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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.07.2025

Ein ungewöhnliches Buch

Die Schrecken der anderen
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Ich fand es verwirrend, dieses Buch zu lesen. Lange Zeit fehlte der berühmte rote Faden, den es erst gegen Ende der Geschichte gab, ganz entsprechend der Ankündigung auf der Buchrückseite. Deshalb habe ...

Ich fand es verwirrend, dieses Buch zu lesen. Lange Zeit fehlte der berühmte rote Faden, den es erst gegen Ende der Geschichte gab, ganz entsprechend der Ankündigung auf der Buchrückseite. Deshalb habe ich über weite Abschnitte hinweg das Thema nicht verstanden. Erst nach und nach dämmerte es mir, dass es um bei Ende des Zweiten Weltkriegs ins Ausland transferierte Nazigelder geht, die in der Gegenwart über Seilschaften ihren Weg zurück in die (neutrale!) Schweiz gefunden haben, wo sie von entsprechenden Gruppierungen zur Verbreitung ihres unrühmlichen Gedankenguts benutzt werden sollen. Das alles wird uns anhand einiger weniger Personen dargebracht, die allesamt etwas schrullig sind. Es geht der Autorin offenbar darum, auf die Gefahren hinzuweisen, die vom Totschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit auch der Schweiz ausgehen. Die gesamte Atmosphäre in der Geschichte ist düster und unheilvoll. Zwei Gesichtspunkte sollte man bei der Lektüre stets im Hinterkopf behalten, auf die auch eine der Protagonisten hinweist: Nichts läuft je ins Leere, sondern alles ist miteinander verbunden; ein kleiner Stein kann eine große Lawine unaufhaltbar ins Rollen bringen.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Wider den sozialen Tod der Vorfahren

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. ...

Der Autor, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT hat für dieses Buch die Geschichte seiner 1866 geborenen Urgroßmutter Anna rekonstruiert, um ihrem auf den biologischen Tod zweiten Tod entgegenzuwirken. Damit ist das allmähliche, doch eigentlich rasche Vergessen einer verstorbenen Person gemeint, wie er eingangs schön erklärt. Den Autor wie wohl auch seine Leser erstaunt es, wie wenig die lebenden Nachfahren über ihre Ahnen der Urgroßelterngeneration wissen. Im Falle der Protagonistin liegt das daran, dass von ihrem Nachlass nur einige Fotos (abgedruckt im Buch), ein Poesiealbum, Postkarten, ein Kaffeeservice, ein Ring den Weg in die Gegenwart geschafft haben. Anhand dieser Gegenstände und einiger Rechercheergebnisse aus Kirchenbüchern, Katasterkarten und ähnlichem zeichnet er letztlich ein Bild seiner Vorfahrin, das letztlich mehr auf Vermutungen seinerseits als tatsächlichen Gegebenheiten beruht. Er auch immer wieder zu, Anna so schildern, wie sie ihm am besten gefällt. Herausgekommen ist eine für ihre Zeit ungewöhnliche Frau. Ungewöhnlich deshalb, weil sie fest im Berufsleben stand und zweimal die Ehe einging, einmal davon mit einem knapp 20 Jahre jüngeren Mann. Auf jeden Fall ist ihre größtenteils wohl fiktive Geschichte sehr lesenswert. Der historisch interessierte Leser wird Gefallen finden an den regelmäßigen Einschüben über Ereignisse aus der Zeitgeschichte, betreffend Politik, Kultur, Geschichte. Diese Einschübe lassen das Buch weniger als Roman denn als Sachbuch erscheinen.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Liebevolle Oma-Enkelin-Beziehung

6 aus 49
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Jacqueline Kornmüller, manchem evtl. bereits bekannt als Regisseurin und Autorin, hat in diesem Roman die Lebensgeschichte ihrer 1911 geborenen Großmutter Lina niedergeschrieben. Es handelt sich eher um ...

Jacqueline Kornmüller, manchem evtl. bereits bekannt als Regisseurin und Autorin, hat in diesem Roman die Lebensgeschichte ihrer 1911 geborenen Großmutter Lina niedergeschrieben. Es handelt sich eher um einzelne Episoden denn um eine fortlaufende Geschichte, insgesamt 49 Kapiteln zugeordnet. Eine symbolträchtige Zahl, denn die Oma war seit den 1960er Jahren leidenschaftliche Lottospielerin, der sogar einmal der Hauptgewinn beschieden war. Überhaupt war ihr stets das Glück hold, jedenfalls was ihr berufliches Umfeld betrifft, obwohl es zu Beginn ihres Lebens gar nicht danach aussah. Denn sie stammt aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Ihr gelang es dann aber, sich durch Fleiß bis zur Betreiberin eines eigenen Hotels in Garmisch-Patenkirchen hochzuarbeiten, dem sie sich bis ins hohe Alter hinein verschrieb. Allein dieser Werdegang ist beeindruckend und interessant zu lesen. Im Privatleben hat sie dann aber schon das Glück verlassen, wenngleich das so ausdrücklich nicht gesagt wird. Ihre eigene Tochter kam unehelich zur Welt, wahrscheinlich als Folge einer Vergewaltigung. Beider Verhältnis war dann auch nicht ungetrübt. Die spätere große Liebe entpuppte sich als Bigamist. Nur die Enkelin Jacqueline, die sie von Geburt an in ihrem Hotelhaushalt „mitlaufen“ ließ, war ihr ein und alles, genauso umgekehrt. Aus jeder Zeile spricht die große Liebe, die die Autorin für ihre Oma empfand. Ein sehr persönliches Buch. Nur eine Handvoll Passagen hätte Frau Kornmüller durchaus weglassen können, nämlich die, in denen sie ausschließlich von einigen ihrer beruflichen Aufgaben erzählt. Eine Sache erledigt sie beiläufig hervorragend: sie prangert die unrühmliche nationalsozialistische Vergangenheit von Garmisch-Patenkirchen wiederholt anhand konkreter Beispiele an. Der Schreibstil ist manchmal etwas eigenwillig, wenn sie von dem zuvor genannten Ort etwa fast immer nur von „Bindestrich“ spricht oder sie ihre eigene Mutter immer nur als „Linas Tochter“ bezeichnet.
Auf jeden Fall empfehle ich das Buch gerne weiter.

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Veröffentlicht am 07.07.2025

Ein Ja zum Buch

Ja, nein, vielleicht
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Doris Knecht knüpft mit ihrem neuesten Roman an ihren vorangegangenen an („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“). Zwar ist er eine Art Fortsetzung, in sich aber völlig selbständig ...

Doris Knecht knüpft mit ihrem neuesten Roman an ihren vorangegangenen an („Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“). Zwar ist er eine Art Fortsetzung, in sich aber völlig selbständig und gut ohne Kenntnisse des früheren Werkes lesbar. Die Ich-Erzählerin, bei der offen bleibt, ob sie identisch mit Doris Knecht ist, erzählt Weiteres aus ihrem Leben. Sie ist jetzt Ende fünfzig und hat sich gut eingerichtet in ihrem Leben als Single (der sich vor zehn Jahren vom langjährigen Lebenspartner getrennt hat), Mutter eines erwachsenen Zwillingspaares, Autorin, umgeben mit einer Schar guter Freunde und Hund, mit zwei Wohnsitzen in der Stadt (Wien) und auf dem Land. Erst das zufällige Zusammentreffen mit ihrem Freund von vor etwa zwei Jahrzehnten konfrontiert sie mit der Frage, ob sie doch noch einmal bereit ist, ihr gutes Leben mit einem Mann zu teilen. Immer wieder geht sie hierzu Gedankenspiele durch, die interessant zu lesen sind. Mich fasziniert vor allem die gute Beobachtungsgabe und Lebensklugheit, mit denen die Protagonistin Alltägliches, aber auch lebenswichtige Aspekte wie das Älterwerden, Krankheit, Freundschaft reflektiert – Themen, die jeden Leser auch betreffen können. Dass sie dabei ihren Reflexionen freien Lauf lässt und nicht unbedingte Ordnung herrscht, tut dem Ganzen keinen Abbruch.

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Veröffentlicht am 04.07.2025

Stark angefangen, schwach nachgelassen

Ungebetene Gäste
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Da die Autorin studierte Psychologin ist, wundert es nicht, dass sie ihren neuesten Roman zum Psychodrama macht. Sie stellt Unwahrheiten und Unausgesprochenes, Moral und Schuld in den Mittelpunkt der Geschichte. ...

Da die Autorin studierte Psychologin ist, wundert es nicht, dass sie ihren neuesten Roman zum Psychodrama macht. Sie stellt Unwahrheiten und Unausgesprochenes, Moral und Schuld in den Mittelpunkt der Geschichte. Aufhänger des Ganzen ist, dass eine junge israelische Mutter – Naomi -nur kurz nicht Obacht gibt auf ihren einjährigen Sohn, so dass dieser zum Hammer des auf dem Balkon tätigen arabischen Bauarbeiters greift und hinunter auf die Straße wirft, wo dann ein Halbwüchsiger erschlagen wird. Der Arbeiter wird als vermeintlicher Attentäter verhaftet und verurteilt, denn Naomi bezeugt nicht sogleich das wahre Geschehen. Mit ihrer Familie verzieht sie dann nach Lagos und hat dort Kontakte zu einer als Psychologin arbeitenden Landsmännin, der geheim gehaltenen Jugendfreundin ihres Mannes, und der israelischen Community.
Der erste der insgesamt drei Teile hat mich wirklich gepackt. Er gibt Gelegenheit, Naomis Verhalten als richtig oder falsch zu bewerten, je nach der eigenen Moralvorstellung. Interessant ist auch, wie die israelische Gesellschaft aufgebaut ist, in der die Araber auf einer unteren Stufe stehen und schnell als Sündenböcke herhalten müssen. Als sich das Setting dann aber mit dem zweiten und dritten Teil nach Nigeria verlagerte, ließ die Geschichte sehr stark nach. Alles wirkt nur noch künstlich aufgesetzt. Es werden zu viele Figuren eingeführt, die für das eigentliche Thema keinerlei Bedeutung haben und für die Fortentwicklung der Handlung überflüssig sind. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass jetzt nur noch krampfhaft Seiten geschunden werden sollten. Dass Naomi etwa stante pede Gefallen an einer nigerianischen Staatswissenschaftlerin fand, die dann in gewisser Weise von Naomi erlangtes Wissen kritisch preisgab, oder Naomis Mann nach siebzehn Jahren das sehr kurze Verhältnis mit seiner Jugendfreundin aufnahm, oder ein verwöhnter Zehnjähriger sich gegenüber seiner Mutter und seiner Psychologin als kleiner Tyrann aufspielt, ist einfach nur abgedroschen und trivial und mag von mir eher nicht gelesen werden.
Schade, stark angefangen, schwach nachgelassen.

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