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Veröffentlicht am 11.09.2025

Etwas langatmig

Die Assistentin
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Von Caroline Wahl habe ich bereits „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ gelesen, die mir beide gut gefallen haben. Von ihrem neuesten Werk bin ich allerdings enttäuscht. Vielleicht lag es zum Teil mit daran, ...

Von Caroline Wahl habe ich bereits „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ gelesen, die mir beide gut gefallen haben. Von ihrem neuesten Werk bin ich allerdings enttäuscht. Vielleicht lag es zum Teil mit daran, dass ich es in der Hörbuch-Version angehört habe. Die Autorin selbst zum Einlesen zu gewinnen, erscheint mir nicht die beste Wahl. Ihre Stimme empfand ich als zu monoton. Aufgefallen sind mir immer wieder ein Lispeln und die Aussprache von „sch“ als „ch“ (z.B. realistich statt realistisch), was in meinen Ohren wie ein Sprachfehler klingt. Von diesen Formalien abgesehen, war die Geschichte als solche recht fesselnd. Die junge Charlotte tritt nach Abschluss ihres Studiums ihre erste Stelle als Assistentin in einem großen Münchner Verlag an, eher auf Drängen ihrer Eltern, die sie nicht mehr finanziell unterstützen wollen, denn eigentlich hätte sie lieber Musik gemacht. In ihrem neuen Umfeld ist Charlotte total unglücklich. Das fängt bereits mit ihrer Wohnung an und setzt sich fort in fehlenden Freunden/Beziehungen und der räumlichen Trennung von ihren Eltern. Das Schlimmste aber ist ihr Chef, ein exzentrischer, despotischer Verleger, der mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet. Charlotte erlebt auf der Arbeit in nur wenigen Monaten viele Facetten von Psychoterror, was sie krank macht. Unterstützung findet sie von kaum jemandem. Die Eltern spielen gar alles herunter und drängen sie zum Durchhalten, solange sie keine andere Stelle hat. Eigentlich alles aktuelle Themen, die im heutigen Arbeitsleben vielleicht gar nicht so selten sind und in denen sich mancher wiederfinden kann. Das Zuhören wurde mit der Zeit allerdings zunehmend mühevoller, weil immer wieder die gleiche Art von Drangsalierungen geschildert wurde. Gestoßen habe ich mich ferner an den vielen stichwortartigen Einblendungen auf zukünftige Ereignisse. Das sollte wohl die Spannung erhöhen, hatte aber den Beigeschmack, schlicht den Umfang der Geschichte zu strecken.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Die Abgründe im Menschen

Die Verdorbenen
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Kurz und leicht zu lesen ist der neueste Roman des Autors, von dem ich zuletzt „Das Philosophenschiff“ und „Frankie“ gelesen hatte.
Es geht um den österreichischen Studenten der Germanistik und Politikwissenschaft ...

Kurz und leicht zu lesen ist der neueste Roman des Autors, von dem ich zuletzt „Das Philosophenschiff“ und „Frankie“ gelesen hatte.
Es geht um den österreichischen Studenten der Germanistik und Politikwissenschaft Johann. Aus seiner Zeit in Marburg Anfang der 1970er Jahre erzählt der Ich-Erzähler 40 Jahre später. Eigentlich ist er ein ganz normaler Student, der mehreren Jobs nachgeht und Schriftsteller werden will, aber von der Liebe nichts weiß. Das ändert sich, als er mit seiner Kommilitonin Christiane und deren langjährigem Freund Tommi eine Dreiecksbeziehung aufnimmt. Es folgen weitere Abgründe: er bestiehlt seine Eltern und ist in zwei Tötungstaten verwickelt.
Völlig unaufgeregt werden uns Gedanken zu Liebe, Schuld und Besessenheit dargelegt. Die Geschichte ist faszinierend und sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Begegnungen mit Menschen

Jahre zwischen Hund und Wolf
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Ein Roman ohne besondere Handlung, in dem das Augenmerk auf verschiedene Personen gerichtet ist, die sich in irgendeinem Lebensumbruch befinden. Wichtigste unter ihnen ist der deutsche Comic-Zeichner Hardy, ...

Ein Roman ohne besondere Handlung, in dem das Augenmerk auf verschiedene Personen gerichtet ist, die sich in irgendeinem Lebensumbruch befinden. Wichtigste unter ihnen ist der deutsche Comic-Zeichner Hardy, der sich in einem Dorf in der Normandie niedergelassen hat und dort am Strand eine Erkennungsmarke aus dem Zweiten Weltkrieg findet, die ihn die Bekanntschaft mit der Deutschen Gisela machen lässt (übrigens ein derart gekünstelter Erzählstrang, der verzichtbar gewesen wäre) und der unverhofft einen Hund erbt, was die bis dahin gut verdrängte Erinnerung an ein gesetzloses Verhältnis vor Jahrzehnten zurückruft. Auch die weiteren Personen sind aus Hardys Umfeld und stehen vor Veränderungen im Leben – u.a. seine Lebensgefährtin, deren Vater verstirbt; seine Nachbarin, die den immer im Familienbesitz befindlichen Hof verkaufen will; ein befreundeter Polizist, der Schürzenjäger ist und in den Ruhestand geschickt wird. Alles nichts Besonderes. Weil der Plot allerdings in der Normandie angesiedelt ist, gibt es den ein oder anderen interessanten Hinweis auf den D-Day. Woran ich mich schon sehr gestoßen habe, war, wie oft das Wort „Notfallzigarette“ fällt, zu der Hardy regelmäßig greift, und wie die Figuren immer wieder zum Alkohol greifen und anschließend auch noch Auto fahren, betonend, dass auf dem Dorf eh keine Polizeikontrollen stattfinden.
Während mir der frühere Roman „Mitgift“ des Autoren gefallen hat, lässt der vorliegende mich etwas enttäuscht zurück.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

DDR-Nostalgie

Hoplopoiia
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Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin ...

Ein rätselhafter Titel, dessen Bedeutung sich mir nicht erschloss und auf dessen Erklärung im Text ich lange Zeit gewartet habe, bis sich des Rätsels Lösung endlich auf S. 277 offen tat. Doch bis dahin vorzudringen, war gar nicht so einfach angesichts der vom Autor gewählten formalen Erzählweise. Es ist einfach sagenhaft, was der Autor an Informationen in einen einzigen Satz packt, der dadurch sehr verschachtelt wird. Solche Schachtelsätze reihen sich endlos aneinander. Manchmal wird eine Seite mit nur einem Satz gefüllt. Absätze sind eher selten. In meinen Augen ist das hohe Erzählkunst. Inhaltlich kommt der Ich-Erzähler Richard Sparka vom Hölzchen aufs Stöckchen. Die Rahmengeschichte ist in der Gegenwart in Ost-Berlin angelegt, als Richard über die Trennung von seiner Lebensgefährtin nicht hinweg kommt, mit seinem gesamten vermeintlich unglücklichen Leben hadert und regelmäßig zum Therapeuten geht. Dabei blickt er immer wieder auf seine Kindheit, Jugend und sein junges Erwachsenenleben bis zum Mauerfall zurück. Der Leser erhält ein umfassendes Bild über die Besonderheiten in der DDR; für Zeitgenossen eine schöne Gelegenheit, in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen. Obwohl Richard es zu nichts gebracht hat, weil er ein begonnenes Mathematik-Studium abgebrochen hat, ist er ein durchweg sympathischer Protagonist. Herrlich sind die vielen Ausflüge in die Mathematik, die für Leser mit nicht entsprechender Begabung allerdings nur schwer zu verstehen sind. Nicht minder interessant sind die vielen Anekdoten rund um Richards weit verzweigte Familie.
Auf jeden Fall kein Nullachtfünfzehnbuch und deshalb empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Über den Bruder

Der Absturz
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Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun ...

Der Autor ist mir neu. Nach der Lektüre dieses Romans scheint mir, dass ich bisher etwas versäumt habe, weil ich seine früheren Bücher über weitere Familienmitglieder noch nicht gelesen habe.
Hier nun erzählt er die tragische kurze Lebensgeschichte seines – namenlos bleibenden – älteren (Halb-)Bruders. Den Rahmen der Geschichte bilden die Nachricht der gemeinsamen Mutter vom Tod des Bruders im Krankenhaus aufgrund exzessiven Alkoholmissbrauchs und die gemeinsamen Vorbereitungen seiner Bestattung. Dazwischen bringt der Autor sechzehn „Fakten“ ein, die jeweils Geschehnisse aus dem Leben des Bruders erzählen. Dabei greift er zurück auf eigene Erinnerungen und Interviews mit den Ex-Freundinnen seines Bruders. Louis berichtet sachlich, ohne jedes Gefühl. Es wird deutlich herausgearbeitet, dass er keinerlei Trauer empfindet. Denn geliebt hat er seinen Bruder nicht. Und das verwundert auch nicht angesichts dessen Biografie. Er ist der Sohn eines gewalttätigen Vaters, in einfachen Verhältnissen aufwachsend. Nach der Trennung der Eltern hat der leibliche Vater nichts mehr von ihm wissen wollen und der Stiefvater hat ihn verhöhnt und klein gemacht. Schon jung gerät er an Alkohol, Drogen, Umgang mit den falschen Leuten. Er wird zum Fantasten, der große Karrieren im Berufsleben machen will, aber immer schon im Anfangsstadium scheitert. Der Autor erfährt zu seiner Verwunderung ganz neue Aspekte, hauptsächlich die, dass der Bruder abseits seiner gewalttätigen Exzesse unter Alkoholeinfluss ein lieber Mensch war. Er geht der interessanten, zum Nachdenken anregenden Frage nach, was oder wer für den frühen Tod des Bruders verantwortlich ist – Das soziale Milieu? Die Zurückweisung durch den Vater? Seine homophobe Einstellung? Ein interessanter Punkt ist, dass Louis immer wieder auf andere Bücher zurückgreift, in denen es um den Umgang mit Trauer geht, z.B. von Joan Didion oder Ludwig Binswanger.
Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

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