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Veröffentlicht am 04.06.2018

Stimmungsbild von Schuld und Sühne

Die Judenbuche. Studienausgabe
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"Annette von Droste-Hülshoff" (10.1.1797 - 24.5.1848) sah ihre Berufung als Dichterin, fand aber zu Lebzeiten als schreibende Frau keine Anerkennung. "Die Judenbuche" schrieb sie 1842.

Inhaltlich geht ...

"Annette von Droste-Hülshoff" (10.1.1797 - 24.5.1848) sah ihre Berufung als Dichterin, fand aber zu Lebzeiten als schreibende Frau keine Anerkennung. "Die Judenbuche" schrieb sie 1842.

Inhaltlich geht es um Friedrich Mergel, der durch seine Erziehung im Elternhaus und den Druck der Dorfbewohner zum Mörder wird.
Der Jude Aaron wird ermordet aufgefunden, man verlässt sich auf die Aussagen von der Bevölkerung, einige seiner Schuldner werden verdächtigt. Mergel macht sich durch seine Flucht verdächtig.


Es geht um Friedrich Mergel, der durch ein schwieriges Elternhaus, einen trinkenden Vater und die intolerante Dorfgemeinschaft zu einem unsicheren Außenseiter wurde, schliesslich sogar zu einem Mörder.

Wie hier psychologische und soziale Aspekte inhaltlich miteinander verknüpft werden, ist für die damalige Zeit außergewöhnlich. Die Autorin thematisiert in diesem Stück die Problematik von Schuld und Sühne.
Der überraschende Schluss ist im kriminalistischen Sinne spannend und gibt der Geschichte einen runden Abschluss.

Was früher als "Sittengemälde aus dem gebirgichten Westphalen" beschrieben wurde, entpuppt sich als kriminalistische Erzählung. Heute würde man dieses Stück wohl eher Psychogram oder Sozialstudie nennen, denn Droste-Hülshoff zeigt in der Judenbuche auf kritische Art und Weise wie sich ein Mensch unter den herrschenden Einflüssen von Erziehung und Gesellschaft entwickeln kann.

Die Lektüre dieses Klassikers ist häufig Schulthema und trotz der veraltet klingenden Sprache eine interessante Erfahrung. Hier wird realistisch geschildert, wie das gesellschaftliche Bild der Menschen damals aussah, wie sie lebten, arbeiteten und welche Werte sie vertraten. Die Armut, die Klassenunterschiede und das Rollenbild von Mann und Frau wird gut erkennbar.

Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, von denen Annette schon in ihrer Kindheit gehört hatte und diese dann in einer heimatlichen Geschichte verarbeitet hat.

Auch für die heutige Zeit eine interessante Lektüre, die durch die sprachliche Ausdrucksfähigkeit der Autorin ein klassisches Stück Zeitgeschichte des 18. Jahrhunderts zeigt.

Auch für die heutige Zeit eine interessante Lektüre, die durch die sprachliche Ausdrucksfähigkeit der Autorin ein klassisches Stück Zeitgeschichte des 18. Jahrhunderts zeigt.


Veröffentlicht am 04.06.2018

Saukomisch, kommt aber nicht ganz an die Vorgängerbände heran!

Schweinskopf al dente
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Franz Eberhofer ist zum Kommissar befördert worden und hammermäßig stolz auf seinen silbernen Stern. Richter Moratschek wird von einem Psychopathen verfolgt und bedroht. Sicherheitshalber zieht er beim ...

Franz Eberhofer ist zum Kommissar befördert worden und hammermäßig stolz auf seinen silbernen Stern. Richter Moratschek wird von einem Psychopathen verfolgt und bedroht. Sicherheitshalber zieht er beim Vater vom Franz ein, dort ist die Sicherheit durch Franz gewährleistet und die gute Verpflegung durch die Oma. Als dann auch noch Leopold samt Familie auf dem Hof Urlaub macht, reicht es Franz und er fährt zur Susi nach Italien.


"Wenn ich meine Todesart einmal selber bestimmen könnte, würd ich gern in der Oma ihrer Biersoße ersaufen." (Zitat vom Franz Seite 203)


Es geht mal wieder hoch her in Niederkaltenkirchen. Franz ist endlich befördert, er trägt jetzt einen silbernen Stern - astreine Sache, findet er.

Als erste Amtshandlung mit Stern muss Franz dann bei einer Zwangsverheiratung ein Machtwort sprechen. Die junge Frau sieht zwar unverhältnismäßig häßlich aus, aber wo kämen wir denn da hin.

Sein Hauptfall besteht aber darin, Richter Moratschek vor einen entlaufenen Mörder zu beschützen. Als ein blutiger Schweinskopf in Moratscheks Bett als Warung gefunden wird, beginnt die Sache richtig bedrohlich zu werden. Moratschek nistet sich beim Vater vom Franz ein und die beiden werden ganz enge Freunde.
Ab und zu zwickt Franz schon mal die Sehnsucht nach der Susi und als Leopold mit seiner Sippe auf dem Hof Urlaub macht, fährt Franz halt zur Susi. Sie soll sich mit ihrem Luca Toni-Verschnitt auch nicht mehr so gut verstehen.

Auf jeden Fall hatte ich wieder eine Menge Spaß mit Franz, seiner derben Ausdrucksweise, seiner Vorliebe für die "Sushi" und für seine Freßattacken. Die Oma hat wieder gekocht, wie immer einfach hammermäßig: es gibt Rahmgulasch, Kartoffelsalat und Lauchgemüse. Dazu hält die Autorin auch wieder ein Rezept original von der Oma parat.

Rita Falks Schreibstil ist gewohnt flüssig und humorvoll. Die bayrische Ausdrucksweise kommt lustig rüber und unterhält wunderbar. Ein paar spezielle Begriffe sind in einem Glossar näher erklärt. Verständnisprobleme hatte ich gar keine.

Die Charaktere sind schrullig wie man sie kennt und auch ihre Marotten haben sie (glücklicherweise) noch nicht abgelegt. Oma mit ihrem Faible für Sonderangebote und ihrer Schwerhörigkeit, ihre zwei Sargnägel: Franz und sein Vater, der weiterhin kifft, was das Zeug hält. Wenn man die anderen Bände kennt, kehrt man zurück in eine bekannte Familie. Für Neulinge der Reihe aber auch kein Problem, man lernt sie wieder von ihrer besten Seite kennen.

Die Krimihandlung ist schon wichtig für die Handlung, kann man aber getrost als Nebenhandlung verbuchen. Hier stehen die schrägen Figuren im Vordergrund und das ist auch gut so. Einwandfreie Sache, würde Franz wohl sagen!


Ein lustiger Provinzkrimi mit einem wunderbaren Franz. Einfach ein Sauspaß für unterhaltsame Stunden.

Veröffentlicht am 04.06.2018

Als Buch schon ein Hit , im Theater der Knaller!

Der Besuch der alten Dame
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"Friedrich Dürrenmatt" schrieb 1959 die Geschichte "Der Besuch der alten Dame".

Nach vielen Jahren kehrt die Multimilliardärin Claire Zachanassian vormals Kläri Wäscher in ihrem ehemaligen Heimatort Güllen/Schweiz ...

"Friedrich Dürrenmatt" schrieb 1959 die Geschichte "Der Besuch der alten Dame".

Nach vielen Jahren kehrt die Multimilliardärin Claire Zachanassian vormals Kläri Wäscher in ihrem ehemaligen Heimatort Güllen/Schweiz zurück. Der Ort ist inzwischen heruntergekommen, die Bevölkerung verarmt.
Sie verspricht den Einwohnern der Stadt den riesigen Betrag von einer Milliarde zu schenken, doch ist diese Schenkung an eine Bedingung gebunden: Sie verlangt den Tod ihres ehemaligen Geliebten Alfred, der sie damals geschwängert und sitzengelassen hat und mittlerweile hohes Ansehen im Dorf genießt. Nach anfänglichem Sträuben beginnen sich die Bewohner an den Gedanken des Reichtums zu gewöhnen.

Dürrenmatt hat die Geschichte als Theaterstück geschrieben, daher ist der Text auch nicht wie ein Roman aufgebaut.
Die Regieanweisungen des Autor geben dem Text eine bildhafte Beschreibung, die sich beim Lesen zu einem Ganzen verbindet.
Allerdings muss ich sagen, dass mir die Variante als Theaterstück beiweiten noch besser gefällt als lediglich der Text.

Die Charaktere besitzen viele Merkmale, die sich sehr speziell machen. So erkennt man in Claire eine männerverschleißende Frau, die bereits drei mal verheiratet war. Auf die Art und Weise war es ihr auch möglich, diesen Reichtum anzuhäufen.
Andere Figuren bleiben namentlich annoym, sie werden mit ihrer Berufsbezeichnung betitelt, z. B. Pfarrer, Polizist.

Dieses Stück glänzt mit einer boshaften Darstellung der menschlichen Gier nach Reichtum und Macht. Wie weit werden die Menschen für Geld gehen? Wo ist die Grenze und wie kann man einen Verrat mit dem eigenen Gewissen vereinbaren? Welche moralischen Grenzen sind vor das Allgemeinwohl zu stellen?


Dürrenmatt erreicht es, die Gesellschaft zu kritisieren, ohne ausschließlich scharf zu kritisieren. anprangernd zu wirken. Er benutzt dazu die spezielle Form des Dramas, die tragische Komödie. Auch wenn das Stück melodramatische Züge besitzt, gibt es Passagen, die erheitern und die Tragik untergraben. Man ist sich stets bewusst, hier ein Theaterstück vor Augen zu haben. Der schwarze Humor und ein wenig Satire geben dem Zuschauer die Distanz zum d, auch wenn man Recht eigenwillig - seine Art Elemente von schwarzem Humor und Satire in sein Stück einzubetten. Dürrenmatt schafft es so, eine gewisse Distanz zum tragischen Vorgang aufzubauen.

Der Clou vom Ganzen ist eindeutig das Ende. Hier gibt es eine Überraschung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.


"Der Besuch der alten Dame“ ist eines der besten Theaterstücke überhaupt. Durch die moralischen Fragen bleibt es zeitgemäß und gibt Einblicke in die menschliche Seele. Unbedingt lesen oder sehen!

Veröffentlicht am 03.06.2018

The Russian Way

Blasse Helden
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Arthur Isarins Roman "Blasse Helden" erscheint im Knaus Verlag. Er führt uns in die 90er Jahre nach Russland.


Auf der Suche nach Leichtigkeit und Freiheit zieht der junge Anton Anfang der 90er von Deutschland ...

Arthur Isarins Roman "Blasse Helden" erscheint im Knaus Verlag. Er führt uns in die 90er Jahre nach Russland.


Auf der Suche nach Leichtigkeit und Freiheit zieht der junge Anton Anfang der 90er von Deutschland nach Russland. Sozusagen im Gegenverkehr zu den von dort flüchtenden Spätaussiedlern. Anton arbeitet in Moskau für einen Rohstoffhändler, zieht Geschäfte an Land und erlebt Umbruch, Korruption und wie das Kapital langsam, aber sicher die Macht gewinnt.


Diesen Roman habe ich als Buchflüsterin erhalten, ansonsten hätte ich mir diese Thematik nicht ausgesucht.

Der blasse Held Anton findet in Moskau ein Land im Wandel vor. Er herrscht Rezession, die Einkommen sind geschrumpft, im Gegenzug stieg die Todesrate durch Alkoholismus dagegen stark an. Die sozialen Bedingungen sind katastrophal und Prostitution und Kriminalität nehmen rapide zu.

Lieferschwierigkeiten von Kohle, Wodka und kollektives Saufen mit Geschäftspartnern, problematische Arbeitseinstellung, Materialermüdung und Verschleiß: Russland hat Probleme, die wiederum im Wodka ertränkt werden. Ein Teufelskreis.

Doch Anton nutzt seine Position aus und fühlt sich in Moskau recht wohl, er ist Ökonom und nicht ungebildet, trotzdem versprüht seine Figur nur einen blassen Charme, um nicht zu sagen, gar keinen.

Durch seinen Job als hohes Tier in der Kohlebranche und als Mann aus dem Westen ist er ein gern gesehener Gast, er hat wechselnde kurze Liebschaften, empfindet aber keine echten Gefühle für die Frauen. Binden würde er sich nicht, er genießt das protzige Leben in Saus und Braus. Als Jelzins Regierungszeit von Putin abgelöst wird, geht Anton, denn seine Freiheit geht ihm über alles.


Das Buch hat einen Aufbau in Form von Episoden, der Schreibstil ist recht plakativ und wirkt journalistisch, es lässt sich dennoch leicht lesen. Mit hat neben den landesgegebenen Vorgängen und Lebensweisen trotzdem etwas gefehlt. Ich kann es gar nicht genau sagen was, aber Anton allein hat mir nicht gereicht.

Die gesellschaftlichen Bedingungen sorgen für schwierige Verhältnisse in Russland im Umbruch nach Jelzin, man erkennt die Lage der einfachen Bevölkerung und dennoch erzählt der Autor durch Anton scheinbar leicht und teilweise humorvoll die ungeschönte Wahrheit. Es ist fraglich, ob die Menschen in Russland ihre Lage wirklich einfach nur erdulden oder ob der Wodka ihnen hilft, aber mich konnte diese Geschichte nicht richtig erreichen.

Anton erlebt einen Ritt auf dem Feuer, er spielt mit seiner Macht, setzt sich über Moral hinweg und zeigt damit schonungslos offen die Mentalität und Probleme vor Ort.
Irgendwie wollte der Autor die Situation und den gesellschaftlichen Wandel Russlands aufzeigen, mir konnte er damit aber nicht mehr vermitteln als Informationen über Land und Leute.

Anton ist und bleibt für mich ein blasser Held, moralisch verdorben und entwickelt nur zögerlich ein wenig Bedenken. Zu wenig in meinen Augen und daher konnte mich dieses Buch auch nicht überzeugen.


Der Roman „Blasse Helden“ führt in die Zeit zwischen Kommunismus und Putinregierung, der Sozialismus ist erledigt, der Kapitalismus hält Einzug. Wer sich für diese Zeit interessiert, findet mit diesem Buch eine passende Lektüre.

Veröffentlicht am 02.06.2018

Atmosphärisch, düsterer Krimi aus Schweden

Sommernachtstod
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Es ist wie ein düsterer Schatten, der über einem Dorf in Südschweden liegt. Dort verschwand vor 20 Jahren der kleine Junge Billy Lindh spurlos. In der Folge nahm sich die Mutter des Jungen das Leben und ...

Es ist wie ein düsterer Schatten, der über einem Dorf in Südschweden liegt. Dort verschwand vor 20 Jahren der kleine Junge Billy Lindh spurlos. In der Folge nahm sich die Mutter des Jungen das Leben und der von allen Verdächtige tauchte unter und ging zur See.
Billys Schwester Vera Lindh ist inzwischen Therapeutin in Stockholm und bekommt von ihrem neuen Patienten Isak eine beunruhigende Geschichte über einen verschwundenen Jungen erzählt. Vera ist sofort alarmiert und möchte das Rätsel von damals endlich aufklären. Sie geht zurück in ihr Heimatdorf und trifft auf eine Mauer des Schweigens.

"Sommernachtstod" ist mein erster Krimi von Anders de la Motte, der bereits in Schweden einige Preise verliehen bekam.
Wie bei den Wallander-Krimis und bei anderen schwedischen Krimis, ist es hier der ruhige und dennoch düstere und bedrückende Erzählstil, der mir gut gefällt. Der Autor zeigt genaue Einblicke in die menschlichen Abgründe und verwirrt mit einem stimmungsvollen Wechsel von Perspektiven aus Vergangenheit und Gegenwart.



Nach langer Zeit kehrt Vera in ihr Elternhaus zurück, denn sie möchte das Rätsel um das Verschwinden ihres kleinen Bruders Billy aufklären. Sie lernt den Patienten Isak kennen, der durchaus ihr Bruder sein könnte. Warum sollte er sonst Einzelheiten des Verschwindens kennen?

Vera taucht in ihren eigenen Gedanken in die Vergangenheit zurück und versucht sich an Details zu erinnern. Dabei wird sie auch mit eigenen Ängsten konfrontiert. Sie leidet noch immer sehr am Tod ihrer Mutter und nun ist sie selbst Therapeutin für Trauerbewältigung geworden.

Ihr Charakter hat mir einige Schwierigkeiten gemacht und ich konnte mit ihr nicht warm werden. Dennoch hat mich die Story gefesselt und die raffiniert eingebauten Einblicke haben mich an das Buch gefesselt.

Ihre Nachforschungen bleiben nicht ohne Folgen, es kommt zu Problemen mit verschiedenen Personen. Ihre Verwandten sind nicht einfach zu durchschauen und so baut sich beim Lesen ein düsteres Bild auf. Bei diesem Krimi kann man selbst gut miträtseln und das Ende nimmt einen unerwarteten Ausgang, der auch absolut logisch erscheint.

Die gelungenen Wechsel der Erzählstränge sorgen für fesselnde Spannungsmomente und die Figuren mit ihren teilweise schwierigen Charakterzügen für eine unheilvolle und bedrückende Atmosphäre. Es gibt Andeutungen zwischen den Zeilen, die eine quälende Ungewissheit auf das Verschwindens des kleinen Jungen werfen. Die Handlung ist atmosphärisch dicht und punktet durch den ruhigen Erzählstil.
Von der gedrückten Stimmung wurde ich mitgerissen, es hat mir lediglich eine Sympathiefigur, ein Held oder Ermittler gefehlt. Das konnte Vera mit ihrer etwas labilen Art nicht darstellen.


Bei diesem Buch hat der Autor neben den Gefühlen auch die menschlichen Abgründe gut eingefangen. Für Liebhaber von Krimis mit psychologischem Tiefgang ist dieses Buch sicher gut geeignet.