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Veröffentlicht am 22.02.2018

Mehr Roman denn Krimi

Kühn hat Ärger
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Das Schöne an dem vorliegenden Buch ist, dass es eine breite Leserschaft anspricht. Zum einen die Leser von Romanen der Gegenwartsliteratur, zum anderen Krimi-Fans. Wie es sich letztlich einordnen lässt, ...

Das Schöne an dem vorliegenden Buch ist, dass es eine breite Leserschaft anspricht. Zum einen die Leser von Romanen der Gegenwartsliteratur, zum anderen Krimi-Fans. Wie es sich letztlich einordnen lässt, mag jeder für sich entscheiden. Da eine Leiche und ein Kommissar allein noch keinen Krimi ausmachen, würde ich selbst die Geschichte eher als Roman einordnen. Der Krimi-Plot bildet lediglich den Rahmen um vielfältige aktuelle gesellschaftspolitische Themen.
Wie im früheren Buch des Autors „Kühn hat zu tun“ – das ich nicht gelesen habe und man nach meiner Meinung um des besseren Verständnisses willen nicht unbedingt zuvor gelesen haben muss – steht der Münchener Hauptkommissar Martin Kühn im Mittelpunkt. Als aktuellen Fall hat er ein Tötungsdelikt zu Lasten eines jungen Libanesen aus schlechten sozialen Verhältnissen aufzuklären, der ihn in die Welt der wohlhabenden Bürger aus Grunwald führt, zu denen der Getötete neuerdings Zugang hatte. Parallel dazu beschäftigen Kühn diverse private Probleme – das kaum bezahlbare Wohnen in einem kreditfinanzierten Reihenhaus im teuren Münchner Umland, das zudem auf chemisch verseuchtem Grund errichtet ist; rechtsradikale Aktivitäten in seinem Wohnumfeld; die Konkurrenz mit seinem Untergebenen bei der Bewerbung auf eine Beförderungsstelle; der Verdacht der ehelichen Untreue seiner Frau und eine diesbezügliche eigene Versuchung; eine ungeklärte Erkrankung.
Diese Themen sind so aktuell und vielfältig, dass man sich in dem einen oder anderen durchaus wiederfinden kann. Der Kriminalfall wird ganz allmählich gelöst und gibt genügend Gelegenheit, selbst mitzuraten. Kühn ist ein eher eigenbrötlerischer Ermittler mit geschickten Verhörmethoden. Interessant sind die Einblicke in die inneren Strukturen der Kriminalpolizei, etwa die Art und Weise, in der der Polizeirat Kühn zur Teilnahme an einem Seminar für Führungskräfte zwingt. Das Drumherum um dieses Seminar ist übrigens wie auch andere Passagen durchaus humorvoll. Die Grundidee der Handlung empfinde ich als etwas irreal. Ein krimineller Jugendlicher mit Migrationshintergrund dürfte kaum mit so offenen Armen von den Eltern seiner ihm erst kurze Zeit bekannten Freundin aus einer völlig anderen Welt aufgenommen werden. Natürlich haftet diesem Aspekt auch etwas Märchenartiges an. Angetan war ich von so manchem Detail, mit dem die Geschichte gekonnt und passend ausgeschmückt wird, z.B. betreffend das IKEA-Sofa „Kivik“.
Da einige Aspekte aus Kühns Privatleben nicht zu Ende geführt werden, darf wohl mit einer Fortsetzung gerechnet werden, die ich ganz gewiss lesen werde, nachdem mir dieser Band so gut gefallen hat.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Eine Irrfahrt mit der Bahn

Der Reisende
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Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist ebenso interessant wie sein Inhalt.
Es stammt aus der Feder eines jüdischen, rechtzeitig aus Deutschland geflohenen Autoren und wurde bereits 1939 und 1940 ...

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist ebenso interessant wie sein Inhalt.
Es stammt aus der Feder eines jüdischen, rechtzeitig aus Deutschland geflohenen Autoren und wurde bereits 1939 und 1940 in England und den USA in englischer Sprache veröffentlicht. Noch bevor Boschwitz es für eine deutschsprachige Ausgabe überarbeiten konnte, kam er bei einem Torpedoangriff der Deutschen auf dem Weg nach England ums Leben. Deutsche Verlage nahmen das Manuskript später nicht an. Erst jetzt wird es – lektoriert vom Herausgeber Peter Graf – erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht.
Thematisch geht es um die Anfänge der Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten. Die Handlung ist angesiedelt auf den Tag nach der Reichspogromnacht und wenige nachfolgende Tage. Der wohlhabende und angesehene jüdische Kaufmann Otto Silbermann aus Berlin entgeht seiner Verhaftung, indem er mit seinem letzten Barvermögen von 40000 Reichsmark mit der Deutschen Reichsbahn mehr oder weniger ziellos in verschiedene deutsche Städte flüchtet. Auf der Reise trifft er die unterschiedlichsten Menschen und verliert immer mehr.
Die Geschichte besticht durch die Darstellung des Protagonisten, der in dem Dilemma steckt, kein „typischer Jude“ zu sein. Im Ersten Weltkrieg hat er ehrenhaft für die Deutschen gekämpft, äußerlich sieht er nicht wie ein Jude aus, verheiratet ist er mit einer arischen Frau. Daher sieht er sich selbst als Deutschen und nicht als Juden. Diesen gibt er sogar schon recht bald die Schuld an seiner misslichen Lage. Seine rastlosen, immer wirrer werdenden Gedankengänge, seine Angst und seine Sorgen kommen gelungen, für den Leser gut nachvollziehbar, zum Ausdruck. Ein ebenso treffendes, sehr differenziertes Bild wird von der deutschen Gesellschaft im Vorkriegsdeutschland gezeichnet. Es werden nicht alle Deutschen über einen Kamm geschert und als antisemitisch dargestellt. Stattdessen werden die Deutschen, denen Silbermann auf seiner Irrfahrt begegnet, mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften und Charakteren beschrieben. Es gibt sehr schöne Dialoge zwischen Silbermann und seinen verschiedenen Reisebekanntschaften. Einige von ihnen sind zwar Mittäter an dem den Juden angetanen Leid. Aber es gibt genauso gut Mutige, die selbst Risiken eingehen und ihnen helfen.
Ein wichtiges, sehr lesenswertes Stück Zeitgeschichte.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Über eine liebenswerte Familie mit übernatürlichen Fähigkeiten

Die erstaunliche Familie Telemachus
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Wer Fantasy-Romane mag und Spaß an Zaubereien (auch faulen) hat, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht „die erstaunliche Familie Telemachus“, der das Buch in ...

Wer Fantasy-Romane mag und Spaß an Zaubereien (auch faulen) hat, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht „die erstaunliche Familie Telemachus“, der das Buch in seiner deutschen Ausgabe seinen Titel verdankt. Ihr steht der Patriarch Teddy vor, ein Trickbetrüger. Seine Frau Maureen besitzt demgegenüber wirkliche übernatürliche Kräfte. Die gemeinsamen drei Kinder haben von ihr die übersinnlichen Fähigkeiten geerbt. Irene erkennt, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt; Frankie kann Gegenstände mit seinen Gedanken bewegen; Buddy kann die Zukunft voraussehen. Eine kurze Zeit traten sie als „die erstaunliche Familie Telemachus“ auf der Bühne auf, bis sie in einer Fernsehshow als Schwindler enttarnt wurden.
Die Handlung ist im Jahr 1995 angesiedelt, als Maureen schon vor vielen Jahren verstorben ist, Teddy noch immer seine kleinen Schwindeleien betreibt, Irene als allein erziehende Mutter mit ihrem Sohn Matty zurück ins Elternhaus gezogen ist, Frankie mit seiner Familie am finanziellen Abgrund steht und Buddy verrückt geworden zu sein scheint, indem er ständig ein neues Projekt beginnt, ohne es zu beenden, während keiner von ihm, der stumm ist, erfährt, was er vorhat.
Durch Rückblenden erfahren wir, wie sich Teddy und Maureen kennenlernten, wie die Regierung auf ihre besonderen Gaben aufmerksam wurde, warum Maureen sich entschied, für sie zu arbeiten, welchen Einfluss ihr früher Tod auf die übrigen Familienmitglieder hatte und wie ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten sie prägten.
Matty wird zur zentralen Hauptfigur, da er anscheinend die ungewöhnlichen Fähigkeiten geerbt hat. Er will die Familiengeschichte ergründen und muss vor Regierungsmitarbeitern geschützt werden, die seine Fähigkeiten nutzen wollen. In gewisser Weise ist es eine Geschichte über Mattys Erwachsenwerden, daneben eine Familiengeschichte über drei Generationen. Sie bringt viel Nostalgie herüber, die vor allem die amerikanischen Leser verstehen werden – die 70er Jahre mit der Mike Douglas-Show und der Faszination übernatürlicher Kräfte, die 90er Jahre mit AOL-CD’s, online-Chatrooms, Videocassetten.
Berührend ist die noch immer bestehende Verbindung von Maureen zu Teddy, mit dem sie, obwohl schon Jahre tot, noch immer über Briefe kommuniziert, und zu Matty. Was das Lesen angenehm macht, ist Themenvielfältigkeit der Geschichte – ein bisschen Romantik, einige lustige Passagen und Dialoge, viel Spannung und Action, jede Menge Intrigen. Die Handlung scheint so manches Mal abzuschweifen und lässt die Frage aufkommen, wohin alles führt. Am Ende mündet alles in ein abenteuerliches Finale.
Die Geschichte fällt aus dem Rahmen, ist aber wert, sich von ihr verzaubern zu lassen.

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Veröffentlicht am 15.02.2018

Eine originelle Resozialisierung

Die Königin von Lankwitz
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Was machen zwei weibliche Strafgefangene, um nach der Haftentlassung ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn sie in ihren früheren Berufen als Steuerfachgehilfin bzw. Miederwarenverkäuferin nicht mehr ...

Was machen zwei weibliche Strafgefangene, um nach der Haftentlassung ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wenn sie in ihren früheren Berufen als Steuerfachgehilfin bzw. Miederwarenverkäuferin nicht mehr Fuß fassen können? Sie gründen eine Ich-AG und bieten als Dienst an, auf Wunsch ihrer (ausschließlich weiblichen) Kundinnen unliebsame Männer aus dem Weg zu räumen. Die eine ist für die Kundenakquise zuständig, die andere für die praktische Durchführung, die durch das An- bzw. Überfahren mit dem firmeneigenen PKW vonstattengeht.
Dieser zwar wirklichkeitsfernen, aber recht originellen und humorvoll beschriebenen Geschäftsidee lässt sich über gut ein Drittel des Buches gut folgen und ich war sicher, das Buch am Ende mit Bestnote bewerten zu können. Die beiden Protagonistinnen – zwei Berliner Typen - kommen einfach sehr sympathisch herüber, indem sie zwar eindeutig als Kriminelle einzustufen sind, andererseits aber doch ein Gewissen und durchaus ehrenwerte Prinzipien haben. Im Widerspruch zu ihrer kriminellen Ader stellen sie sogar für sich geltende Vorschriften auf, den sog. Zehn-Punkte-Plan. Dann jedoch wird ein potentieller männlicher Kunde mit einem K-Orakel (was ist das überhaupt?) eingeführt und mit ihm tut sich ein Bruch auf, der noch tiefer wird, als auch noch eine Konkurrenz-Agentur auf der Bildfläche erscheint. Aus Spaß wird jetzt Ernst. Das Weiterlesen fiel mir fortan immer schwerer. Der skurrile Humor, Charme und Sarkasmus aus dem ersten Teil fehlen. Mich hat die Geschichte nicht mehr unterhalten.
Deshalb alles in allem nur drei Sterne. Schade.

Veröffentlicht am 12.02.2018

Über Tod und Trauer

In jedem Augenblick unseres Lebens
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Diesen autobiografischen Roman über einen eigenen Schicksalsschlag sollte besser nur lesen, wer gesundheitlich stabil ist, damit er nicht runtergezogen wird.
Toms hochschwangere Lebensgefährtin Karin verstirbt ...

Diesen autobiografischen Roman über einen eigenen Schicksalsschlag sollte besser nur lesen, wer gesundheitlich stabil ist, damit er nicht runtergezogen wird.
Toms hochschwangere Lebensgefährtin Karin verstirbt urplötzlich an Leukämie. Ihre gemeinsame Tochter Livia überlebt die Kaiserschnittgeburt. Über die nachfolgenden Monate der Trauer, die über den Tod hinaus fortbestehende Liebe und das Zusammenleben mit seiner kleinen Tochter schreibt der Autor, immer wieder unterbrochen durch Rückblicke auf seine Jugend, als er ein vielversprechender Eishockey-Spieler war, sein Studium, seine Neigung zum Schreiben, das Kennen- und Liebenlernen Karins, die schon mehrere schwere Krankheiten durchgemacht hat.
Die Geschichte ist nicht einfach zu lesen. Wörtliche Reden werden weder durch Anführungszeichen noch Spiegelstriche kenntlich gemacht, sondern stehen nebeneinander, so dass sich die jeweiligen Sprecher manchmal nur schwer ausmachen lassen. Auch die Zeitsprünge geschehen unvermutet und es lässt sich nicht immer nachvollziehen, in welchem Jahr wir uns befinden. Einige Insider-Informationen werden nur schwedische Leser verstehen, wie den Wettskandal oder die Arbeitsweise der Behörden. Dem Thema Trauer widmet sich der Autor jedoch wirklich gelungen. Er als der Trauernde durchläuft alle Phasen – Verzweiflung, Wut, Unverständnis, Müdigkeit, Leere. Berührend sind auch die kleinen Kämpfe, die er mit seinen Schwiegereltern über die Verstorbene und das hinterbliebene Baby austrägt. Als Lehre vermittelt das Buch, dass man schwere Schicksalsschläge überleben kann.
Insgesamt durchaus lesenswert.