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Veröffentlicht am 07.09.2025

Begegnungen mit Menschen

Jahre zwischen Hund und Wolf
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Ein Roman ohne besondere Handlung, in dem das Augenmerk auf verschiedene Personen gerichtet ist, die sich in irgendeinem Lebensumbruch befinden. Wichtigste unter ihnen ist der deutsche Comic-Zeichner Hardy, ...

Ein Roman ohne besondere Handlung, in dem das Augenmerk auf verschiedene Personen gerichtet ist, die sich in irgendeinem Lebensumbruch befinden. Wichtigste unter ihnen ist der deutsche Comic-Zeichner Hardy, der sich in einem Dorf in der Normandie niedergelassen hat und dort am Strand eine Erkennungsmarke aus dem Zweiten Weltkrieg findet, die ihn die Bekanntschaft mit der Deutschen Gisela machen lässt (übrigens ein derart gekünstelter Erzählstrang, der verzichtbar gewesen wäre) und der unverhofft einen Hund erbt, was die bis dahin gut verdrängte Erinnerung an ein gesetzloses Verhältnis vor Jahrzehnten zurückruft. Auch die weiteren Personen sind aus Hardys Umfeld und stehen vor Veränderungen im Leben – u.a. seine Lebensgefährtin, deren Vater verstirbt; seine Nachbarin, die den immer im Familienbesitz befindlichen Hof verkaufen will; ein befreundeter Polizist, der Schürzenjäger ist und in den Ruhestand geschickt wird. Alles nichts Besonderes. Weil der Plot allerdings in der Normandie angesiedelt ist, gibt es den ein oder anderen interessanten Hinweis auf den D-Day. Woran ich mich schon sehr gestoßen habe, war, wie oft das Wort „Notfallzigarette“ fällt, zu der Hardy regelmäßig greift, und wie die Figuren immer wieder zum Alkohol greifen und anschließend auch noch Auto fahren, betonend, dass auf dem Dorf eh keine Polizeikontrollen stattfinden.
Während mir der frühere Roman „Mitgift“ des Autoren gefallen hat, lässt der vorliegende mich etwas enttäuscht zurück.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

DDR-Nostalgie

Hoplopoiia
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Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin ...

Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin vorzudringen, war gar nicht so einfach angesichts der vom Autor gewählten formalen Erzählweise. Es ist einfach sagenhaft, was der Autor an Informationen in einen einzigen Satz packt, der dadurch sehr verschachtelt wird. Solche Schachtelsätze reihen sich endlos aneinander. Manchmal wird eine Seite mit nur einem Satz gefüllt. Absätze sind eher selten. In meinen Augen ist das hohe Erzählkunst. Inhaltlich kommt der Ich-Erzähler Richard Sparka vom Hölzchen aufs Stöckchen. Die Rahmengeschichte ist in der Gegenwart in Ost-Berlin angelegt, als Richard über die Trennung von seiner Lebensgefährtin nicht hinweg kommt, mit seinem gesamten vermeintlich unglücklichen Leben hadert und regelmäßig zum Therapeuten geht. Dabei blickt er immer wieder auf seine Kindheit, Jugend und sein junges Erwachsenenleben bis zum Mauerfall zurück. Der Leser erhält ein umfassendes Bild über die Besonderheiten in der DDR; für Zeitgenossen eine schöne Gelegenheit, in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen. Obwohl Richard es zu nichts gebracht hat, weil er ein begonnenes Mathematik-Studium abgebrochen hat, ist er ein durchweg sympathischer Protagonist. Herrlich sind die vielen Ausflüge in die Mathematik, die für Leser mit nicht entsprechender Begabung allerdings nur schwer zu verstehen sind. Nicht minder interessant sind die vielen Anekdoten rund um Richards weit verzweigte Familie.
Auf jeden Fall kein Nullachtfünfzehnbuch und deshalb empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Über den Bruder

Der Absturz
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Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun ...

Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun erzählt er die tragische kurze Lebensgeschichte seines – namenlos bleibenden – älteren (Halb-)Bruders. Den Rahmen der Geschichte bilden die Nachricht der gemeinsamen Mutter vom Tod des Bruders im Krankenhaus aufgrund exzessiven Alkoholmissbrauchs und die gemeinsamen Vorbereitungen seiner Bestattung. Dazwischen bringt der Autor sechzehn „Fakten“ ein, die jeweils Geschehnisse aus dem Leben des Bruders erzählen. Dabei greift er zurück auf eigene Erinnerungen und Interviews mit den Ex-Freundinnen seines Bruders. Louis berichtet sachlich, ohne jedes Gefühl. Es wird deutlich herausgearbeitet, dass er keinerlei Trauer empfindet. Denn geliebt hat er seinen Bruder nicht. Und das verwundert auch nicht angesichts dessen Biografie. Er ist der Sohn eines gewalttätigen Vaters, in einfachen Verhältnissen aufwachsend. Nach der Trennung der Eltern hat der leibliche Vater nichts mehr von ihm wissen wollen und der Stiefvater hat ihn verhöhnt und klein gemacht. Schon jung gerät er an Alkohol, Drogen, Umgang mit den falschen Leuten. Er wird zum Fantasten, der große Karrieren im Berufsleben machen will, aber immer schon im Anfangsstadium scheitert. Der Autor erfährt zu seiner Verwunderung ganz neue Aspekte, hauptsächlich die, dass der Bruder abseits seiner gewalttätigen Exzesse unter Alkoholeinfluss ein lieber Mensch war. Er geht der interessanten, zum Nachdenken anregenden Frage nach, was oder wer für den frühen Tod des Bruders verantwortlich ist – Das soziale Milieu? Die Zurückweisung durch den Vater? Seine homophobe Einstellung? Ein interessanter Punkt ist, dass Louis immer wieder auf andere Bücher zurückgreift, in denen es um den Umgang mit Trauer geht, z.B. von Joan Didion oder Ludwig Binswanger.
Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Karriere über alles?

Aufsteiger
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Zu Beginn der Lektüre war ich doch sehr überrascht. Deutete der Prolog doch darauf hin, einen Thriller vor sich zu haben. Doch schon ab S. 13 entpuppte sich der Roman als der, den ich nach der Buchbeschreibung ...

Zu Beginn der Lektüre war ich doch sehr überrascht. Deutete der Prolog doch darauf hin, einen Thriller vor sich zu haben. Doch schon ab S. 13 entpuppte sich der Roman als der, den ich nach der Buchbeschreibung erwartet hatte.
Es geht um den steilen Aufstieg des Journalisten Felix Licht, der Jahre auf den Höhepunkt seines Berufslebens hingearbeitet hat, nämlich die Stelle des Chefredakteurs eines bedeutenden deutschen Politmagazins zu erhalten. Entgegen allen Erwartungen ernennt der Verleger aber die junge, farbige Zoe, zwölf Jahre zuvor Felix vielversprechende Praktikantin und Beinahe-Geliebte. Felix rastet zu Hause aus, sein Familienleben zerbricht. Mithilfe eines populistischen rechtsgerichteten Anwaltes versucht er eine hohe Abfindung herauszuschinden. Währenddessen hat Zoe im Magazin um ihre Themen zu kämpfen. Der traditionelle Journalismus und der in den sozialen Medien, von Influencern und Populisten geschickt manipuliert, stehen sich konträr gegenüber. Aktuelle Themen werden angesprochen, wie Frauenquote, Klimaaktivismus, LSBTIQ+. Hierzu äußern sich verschiedene Romanfiguren mit ihren jeweiligen Ansichten, so dass der Leser aufgerufen ist, sich hierzu seine Meinung zu bilden.
Das Cover mit dem Fischreiher passt sehr treffend zu dem Protagonisten Felix, steht er doch für die Fähigkeit, im Unterbewusstsein zielgerichtet zu fischen. Ein wenig gestört habe ich mich an der Liebesgeschichte zwischen Felix und Zoe. Es ist lebensfremd, ihm abzunehmen, dass er bis zu seinem Absturz eine lange glückliche Ehe geführt hat, dann aber die vergangenen zwölf Jahre unentwegt an Zoe gedacht haben will. Auch die vielen Drinks, die er täglich in der Hotelbar zu sich nimmt, hätten nicht in der Häufigkeit erwähnt werden müssen.
Besonders für Leser mit Interesse für Journalismus werden auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Trauerverarbeitung in einer Abschiedsgruppe

Café Finito
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Der Roman passt gut in die heutige Zeit, in der zunehmend offen über Tod und Trauer gesprochen wird und sich die Gesellschaft neuen Bestattungskulturen zuwendet. Die Autorin hat den Faden aufgenommen, ...

Der Roman passt gut in die heutige Zeit, in der zunehmend offen über Tod und Trauer gesprochen wird und sich die Gesellschaft neuen Bestattungskulturen zuwendet. Die Autorin hat den Faden aufgenommen, zumal sie über eigene Trauererfahrungen schreiben wollte, wie sie in ihrem Nachwort erklärt. Sie hat den realen Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem Künstler und bekannte Persönlichkeiten aus vielen Epochen bestattet sind, zum Schauplatz ihrer Geschichte gemacht. In dem dort tatsächlich aufzufindenden und früher vom Verwalter bewohnten kleinen, ockergelben Haus lässt sie ihren fiktiven Protagonisten Kristof in der Rolle des Friedhofsgärtners und –verwalters wohnen. Er betreibt im Erdgeschoss ein Café und versammelt dort für die Dauer eines Jahres eine Abschiedsgruppe, die er für ein Jahr durch das Tal der Trauer manövriert. Konkret setzt sie sich aus sechs unterschiedlichen Personen zusammen, die alle einen schweren Verlust eines Nächsten erlitten haben. Ihre Schicksale werden nach und nach geschildert. Im Verlauf ist deutlich zu merken, dass sie behutsame Fortschritte in der Trauerbewältigung machen. Bei ihren Gesprächen werden alle möglichen Themen im Zusammenhang mit Tod und Trauer angesprochen, die auch die Lesenden zum Nachdenken und eigener Meinungsbildung anregen, etwa bzgl. eines Weiterlebens nach dem Tod. Vom Thema her zwar ein trauriger Roman, dem es aber nicht an tragikomischen Inhalten und humorvollen schönen Wortspielen fehlt. Wissenswerte Informationen werden immer wieder bzgl. der begrabenen Persönlichkeiten eingestreut, z.B. über John Heartfield und seinen Bruder, Lin Jadalti, Wolfgang Herrndorf. In den ersten beiden Dritteln des Romans wird das Thema nachvollziehbar und realistisch entwickelt, während es dann im letzten Drittel zu einer mich nicht mehr einnehmenden Wendung kommt. Im Anschluss an die Trauerfeier für die später selbst verstorbene älteste Dame der Gruppe findet ein Fest der Lebenden und Toten auf dem Friedhof statt. Es mutet etwas schrill und aus dem Rahmen gefallen an und lässt mich etwas verwirrt zurück, weshalb meine Bewertung vier von fünf Sternen schließt.

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