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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.04.2020

Nicht nur für zerstrittene Eheleute

Die Wunderübung
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Daniel Glattauers Bücher kenne ich eigentlich alle – von „Der Weihnachtshund“ über „Gut gegen Nordwind“ bis hin zu „Geschenkt“, um nur einige zu nennen. Und alle haben sie mir gefallen, ebenso das hier ...

Daniel Glattauers Bücher kenne ich eigentlich alle – von „Der Weihnachtshund“ über „Gut gegen Nordwind“ bis hin zu „Geschenkt“, um nur einige zu nennen. Und alle haben sie mir gefallen, ebenso das hier zu besprechende. Dieses Mal hat sich der Autor in formaler Hinsicht wieder etwas einfallen lassen – kein Email-Roman wie etwa bei „Gut gegen Nordwind“, sondern eine als Theaterstück abgefasste Komödie, die man sich gut auf der Bühne vorgespielt vorstellen kann. Es gibt nur drei Figuren, die Eheleute Joana und Valentin sowie den Paartherapeuten Harald. Geboten wird eine Therapiestunde. Da Joana und Valentin völlig zerstritten sind und nicht an Kritik des jeweils anderen sparen, liest sich das Ganze recht lustig und anschaulich und ähnelt genau dem, wie ich mir eine Beratungsstunde beim Ehetherapeuten vorstelle. Harald stellt zunächst den souveränen Berater dar, der spezielle Übungen einsetzt (daher auch der Titel). Doch nach einer Pause nimmt alles eine völlig unerwartete Wendung, von der sich jeder überraschen lassen sollte.
Sehr zu empfehlen. Schade nur die Kürze.

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Veröffentlicht am 07.04.2020

Wie Musik soziale Unterschiede bedeutungslos werden lässt

Der Klavierspieler vom Gare du Nord
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Ich weiß nicht, ob es diese Erscheinung tatsächlich gibt: Ein Klavier steht öffentlich zugänglich am Pariser Bahnhof Gare du Nord und bietet jedem Vorbeikommenden die Möglichkeit, auf ihm zu spielen. ...

Ich weiß nicht, ob es diese Erscheinung tatsächlich gibt: Ein Klavier steht öffentlich zugänglich am Pariser Bahnhof Gare du Nord und bietet jedem Vorbeikommenden die Möglichkeit, auf ihm zu spielen. Davon macht auch der eine Protagonist dieses Romans Gebrauch – der 20jährige Mathieu, der in sozial schwierigen Verhältnissen in der Banlieue wohnt und seit seiner Kindheit nach Gehör Klavier spielt, ohne jemals Noten lesen gelernt zu haben. Der zweite Protagonist – Pierre, gut situierter Direktor des Pariser Konservatoriums, beruflich und familiär an einem Tiefpunkt angelangt – wird Zeuge und erkennt Mathieus großes Talent. Als Mathieu zur Strafe für einen Einbruch zur Ableistung von Sozialstunden verurteilt wird, stellt Pierre ihn pro forma als „Putzmann“ ein, bereitet ihn aber stattdessen für einen renommierten Klavierwettbewerb vor. Warum tut Pierre das? Und will Mathieu das überhaupt?
Eigentlich war ich eher skeptisch, ob mir dieses Buch überhaupt gefallen würde. Denn dem Buchrücken und dem Klappentext war zu entnehmen, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte sein würde („Ein virtuoser, spannender Roman voller Musik“, „Ein Roman über die verbindende Kraft der Musik“), und ich bin ein völlig unmusikalischer Mensch. Doch ich, der ich mit den in Bezug genommenen klassischen Klavierstücken (z.B. Präludium, Fuge Nr. 2 in c-Moll, Ungarische Rhapsodie) nichts anfangen kann, war von Anfang an begeistert von der Geschichte. Sie hat etwas von einem modernen Märchen und bedient sich vieler Klischees – armem, kriminellem Jungen gelingt der Aufstieg in die ihn herablassend betrachtende und von ihm verachtete Oberschicht und verliebt sich sogar noch in ein ihr zugehöriges Mädchen. Gerade das hat mich so fasziniert. Bestechend ist auch die Darstellung der Protagonisten, vor allem des Mathieu, der eine so gleichgültige und provozierende Haltung an den Tag legt, dass man ihn am liebsten durchschütteln möchte, um ihm klarzumachen, welche große Chance sich ihm bietet.
Das Buch erhält von mir eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 02.04.2020

Geschichten über Kleinstadtbewohner

Alles ist möglich
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Dieser Roman enthält eine lose Aneinanderreihung von Kapiteln mit jeweils einem Bewohner einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA im Vordergrund. Zwischen den aufeinanderfolgenden Romanfiguren bestehen ...

Dieser Roman enthält eine lose Aneinanderreihung von Kapiteln mit jeweils einem Bewohner einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA im Vordergrund. Zwischen den aufeinanderfolgenden Romanfiguren bestehen mehr oder weniger lose Verbindungen. Recht beschaulich erzählt die Autorin von wahren Lebensdramen, die sich im Leben der Personen abspielen. Alle hadern irgendwie mit ihrem Schicksal: z.B. der Schulhausmeister, der seine Farm durch einen Brand verloren hat; die Schriftstellerin mit Panikattacken; die Tochter, der nicht recht ist, dass sich ihre Mutter im Alter in einen zwanzig Jahre jüngeren ItDaliener verliebt hat. Es werden vielfältige Themen angesprochen. Vieles ist sehr traurig und in melancholischem Tonfall geschrieben. Leider sind mir die Romanfiguren zu distanziert geblieben und fehlte mir der rote Faden.
Für Leser von Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 29.03.2020

Anspruchsvolle, unterhaltsame Lektüre

Ein treuer Freund
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Der norwegische Lehrer Jakop ist von Kindheit an ein einsamer Mensch. Sein einziger Freund ist Pelle, mit dem er lange Gespräche führt, mit dem es allerdings eine besondere Bewandtnis hat, die sich für ...

Der norwegische Lehrer Jakop ist von Kindheit an ein einsamer Mensch. Sein einziger Freund ist Pelle, mit dem er lange Gespräche führt, mit dem es allerdings eine besondere Bewandtnis hat, die sich für den Leser erst mitten in der Geschichte herauskristallisiert. Zwei Hobbies hat Jakop – die Etymologie der nordischen Sprachen und den Besuch der Beerdigungen ihm fremder Verstorbener. Ersteres führt zu ausschweifenden, aber durchaus interessanten etymologischen Darstellungen, die besonders Sprachwissenschaftler ansprechen dürften. Der Hintergrund hat natürlich eine Bedeutung. Die Sprachfamilien sind für den ohne Familie aufgewachsenen Jakob eine Ersatzfamilie. Sein zweites Hobby gibt Jakob ebenso ein Gefühl familiären Zusammenhalts. Bei einem Begräbnis lernt er Agnes kennen und verliebt sich in sie. Sie durchschaut Jakop, woraufhin er ihr in einem ausführlichen Brief – der zu eben dieser Geschichte wird – sein Tun zu erklären versucht.
Wichtige Themen wie Einsamkeit, Außenseitertum, Führen mehrerer Persönlichkeiten werden in diesem Roman sehr anspruchsvoll und zugleich unterhaltsam behandelt.

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Veröffentlicht am 22.03.2020

Historisch interessant, aber eine kompaktere Darstellung wäre gefälliger

Die Schule am Meer
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Die Autorin behandelt in diesem doch immerhin 568 Seiten langen Roman ein historisch interessantes schulpolitisches Thema, nämlich die in den 1920er Jahren tatsächlich neu gegründete und zum Abitur führende ...

Die Autorin behandelt in diesem doch immerhin 568 Seiten langen Roman ein historisch interessantes schulpolitisches Thema, nämlich die in den 1920er Jahren tatsächlich neu gegründete und zum Abitur führende Internatsschule auf Juist. Diese vertrat reformpädagogische Ziele mit Koedukation, Gleichberechtigung zwischen Schülern und Lehrern sowie der Schüler untereinander, Lernen im Einklang mit der Natur, Musikerziehung als wichtiges Fach. Es wundert somit nicht, dass sie auf beträchtliche Vorbehalte bei den Einheimischen und natürlich der zunehmend an Bedeutung gewinnenden nationalsozialistischen Gemeinde stieß und als Juden- bzw. Kommunistenschule verschrien war. Erzählt wird aus der Perspektive einiger weniger beteiligter Lehrer, Schüler, Mitarbeiter, Insulaner, wodurch Abwechslung beim Lesen einkehrt. Es gibt große Zeitsprünge, da zwischen den einzelnen Erzählsträngen in der Regel mehr als ein Jahr liegt. Mir persönlich ist die Darstellung des besonderen Schulkonzepts zu kurz gekommen und es wird mit epischer Breite auf am Rande liegende Ereignisse eingegangen. Der historische Hintergrund mit dem erwachenden Nationalsozialismus ist sehr interessant, ebenso die vielfältigen Schwierigkeiten finanzieller und persönlicher Art der Schulgründer, die den einen oder anderen an dem Reformkonzept verzweifeln lässt.
Unterhaltsam, eher dreieinhalb als vier Sterne.

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