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Veröffentlicht am 23.01.2020

Eine bittersüße Liebesgeschichte

Das Licht vergangener Tage
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Beziehungszweise sind es gleich mehrere Geschichten - von Großmutter und Enkelin nämlich im Ungarn der 1950er Jahre und eine über mehrere Orte verteilte - also modern globale - in der Gegenwart.

Ich ...

Beziehungszweise sind es gleich mehrere Geschichten - von Großmutter und Enkelin nämlich im Ungarn der 1950er Jahre und eine über mehrere Orte verteilte - also modern globale - in der Gegenwart.

Ich war sehr gespannt auf das Buch, weil die Entwicklungen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in Ungarn starten und die Geschehenisse bis nach dem 1956er Aufstand sozusagen als Kulisse dienen. Hier treffen sich István, ein mittelloser Kunststudent und Rebeka, eine junge Frau aus bisher gehobenen Verhältnissen zum ersten Mal und kommen nicht mehr voneinander los. Jedenfalls ist dies bei István der Fall, der Rebeka wieder zurücknimmt, nachdem sie ihn verlässt und ihr freiwillig in die Verbannung folgt, was sie ihm nur bedingt zu danken vermag. Die Liebesgeschichte der beiden steht sozusagen von Beginn an unter einem schlechten Stern. Und sind verflochten mit anderen Geschichten, Liebes- oder Zweckbeziehungen.

Die Enkelin Anna, eine Galeristin, stößt durch Zufall auf ihre Großmutter und deren Geschichte - Kontakt haben die beiden schon lange nicht mehr gehabt. Doch nun fließen die Biographien der alten und der jungen Frau wieder ineinander, obwohl Rebeka der Enkelin zunächst alles andere als warmherzig entgegentritt.

Insgesamt begegnen sich die Menschen in diesem Roman aus meiner Sicht oft auf negative Art und Weise, gehen nicht offen miteinander um, Neid, Missgunst und Zwietracht sind an der Tagesordnung, was einerseits in einem gestörten politischen System durchaus nachvollziehbar ist. Andererseits wäre das Leben so viel einfacher, wenn die Menschen zusammenhalten würden - ab und an blitzt eine Ahnung davon auf. Jedoch erfahren die Charaktere in diesem Roman fast alle großes Leid.

Insgesamt hatte ich während der Lektüre durchgehend ein sehr beklemmendes Gefühl, auch weil aus meiner Sicht die Atmosphäre weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart sonderlich gut rüberkam. Ein spannender und vielversprechender Ansatz, dessen Ausgestaltung mich leider nur teilweise berühren konnte.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2020

Those were the best days of my life!

Sweet Sorrow
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Nicht der Summer of sixtynine ist es, der Charlie Lewis in Zukunft als der beste seines Lebens in Erinnerung bleiben wird, sondern einer Mitte der 1990er Jahre. Damals war er 16 Jahre alt und befand ...

Nicht der Summer of sixtynine ist es, der Charlie Lewis in Zukunft als der beste seines Lebens in Erinnerung bleiben wird, sondern einer Mitte der 1990er Jahre. Damals war er 16 Jahre alt und befand sich in einer sch... Verzeihung, einer recht prekären Situation: Seine Eltern hatten sich getrennt und seine Mutter war auf recht abrupte Art aus seinem Alltagsleben verschwunden, er hatte nicht für die Abschlussprüfungen an der Schule gelernt, schlimmer noch: er hatte sie teilweise richtiggehend torpediert und dann war da noch die Geschichte mit dem Job an der Tanke...

Nun ja, sein Vater trank und hatte Depressionen und Charlie wollte möglichst of weg von dem Zuhause, das keines mehr war für ihn. Er trieb sich also mit dem Fahrrad in der Gegend rum und bei einem seiner Ausflüge begegnete er der zauberhaften Fran, einem Mädchen in seinem Alter. Aber sie war soviel reifer, soviel erfahrener, hatte einen so tollen Geschmack - und überhaupt. Sie hat Charlie quasi den Boden unter den Füßen weggehauen.

Und tatsächlich gab es nur eine Möglichkeit, sie wiederzusehen, nämlich bei den Proben für "Romeo und Julia", einem unkonventionell inszenierten und realisierten Stück, an dem Fran in den Sommerferien mitprobte. Natürlich als Julia. Kaum war Charlie dort, wurde er in die Proben hereingezogen, obwohl das so gar nicht sein Ding war.

In späteren Jahren, kurz vor seiner Hochzeit sieht er sich noch einmal konfrontiert mit diesen sehr besonderen Tagen: es soll nämlich ein Treffen der ehemaligen Theatergruppe geben - wie wird es sein, Fran, an die er immer noch manchmal denkt, wiederzusehen?

Ein Buch, das mich sehr reizte und das auch tatsächlich sehr warmherzig und atmosphärisch geschrieben war - das hat David Nicholls einfach drauf, keine Frage. Aber diese Längen! Und irgendwie konzentriert sich die ganze Handlung auf einige wenige Momente, dabei möchte man doch als Leser auch das andere, das nur angedeutet wird, erfahren. Und wenn alles ausgeglichen gewesen wäre, gäbe es damit auch kein Problem. So aber sah ich mich mit endlos zähen Abschnitten konfrontiert, die ich wie hohe Berge überwinden musste, um dann wieder ein paar spritzige Zeilen genießen zu dürfen. Nicht schlecht, das Buch - aber eben auch nicht richtig gut.

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Veröffentlicht am 20.01.2020

Nicht im Regen stehen, sondern schwimmen

Die Gewitterschwimmerin
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Das will Tamara Hirsch immer wieder, aber nur, wenn es dazu gewittert. Denn dann ist man erstens allein und zweitens möglicherweise bald nicht mehr am Leben - beides Tatsachen, die Tamara herbeisehnt. ...

Das will Tamara Hirsch immer wieder, aber nur, wenn es dazu gewittert. Denn dann ist man erstens allein und zweitens möglicherweise bald nicht mehr am Leben - beides Tatsachen, die Tamara herbeisehnt. Jedenfalls manchmal. Tamara hat ihren eigenen Kopf und ist gegen den anfänglichen Widerstand ihrer Familie Puppenspielerin geworden - und zwar nicht irgendeine, sondern mit Ausbildung und Studium von der Pike auf. Auch sonst ist sie aufmüpfig und nicht gerade pflegeleicht - am wenigsten für sich selbst.

Ihr Universum - das ist das Ostberlin der sechziger, siebziger, achtziger Jahre. Wobei sie das Privileg hat, durchaus auch mal über die Grenzen zu dringen und zwar nicht nur ost-, sondern auch westwärts - so sieht sie das Paris der wilden 1960er.

Denn sie entstammt einer Familie von Privilegierten: Ihr Vater, Opa und Onkel waren tapfere Männer, die in der Zeit des Nationalsozialsmus für ihre politischen Überzeugungen - sozialdemokratische bzw. kommunistische - eingestanden und gekämpft haben, zudem wurden sie wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Aber auch mit anderen, vor allem mit Frauen, gingen sie nicht gerade zimperlich um. Ihre eigenen Frauen hatten stets mit Konkurrentinnen zu rechnen und wurden bei Bedarf auch gerne ausgetauscht. Aus einem Umfeld des Bildungsbürgertums hervorgegangen, spielt Wissen und Kultur im Leben aller Generationen eine Rolle. Die Figuren sind komplex und haben in ihrer Konstruktion eine große Nähe zu Franziska Hausers eigener Familiengeschichte.

Nach Aussage der Autorin haben alle Figuren in diesem Buch mit Ausnahme des leiblichen Vaters von Henriette - ihrem eigenen Alter Ego in dem Buch - ein reales Vorbild. Ich wünsche ihr und vor allem ihrer Mutter, dass nicht alle Details dieses Romans, in denen auch Mißbrauch in verschiedenen Zusammenhängen und Ebenen zur Sprache kommt, auf wahren Begebenheiten fußen, das wäre wirklich überaus traumatisch und fatal. Allerdings befürchte ich, dass die Autorin sich in allen Aspekten ziemlich eng an der Realität orientiert hat.

Todessehnsucht ist ein Begriff, der vor allem in der Generation von Tamara Hauser, also derjenigen, die in der DDR aufwuchs und sich sozialisierte und bei deren Auflösung bereits im mittleren Alter war, immer wieder ein Thema ist. Diejenigen, die sich gegen den Nationalsozialismus durchgekämpft haben, sind anders, wenn auch nicht lebensfroh. Nein, das nicht - aber das Überleben als solches, das Durchstehen hat einen ganz anderen Wert. Zumal Tamaras Vater im Gegensatz zu ihrem Opa vollends von der DDR überzeugt ist, bis zu seinem Ende.

Doch auf ihre Art kämpfen sich alle Generationen durchs Leben. Es sind allesamt sperrige Charaktere, jeder auf seine eigene Art und so ist dieser (Über)Lebenskampf in einigen Fällen eher ein Kampf gegen das Leben. So bei Tamara, der Hauptfigur, um die sich alles rankt - auch die ausführlichen Episoden aus dem Leben des Vaters, Großvaters und Onkels, die sich vor ihrer Geburt ereignet haben, hängen letztendlich damit zusammen. Für ihre beiden Töchter ist sie keine einfache und vor allem keine sehr präsente Mutter. Und eine kapriziöse Frau, die die Existenz der DDR zum Leidwesen von Vater Alfred permanent in Frage stellt.

Eine Familie, die für ihre Überzeugungen und teilweise gegeneinander kämpft. So hat auch die Lektüre dieses Romans teilweise etwas von einem Kampf. Verstehen Sie mich nicht falsch, er ist eindringlich und gleichzeitig unterhaltsam, doch hat der Kampf zahlreicher Charaktere mich teilweise richtig zermürbt, so dass ich einfach nicht weiterlesen konnte. Auch hatte ich wieder und wieder Mitgefühl mit der Autorin, die es in dieser Familie nicht leicht hatte, auch wenn sie als Tamaras Tochter Henriette eher eine kleinere Rolle einnimmt.

Ein faszinierender, aber mehr noch beklemmender Roman, der mich sehr beschäftigt und dessen Wirkung wohl auch noch lange in mir nachhallen wird. Ein wenig sehe ich Parallelen zum Familienroman "Ab jetzt ist Ruhe" von Marion Brasch. Aber nur von der Thematik her - stilistisch und auch von der Darstellung der Inhalte her hat die Autorin ein ganz eigenes Werk geschaffen, das nicht nur aufgrund ihres persönlichen Hintergrundes dem Leser - mir zumindest - an die Nieren geht.

Ich muss sagen, ich habe viele Passagen in dem Roman, vor allem wenn es um Sexuelles, um die Mann-Frau-Beziehung ging, in ihrer Direktheit absolut nicht gerne gelesen. Aber insgesamt empfinde ich die Lektüre dieses Romans als großen Gewinn. Wer gerne Romane liest, in denen die deutschen Entwicklungen im 20. Jahrhundert zur Sprache kommen, auch gerne zu Anspruchsvollem greift und keine Angst davor hat, mit Aufwühlendem konfrontiert zu werden und zwar (fast) durchgehend, dem empfehle ich dieses Buch. Aber Vorsicht: Ich habe Sie gewarnt. Und das nicht nur einmal.

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Veröffentlicht am 19.01.2020

Ein ganz besonderer Ansatz

Kräuter Yoga
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zur Heilung von Beschwerden wie Zähneknirschen und Schlaflosigkeit und auch von handfesten Krankheiten wie Bluthochdruck und chronischen Magenbeschwerden wird in diesem Buch verfolgt: nämlich die Verwendung ...

zur Heilung von Beschwerden wie Zähneknirschen und Schlaflosigkeit und auch von handfesten Krankheiten wie Bluthochdruck und chronischen Magenbeschwerden wird in diesem Buch verfolgt: nämlich die Verwendung bestimmter Heilkräuter in Verbindung mit Yogaübungen.

Nun bin ich alles andere als gelenkig und daher nicht yogatauglich, aber ich betreibe regelmäßig Qi Gong, das gewisse Parallelen sowohl in den Bewegungsabläufen als auch vor allem in Bezug auf den meditativen und entspannenden Aspekt aufweist. Beim näheren Betrachten des Buches erweisen sich manche der Übungen als durchaus geeignet auch für unsportliche oder alters- und krankheitsbedingt in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkte Personen. Bspw. einige der Übungen gegen Kopfschmerz.

Den Kräuterteil finde ich besonders interessant, habe ich dadurch doch mir bisher völlig unbekannte Kräuter wie Bertram kennenlernen dürfen. Allerdings bleibt hier vieles - wie auch bei dem Yogateil - doch stark an der Oberfläche. Doch auch die Impulse, die man durch dieses Buch gewinnen kann, sind definitiv nicht zu unterschätzen. Allerdings nicht zur alleinigen Heilung von Krankheiten, sondern vielmehr als Ergänzung zu dem, was man beim Arzt und in der Therapie an die Hand bekommt.

Ein Buch also, das nach einem zweiten Teil schreit, das jedoch bereits durch seinen Ansatz viel bewirken kann

Veröffentlicht am 17.01.2020

Cymbeline und seine Mutter

Freischwimmen
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Cymbeline hat nur seine Mutter, denn sein Vater starb an seinem ersten Geburtstag. Das ist alles, was er weiß und wenn er anfängt zu fragen, dann fallen seiner Mutter tausend andere Themen ein, ...

Cymbeline hat nur seine Mutter, denn sein Vater starb an seinem ersten Geburtstag. Das ist alles, was er weiß und wenn er anfängt zu fragen, dann fallen seiner Mutter tausend andere Themen ein, die man ansprechen, hunderte anderer Dinge, die man erledigen sollte.

Und dann geht es ins Schwimmbad - von der Schule aus soll nun, in der vierten Klasse jeden Montag Morgen Schwimmunterricht erfolgen. Aber: Cymbeline war noch nie am, geschweige denn im Wasser. Und wenn es um dieses Thema geht, dann fallen der Mutter noch viel mehr Themen und Dinge ein, an die man sich unverzüglich heranwagen sollte.

Also erzählt Cym - so wird er genannt - ihr gar nicht davon und organisiert sich selbst. Dass das bei einem Viertklässler ganz schön in die Hose gehen kann, das kann man sich denken, das, was aber wirklich passiert, ist so heftig, dass seine Mutter angerufen wird, um ihn abzuholen.

Und danach zusammenklappt. In ihrem Schlafzimmer. Am nächsten Morgen ist sie nicht mehr da, sondern Onkel Bill, der sich nun um Cym kümmert. Im Wechsel mit der ziemlich exzentrischen Tante Mill, bei der Cym bald unterkommt und sich ganz verloren fühlt.

Bis er merkt, dass er Freunde hat. Und zwar auch solche, mit denen er gar nicht rechnet. Wie Veronique, das schönste und klügst Mädchen der ganzen Klasse.

Ab und zu geht es ein bisschen wirr zu, muss ich sagen. So wirr, wie Cyms Leben eben gerade ist. Und manches ist dann doch ein bisschen überzogen.

Insgesamt ist dies jedoch ein wirklich rührender und berührender moderner Familienroman für alle Generationen - weswegen es wirklich lohnend ist, sich pro Familie ein Exemplar zuzulegen. Dann kann es von jedem gelesen werden. Oder am besten von allen zusammen. Denn dann taucht man gleich in einige Themen ein, die in den Familien stimmen sollten. Wie zum Beispiel das Unterlassen überzogener Geheimniskrämerei. Ich kenne das nur zu gut, denn auch bei uns zu Hause gab es einige Tabuthemen, die sich - ich bin um einige Jahrzehnte älter als Cym - direkt oder indirekt auf den Krieg bezogen. Da wurde sehr, sehr vieles ausgespart. Und andere Themen - wie Familienzwist, den es auch bei Cym gab - ebenfalls.

Autor Adam Baron erzählt locker-flockig, aber niemals oberflächlich. Nein, dies ist eine auf ganz besondere Art einfühlsame Geschichte, die tragisch und warmherzig zugleich ist.