersinnliche, oder Bohlkes Aufarbeitung seiner Kriegserlebnisse runden die Geschichte perfekt ab.

Das Buch ist ein echter Tipp für Krimifans, der hoffentlich noch einige Fortsetzungen bekommt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere