Veränderte Sichtweise
Der AugenblickEine junge Mutter erlebt das Schlimmste überhaupt, den Verlust ihres Kindes. Der kleine Marcel wird seiner schlafenden Mutter aus dem Kinderwagen gestohlen und wenig später tot im Wald gefunden. Eine unsagbare ...
Eine junge Mutter erlebt das Schlimmste überhaupt, den Verlust ihres Kindes. Der kleine Marcel wird seiner schlafenden Mutter aus dem Kinderwagen gestohlen und wenig später tot im Wald gefunden. Eine unsagbare Tragödie, die letztlich die ganze Familie in den Abgrund reißt und auch die beteiligten Ermittler, allen voran Hauptkommissarin Alexandra Keller, nicht kalt lässt.
Autorin Irene Matt hat hier augenscheinlich einen Krimi zu einem sehr schweren Thema geschrieben und vielleicht ist da zu Anfang auch direkt eine Triggerwarnung angebracht, den die Autorin beschreibt nicht nur die eigentliche Tat der Kindstötung sehr bildlich. Dadurch, dass ihr Buch über weite Strecken die Therapiesitzungen der Täter begleitet, werden so schlimme und gleichzeitig sensible Themen angesprochen, dass man bei entsprechender Vorbelastung das Buch lieber nicht lesen sollte.
Auf dem Cover, das mich vom Desgin ehrlicherweise ein bisschen an eins meiner alten Schulbücher erinnert, wird das Buch als Roman charakterisiert, auf dem Buchrücken ist dann der Begriff Therapie-Krimi zu lesen. Hierunter konnte ich mir erstmal so gar nichts vorstellen und um so gespannter war ich auf die Story. Das Buch beginnt wie ein klassischer Krimi, der Leser ist direkt im Geschehen und begleitet den Täter bei seiner Tat. Wärend man nun aber auf die üblicherweise folgenden Ermittlungen wartet, geht die Autorin einen vollkommen anderen Weg. Ich muss zugeben, dass ich hier erstmal etwas verstört war, bin dann aber recht gut mit der Neuausrichtung zurecht gekommen. Der eingängige Schreibstil der Autorin ist hierbei eine große Hilfe, er nimmt den Leser mit in die Situation der Therapiegespräche, in die Psyche der Täter, wie auch der Opfer. Die ruhige Art der Autorin hätte ich in einer herkömmlichen Krimihandlung vielleicht schon als langatmig bezeichnet, hier passt sie aber gut um die benötigte Nähe zu den Figuren zu erzeugen. Eine große Rolle spielt hierbei natürlich die Frage nach der Schuld der Täter und der angemessenen Strafe, aber eben auch nach einer möglichen Resozialisierung, statt dem obligatorischen Wegsperren.
Die Thematik ist nicht einfach und sorg mit Sicherheit für Kontroversen. Auch ich war beim Lesen hin und hergerissen, natürlich schreit alles in mir - sperrt ihn ein und schmeisst den Schlüssel weg -, aber so einfach ist es eben nicht immer und das zeigt die Autorin mit viel Fingerspitzengefühl.
Ich kannte bereits andere Bücher der Autorin und habe im Nachhinein festgestellt, dass ich auch Hauptkommissarin Alexandra Keller bereits aus einem anderen, später erschienenen Buch kenne. Es war sehr interessant für mich sie hier mal ganz anders zu erleben. Generell war die Geschichte ganz anders, als ich es erwartet hätte und sie zeigt mir, wie wandelbar die Autorin ist. "Der Augenblick" hat mich betroffen gemacht, mich emotional aufgewühlt und zum grübeln gebracht. Ich habe definitiv nicht das bekommen, was ich als Krimileserin ursprünglich erwartet habe, aber wenn man sich auf die Geschichte einlässt, hallt sie noch lange nach. Wer dann lieber wieder eine klassischere Ermittlung möchte, dem empfehle ich ein Wiedersehen mit Alexandra Keller in "Nichts Drin" und "Schohnungslos offen".