Eine sensible Annäherung
1887 im tiefen Sauerland. Die junge Anna Kalthoff tritt eine Stelle als Lehrerin im Dorf Cobbenrode an. Doch schnell zeigt sich: Sie ist nicht für das engstirnige Dorfleben geschaffen. Statt sich anzupassen, ...
1887 im tiefen Sauerland. Die junge Anna Kalthoff tritt eine Stelle als Lehrerin im Dorf Cobbenrode an. Doch schnell zeigt sich: Sie ist nicht für das engstirnige Dorfleben geschaffen. Statt sich anzupassen, widersetzt sie sich den Erwartungen – bricht Regeln, entscheidet selbst über ihr Leben, die Liebe und ihre Arbeit. Sie bleibt nicht dienend, sondern kämpft um ihren Platz – in einer Zeit, in der Frauen dafür kaum Raum hatten. Knapp 140 Jahre später macht sich ihr Urenkel, Journalist Henning Sußebach, auf eine Spurensuche. Er verfügt nur über wenige Überbleibsel, kaum Erbstücke zu nennen – Fotos, ein Poesiealbum, Postkarten, ein Kaffeeservice und einen Verlobungsring. Doch durch intensive Recherche und ein enormes Feingefühl fügt er in diesem Buch das Bild einer außergewöhnlichen, emanzipierten Frau zusammen, die mit Mut, Courage und Selbstbestimmung gegen Widerstände antrat und auch für heutige Zeiten überaus inspirierend ist.
„Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ ist vielleicht mein literarisches Highlight dieses Frühsommers. Das mag zum einen daran liegen, dass ich mich selbst vermehrt mit meinen Wurzeln und den Geschichten dahinter beschäftige, aber sicher auch an dem respektvollen, zarten Ton den er hier anschlägt, der Sensibilität, die er bei dem Versuch, diese Frau von heute aus greifen zu wollen, walten lässt. Der Autor erzählt keine lückenlose Chronik, sondern tastet sich vielmehr Puzzleteil für Puzzleteil vorsichtig voran, nie fühlt sich der Blick voyeuristisch an, trotz aller Intimität nie übergriffig. Er bettet das für damalige Zeiten ziemlich außergewöhnliche Leben Annas in die bewegte Weltgeschichte ihrer Zeit (1865-1930) ein, versucht, es in dieser spannenden Zeit der Umbrüche und des Fortschritts rechtmäßig zu positionieren. Das ist extrem interessant und informativ und dabei nie langweilig oder sachlich. Eine neue literarische Stimme, der ich unheimlich gerne zugehört habe und gerne auch noch länger getan hätte – sind leider nur 200 Seiten, seine Mutter hat gedrängelt. Und das ist nur zu verzeihlich.