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Veröffentlicht am 23.12.2025

Skandinavisch düsterer, beklemmender Psychothriller um ein mörderisches Versteckspiel

Der Kuckucksjunge
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Im Mai 1992 spielt eine Schulklasse während eines Ausflugs in der Nähe von Roskilde Verstecken, wobei einer der Schüler eine Leiche im Schilf entdeckt.
Über 30 Jahre später erhält Silje Thomson unheimliche ...

Im Mai 1992 spielt eine Schulklasse während eines Ausflugs in der Nähe von Roskilde Verstecken, wobei einer der Schüler eine Leiche im Schilf entdeckt.
Über 30 Jahre später erhält Silje Thomson unheimliche Drohungen eines Stalkers in Form eines Kinderreims und wird später ermordet aufgefunden. Naia Thulin, die sich nach dem spektakulären Fall des "Kastanienmannes" in die Abteilung für Cybercrime hat versetzen lassen, um mehr Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, wird unfreiwillig zusammen mit Mark Hess mit den Ermittlungen betraut. Während ihrer Arbeit stoßen sie auf weitere Opfer von Stalking, bei denen sich die Nachrichten ähneln und auf denselben Täter schließen lassen.
Zeitgleich versucht Marie Holst, deren Tochter vor über zwei Jahren einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, das bisher nicht aufgeklärt werden konnte, alles, damit der Fall nicht in den Akten verschwindet.

Nicht als Buchreihe deklariert, handelt es sich bei "Der Kuckucksjunge" nicht um einen Nachfolgeband von "Der Kastanienmann", baut jedoch auf den Ereignissen auf und involviert die gleiche Mordkommission.

Nach dem Prolog aus Mai 1992, der mit einem Leichenfund endet, setzt die gegenwärtige Handlung an Valentinstag über 30 Jahre später ein. Eine Frau wird seit Wochen von einem Unbekannten verfolgt, der sie mit Fotos und Nachrichten in Angst und Schrecken versetzt. Die Frau kann nur noch tot aufgefunden werden und es folgen weitere Opfer.

Der Thriller wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert, was für Dynamik und anhaltende Spannung sorgt. Neben den umfangreichen Einblicken in die schwierigen Ermittlungen, verleihen die bewegenden Sichtweisen der Opfer, die von ihrem Peiniger gedemütigt und auf Schritt und Tritt verfolgt werden, Gänsehaut. Ein weiterer Erzählstrang handelt von Marie, die geblendet von Wut und Trauer nach dem Mörder ihrer Tochter sucht und dabei den Weg von Thulin und Hess kreuzt.

Auch wenn ein Muster erkennbar ist, nach dem sich der Täter seine Opfer aussucht, bleibt seine Identität bedeckt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, um weitere Opfer zu verhindern und das perfide Versteckspiel zu beenden.

Der Thriller ist skandinavisch düster und beklemmend. Der Täter ist manipulativ und scheint den Ermittlern trotz akribischer Recherchen immer einen Schritt voraus.
Die Geschichte ist nicht explizit brutal, sondern sorgt subtil für Nervenkitzel. Durch den Einfluss des Privatlebens der beiden Hauptfiguren verliert der Roman in Bezug auf die Fallaufklärung zwar an Tempo, macht die Geschichte durch die menschliche Komponente aber authentischer und die Ermittler nahbarer.

"Der Kuckucksjunge" ist ein vielschichtiger, durchweg spannender Psychothriller mit realistischen Ermittlungen, der für Nervenkitzel sorgt und mit einer schlüssigen Auflösung der Zusammenhänge und des Mordmotivs überzeugt.

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Veröffentlicht am 20.12.2025

Ehrliches und warmherziges Porträt über den Wandel der Ehe im Verlauf der letzten Jahrzehnte - humorvoll und mit Lokalkolorit vom Niederrhein

Mädelsabend
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Ruth und Walter sind seit knapp 65 Jahren verheiratet und wohnen seit Kurzem in einem Seniorenstift bei Xanten. Während Ruth nach einem Unfall zu Hause dort regelrecht aufblüht und ihre neu gewonnen Freiheit ...

Ruth und Walter sind seit knapp 65 Jahren verheiratet und wohnen seit Kurzem in einem Seniorenstift bei Xanten. Während Ruth nach einem Unfall zu Hause dort regelrecht aufblüht und ihre neu gewonnen Freiheit sowie die sozialen Kontakte genießt, möchte Walter wieder zurück in seine gewohnte Umgebung und Ruth wie schon seit jeher bevormunden.
Sara, die ein enges Verhältnis zu ihren Großeltern hat, sieht sie dort gut aufgehoben. Sie selbst ist Ärztin, derzeit in Elternzeit und glücklich mit Sohn Paul und ihrem Lebensgefährten Lars. Als sie ein Angebot für ein Stipendium in Cambridge erhält, muss sie sich entscheiden, ob sie für ihr berufliches Vorankommen ihre kleine Familie gefährdet.

Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden weiblichen Hauptfiguren Ruth und Sara geschildert. Neben der gegenwärtigen Handlung gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, die Aufschluss über das Eheleben von Ruth und Walter geben, die 1953 geheiratet haben.

Die Geschichte spielt am Niederrhein und sprüht vor Lokalkolorit und Liebe für die Figuren. Gerade die älteren Charaktere haben ihren ganz eigenen Charme und gestalten die Geschichte lebendig.
Wie die Autorin in ihrer Danksagung erwähnt, ist die Geschichte aus dem Leben gegriffen und wirkt trotz manch skurriler Einfälle lebensecht und authentisch.

Neben dem Älterwerden geht es insbesondere um Beziehungen und Partnerschaft, Rollenbilder sowie Selbstverwirklichung, Emanzipation und dem Wunsch nach Freiheit. Dabei wird der Wandel der Gesellschaft und die Stärkung der Frauenrechte plastisch durch die Ehe von Ruth und Walter sowie die Beziehung von Sara und Lars dargestellt. Die unterschiedlichen Generationen stehen auch für die unterschiedlichen Vorstellungen von Ehe. Obschon patriarchale Strukturen oder gar Gewalt in Beziehungen gegenwärtig keinen Platz mehr haben, ist es dennoch für Frauen schwer, für ihre Wünsche einzustehen und Familie und Beruf zu vereinbaren.

Die Charaktere sind nahbar und ihre inneren Konflikte sehr gut nachzuempfinden. Sara kämpft mit einem schlechten Gewissen, während Ruth gegen ihren Mann aufbegehrt. Trotz aller Fortschritte in Sachen Emanzipation ist es für beide schwer, Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen.

Die Geschichte beschreibt ernste Themen auf humorvolle Weise. Sie ist ein ehrliches und warmherziges Porträt über den Wandel der Ehe im Verlauf der letzten Jahrzehnte, über die Fortschritte, die errungen wurden, aber auch die Notwendigkeit eines alltäglichen Kampfes zum Erhalt dafür.

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Hoffnungsvoller Familienroman über belastete Mutter-Tochter-Beziehungen aus der Sicht von vier Generationen

Für immer wir
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Grace ist für ihre 89 Jahre topfit. Sie lebt alleine in der Pension an der walisischen Küste, die sie lange für Gäste betrieben hat und geht zweimal in der Woche schwimmen. Ihren 90. Geburtstag möchte ...

Grace ist für ihre 89 Jahre topfit. Sie lebt alleine in der Pension an der walisischen Küste, die sie lange für Gäste betrieben hat und geht zweimal in der Woche schwimmen. Ihren 90. Geburtstag möchte sie nicht feiern, rechnet jedoch nicht mit den Plänen ihrer Enkelin Elin, die ihrer geliebten Grama eine große Überraschungsfeier mit all ihren Freunden und Bekannten bereiten möchte.
Graces einziger Wunsch ist die Versöhnung mit ihrer Tochter Alys, zu der sie seit 30 Jahren keinen Kontakt hat. Als sie zufällig ihre Adresse ausmacht, da sie als Künstlerin bekannt geworden ist, schreibt sie Alys einen Brief und lädt sie ein, ohne Elin Bescheid zu geben. Elin wurde von ihrer Mutter Alys bitter im Stich gelassen und wollte bei ihrer Tochter alles besser machen. Ihre inzwischen 16-jährige Tochter Beca ist von den Erwartungen ihrer Mutter überfordert und fühlt sich vor allem hinsichtlich ihrer schulischen Leistungen unter Druck gesetzt. Dass ihr Vater akut in der Midlife Crisis steckt, macht die Situation nicht einfacher.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht aller vier Frauen erzählt - vier Frauen, die unmittelbar miteinander verwandt, aber doch so unterschiedlich sind. Die Kapitel sind jeweils kurz, die Geschichte abwechslungsreich und vielschichtig, da die Frauen an unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen. Jede hat ihre eigenen Probleme und dazu kommen die Konflikte, die zwischen ihnen schwelen.

Die Geschichte ist warmherzig geschrieben und lebendig. Die Charaktere sind individuell gestaltet und wirken durch die tiefen Einblicke in ihre Leben, Gedanken und Gefühle lebensecht und nahbar. Die Rückblenden in die Vergangenheit offenbaren die ganze Familiengeschichte und welche Missverständnisse und Zerwürfnisse zwischen den einzelnen Generationen stehen.

Es ist ein Familienroman über belastete Mutter-Tochter-Beziehungen, über Enttäuschungen, Verrat und Überforderung, aber auch über unerschütterliche Mutterliebe, das enge Band einer Familie und das Wiederaufstehen nach dem Scheitern. Man fühlt mit den Charakteren und bleibt gespannt bis zum Schluss, wie die Frauen ihre inneren Dämonen bezwingen und ob es noch nicht zu spät für eine Versöhnung mit der abtrünnigen Alys ist.

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Kniffliger Cold Case mit vielen Verdächtigen, der beide Ermittler auch emotional involviert

Das Grab von Trueslow Hall -
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1999 verschwindet die Archäologin Nazma Kirmani bei Ausgrabungen auf dem Anwesen Trueslow Hall spurlos. Die örtliche Polizei geht der Vermisstenanzeige nach, aber nachdem die Frau in London bei einer Polizeistation ...

1999 verschwindet die Archäologin Nazma Kirmani bei Ausgrabungen auf dem Anwesen Trueslow Hall spurlos. Die örtliche Polizei geht der Vermisstenanzeige nach, aber nachdem die Frau in London bei einer Polizeistation vorstellig wird und auch Nachrichten an eine Freundin verschickt hatte, dass es ihr gutgehe, wird von einer freiwilligen Auszeit ausgegangen. Doch Nazma wird nie wiedergesehen und ihre Familie hat nie geglaubt, dass sie ohne ein Wort weggelaufen wäre.
Über 20 Jahre später wird ein verwitterter Rucksack der jungen Frau gefunden, der Zweifel hegt, ob nicht doch ein Verbrechen stattgefunden haben könnte. DI Lockyer und DC Broad nehmen die Ermittlungen in dem Cold Case-Fall auf, um herauszufinden, was damals wirklich mit Nazma passiert ist.

"Das Grab von Trueslow Hall" ist nach "Der Tote von Wiltshire" und "Die Morde von Salisbury" der dritte Band der Cold-Case-Krimireihe um den erfahrenen Ermittler DI Matthew Lockyer und seine jüngere Kollegin Gemma Broad. Da das Privatleben beider Hauptfiguren eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ist es empfehlenswert, die ersten beiden Bände zu kennen.

Der Kriminalfall ist in sich abgeschlossen und von einer typisch für einen Cold Case gemächlichen Entwicklung geprägt. Nach über 20 Jahren sind viele Spuren verwischt und Lockyer und Broad sind insbesondere auf die Aussagen von Zeugen und Bekannten des möglichen Opfers angewiesen, die nicht unbedingt vertrauenerweckend sind. Je mehr Details die beiden Ermittler über Nazmas Beziehungen herausfinden, desto mehr Personen wirken verdächtig. Es gilt eine komplexe Kette von Ereignissen zu entwirren, die möglicherweise relevant sein können, wobei die Ermittler Lockyer und Broad wiederholt in Sackgassen landen.

Auch in diesem Fall wird deutlich, wie schwierig es nach so vielen Jahren ist, kleinste Puzzleteile richtig zusammenzusetzen. Durch die Ungewissheit über Nazmas Verbleib und die Anzahl an verdächtigen Personen, ist es spannend zu rätseln, was 1999 wirklich passiert ist.
Die Gegenwart handelt im Jahr 2020 und setzt kurz vor dem zweiten Lockdown im November ein. Die Corona-Pandemie drückt auf die Stimmung, birgt aber den Vorteil, dass Zeugen in der Regel einfach zu Hause anzutreffen sind.

Die klassische Polizeiarbeit ist realitätsnah dargestellt und zeugen von einer guten Intuition des Inspectors. Die persönlichen Geschichten der beiden Hauptfiguren werden fortgesetzt, wobei Lockyers Gedanken über seine erzwungene Vaterschaft phasenweise zu viel Raum einnehmen. Broads Schwierigkeiten im Zusammenleben mit ihrem dominanten Freund bleiben zunächst hintergründig. In beiden Fällen sind die Auswirkungen auf die Ermittlungen zu spüren, denn sowohl Lockyer als auch Broad werden auch emotional in die Fallaufklärung hineingezogen.
Das Ende kann als Ausblick auf einen vierten Band gewertet werden, indem Lockyer die Chance erhält, seinen persönlichsten Fall lösen zu können - die Aufklärung des Tods seines Bruders.

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Veröffentlicht am 13.12.2025

Ein Unfall und die Folgen - enttäuschend ermüdende und dennoch lückenhafte Erzählung über Schuld und Trauma

Leuchtfeuer
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Am 27. August 1985 versursacht Theo Wilf einen Unfall, bei dem die Freundin Misty Zimmerman ums Leben kommt. Theo ist erst 15 Jahre alt und hat keinen Führerschein, seine 17-jährige Schwester Sarah, die ...

Am 27. August 1985 versursacht Theo Wilf einen Unfall, bei dem die Freundin Misty Zimmerman ums Leben kommt. Theo ist erst 15 Jahre alt und hat keinen Führerschein, seine 17-jährige Schwester Sarah, die ebenfalls im Auto saß, hatte ihm den Schlüssel gegeben, da sie selbst getrunken und ihn zu einer Mutprobe überreden wollte. Um Theo zu schützen, übernimmt Sarah die Schuld. Ihr Vater Ben Wilf, der Art ist, eilte noch zur Unfallstelle, konnte Misty jedoch nicht retten. Die Familie schweigt über die Unfallnacht und lebt fortan mit der Last der Falschaussage. Die Schuld droht vor allem Theo und Sarah noch Jahre später zu zerbrechen, während Bens Ruf als Arzt schwer beschädigt ist.

Der Roman handelt auf mehreren Zeitebenen und wird nicht rein chronologisch erzählt. Ausgehend von dem Unfall im Sommer 1985 springt der Roman in die Jahre 1999, 2010, 2014 und 2020 und wird dabei aus wechselnden Perspektiven der handelnden Personen erzählt.
Im Kern geht es dabei nicht nur um die Familie Wilf und die Folgen ihrer Schuld und des Schweigens, sondern auch um die Familie Shenkman, die in den 1990er in die Nachbarschaft gezogen ist. Ben hilft Silvester 1999 bei der Geburt des kleinen Waldo und begegnet ihm zehn Jahre später wieder. Waldo ist ein hochbegabter, aber einsamer Junge, der unter der Strenge seines Vaters leidet. Ben ist der erste, der Waldo, der sich so leidenschaftlich für die Sterne und das Universum interessiert, wirklich zuhört.

Der Roman handelt von Schuld, einem unverarbeiteten Trauma und einem lebenslangen schlechten Gewissen. Was im Sommer 1985 passiert ist, wird nach außen ausgeblendet, ist jedoch innerlich weiterhin vorhanden und bestimmt die Lebenswege der Beteiligten.
Familie Shenkman hat damit gar nichts zu tun, weshalb der Klappentext falsche Erwartungen weckt und irritierend ist. Die Begegnung zwischen Ben Wilf und Waldo Shenkman löst keine Kette von Ereignissen aus und steht mitnichten in einem Zusammenhang mit dem verheerenden Unfall oder den Folgen.

Nur rein oberflächlich kommt zum Tragen, wie Sarah und Theo mit ihrer Schuld umgehen, wie sie selbst blockiert sind oder welche Art selbstzerstörerisches Verhalten sie an den Tag legen. Darüber hinaus handelt der Roman, der sich zeitlich über 50 Jahre erstreckt, von Krankheiten und Todesfällen unabhängig des Unfalls und verliert sich auf den letzten 50 Seiten in den Gedanken der Figuren und ihrem Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Verbindung der beiden Familien Wilf und Shenkman hat sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen und hatte für mich deshalb keinen Mehrwert. Die Geschichte um Schuld und Verantwortung blieb lückenhaft und unrund. Das Potenzial der Ausgangssituation für eine spannende und dramatische Familiengeschichte wurde enttäuschend unzureichend ausgeschöpft und entwickelt nicht das Signal eines Leuchtfeuers.

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