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Veröffentlicht am 24.11.2025

Ein ehrlicher Begleiter für Liebe, Lust und Elternsein

Orgasmic Parents
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Als ich Orgasmic Parents in die Hand nahm, war mein erster Gedanke: Endlich ein Buch, das ausspricht, was so oft unausgesprochen bleibt. Schon nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, einen sehr persönlichen ...

Als ich Orgasmic Parents in die Hand nahm, war mein erster Gedanke: Endlich ein Buch, das ausspricht, was so oft unausgesprochen bleibt. Schon nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, einen sehr persönlichen Begleiter vor mir zu haben – keinen klassischen Ratgeber, der mir erklärt, wie ich etwas „richtig“ machen soll, sondern ein Buch, das mich einlädt, meine Beziehung und meine eigenen Bedürfnisse neu wahrzunehmen.

Besonders bewegt hat mich, wie offen und selbstverständlich die Autorinnen über Nähe, Intimität und Veränderung sprechen. Ich habe mich selten in einem Buch so gesehen gefühlt. Ihre Worte haben in mir den Eindruck geweckt, in einem vertrauten Gespräch zu sitzen, in dem alles gesagt werden darf. Gerade als Mutter kenne ich die Phasen, in denen der eigene Körper, die Lust und die Beziehung plötzlich fremd wirken – und genau dort setzt dieses Buch an, ohne Druck zu erzeugen.

Sehr beeindruckt hat mich auch die visuelle Gestaltung. Die Illustrationen sind mutig, natürlich und vielfältig. Sie zeigen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit, ohne Klischees zu bedienen – etwas, das in Ratgebern viel zu selten vorkommt. Dadurch fühlt sich das gesamte Buch unglaublich wertschätzend an.

Die Struktur des Buches hat mir geholfen, meine eigene Reise vom Kinderwunsch über Schwangerschaft bis zum Familienalltag noch einmal anders zu betrachten. Viele Impulse haben bei mir direkt etwas in Bewegung gesetzt, sei es in Form kleiner Denkanstöße oder dadurch, dass sie Gespräche ausgelöst haben, die lange überfällig waren. Einige Vorschläge ließen sich erstaunlich leicht in meinen Alltag integrieren – und manche Erkenntnisse haben mir sofort Druck genommen, den ich mir selbst gemacht hatte.

Wenn ich an die Kapitel über das Leben mit Kindern denke, hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe gewünscht. Gerade dieser Abschnitt hat so viel Potenzial, weil dort häufig die größten Unsicherheiten auftreten. Dennoch bleibt das Buch für mich ein wertvoller Begleiter, der nicht mit erhobenem Zeigefinger arbeitet, sondern mit Verständnis, Humor und einer großen Portion Wärme.

Orgasmic Parents ist für mich ein Buch, das Mut macht, hinzuschauen und darüber zu sprechen, was sonst oft verschwiegen wird. Es erinnert daran, dass Liebe und Lust nicht verschwinden, sobald man Eltern wird – sie verändern sich, und genau darin liegt ihre Schönheit. Ich würde dieses Buch jedem Paar ans Herz legen, das sich selbst und seine Verbindung im Trubel des Elternseins wiederfinden möchte.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Zwischen Herkunft und Zukunft – eine Reise, die nachhallt

Issa
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Als ich Issa gelesen habe, hatte ich das Gefühl, eine Tür zu öffnen, hinter der mehrere Leben gleichzeitig sprechen. Die Geschichte beginnt für mich mit einer scheinbar einfachen Entscheidung: eine junge ...

Als ich Issa gelesen habe, hatte ich das Gefühl, eine Tür zu öffnen, hinter der mehrere Leben gleichzeitig sprechen. Die Geschichte beginnt für mich mit einer scheinbar einfachen Entscheidung: eine junge Frau, schwanger und innerlich aufgewühlt, verlässt Deutschland, um in Kamerun ein paar Zeremonien über sich ergehen zu lassen, die ihr selbst fremd erscheinen. Was zunächst wie eine Ausweichbewegung wirkt, entpuppt sich schnell als Rückkehr zu etwas, das ihr näher steht, als sie geahnt hat.

Während ich Issa begleite, rücken mir nach und nach die Frauen ihrer Familie so nah, als säßen wir gemeinsam unter demselben Dach. Die Kapitel, die sich ihren Ahninnen widmen, haben mich besonders berührt. Sie öffnen Fenster in unterschiedliche Epochen, in denen Gewalt, koloniale Willkür und patriarchale Strukturen den Alltag prägten – und dennoch sind diese Frauen alles andere als gebrochen. Ihre Widerstandskraft, aber auch ihr Humor, ihre kleinen Fluchten, ihre Loyalität zueinander leuchten durch jede Seite.

Mich hat beeindruckt, wie geschickt Mirrianne Mahn Vergangenheit und Gegenwart ineinander verschränkt. Statt schwerfälliger Geschichtsstunden entstehen intime Porträts, die mir koloniale Verbrechen und ihre Nachwirkungen greifbarer gemacht haben, als es ein reiner Sachtext hätte tun können. Gleichzeitig ist da immer wieder Leichtigkeit: ein scherzender Kommentar, ein überraschend warmherziger Moment, ein Bild, das mir ein Lächeln entlockt hat.

Was mich am meisten festgehalten hat, war jedoch Issas innere Bewegung. Zwischen Verlustangst, Trotz, Wut, Zärtlichkeit und Orientierungslosigkeit tastet sie sich langsam heran an die Frage, wie sie selbst Mutter sein möchte – und welche Lasten sie nicht in die nächste Generation tragen will. Die Rituale, durch die sie geführt wird, sind weniger magisch als klärend; sie schenken ihr einen Blick auf die Linien, die sich durch ihre Familie ziehen, und vor allem die Möglichkeit, eine davon selbst weiterzuzeichnen.

Für mich ist Issa ein Roman, der sich anfühlt wie eine mündliche Erzählung am Feuer: intensiv, vielschichtig, voller Schmerz, aber getragen von Gemeinschaft. Mahn schafft den Spagat zwischen politischer Wucht und erzählerischer Wärme, zwischen Aufklärung und persönlichem Erleben.

Ich habe das Buch mit einem Gefühl der Dankbarkeit geschlossen – für diese starken literarischen Stimmen, für den Mut der Figuren und dafür, dass Geschichten wie diese endlich ihren Raum bekommen.

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Veröffentlicht am 12.11.2025

Eine warmherzige Geschichte voller Humor, Herz und Sprachen

Der Bär hat heute Lust zu feiern – Today, The Bear Wants to Party
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Beim Lesen dieses Bilderbuchs habe ich sofort gemerkt, wie liebevoll die Geschichte aufgebaut ist. Wir begleite den Bären und die anderen Waldtiere auf ihrer vermeintlichen Geburtstagsexpedition – und ...

Beim Lesen dieses Bilderbuchs habe ich sofort gemerkt, wie liebevoll die Geschichte aufgebaut ist. Wir begleite den Bären und die anderen Waldtiere auf ihrer vermeintlichen Geburtstagsexpedition – und obwohl schnell klar wird, dass der Hase nicht ganz die Wahrheit gesagt hat, entsteht daraus eine wirklich berührende Erzählung. Besonders gefällt mir, wie verständlich die Themen Ehrlichkeit, Verantwortung und Zusammenhalt vermittelt werden, ohne dass es moralisch wirkt.

Die zweisprachige Gestaltung macht das Buch für mich zu etwas Besonderem. Ich kann direkt zwischen den Sprachen wechseln und merke, wie leicht Kinder einzelne Wörter und Sätze aufnehmen. Die Illustrationen unterstützen das wunderbar: Die warmen Naturfarben, die ausdrucksvollen Tiergesichter und die ruhigen Szenen machen jede Seite zu einem kleinen Erlebnis.

Auch die zusätzlichen Elemente – die Fragen zum Verständnis und der QR-Code mit der Audiofassung – nutze ich gern. Sie helfen, Gespräche über das Gelesene anzustoßen und bieten eine tolle Möglichkeit, Sprache hörbar zu machen.

Für mich ist dieses Buch ein gelungenes Zusammenspiel aus Humor, Lernmomenten und wunderschönen Bildern. Ob im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause: Es lädt dazu ein, gemeinsam zu lesen, zu lachen und ein bisschen mehr über Freundschaft und Ehrlichkeit zu lernen.

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Veröffentlicht am 05.11.2025

Bunte Dinos, laue Botschaft – eine amüsante Geschichte mit kleinen Schwächen

Die Streitsaurier
1

„Streitsaurier“ von Annette Langen, mit Illustrationen von Gloria Jasionowski, hat uns auf den ersten Blick sofort angesprochen. Schon das farbenfrohe Cover und die humorvollen Figuren wecken Neugier – ...

„Streitsaurier“ von Annette Langen, mit Illustrationen von Gloria Jasionowski, hat uns auf den ersten Blick sofort angesprochen. Schon das farbenfrohe Cover und die humorvollen Figuren wecken Neugier – schließlich dreht sich alles um zwei Dinosaurier, die sich auf einer winzigen Insel begegnen und darüber in einen Wettbewerb geraten, wem sie gehört.

In der Praxis entpuppte sich das Buch jedoch als etwas unausgewogenes Leseerlebnis. Während mein kleiner Mitleser hellauf begeistert war von den drolligen Urzeittieren, konnte mich als erwachsene Vorleserin vor allem die inhaltliche Umsetzung nicht vollständig überzeugen. Die Geschichte soll zeigen, dass Streiten und Versöhnen zum Leben gehören – leider bleibt diese Botschaft eher angedeutet als wirklich greifbar. Der „Streit“ zwischen Miracelrex und Superosaurus wirkt mehr wie ein spielerisches Kräftemessen, und auch die Versöhnung kommt so abrupt, dass sie fast überlesen wird.

Positiv hervorheben möchte ich aber das Design und die liebevolle Aufmachung: Das Buch ist hochwertig verarbeitet, liegt gut in der Hand und überzeugt durch detailreiche Illustrationen.

Die Idee einer „Dinosprache“ – dem sogenannten Urviechisch – ist originell und sorgt stellenweise für Lacher. Beim Vorlesen bringt sie allerdings auch Stolperfallen mit sich, da die Wörter recht sperrig sind. Für ältere Kinder mag das ein witziger Zusatz sein, für jüngere Zuhörer kann es aber irritierend wirken. Schön ist dagegen, dass es am Ende eine Übersetzungstafel und zusätzliche interaktive Elemente wie einen QR-Code gibt.

Sprachlich ist das Buch abwechslungsreich und rhythmisch, allerdings teilweise etwas anspruchsvoll. Der Text eignet sich daher eher für Kinder ab fünf Jahren, die schon etwas Konzentration beim Zuhören mitbringen.

Insgesamt ist „Streitsaurier“ ein charmant illustriertes und mit viel Fantasie gestaltetes Bilderbuch, das vor allem kleine Dinosaurier-Fans anspricht. Wer jedoch auf der Suche nach einer klaren, kindgerecht vermittelten Botschaft zum Thema Streit und Versöhnung ist, wird hier nur bedingt fündig. Als humorvolle Geschichte zum Mitmachen und Staunen funktioniert es gut – als pädagogische Lektüre eher weniger.

Fazit:
Ein visuell ansprechendes, witziges Buch mit tollen Illustrationen und kreativer Sprache, das zum Schmunzeln einlädt – inhaltlich jedoch nicht ganz so tief geht, wie der Titel verspricht. Für Dino-Fans ab fünf Jahren trotzdem eine unterhaltsame Lektüre.

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Veröffentlicht am 01.11.2025

Zwischen Bauplänen und Albträumen

HEN NA IE - Das seltsame Haus
4

Nachdem mich Hen Na E-Seltsame Bilder bereits nachhaltig beeindruckt hatte, war für mich klar, dass ich Uketsus neues Werk Hen Na Ie- Das seltsame Haus unbedingt lesen musste. Und tatsächlich: schon die ...

Nachdem mich Hen Na E-Seltsame Bilder bereits nachhaltig beeindruckt hatte, war für mich klar, dass ich Uketsus neues Werk Hen Na Ie- Das seltsame Haus unbedingt lesen musste. Und tatsächlich: schon die ersten Seiten erinnerten mich a das, was ich an seinem Stil so schätze – dieses subtile Unbehagen, das sich unmerklich zwischen die Zeilen schleicht. Doch während die Ausgangsidee faszinierend ist, verliert sich der Roman zunehmend in seiner eigenen Absurdität.

Der Aufbau ist ungewöhnlich und zugleich reizvoll: vier Episoden über architektonisch eigenartige Häuser, erzählt in Dialogform zwischen dem Erzähler, einem Architektenfreund und weiteren Figuren, die in die jeweiligen Mysterien verstrickt sind. Anfangs funktioniert diese Form hervorragend, weil sie den Eindruck eines echten Gesprächs über das Unbegreifliche vermittelt. Je weiter ich jedoch las, desto häufiger ertappte ich mich beim Stirnrunzeln – nicht wegen der Gräuel, sondern wegen der Logik.

Die Figuren ziehen regelmäßig haarsträubende Schlüsse aus fast nichts und – seltsam genug – behalten jedes Mal recht. Aus einem winzigen Detail wird plötzlich eine voll ausgearbeitete Theorie, die das gesamte Rätsel erklärt. Das raubt der Geschichte leider viel von ihrem Reiz, denn anstatt gemeinsam mit den Protagonisten zu rätseln, beobachtet man nur, wie das Drehbuch seinen Lauf nimmt. Besonders schade ist, dass die Charaktere hier kaum Tiefe besitzen; sie wirken eher wie Sprachrohre, die uns durch den Plot führen sollen, als echte Menschen mit Ängsten und Zweifeln.

Was Uketsu allerdings weiterhin meisterhaft beherrscht, ist das Erzeugen einer Atmosphäre latenter Bedrohung. Seine Beschreibungen der Häuser – mit ihren toten Winkeln, verborgenen Räumen und unmöglichen Grundrissen – sind so plastisch, dass ich mehr als einmal das Bedürfnis hatte, meine eigenen Wände zu überprüfen. In diesen Momenten blitzt die Genialität auf, die Hen Na E-Seltsame Bilder so eindringlich gemacht hat.

Doch dann kommt die zweite Hälfte – und mit ihr eine Wendung ins Okkulte, die mich eher ratlos zurückließ. Statt die psychologische Spannung zu steigern, driftet der Roman in überzogene Erklärungen und folkloristische Rituale ab. Der Horror wird nicht tiefer, sondern lauter. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Uketsu hier seiner eigenen Faszination für das Extreme erliegt.

Trotz allem blieb ich bis zur letzten Seite gefesselt. Uketsus Stil hat etwas Hypnotisches: selbst wenn ich innerlich mit dem Kopf schüttelte, wollte ich wissen, wie es endet. Vielleicht ist genau das seine größte Stärke – er schreibt Geschichten, die einen nicht loslassen, selbst wenn man sie kritisch betrachtet.

Hen Na Ie- Das seltsame Haus ist letztlich ein widersprüchliches Buch: stilistisch fesselnd, atmosphärisch stark, aber erzählerisch unausgegoren. Wer Logik und psychologische Tiefe sucht, wird sich ärgern. Wer hingegen Freude an experimentellen Formen des Horrors hat, wird sich hier bestens gruseln – und vielleicht sogar ein wenig in den Schatten zwischen den Wänden verlieren.

Fazit:
Ein spannendes, wenn auch überzogenes Horror-Mosaik über Architektur, Geheimnisse und menschliche Abgründe. Nicht so stimmig wie Hen Na E-Seltsame Bilder, aber dennoch ein Erlebnis – vor allem für Leser, die sich gerne auf verstörende Gedankenspiele einlassen.

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