Ein fesselnder und tiefgründiger Thriller
HimmelerdenblauInhalt: Theo kann es nicht fassen. Seine Demenz ist so weit fortgeschritten, dass er kurzzeitig den Tod seiner Frau Vera vergessen hat. Nun ist er in Sorge, sich in Zukunft auch nicht mehr an seine Tochter ...
Inhalt: Theo kann es nicht fassen. Seine Demenz ist so weit fortgeschritten, dass er kurzzeitig den Tod seiner Frau Vera vergessen hat. Nun ist er in Sorge, sich in Zukunft auch nicht mehr an seine Tochter Julie erinnern zu können, die vor zwanzig Jahren spurlos verschwand - womit gleichzeitig die Möglichkeit einer Rettung Julies verloren gehen würde. Denn: Theo ist sich sicher, dass Julie noch lebt. In der jungen True-Crime-Podcasterin Liv, die ein Interview mit ihm über den Vermisstenfall führen möchte, findet Theo eine Verbündete, die ihn bei der Suche nach Julie unterstützt - insbesondere dann, wenn Theo wieder vergisst…
Persönliche Meinung: “Himmelerdenblau” ist ein Thriller von Romy Hausmann. Eine Besonderheit des Thrillers sind seine dreidimensional und tiefenscharf gezeichneten Figuren. Hier sticht insbesondere der an Demenz erkrankte Theo hervor: Je nach geistiger Fitness ist er wütend, traurig, orientierungslos und schwach, andere Male ist er hoffnungsfroh, voller Tatendrang und den anderen Figuren gegenüber liebevoll. Diese Bandbreite stellt Romy Hausmann wirklich eindrücklich dar. Auch seine Demenzerkrankung wird im Thriller mithilfe von Wortfindungsstörungen, Wiederholungen und Erinnerungslücken in der Ich-Perspektive nahbar wie authentisch aufgezeigt. Eine weitere Stärke der Figurenzeichnung in “Himmelerdenblau” ist, dass die Figuren selten nur “gut” oder nur “böse” sind. Im Gegenteil: Es finden sich häufig Schattierungen, sodass man - auch wenn man bestimmte Verhaltensweisen nicht zwangsläufig gutheißen kann - die Figuren oft (mindestens) ein Stück weit verstehen kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Liv wirkt in ihrem True-Crime-Podcast zu Beginn der Handlung reißerisch, allein auf den eigenen Profit bedacht. Im Laufe der Handlung werden aber Livs ursprüngliche (positive) Gründe, die sie mit dem Podcast verfolgte, offenbart; auch besinnt sie sich mehr und mehr auf diese Ursprungsgedanken, was auch u. a. ein Grund dafür ist, warum sie Theo bei der Suche nach Julie helfen möchte. Bei aller Detailliebe zu den Figuren kommt aber auch die Handlung nicht zu kurz. Neben den Perspektiven von Theo und Liv, die gemeinsam im Fall der verschwundenen Julie ermitteln, wird auch die von Daniel, dem damals unter Verdacht stehenden Ex-Freund Julies, eingenommen. So entsteht einerseits ein fesselndes Erzähltempo mit vielen Cliffhangern, andererseits erhält man einen differenzierten Blick auf den Fall. Später kommen noch weitere Perspektiven hinzu, die ich hier aber nicht spoilern möchte, wodurch die Handlung an Spannung und Komplexität gewinnt. Daneben ist die Handlung ungemein wendungsreich, überraschend (bis zum großen Finale) und sehr durchdacht. Der Schreibstil von Romy Hausmann ist anschaulich, flüssig zu lesen und - wo nötig - sensibel. Insgesamt ist “Himmelerdenblau” ein tiefgründiger wie fesselnder Thriller mit sehr lebendigen Figuren.