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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.05.2022

Eine Jugend in einer rohen und gewalttätigen Welt

Amelia
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Man könnte meinen, dass Amelia auf einem anderen Kontinent oder gar einem anderen Planeten, zumindest jedoch in einer ganz anderen Epoche als ich groß geworden ist: doch nichts davon trifft zu. Sie ist ...

Man könnte meinen, dass Amelia auf einem anderen Kontinent oder gar einem anderen Planeten, zumindest jedoch in einer ganz anderen Epoche als ich groß geworden ist: doch nichts davon trifft zu. Sie ist - wie auch ihre Autorin Anna Burns - ganze zwei Jahre älter als ich und lebt ebenfalls in Europa, allerdings unter ganz anderen Bedingungen.

Ihr gesamtes Umfeld, ausgehend von der eigenen Familie ist von roher Gewalt geprägt, Verletzungen, die zumeist nichts mit dem in Belfast herrschenden Bürgerkrieg zu tun haben, sind an der Tagesordnung. Sowohl seelische als auch körperliche, von der Autorin teilweise sehr realitätsnah, teilweise aber auch in einer sehr realitätsfernen Wahrnehmung, die in der Regel die Sichtweise der Protagonistin Amelia spiegelt, geschildert.

Es ist für mich kein typischer Roman - wäre es als Band von Kurzgeschichten bezeichnet worden, hätte das für mich auch gepasst, denn es geht nicht immer um Amelia, auch wenn der Kosmos einer ist, in dem sie immer wieder auftaucht, nämlich die unruhigen Jahre von Belfast, die Troubles eben, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Nordirland dominierten.

Eine Lektüre, die sicher von einer starken, vielleicht auch durch dieses Niederschreiben gestärkten Autorin verfasst wurde, für die ich mich als Leserin jedoch oftmals zu schwach fühle. Ich brauche immer mal wieder eine Pause von der rohen Gewalt, der Gnadenlosigkeit um Amelia herum. Diesen Roman zu lesen, hat mich außerordentlich viel Kraft gekostet.

Kann sein, dass er mich besonders betroffen macht, weil wir gerade einen weiteren sehr brutalen Krieg in Europa miterleben müssen und dieses ganze Szenario für mich deutlich gegenwärtiger ist als noch vor einigen Monaten.

Veröffentlicht am 17.05.2022

Entspanntes Morden im Norden

Der Tod macht Urlaub in Schweden
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Nämlich genau zur Urlaubszeit des in ganz Schweden bekannten Stockholmer Mordermittlers Peter Vinston. Er wird gegen seinen Willen krank geschrieben und soll sich auf Ratschlag seines Arztes erholen, weswegen ...

Nämlich genau zur Urlaubszeit des in ganz Schweden bekannten Stockholmer Mordermittlers Peter Vinston. Er wird gegen seinen Willen krank geschrieben und soll sich auf Ratschlag seines Arztes erholen, weswegen er sich nach Schonen begibt, um sich in der Nähe seiner Tochter und Exfrau sowie deren neuem Mann, einem adligen Schlossbesitzer, aber einem der gemütlichen Art, auszuruhen.

Aber zunächst beginnt sein Aufenthalt mit einer Riesenparty aus Anlass des sechzehnten Geburtstags seiner Tochter Amanda. Dort trifft er auf ein sehr egozentrisches Weibsbild, eine Amerikanerin - die er am nächsten Tag wiedertrifft, als er mit seiner Exfrau eine Hausbesichtigung macht. Und zwar zunächst lebendig - später dann tot - ermordet, wie sich schon bald herausstellt.

Sie wollte an einer Stelle Häuser an Reiche verschachern, die eigentlich allen Menschen zugänglich sein sollte, da es sich um einen besonders schönen Strand handelte. Und sie hatte eine ganze Reihe von Menschen um sich, die sie loswerden wollten.

Peter Vinston wird vom lokalen Polizeichef in die Ermittlungen einbezogen, zunächst sehr gegen den Willen der lokalen Polizistin Tove Esping, der der aufgetakelte Kerl - Vinston trägt stets feinste Dreiteiler und ist ganz schön etepetete - zunächst ziemlich gegen den Strich geht.

Ein unterhaltsamer Krimi, bei dem die Figuren aus meiner Sicht teilweise noch nicht ganz ausgereift sind und der sich auch etwas schwerfällig entwickelt. Dennoch freue ich mich auf den zweiten Band der Reihe und bin zuversichtlich, dass dieser an Struktur und Format gewinnen wird!

Veröffentlicht am 11.05.2022

Alles beginnt mit dem Mord an einem Neonazi

Blutland
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Der sogar gefilmt wurde und dennoch mehr Frage- als Ausrufezeichen aufwirft! Denn schnell wird eine Verbindung zu einer Reihe von Frauenmorden hergestellt, die ausgesprochen irritierend erscheint.

Diese ...

Der sogar gefilmt wurde und dennoch mehr Frage- als Ausrufezeichen aufwirft! Denn schnell wird eine Verbindung zu einer Reihe von Frauenmorden hergestellt, die ausgesprochen irritierend erscheint.

Diese weisen nämlich über Jahrtzehnte hinweg gewisse Parallelen auf. also die Morde an den Frauen, denen Vergewaltigungen vorausgegangen sind. Bald schon zeigt sich, dass Signe Kristiansen - der weibliche Part der beiden Protagonisten - persönliche und überaus unangenehme Verbindungen zu diesen Fällen hat.

Überhaupt schwingt eine ganze Menge Persönliches hinein in die vielfältigen Ermittlungen, die trotz der Masse und der parallelen Ereignisse nur ganz, ganz selten verwirren. In der Regel wird alles klar und schlüssig, immer wieder auch spannend dargestellt.

Ich habe Gefallen am Stil des dänischen Autorenpaares Faber und Pedersen gefunden und werde hier sicher am Ball bleiben.

Juncker und Signe Kristiansen in ihrem dritten Fall - es wird fast mehr hinter als vor die Kulissen geschaut, was m.E. für das Buch spricht!

Veröffentlicht am 06.05.2022

Iglhaut ist recht verbaut

Iglhaut
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Oh, wie habe ich mich auf diesen Roman gefreut. Auch, wenn ich "Ida" nur als eher mittelprächtig in Erinnerung habe, war ich mir sicher, dass Katharina Adler mit "Iglhaut" eine Protagonistin gezaubert ...

Oh, wie habe ich mich auf diesen Roman gefreut. Auch, wenn ich "Ida" nur als eher mittelprächtig in Erinnerung habe, war ich mir sicher, dass Katharina Adler mit "Iglhaut" eine Protagonistin gezaubert hat, die für mich wie gemacht ist. Eine eigensinnige, ja stachlige Person, die die Städterinnen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen, präsentiert, ihnen eine Stimme gibt.

Leider bleibt ihr gerade diese Stimme aus meiner Sicht versagt: Iglhaut hat - auch wenn sie durchaus ihren eigenen Stiefel fährt - nicht allzu viel zu sagen. Also nicht allzuviel wirklich Wichtiges und Bedeutungsvolles, so mein Eindruck. Sie und ihre Geschichte hat einfach keinen Eingang in meine Wahrnehmung gefunden. Sobald ich diese vernahm, entzog sie sich auch schon wieder meinen Sinnen, geriet in Vergessenheit. So verbaut, wie ihr Wohnort mitten in einem Münchner Innenhof zu sein scheint, so verbaut ist auch sie als Typ - jedenfalls für mich. Ich bin nicht an sie herangekommen. Schade drum und ich glaube, ich muss mir Katharina Adler für künftige Lesefreuden leider abschminken. Sie und ich werden keine Seelenfreundinnen!

Veröffentlicht am 05.05.2022

Wörter, die Frauen betreffen

Die Sammlerin der verlorenen Wörter
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Esme lebt in Oxford bei ihrem alleinerziehenden Vater und hat von klein auf eine enge Beziehung zu Wörtern. Kein Wunder denn sie wächst quasi in der Werkstatt des Oxford English Dictionary auf, an dessen ...

Esme lebt in Oxford bei ihrem alleinerziehenden Vater und hat von klein auf eine enge Beziehung zu Wörtern. Kein Wunder denn sie wächst quasi in der Werkstatt des Oxford English Dictionary auf, an dessen erster Ausgabe ihr Vater als Lexikograph mitarbeitet. Und es ist für die meisten Kollegen vollkommen normal, dass sich Esme dort den Tag über herumtreibt.

Sie hat aber auch eine zweite Bezugsperson: nämlich ihre Patentante Edith, von ihr Ditte genannt, die ehemals beste Freundin ihrer verstorbenen Mutter und auch in die Arbeit am Lexikon mit eingebunden, obwohl sie in Bath lebt.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wächst Esme zu einer jungen Frau heran, die ihr eigenes Sprachgefühl entwickelt und zwar ein besonderes für die Worte, die das Leben von Frauen betreffen - auch von solchen, die unter einfachen und ärmlichen Bedingungen leben und sie beginnt, diese zu sammeln.

Das ist quasi ihr Leben, nachdem sie gewisse Sehnsüchte über Bord werfen muss und darüber lernt sie auch den Mann ihres Lebens kennen. Jede Frau würde sich wünschen, einen so sehr auf sie zugeschnittenen Heiratsantrag zu erhalten, wie es Esme widerfährt.

Doch davor und danach treffen sie viele Schicksalsschläge - dennoch ist das Buch von einer gewissen Leichtigkeit, die angesichts gewisser historischer Voraussetzungen fast unwahrscheinlich anmutet. Ein Buch, fast nicht von dieser Welt - gewissermaßen empfand ich es als Emanzipationsmärchen und habe trotz einiger Längen diese ungewöhnliche und besondere Lektüre sehr genossen.

Ein Tipp für emanzipierte Bücherfreund;innen beiderlei Geschlechts, die gerne in frühere Zeiten zurücklesen!