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Veröffentlicht am 04.03.2026

ADHS pur, keine Pointe

Ich erzähle von meinen Beinen
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Wenn man wissen will, wie sich ADHS anfühlt, dann muss man dieses Buch lesen. Ein Spaß ist das nicht, das ist wohl so.

Hier berichtet Wally von dem Jahr, in dem sie ihren Zusammenbruch hatte und in dem ...

Wenn man wissen will, wie sich ADHS anfühlt, dann muss man dieses Buch lesen. Ein Spaß ist das nicht, das ist wohl so.

Hier berichtet Wally von dem Jahr, in dem sie ihren Zusammenbruch hatte und in dem ihr Haus überschwemmt wurde. Man vermutet natürlich Zusammenhänge, Fakt ist: Manchmal kommt es einfach dicke.

Wally ist lebendes Chaos, witzig, sympathisch, selbstkritisch und durch und durch unorganisiert. Wie sie erzählt, so lebt sie auch, hier ein bisschen, da ein bisschen, zielstrebig am Punkt vorbei, es gibt doch so viele schöne Punkte auf der Welt, warum sich auf einen beschränken?

Ihre Tochter hat eine ADHS Diagnose und braucht Unterstützung, Medikamente und Therapie, Wally braucht einen Plan, der ihr sagt, was zuerst dran wäre, wären nicht hundert andere Dinge auch noch zu erledigen, wer will da noch Pläne aufstellen?

Dieser Text liest sich wie eine Direktübertragung aus Wallys Gehirn, ist sprunghaft, klug, liebevoll, unsortiert, mal intensiv, dann wieder lückenhaft mit riesigen Absätzen. Mal wirkt es wie ein Bericht, mal wie ein Gedicht, eine Ideensammlung oder ein Einkaufzettel.

„Warum die Sache überhaupt bei einem Namen nennen?

Vielleicht, damit man darüber sprechen kann, ohne eine

Erklärung in Länge eines Romans abzugeben.“

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„Warum sich selbst in eine Schublade stecken?

Damit endlich einmal aufgeräumt ist.“

Wally analysiert sich ständig und überall, klug, philosophisch, verzweifelt, herzzerreißend, mit ganz viel Galgenhumor und Selbstironie. Das Lesen könnte Spaß machen, wäre es nicht so grauenhaft anstrengend, sich wie Wally zu fühlen.

Ein bisschen habe ich auf die Pointe gewartet, aber da kommt keine. Das ist ADHS pur, ohne Pointe, anstrengend und sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Mythen, Geheinisse, viel Moor und viel Frauenpower

Spiegelland
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Das Teufelsmoor in der Nähe von Worpswede ist ein Naturschutzgebiet um das sich Legenden ranken. Rebecca Frank hat sich damit beschäftigt und einfühlsam und kunstvoll eine Geschichte hineingesponnen, die ...

Das Teufelsmoor in der Nähe von Worpswede ist ein Naturschutzgebiet um das sich Legenden ranken. Rebecca Frank hat sich damit beschäftigt und einfühlsam und kunstvoll eine Geschichte hineingesponnen, die Generationen überspannt.

Drei Zeiten, drei Schicksale und ein Problem, das wohl die Zeit überdauert:

1756 möchte die junge Aletta lieber mit der Familie ihres Bruders mühsam ein Stück Moorland erschließen, als einen Mann zu heiraten, der brutale Züge zeigt.

1999 flieht Cato bei Nacht und Nebel aus ihrem Zuhause in Bremen vor ihrem Ehemann, der sie einmal zu oft verprügelt hat. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter versteckt sie sich im Haus in Teufelsmoor, das sie geerbt hat.

2025 sucht auch Elias Unterschlupf bei seiner Oma in Teufelsmoor. Er hat etwas Schreckliches getan und weiß nicht mehr weiter.

Hier ist man direkt gefesselt, jede einzelne Geschichte ist spannend, düster und lebendig erzählt. Es gibt jede Menge Geheimnisse, die ergründet werden wollen.

Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind sehr geschickt miteinander verknüpft. Es gibt clevere kleine Cliffhanger, immer wieder Parallelen, die Spaß machen und auch verbinden. Und dann tauchen auch noch Moorleichen auf, die extra Rätsel bieten.

Übergeordnetes Thema ist häusliche Gewalt, eigentlich sogar im Wandel der Zeiten. Es ist herzzerreißend, wie Aletta um ein selbstbestimmtes Leben kämpft und immer wieder grausamen Repressalien ausgesetzt wird. Auch Catos Kampf um Unabhängigkeit 200 Jahre später ist spannend und aufwühlend. Einzig die Geschichte von Elias hat mich weniger überzeugt. Sie rundet das Thema ab, ist aber längst nicht so lebendig und nachvollziehbar wie die anderen beiden Geschichten, ist ein wenig die moralisierende Kirsche auf der Torte.

In Summe hat mir das Buch aber sehr gefallen. Es ist ein Buch mit ganz viel Inhalt und erzählt gleich mehrere mitreißende Geschichten, die leidvoll sind, aber Mut machen. Dazu ist es noch eine Familiengeschichte voller Mythen und Geheimnisse, eine Liebeserklärung an Teufelsmoor und ein Aufruf für mehr Frauenpower. Nieder mit dem Patriarchat!

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Intensiv und aufwühlend

Der andere Arthur
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Liz Moore hat „Der andere Arthur" (Originaltitel: „Heft“) schon 2012 geschrieben und in den USA veröffentlicht. Es ist ihr zweites Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Bei so etwas bin ich immer ...

Liz Moore hat „Der andere Arthur" (Originaltitel: „Heft“) schon 2012 geschrieben und in den USA veröffentlicht. Es ist ihr zweites Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Bei so etwas bin ich immer skeptisch, aber neugierig bin ich auch.

Hier ist man sofort gefesselt. Arthur wiegt über 200 kg und hat resigniert. Er benutzt einfach nur noch das Erdgeschoss seines Hauses, lässt sich alles liefern, was er braucht und geht nicht mehr nach draußen. Er erzählt selbst, offen und schonungslos, wie es dazu kam, wie er sich in diesem Leben eingerichtet hat und wie es ihn aus der Bahn geworfen hat, als plötzlich Charlene bei ihm angerufen hat. Charlene war mal eine ganz besondere Studentin für ihn, jetzt braucht sie Hilfe für ihren Sohn. Sie hat einen Sohn?

Charlene hatte nicht sehr viel Glück im Leben. Ihr Sohn Kel ist es gewohnt, nicht auf Rosen gebettet zu sein und verlässt sich auf sein Talent für Sport. Er könnte ein Stipendium bekommen und Footballstar werden, nur hat er nicht den üblichen familiären Rückhalt eines Stipendiatsschülers.

Auch Kel erzählt persönlich, wie es ihm ergeht. Das ist anfangs die übliche Geschichte vom Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der nicht viel von Schule hält, aber im Sport glänzt. Schule, Partys, Drogen, Mädchen, dann auch noch die Mutter und wer mag der Vater sein? Das hat mich zunächst ein bisschen gelangweilt, aber irgendwann wird es doch sehr dramatisch und auch berührend.

Uve Teschner und Timmo Niesner lesen die Rollen von Arthur und Kel abwechselnd und machen das großartig. Uve Teschner verkörpert perfekt den abgeklärten Literaturprofessor, der sich kaum bewegen kann und weiß, es ist sein eigener Fehler. Und Timmo Niesner ist ein wunderbarer Kel, ein Junge, der ein Ziel hat, aber den seine Probleme zu erdrücken drohen.

Dieses Buch packt einen sofort auf der Gefühlsebene. Man sieht den Figuren mitten ins Herz und leidet mit. Es ist ein intensives Leseerlebnis. Alle haben große Probleme, machen Fehler, wollen aber eigentlich nur Gutes. Und dann stellt sich auch noch allmählich heraus, dass es jedem von ihnen guttut, über seinen Schatten zu springen und Neues zu wagen.

Es ist ein schönes Buch, das einen aufwühlt, überrascht, unterhält und von dem man sich wünscht, dass es nicht aufhört.

Es dauert 10 Stunden und 27 Minuten. Viel zu kurz.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Spannende Geschichte mit skurrilem Ansatz und recht eigenem Erzählstil

Immergrün
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Grundsätzlich ist dies ein spannendes Buch mit skurrilem Ansatz. Die Autorin fährt mit zwei Urnen im Gepäck von Deutschland nach Litauen, darüber kann man schon ein Buch schreiben.

Unterwegs denkt sie ...

Grundsätzlich ist dies ein spannendes Buch mit skurrilem Ansatz. Die Autorin fährt mit zwei Urnen im Gepäck von Deutschland nach Litauen, darüber kann man schon ein Buch schreiben.

Unterwegs denkt sie über das Leben ihrer Mutter nach und erinnert sich auch an ihre Kindheit, die nicht sehr glücklich war.

Ihre Mutter war Vida Vaitkuté, eine Sängerin, ein Superstar in Litauen in den 60er Jahren. Es zog sie erst nach Russland, dann nach Israel und schließlich mit Mann und Kind nach Deutschland. Das klingt hoch spannend, darüber würde man sehr gerne mehr erfahren. Leider ist das nur der Rahmen. Hauptsächlich erzählt die Autorin von ihrer eigenen Kindheit in Deutschland mit Eltern, die sich entwurzelt fühlen und einer Mutter, die daran verzweifelt, ein schillerndes Leben hinter sich gelassen zu haben.

Die Erzählweise ist eigen, streckenweise poetisch, wirkt aber distanziert. Während das Ambiente kunstvoll beleuchtet wird, bleiben die Figuren vage und die Handlung geht zügig dahin. Es wirkt wie ein Leben im Schnelldurchlauf, mehr die Zusammenfassung einer Geschichte als eine Geschichte.

Im letzten Drittel, wenn die kleine Ruth 14 ist, eskaliert die Situation, da wird es tatsächlich sehr berührend. Fast meint man, das ist die eigentliche Geschichte, sie hatte nur ein ziemlich langes Vorspiel, nur kommt dann auch noch ein üppiges Nachspiel.

Am Ende habe ich das Gefühl, an einer spannenden Familiengeschichte geschnuppert zu haben, wirklich kennengelernt habe ich dabei niemanden. Das ist ein bisschen schade, weil das Thema eigentlich viel hergibt.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Ein ganz besonderes Buch

Die Namen
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Dieses Buch kommt auf meine Liste für ganz besonderen Bücher. Es hat schlicht alles, was ein tolles Buch braucht.

Es erzählt eine Familiengeschichte in Variationen. Cora und Gordon sind verheiratet, aber ...

Dieses Buch kommt auf meine Liste für ganz besonderen Bücher. Es hat schlicht alles, was ein tolles Buch braucht.

Es erzählt eine Familiengeschichte in Variationen. Cora und Gordon sind verheiratet, aber nicht glücklich. Gordon hat zwei Gesichter, nach außen ist er Arzt, angesehen, beliebt, hilfsbereit, zu Hause unterdrückt und quält er seine Frau, wo er nur kann. Zarte Gemüter sollten das Buch lieber nicht lesen.

Als Cora den Namen ihres frisch geborenen Sohns beim Standesamt angeben soll, sträubt sich alles in ihr, der Familientradition zu folgen und den Stammhalter nach dem Vater zu benennen. Kann man glücklich werden, wenn man Gordon heißt und auch noch Gordon zum Vater hat? Julian würde ihr viel besser gefallen, ihre kleine Tochter Maia schlägt vor, ihn Baer zu nennen.

Gordon, Julian oder Baer, was wäre wenn? In Schritten von immer 7 Jahren spielt Florence Knapp das durch und schafft es, immer wieder zu überraschen.

Das Buch ist unglaublich intensiv und hat Sogwirkung von der ersten Seite an. Jeder einzelne dieser Lebensentwürfe wird liebevoll ausgestaltet und durchdacht. Die Figuren sind lebendig und es ist faszinierend, wie unterschiedlich diese Leben verlaufen, die alle die gleichen Startvoraussetzungen hatten. Der jeweilige Name beeinflusst nicht nur die Geschichte eines Jungen, auch Mutter, Vater, Schwester, sogar die Großeltern werden mitgezogen, Freundschaften verlaufen anders, Liebschaften finden statt oder auch nicht. Und tatsächlich ist jede Version der Geschichte fesselnd, sie haben alle was und sind alle immer wieder unerwartet. Es ist fordernde Lektüre, aber sie macht Spaß, berührt und bereichert, ist zauberhaft, dramatisch, schockierend und auch spannend.

Der Erzählstil ist grandios, fein, klug und originell, voller sprechender Bilder. Florence Knapp beobachtet genau, seziert einen Charakter im Nebensatz, liebevoll, treffend und pointiert.

Ich bin begeistert und habe ein neues Lieblingsbuch gefunden.

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