Zwischen Erinnerung und Wahrheit
Eigentlich wollte ich das nicht schreibenFreya Bromleys „Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist kein Roman, den man nach der letzten Seite einfach zuklappt und abhakt. Er hinterlässt vielmehr ein Gefühl, das sich nur schwer einordnen ...
Freya Bromleys „Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist kein Roman, den man nach der letzten Seite einfach zuklappt und abhakt. Er hinterlässt vielmehr ein Gefühl, das sich nur schwer einordnen lässt, irgendwo zwischen Trauer, Nachdenklichkeit und der Erkenntnis, dass es in Familien selten nur eine Wahrheit gibt.
Ausgangspunkt der Geschichte ist der plötzliche Tod von Nolas älterer Schwester Darina. Um mit ihrem Verlust umzugehen, schreibt Nola ein autobiografisch inspiriertes Buch, das überraschend erfolgreich wird. Als die Filmrechte verkauft werden sollen, gerät jedoch nicht nur ihre Karriere ins Wanken: Eine anonyme Beschwerde beim Verlag stellt das gesamte Projekt infrage und zwingt Nola dazu, erneut die Zustimmung ihrer Familie einzuholen. Ausgerechnet während eines gemeinsamen Wochenendes auf Lundy, wo die Familie Darinas Asche verstreuen möchte, brechen alte Konflikte, unausgesprochene Vorwürfe und lang gehütete Geheimnisse auf.
Besonders spannend fand ich dabei die moralische Fragestellung, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht: Wem gehören Erinnerungen eigentlich? Darf man seine eigene Geschichte erzählen, wenn sie zwangsläufig auch die Geschichte anderer Menschen ist? Jeder hat Darina anders erlebt, jeder trauert auf seine eigene Weise und jeder empfindet Nolas Buch deshalb unterschiedlich. Gerade weil Erinnerungen immer subjektiv sind, gibt es hier kein eindeutiges Richtig oder Falsch, nur verschiedene Perspektiven, die nebeneinander bestehen. Bromley zeigt eindrucksvoll, wie kompliziert diese Gratwanderung zwischen persönlicher Wahrheit und familiärer Verantwortung sein kann.
Nola selbst dürfte als Hauptfigur nicht jedem sofort sympathisch sein. Sie spricht Konflikte selten direkt an, zieht sich zurück und verarbeitet ihre Gedanken lieber schreibend als im Gespräch. Für mich machte genau das sie glaubwürdig. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, Gefühle offen auszusprechen, erst recht nicht, wenn er in einer Familie aufgewachsen ist, in der vieles unausgesprochen bleibt.
Der Roman erzählt dabei erstaunlich ruhig. Wer eine klassische Familiengeschichte mit großen Wendungen oder einer klaren Auflösung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Vielmehr lebt das Buch von Gesprächen und Erinnerungen.