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Veröffentlicht am 04.08.2021

Eine sehr starke Fortsetzung

Revolution der Träume
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Inhalt: Berlin 1918. Der Krieg ist vorbei. Genauso wie die Monarchie. Doch Deutschland kommt nicht zur Ruhe, denn die Taktung der Putschversuche ist hoch. Auch Isi, Carl und Artur werden in den Sog dieser ...

Inhalt: Berlin 1918. Der Krieg ist vorbei. Genauso wie die Monarchie. Doch Deutschland kommt nicht zur Ruhe, denn die Taktung der Putschversuche ist hoch. Auch Isi, Carl und Artur werden in den Sog dieser Zeit gezogen. Während Isi sich von den Revolutionen mitreißen lässt, siedelt sich Artur in der Berliner Unterwelt an und baut dort ein Imperium auf. Carl wird bei der jüngst gegründeten „Universum-Film Aktiengesellschaft“, kurz Ufa, vorstellig, möchte dort als Kameramann arbeiten und taucht in die Welt des Films ab.

Persönliche Meinung: „Revolution der Träume“ ist ein historischer Roman von Andreas Izquierdo. Es ist der zweite Band der „Wege der Zeit“-Reihe, die im Juli 2020 mit „Schatten der Welt“ begonnen hat. „Revolution der Träume“ führt die Handlung von „Schatten der Welt“ fort, weshalb man als Neueinsteiger*in in die Reihe zunächst mit dem ersten Band beginnen sollte. Erzählt wird „Revolution der Träume“ aus der (retrospektiven) Ich-Perspektive von Carl. Die drei ProtagonistInnen sind nach den Ereignissen von „Schatten der Welt“ keine Kinder oder Jugendlichen mehr. Im Gegenteil: Der Krieg hat sie erwachsen gemacht, sodass sie sich ganz anderen Sorgen und Verantwortungen stellen müssen. Die Handlung besitzt viele starke, emotionale Szenen: Wie schon im vorherigen Band begleiten wir die drei durch Schicksalsschläge und Glücksmomente, sodass man beim Lesen (zusammen mit Isi, Carl und Artur) eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchlebt. Außerdem ist die Handlung unvorhersehbar, wendungsreich und dadurch spannend. Alle drei ProtagonistInnen sind auf ihre Art sympathisch: Isi ist eine starke Frau, die sich nicht vor Konfrontationen scheut und mit dem damals vorherrschenden Rollenverständnis bricht; der immer wieder krumme Dinge drehende Artur gibt sich zwar oft stahlhart, allerdings schlummert unter dieser Schale ein weicher Kern. Carl wiederum ist empathisch, verantwortungsbewusst und vielleicht ein bisschen zu ernst. Der Roman spielt zeitlich vor dem Hintergrund der jungen Weimarer Republik, deren Frühzeit durch Putschversuche von rechts und links geprägt wurde. Dieser historische Hintergrund ist fundiert recherchiert und sehr passend in den Roman eingeflossen. So ist einerseits der Lebensweg der ProtagonistInnen z.T. mit den Putschversuchen verwoben, andererseits treffen sie auf einige historische Persönlichkeiten aus Politik und Film. Filmfans werden generell auf ihre Kosten kommen: Carl trifft bekannte Schauspieler und Regisseure, arbeitet in Erinnerungsorten der Filmgeschichte, besucht Premieren und diskutiert vereinzelt die Machart und die Bedeutung der Filme. Auch der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen. Izquierdo schreibt empathisch, immer mit Liebe zum Detail und feinem Humor, der zwischen den Zeilen hervorlugt. Insgesamt ist „Revolution der Träume“ ein fundiert recherchierter, spannender historischer Roman mit sympathischen Figuren, Gefühl und einer unvorhersehbaren Handlung.

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Veröffentlicht am 04.08.2021

Ein spannender Reihenauftakt mit einem interessanten Protagonisten

Die Verlorenen
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Inhalt: Zunächst ist Jonah Colley nur irritiert, als er von seinem langjährigen Freund Gavin einen bedeutungsschwangeren Anruf bekommt. Gavin habe einen großen Fehler gemacht, nur Jonah, der schnellstmöglich ...

Inhalt: Zunächst ist Jonah Colley nur irritiert, als er von seinem langjährigen Freund Gavin einen bedeutungsschwangeren Anruf bekommt. Gavin habe einen großen Fehler gemacht, nur Jonah, der schnellstmöglich zum Slaughter Quay kommen solle, könne ihm helfen. Seltsam, denn Jonah und Gavin hatten seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr. Dennoch macht Gavin sich auf den Weg zum Quay, wo er Gavins Leiche und drei weitere in Folie gewickelte Menschen findet – ehe er bewusstlos geschlagen wird. Schwer verletzt erwacht er im Krankenhaus und gerät plötzlich in das Fadenkreuz der leitenden Ermittler, die ihn als Hauptverdächtigen sehen. Denn: Am Quay wurde das Blut einer Person gefunden, die vor Jahren verdächtigt wurde, Jonahs Sohn entführt zu haben. Was ist tatsächlich am Quay geschehen und wie hängt dies mit Jonahs Vergangenheit zusammen?

Persönliche Meinung: „Die Verlorenen“ ist ein Thriller von Simon Beckett und der Auftakt zu einer neuen Buchreihe. Der Thriller wird hauptsächlich aus der Perspektive von Jonah Colley erzählt. Besonders zu Beginn wechselt sich der Erzählstrang, der in der Handlungsgegenwart spielt (die Ereignisse am Quay und deren Nachspiel), mit einem Strang ab, der die Vergangenheit von Jonah beleuchtet. In „Die Verlorenen“ tritt Jonah eher als Antiheld auf. Er ist ein Einzelgänger, durch die Ereignisse am Quay körperlich angeschlagen, durch seine Lebensgeschichte psychisch nicht immer stabil. Kurzum: Er ist nicht der strahlende Held, dem alles gelingt, wodurch er insgesamt aber sympathisch ist. Die Handlung selbst ist spannungsgeladen und mit einigen, unerwarteten Wendungen gespickt, sodass eine temporeiche Handlungskurve entsteht. Mehrmals werden falsche Fährten gelegt, permanent fragt man sich, wie die Mordfälle am Quay und das Verschwinden von Jonahs Sohn zusammenhängen. Man glaubt zwar, des Rätsels Lösung näher zu kommen, allerdings: Die Auflösung der Mordfälle ist so überraschend, dass sie kaum hervorzusehen ist, wodurch ein sehr starkes Ende entsteht, das zudem Perspektiven für folgende Bände öffnet. Wie schon in der „David-Hunter-Reihe“ besticht Beckett auch hier durch seinen Erzählstil, der nüchtern bis lakonisch ist und auf eine reißerische Wortwahl verzichtet. Auch die Szenerien werden realitätsnah beschrieben. Gerade diese Nüchternheit sorgt für eine latente Unbehaglichkeit und Nervenkitzel, was sich beides konsequent durch den Thriller zieht. Insgesamt ist „Die Verlorenen“ ein packender Thriller mit einem interessanten Protagonisten und einer spannenden, unvorhersehbaren Handlung.

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Veröffentlicht am 30.07.2021

Ein äußerst spannender Thriller

Angstrichter (Ein Grall-und-Wyler-Thriller 4)
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Inhalt: Nürnberg. Verteilt an den vier Toren der Stadt hängen Körperteile einer Leiche. Fast zeitgleich findet sich im Internet ein Video, das eine gefesselte Person zeigt, die – nach mittelalterlicher ...

Inhalt: Nürnberg. Verteilt an den vier Toren der Stadt hängen Körperteile einer Leiche. Fast zeitgleich findet sich im Internet ein Video, das eine gefesselte Person zeigt, die – nach mittelalterlicher Manier – gevierteilt wird: Ein selbsternannter Richter treibt sein Unwesen. Ein neuer Fall für die Profiler Jan Grall und Rabea Wyler, die sich erneut an die Abgründe der menschlichen Psyche vortasten.

Persönliche Meinung: „Angstrichter“ ist ein Thriller von Lars Schütz und der vierte Band um die Profiler Jan Grall und Rabea Wyler. Der Thriller wird hauptsächlich im Wechsel aus den Perspektiven von Jan und Rabea erzählt. Zusätzlich dazu werden auch mehrmals die Perspektiven von weiteren Figuren eingenommen, wodurch Tempo und Spannung des Thrillers zunehmen. Wie schon den vorherigen Grall-und-Wyler-Thrillern liegt auch „Angstrichter“ eine interessante und originelle Idee zugrunde. Ohne zu viel verraten zu wollen: Der Täter imitiert eine Art von Rechtsprechung, die im Mittelalter begründet zu sein scheint. Dementsprechend finden sich auch einige interessante Informationen zur mittelalterlichen Rechtsprechung im Thriller. Die Handlung von „Angstrichter“ ist durchweg spannend und rasant: Die Taktung der Morde ist hoch; Jan und Rabea gehen verschiedenen Spuren nach, landen aber teilweise in Sackgassen – nicht selten bringen sie sich dabei selbst in Gefahr. Der Fall ist durch die unterschiedlichen Perspektivierungen schön verworren und rätselhaft, sodass man nicht direkt weiß, welche Mosaikstücke wie und warum zusammenhängen. Auch die Identität der Täterfigur und deren Motiv bleiben bis zur schlüssigen Auflösung trüb. Das Ende ist dadurch – in mehrfacher Hinsicht – überraschend. Schön fand ich auch, dass neue Figuren, die sich als wichtig für Jan und Rabea entpuppen, im vierten Band eingebaut worden sind und so zusätzlich frischen Wind in die Handlung bringen (welche Figuren das sind möchte ich aus Spoilergründen nicht sagen :D). Wie schon die Vorgängerbände lässt sich auch „Angstrichter“ durch den anschaulichen und deutlichen Erzählstil von Lars Schütz ausgesprochen flüssig lesen. Da der Fall in sich abgeschlossen ist, kann man ihn auch lesen, ohne die Vorgängerbände zu kennen. Für ein tieferes Verständnis der Figuren (Jan und Rabea entwickeln sich über die einzelnen Bände hinweg), ist es aber sinnvoll, zunächst die Vorgängerbände zu lesen. Insgesamt ist „Angstrichter“ ein sehr spannender, schön geschriebener Thriller mit einem interessanten Modus Operandi des Täters.

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Veröffentlicht am 29.07.2021

Ein urkomisches, perfekt gelesenes Hörbuch

Ruslan aus Marzahn
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Inhalt: Der Schauspieler Ruslan hat einen Entschluss gefasst. Er will ein geregeltes, ruhiges Leben führen, damit seine Ex-Frau ihm erlaubt, wieder mehr Zeit mit dem gemeinsamen Sohn zu verbringen. Gerade, ...

Inhalt: Der Schauspieler Ruslan hat einen Entschluss gefasst. Er will ein geregeltes, ruhiges Leben führen, damit seine Ex-Frau ihm erlaubt, wieder mehr Zeit mit dem gemeinsamen Sohn zu verbringen. Gerade, als er Alkoholexzessen, ausschweifenden Partys oder ähnlichen skandalträchtigen Momenten für immer entsagen will, klingelt es an der Tür: Tasho, sein jüngerer Bruder, mit dem er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte, steht vor ihm – mit einem Kampfhund, der ihm zugelaufen sein soll. Ein Besuch mit unkalkulierbaren Folgen…

Persönliche Meinung: „Ruslan aus Marzahn“ ist ein humoristisches Hörspiel von Sebastian Stuertz. Erzählt wird es aus Ich-Perspektive von Ruslan, gelesen von Shenja Lacher. Der Plot dreht sich um Ruslan, der sich vor einigen Jahren von seinem Bruder, seinen Eltern und auch seinen russischen Wurzeln losgesagt hat, nun aber, durch den unverhofften Besuch seines Bruders, diese Wurzeln wiederentdeckt. Eine Entdeckung, die nicht ganz konfliktfrei verlaufen wird. Vieles ist in „Ruslan aus Marzahn“ schräg und dadurch ungemein lustig. Sei es die Handlung, die immer wieder bewusst ins Aberwitzige driftet (was ich hier durchweg positiv meine), oder der Erzählstil von Ruslan. Immer wieder berichtet Ruslan über kleine, skurrile Episoden aus seinem Leben. Dabei erzählt er detailliert und schrittweise, steigert sich perfekt getimt weiter und weiter, sodass am Ende eine Pointe entsteht, die nicht witziger sein könnte. Zuletzt sind auch die Figuren schräg. Fast jede Figur besitzt ein augenfälliges Merkmal, wodurch sie aus dem Rahmen fällt. Das Skurril-aberwitzige ist im Hörspiel generell niemals albern, sondern mit Berechnung und dadurch urkomisch. Auch Shenja Lacher leistet eine hervorragende Arbeit. Einerseits steigert er den humoristischen Faktor des Hörspiels noch weiter, indem er die aberwitzigen Aufwärtsspiralen der Witze durch gekonnte Setzung von Kunstpausen und perfekte Betonung zusätzlich ausreizt und zur vollen Entfaltung bringt. Andererseits liest er sehr abwechslungsreich. Jede Figur erhält einen individuellen Sprech, einen Dialekt oder eine besondere Aussprache, der sie von den anderen Figuren abhebt und einmalig macht. Die Rolle des Ruslan ist Lacher auf den Leib geschneidert worden. Lachers Lesung und Stuertz' Text ergänzen sich perfekt. Insgesamt ist „Ruslan aus Marzahn“ ein pointenreiches, urkomisches Hörspiel, das von Shenja Lacher perfekt umgesetzt worden ist.

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Veröffentlicht am 29.07.2021

Ein Fantasyroman mit beeindruckenden Figuren

Die Götter müssen sterben
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Inhalt: Der Kampf um Troja beginnt. Auch das Volk der Amazonen zieht auf Geheiß und mit dem Segen der Göttin Artemis in den Kampf. Doch bereits zu Beginn kommt es innerhalb der Amazonen zu Disputen. Artemis‘ ...

Inhalt: Der Kampf um Troja beginnt. Auch das Volk der Amazonen zieht auf Geheiß und mit dem Segen der Göttin Artemis in den Kampf. Doch bereits zu Beginn kommt es innerhalb der Amazonen zu Disputen. Artemis‘ Segen fiel nicht auf eine große Kriegerin, sondern auf Areto, eine Schreiberin und ehemalige Athenerin, die vor einigen Jahren bei den Amazonen Unterschlupf gefunden hat. Nicht jede ist zufrieden mit dieser Wahl. Aus Amazonensicht ist sie schwach. Kann Areto dem Anspruch, der mit der Segnung einhergeht, gerecht werden?

Persönliche Meinung: „Die Götter müssen sterben“ ist ein Dark Fantasy-Roman von Nora Bendzko. Erzählt wird er wechselweise aus den Perspektiven von Areto, einer Athenerin, die bei den Amazonen lebt, Clete, einer Amazonenkriegerin, und Penthesilea, einer Königin der Amazonen. Es ist also eine spannende Mischung unterschiedlichster Perspektiven. Besonders interessant war für mich die Perspektive Aretos. Sie ist keine Amazone, das Kämpfen ist ihr fremd, sodass sie einen anderen Blick auf das Leben der Amazonen hat. Zugespitzt wird die Lage dadurch, dass ausgerechnet sie, die Nicht-Kriegerin, von der Göttin Artemis gesegnet wird. Der Einstieg in das Buch fiel mir etwas schwer. Das lag einerseits daran, dass man mit vielen Figuren konfrontiert wird und man sich zunächst in der Figurenkonstellation orientieren muss. Andererseits fehlte mir zu Beginn auch etwas der rote Faden und die Handlung stand eher still, wodurch Spannung verloren ging. Zuletzt muss man sich auch erst an den Erzählstil gewöhnen. Er ist stellenweise in Wortwahl und Satzbau pathetisch, was sehr gut zu den antiken Vorbildern passt, aber gleichzeitig etwas ungewohnt ist, sodass man sich zunächst „hineinlesen“ muss. Mit der Zeit legen sich aber diese Anfangsschwierigkeiten, man findet immer besser in die Handlung hinein und wer sich nicht abschrecken lässt, wird belohnt. Die Handlung nimmt an Tempo und Spannung zu, denn auf ihrer Reise nach Troja müssen die Amazonen einige Gefahren überwinden. Viele dieser Episoden, wie diejenigen, die im Hades spielen, die Konfrontation mit Dionysos‘ Hof des Gelächters, der wahnsinnig lachend durch das Land der Skythen marodiert, oder die Szenen, die Penthesileas Vergangenheit beleuchten, sind unheimlich stark – sowohl atmosphärisch als auch sprachlich. Teilweise sind sie auch brutal, allerdings nicht so sehr, dass es abschrecken würde. Beeindruckt haben mich auch die vielfältigen Figuren, die im Roman in Erscheinung treten. Die Figuren sind durchweg divers, wodurch sich „Die Götter müssen sterben“ vom Mainstream der Fantasy-Literatur abhebt. Es treten in „Die Götter müssen sterben“ sowohl homosexuelle, asexuelle als auch bisexuelle Figuren auf. Auch eine non-binäre Figur spielt eine größere Rolle, wobei mir hierbei sehr gut gefallen hat, wie diese Figur pronominal angesprochen wird. Außerdem finden sich Figuren, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Jeder Figur wird innerhalb der Handlung mit Empathie, Offenheit und Sensitivität begegnet. Insgesamt ist „Die Götter müssen sterben“ ein Fantasyroman, durch den man sich zu Beginn etwas „kämpfen“ muss. Wer weiterliest, wird allerdings belohnt: mit beeindruckenden, queeren Figuren und vielen starken Szenen.

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