Profilbild von schnaeppchenjaegerin

schnaeppchenjaegerin

Lesejury Star
offline

schnaeppchenjaegerin ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit schnaeppchenjaegerin über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.04.2021

Drei unterschiedliche, berührende Frauenschicksale geben der Frauenbewegung eine Stimme- aufschlussreich, kraftvoll und spannend geschildert

Die Frau auf dem Foto
0

Veronica "Vee" Moon ist eine berühmte Pressefotografin, die den Höhepunkt ihrer Karriere von den 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre feierte. 1968, als sie noch verlobt und als Hochzeitsfotografin aktiv ...

Veronica "Vee" Moon ist eine berühmte Pressefotografin, die den Höhepunkt ihrer Karriere von den 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre feierte. 1968, als sie noch verlobt und als Hochzeitsfotografin aktiv war, lernte sie die Journalistin und Feministin Leonie Barratt kennen. Die beiden freunden sich an, sie leben sogar einige Jahre gemeinsam in einer Wohnung, Vee bewundert Leonie und ist gar ein bisschen verliebt in sie. Durch Leonie schließt sie sich ebenfalls der Frauen-Befreiungsfront an und wird Teil einer Bewegung, die davon träumt, die Welt zu verändern.
Im April 2018 plant die studierte Historikerin und Kuratorin Erica, die Nichte von Leonie, die auf dem Dachboden ihrer Mutter eine Kiste von Leonie mit Fotos und Andenken von Vee gefunden hatte, eine Retrospektive über Veronica Moon. Sie möchte ihr Lebenswerk ausstellen und trifft sich mehrere Wochen vor der Ausstellung, um diese zusammen mit Vee vorzubereiten und auch Vee erstmalig kennenzulernen. Die ältere Dame, die seit Jahren die Öffentlichkeit gemieden hat, ist zunächst zurückhaltend, erzählt aber dann die Geschichten zu den Fotos und öffnet damit Erica die Augen, sich mehr für ihre Rechte als Frau einzusetzen. Nur über die Umstände des Todes von Leonie macht sie ein Geheimnis und möchte nicht darüber sprechen.

"Die Frau auf dem Foto" ist ein Roman, der anhand der fiktiven Biografien der Fotografin Veronica Moon und der Journalistin und Buchautorin Leonie Barratt die Geschichte der Frauenbewegung ab Ende der 1960er-Jahre darstellt. Er handelt auf zwei Zeitebenen und erzählt in der Vergangenheit die Lebensgeschichten von Vee und Leonie. Die Gegenwart dreht sich um die Vorbereitung der Foto-Ausstellung und Erica als nächste Generation von Frauen, für die sich während der vergangenen 50 Jahre erschreckend wenig verändert hat. Aus feministischer Sicht herrscht noch lange keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, Frauen werden in die Mutterrolle gedrängt, schlechter bezahlt und auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert.

Der Roman ist abwechslungsreich gestaltet, um reale Ereignisse mit der Geschichte zu verknüpfen und den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit anschaulich darzustellen. Die beiden Erzählstränge werden durch Leonies Kolumne "Dear John" - Briefe einer Feministin, einen Abriss geschichtlicher Ereignisse zu der betreffenden Zeit in Großbritannien, durch Beschreibungen der Fotos der Ausstellung, die überwiegend den Protest der Feministinnen darstellen sowie durch Ausschnitte aus Vees Lehrbuch über Fotografie unterbrochen. Dies stört den Lesefluss jedoch in keiner Weise, sondern macht die Geschichte noch bildhafter und authentischer.
Die Charaktere sind vielschichtig, nicht immer sympathisch, wirken damit aber besonders lebensecht. Selbst wenn man ihre Entscheidungen nicht immer gutheißen mag, kann man sie aus ihrer Perspektive nachvollziehen.
Durch die Umstände von Leonies Tod, über den Vee nicht sprechen kann, und die Frage, warum sie letztlich die Fotografie aufgeben, sich öffentlich zurückgezogen und nicht weiter für eine Gleichberechtigung der Geschlechter gekämpft hat, wird neben der streitbaren Thematik zudem Spannung erzeugt.
Der Roman schildert drei unterschiedliche, berührende Frauenschicksale und gibt der Frauenbewegung damit eine Stimme. Neben allen Erfolgen demonstriert er jedoch auch, dass das Ziel der Frauenbewegung und der Kampf gegen die Diskriminierung der Hälfte der Weltbevölkerung noch lange nicht erreicht ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.04.2021

Der aufregendste Band der Reihe, mit dem alle Unklarheiten der Vorgängerbände um die getarnte Blumenhändlerin beseitigt werden

VANITAS - Rot wie Feuer
0

Nachdem Carolins Tarnung als Blumenhändlerin in Wien aufgefallen ist, flüchtet sie vor dem russischen Karpin-Clan und der österreichischen Polizei, die sie wegen Mordes sucht nach Frankfurt. Von ihrem ...

Nachdem Carolins Tarnung als Blumenhändlerin in Wien aufgefallen ist, flüchtet sie vor dem russischen Karpin-Clan und der österreichischen Polizei, die sie wegen Mordes sucht nach Frankfurt. Von ihrem Beschützer, dem BKA-Beamten Robert Lesch kann sie keine Unterstützung mehr erwarten. Auf sich alleingestellt, beschließt sie, die Flucht nach vorn anzutreten. Sie möchte sich an den Karpins rächen, indem sie die Clan-Fehde mit der Konkurrenz, den albanischen Malakyans weiter anheizt. Sie beherrscht ihre Codes und verschickt Botschaften um die Karpins zu provozieren. Dabei muss sie auch selbst getarnt in diversen Verkleidungen in Erscheinung treten, um ihren Plan zielgerichtet umzusetzen.

"Rot wie Feuer" ist der abschließende dritte Band der "VANITAS"-Trilogie. Im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden, die durch polizeiliche Ermittlungen wie Kriminalromane aufgebaut sind, ist der dritte Teil ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel m Umfeld der Organisierten Kriminalität von Drogendealern und Schutzgelderpressern.
Carolin wirkt nahbarer und man erfährt noch mehr Details aus ihrer Vergangenheit als Dokumentenfälscherin bei den Karpins, die sie endlich hinter sich lassen möchte, um wieder frei zu leben. Statt sich ins Ausland abzusetzen, schwört sie auf Rache und spielt den russischen Clan gegen den albanischen aus. Dabei entwickelt sie unaufhörlich neue Ideen, wodurch sich der Thriller rasant entwickelt. Spannung und Nervenkitzel sind durchgängig hoch, da sich Carolin in ständige Gefahr begibt. Ihr Wunsch nach Vergeltung ist jedoch größer als ihre Angst - und das in einem Umfeld von äußerster Brutalität und Gewalt, die zwar nicht im Detail, aber dennoch grausam beschrieben wird. Weder die Karpins, noch die Malakyans schrecken vor Folter oder Mord zurück, Gewalttaten werden von ihnen geradezu zelebriert.
Auch wenn man nachvollziehen kann, dass Carolin einen Weg der Gewalt gehen muss, um sich von ihren Peinigern endgültig zu befreien, geht sie doch ein enormes Risiko ein und hat bei ihren gefährlichen Aktionen unwahrscheinlich viel Glück, was den dritten Teil am wenigsten realitätsnah macht. Die Mitglieder der Clans empfand ich zudem etwas plump und stereotyp dargestellt.

"Rot wie Feuer" ist der aufregendste Band der Reihe, mit dem alle Unklarheiten der Vorgängerbände beseitigt werden und der die Geschichte um die getarnte Blumenhändlerin in sich stimmig und rund macht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2021

Konfliktgeladene Mutter-Tochter-Beziehungen über alle Generationen hinweg - empathisch, aber leider auch etwas oberflägen über alle Generationen hinweg - empathisch, aber leider auch etwas oberflächlich geschrieben

Die Frauen von Kilcarrion
0

Kate ist Mitte 30 und alleinerziehende Mutter einer 16-jährigen Tochter. Im Streit hatte sie schwanger mit 18 Jahren ihr Elternhaus verlassen und sich geschworen, mit ihrer Tochter alles anders zu machen. ...

Kate ist Mitte 30 und alleinerziehende Mutter einer 16-jährigen Tochter. Im Streit hatte sie schwanger mit 18 Jahren ihr Elternhaus verlassen und sich geschworen, mit ihrer Tochter alles anders zu machen.
Als Kate ihren langjährigen Freund Geoff verlässt, um mit einem jüngeren Partner wieder neu anzufangen, nehmen die Konflikte mit ihrer Tochter Sabine zu, die dafür kein Verständnis mehr hat. Sabine fährt zu ihren Großeltern nach Irland, die sie vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Sie weiß nicht, was zwischen ihnen und ihrer Mutter vorgefallen ist und wird von Joy und Edward wenig herzlich in Empfang genommen. Die strengen Regeln auf Gut Kilcarrion schrecken sie ab, dass sie ihren Aufenthalt vorzeitig beenden möchte. Doch dann findet sie alte Fotos von ihren Großeltern und ihrer Mutter und findet damit nach Startschwierigkeiten einen Zugang zu ihrer Großmutter, die ihr von ihrer Liebe zu ihrem Ehemann, einem stattlichen Offizier, und der aufregenden Zeit in den 1950er- und 1960er-Jahren in der britischen Kronkolonie Hongkong erzählt.
Doch erst als Edward im Sterben liegt und auch Kate auf Gut Kilcarrion eintrifft, schafft es Joy sich den Ereignissen der Vergangenheit zu stellen und Kate ein wohl gehütetes Geheimnis zu verraten, das ursächlich für ihr schwieriges Verhältnis zueinander ist.

"Die Frauen von Kilcarrion" ist einer der ersten Romane von Jojo Moyes, der bereits 2002 in Deutschland erschienen ist und nun neu veröffentlicht wurde.
Der Schreibstil der Autorin ist gewohnt angenehm leise. Die Hauptfiguren sind facettenreich gezeichnet und so empathisch geschildert, dass man sich sehr gut in die drei unterschiedlichen Frauen hineinversetzen kann.
Sabine ist ein typischer Teenager, die gegen ihre Mutter rebelliert und bei den Großeltern hofft, endlich das zu finden, wonach sie sich all die Jahre gesehnt hat: Stabilität und Geborgenheit in einer Familie. Kate ist eine Frau mit Bindungsängsten, die sich nicht festlegen kann, sich gleichzeitig aber nach einem starken Mann an ihrer Seite sehnt. Joy ist eine toughe ältere Dame, die in Edward ihre große Liebe gefunden hat. Doch in der Vergangenheit hat sich ein Schatten auf sie gelegt, den sie nie überwunden hat und der auch das Verhältnis zu ihrer Tochter so schwierig machte.

Das Buch handelt von konfliktgeladenen Mutter-Tochter-Beziehungen über alle Generationen hinweg: Joy mit Alice, Kate mit Joy, Sabine mit Kate. Mangelndes Verständnis für einander, Missverständnisse und eine fehlende Kommunikationsbereitschaft erschweren die Verbindung und errichten Mauern zwischen den Generationen.
Die Geschichte, die auch Rückblenden in die Vergangenheit enthält, ist lebensnah dargestellt. Gerade zu Beginn ist sie jedoch etwas langatmig, da wenig passiert und sich mehr in den Gedanken der Figuren abspielt, die ihre Probleme wälzen.
Das Geheimnis, das am Ende aufgedeckt wird und schon sehr früh zu einem sehr angespannten Verhältnis zwischen Kate und Joy geführt hat, ist wenig spektakulär. Dass eine einzelne Entscheidung für eine Sechsjährige so drastisch ist, um dafür zu sorgen, als Erwachsene den Kontakt zu einander fast vollständig einzustellen, fand ich nicht einleuchtend. Das versöhnliche Ende ging mir dann zu schnell, auch wenn alle Charaktere eine merkliche Entwicklung durchgemacht haben und eine zaghafte Annäherung stattgefunden hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.03.2021

Roman über Freundschaft und die Wertschätzung des Lebens, über Familie, Fürsorge und das Loslassen können - rührend, aber nicht sentimental geschrieben

Das Leben ist zu kurz für irgendwann
0

Als Terry erfährt, dass ihre beste Freundin Iris, die an Multiple Sklerose erkrankt ist, auf dem Weg in die Schweiz ist, um dort ihr Leben selbstbestimmt zu beenden, möchte sie sie davon abhalten und begleitet ...

Als Terry erfährt, dass ihre beste Freundin Iris, die an Multiple Sklerose erkrankt ist, auf dem Weg in die Schweiz ist, um dort ihr Leben selbstbestimmt zu beenden, möchte sie sie davon abhalten und begleitet Iris kurzerhand ungefragt auf ihrer Reise. Da sie ihren dementen Vater am selben Tag aufgrund eines Ungezieferbefalls im Seniorenheim abholen musste, nimmt sie ihn mit auf die Fahrt, die die drei von Dublin über Wales, England und Frankreich nach Zürich führt. Für beide Frauen wird die Reise anders als erwartet und gerade Terry gelangt unterwegs zu neuen Einsichten, die sie ihr eigenes, bisher so geordnetes Leben, kritisch hinterfragen lässt.

"Das Leben ist zu kurz für irgendwann" handelt von Tod und Sterbehilfe, von Krankheiten wie MS und Alzheimer, ist aber alles andere als deprimierend zu lesen, da die Autorin sich den Themen mit Leichtigkeit annähert. Zudem stehen weder Iris' Krankheit noch der Akt der Sterbehilfe drängend im Vordergrund, da der Roman aus der Perspektive von Terry geschrieben ist. Der Fokus liegt vielmehr auf der Sorge um die Freundin und den egoistischen Wunsch, sie am Leben zu erhalten, aber auch die Sorge um den Vater und Terrys Rollentausch, wenn sie sich verhalten muss, als wäre sie seine Mutter.

In beide Frauen kann man sich gut hineinversetzen. Iris ist eine starke Frau und keine depressive Selbstmörderin. Sie hat ihre Entscheidung getroffen und möchte sich nicht umstimmen lassen. Sie möchte ihr Leben beenden, solange es noch lebenswert ist. Gleichzeitig versteht man aber auch Terry, die ihre beste Freundin nicht verlieren möchte und bis zum Ende aufopferungsvoll für sie da wäre. Im Gegensatz zu Terry hat Iris den Mut, dem Tod ins Auge zu blicken, der für sie zum Leben dazu gehört.

So traurig der Grund für die Reise ist, so unbeschwert ist die Zeit, die sie miteinander verbringen durch ihre abwechslungsreichen Erlebnisse während ihrer Zwischenstropps. Es ist ein unterhaltsamer, gerade in Frankreich sehr bildhaft beschriebener Roadtrip, auf dem sie sogar aufblühen und vom Ziel ihrer Reise abgelenkt werden. Auch Terry Vater Eugene nimmt wieder aktiver am Leben teil.

Es ist ein Roman über Freundschaft und die Wertschätzung des Lebens, über Familie und Fürsorge und das Loslassen können. Dabei ist es insbesondere die sonst so ängstliche Bedenkenträgerin Terry, die Verantwortung übernimmt und über sich selbst hinauswächst. Sie reflektiert ihr eigenes Leben, überdenkt ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und erkennt mit dem Tod vor Augen, dass sie mehr aus ihrem Leben herausholen kann.
Die Geschichte ist nicht sentimental geschrieben. Kritisch könnte man allerdings anmerken, dass sie sich nur oberflächlich mit den Krankheiten Multiple Sklerose und Alzheimer auseinandersetzt und dass das schwierige Thema Sterbehilfe, der Umgang damit und die Folgen für die Angehörigen als Aufhänger für den Roman zu sehr im Hintergrund bleiben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.03.2021

Eine Großstädterin während des Lockdowns in der Provinz: ein bittersüßes Porträt unserer Gesellschaft - treffend formuliert und sehr unterhaltsam

Über Menschen
1

Dora lebt mit ihrem Freund Robert zusammen in Berlin-Kreuzberg und arbeitet als Werbetexterin. Es ist Frühjahr 2020 und die erste Welle der Corona-Pandemie. Robert, der sich in den letzten Monaten zu einem ...

Dora lebt mit ihrem Freund Robert zusammen in Berlin-Kreuzberg und arbeitet als Werbetexterin. Es ist Frühjahr 2020 und die erste Welle der Corona-Pandemie. Robert, der sich in den letzten Monaten zu einem extremen Klimaschützer und Anhänger Greta Thunbergs und der "Fridays for Future"-Demonstrationen entpuppt hat, stresst Dora nun auch noch mit seinen Prophezeiungen als selbst ernannter Epidemiologe. Das zeitgleiche Homeoffice wird unerträglich, Dora fühlt sie wie ein Fremdkörper in der gemeinsamen Wohnung, für ihre übertrieben häufigen Spaziergänge mit ihrem Hund wird sie kritisiert. Dora zieht die Reißleine und flüchtet in das alte Gutsverwalterhaus, das sie sich von dem Erbe ihre Mutter gekauft hat. Dort, im 284-Seelendorf Bracken, ticken die Uhren anders. Der Nachbar stellt sich als "Dorf-Nazi" vor, skandiert das Horst-Wessel-Lied, Ausländer werden abwertend als "Pflanzkanacken" bezeichnet, die Einwohner wählen die AfD und schimpfen auf "die in Berlin", die Infrastruktur ist ein Witz.
Der Gegensatz Berlin und Provinz in Brandenburg ist überwältigend, sämtliche Vorurteile und Klischees scheinen sich zu bestätigen, so dass es Dora zeitweise Angst wird. Doch nicht alles ist Schwarz-Weiß, Dora lernt auch das andere Gesicht des Dorfes und seiner Bewohner kennen und beginnt ihr eigenes Leben neu zu sortieren.

Wie schon bei "Unterleuten" ist auch "Über Menschen" ein treffender Titel für diesen Roman. Er handelt von allerlei skurrilen Charakteren, die einerseits bekannte Stereotypen darstellen und damit die Wirklichkeit zeichnen, wie man sich ein Leben in einem abgelegenen Dorf in Brandenburg vorstellt. Menschen, die sich von den Politikern "da oben" nicht wahrgenommen fühlen und dann auch noch durch eine Pandemie und den Lockdown verunsichert werden. Durch die linksliberale Dora, die diesen Menschen begegnet, erhält man einen Blick auf all diese Menschen und bei näherem Betrachten stellt man fest, dass es dort mehr als nur den arbeitslosen, rechtsradikalen, vorbestraften Dorf-Nazi, den resignierten AfD-Wähler oder die überforderte alleinerziehende Mutter gibt, die im Existenzminimum lebt. Es herrscht hier auch eine ungefragte Solidarität, Nachbarschaftshilfe und Zusammenhalt. Jeder kennt jeden und hilft, wo er kann. Auch Dora gelangt so unvermittelt zu neuen Möbeln, gestrichenen Wänden und einem bestellten Beet. Selbst wenn sie sich politisch korrekt lieber von diesen Menschen fernhalten möchte, fühlt sie sich doch zu ihnen hingezogen und wird ein Teil der Dorfgemeinschaft.

Das Buch beschreibt den Alltag, wie sich die Großstädterin Dora in ihrem neuen Leben in der Provinz neu einfinden muss, ist durch ihre Begegnungen mit den Menschen vor Ort jedoch äußerst unterhaltsam, erschreckend, aber auch amüsant und immer wieder verblüffend. Die Lebenswirklichkeit in dem fiktiven Ort Bracken ist überspitzt beschrieben, enthält bei aller Ironie aber auch einen wahren Kern.
Wie Dora schwankt man, ob man die Menschen verurteilen soll oder mögen darf.
"Über Menschen" ist lebensnah und abwechslungsreich geschildert, unterhält durch die facettenreichen Figuren und die hintergründigen bewegenden Schicksale, die nachdenklich machen und ganz deutlich zeigen, dass man sich nicht von Vorurteilen lenken lassen, sondern sich stets ein eigenes Bild machen sollte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere