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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.02.2026

ein ruhiger Roman, der die Liebe zu Briefen hervorhebt

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Wu Hyoyeong nimmt nach einigen Turbulenzen einen Aushilfsjob in einem kleinen Briefladen in Seoul an, dem „Letter Shop“. Eröffnet hat diesen ihr ehemaliger Kommilitone Kang Seonho, der sein Schauspielstudium ...

Wu Hyoyeong nimmt nach einigen Turbulenzen einen Aushilfsjob in einem kleinen Briefladen in Seoul an, dem „Letter Shop“. Eröffnet hat diesen ihr ehemaliger Kommilitone Kang Seonho, der sein Schauspielstudium abbrach, da er zu wenig Talent für seine Leidenschaft hatte. Auch Hyoyeong trägt ein Päckchen aus der Vergangenheit mit. Einerseits ist auch sie als Regisseurin nicht erfolgreich, andererseits lastet auch das Schicksal ihrer älteren Schwester Hyomin auf ihr. Wurde das Wunderkind der Familie doch von einem Geschäftspartner um Geld betrogen und ist seitdem bis auf Briefe, die sie an Hyoyeong schreibt, spurlos verschwunden.

Sachte taucht man in die Geschichte ein. Durch den detaillierten und atmosphärischen Schreibstil wird man richtiggehend in den Laden und seine Umgebung gesaugt. Schritt für Schritt lernt man Hyoyeong und auch ihren Boss kennen. Und immer tiefer taucht man in das Konzept des Letter Shops ein, die liebe zum Schreiben speziell zum Briefe schreiben zu entfachen. Durch die Idee des Penpal Services, also der anonymen Brieffreundschaft, lernt man im Buch auch immer mehr die Kunden kennen. Suchen diese sich doch auf Grund von Schlagworten Briefpartner aus und bekommen damit die Gelegenheit ihr Herz einem Unbekannten auszuschütten. Jeder mit anderen Sorgen, Ängsten, Wünschen und obwohl jeder in unterschiedlichen Lebenssituationen ist, doch auch eine Hilfe für den anderen sein kann. Im Austausch mit ihren Kunden lernt auch Hyoyeong wieder das Schreiben zu schätzen und versucht den Mut zu finden, ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Gelungen an diesem Buch ist sehr vieles:
Die Gestaltung des Buches ist so wie auch die des Briefladens, der den Handlungsort spielt – edel, harmonisch, atmosphärisch. Es wird mit verschiedenen Textsorten gespielt, denn Notizen und Briefauszüge wechseln sich mit dem klassischen Romantext ab. Auch die Bindung und Seitengestaltung vermittelt ein spezielles Gefühl, als gäbe es eine haptische Verbindung zum Laden.
Das Figurenregister inklusiver kurzem Steckbrief macht das Lesen auch für Leser aus dem Nichtkoreanischen Sprachraum einfacher.
Und auch die Tatsache, dass die verwendeten Briefe tatsächliche Briefe aus dem als Inspiration zu Grunde liegenden Letter Shops sind, ist besonders erwähnenswert wie ich finde.

Ein Roman, der einfach schön ist und zum Nachdenken anregt. Mit etwas Handlung, aber vor allem viel Raum für Gedanken und Wärme.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Historischer und philosophischer als erwartet

Eine vergessene Schuld
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Auf einen pensionierten Verfassungsrichter Rudolf Heppner wird ein Anschlag in einem Fernsehstudio verübt. Durch seine Äußerungen zur Militärjustiz speziell zum Umgang mit Deserteuren und den doch spannend ...

Auf einen pensionierten Verfassungsrichter Rudolf Heppner wird ein Anschlag in einem Fernsehstudio verübt. Durch seine Äußerungen zur Militärjustiz speziell zum Umgang mit Deserteuren und den doch spannend inszenierten Tatort, scheint etwas unklar in welcher politischen Seite der Angreifer zu verorten ist, und ob dies nicht als Angriff auf den Staat als solches zu verstehen ist. Daher wird eine junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens zu den Ermittlungen hinzugezogen. Doch je mehr diese über Heppners Äußerungen erfährt, desto mehr ist sie mit ihrer eigenen Familiengeschichte – der Flucht aus Syrien in jungen Jahren und dem Zurücklassen ihres Bruders – konfrontiert. Auch zeigt sich, dass Heppner eine Last aus der Vergangenheit mitträgt, und diese auch in der NS-Zeit zu verorten ist.

Ein Roman, der sich zu Beginn anders präsentiert, als er schließlich weiter geht. Erwartet man beim Lesen der ersten Kapitel, einen Kriminalroman, der vielleicht Bezüge zur Vergangenheit angreift, wird die kriminalistische Arbeit im Laufe der Zeit immer mehr zum Nebenschauplatz, der einfach einen Rahmen für die Geschichte darstellt. Sukzessive rückt zuerst der Handlungsstrang, der zu Zeiten des zweiten Weltkrieges spielt und später auch ein Handlungsstrang um den jungen Rudolf Heppner in den späten 1960er Jahren in den Mittelpunkt. Und schließlich landet man bei der Einordnung des Themas und einer eher philosophischen Betrachtung des Thema Schuldes und wie sehr dies Generationen beeinflussen kann.

Wie schon angedeutet wird die Geschichte auf mehreren Zeitebenen vorangetrieben, aus dem Blickwinkel verschiedenster Personen – etwas das sehr gut funktioniert und auch nachvollziehbar bleibt. Die historischen Passagen waren dabei mein Highlight und dürften meiner Ansicht nach sehr gut recherchiert sein. So wird trotz fiktiver Elemente eine authentische Stimmung transportiert und entsprechend handelnde Personen erscheinen glaubwürdig.

In der Gegenwart erscheint mir so manches Ereignis nicht so realistisch, wie die Tatsache, dass Jasina trotz allem offiziell weiter ermitteln darf und – ohne zu spoilern, daher etwas kryptisch – wie es zum krönenden Abschluss einer langen Suche kommt. Die Passagen des Schlagabtausches zwischen Rudolf Heppner und der Psychologin Jasina Behrens gestalten sich bis Weilen etwas langatmig, allerdings ist es in der Realität auch oft nicht einfach, den Problemen auf den Grund zu gehen.

Ein Buch, das zum weiteren Nachdenken anregt, aber definitiv keine leichtfüßige Lektüre für zwischendurch. Speziell die historischen Kapitel, kann ich wärmstens empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

eine Parodie auf Agententhriller, die jedoch den Zeitgeist gut einfängt

Die Reise ans Ende der Geschichte
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In den 90igern steht die Welt der Spione vor einem Umbruch – der Eiserne Vorhang ist gefallen, und die Situation und Zukunftsmöglichkeiten ändern sich für viele Leute. Was macht Dieter Germeshausen, ein ...

In den 90igern steht die Welt der Spione vor einem Umbruch – der Eiserne Vorhang ist gefallen, und die Situation und Zukunftsmöglichkeiten ändern sich für viele Leute. Was macht Dieter Germeshausen, ein bisheriger Doppelagent für den BND und Russland nun? Er muss sich Geld beschaffen und möchte sich damit zur Ruhe setzen. Als Unterstützer dafür wirbt er Jacob Dreiser, einen jungen Dichter an. Denn dieser soll als junger, international gefeierter Dichter seine Tarnung sein.

Ein Buch, dass in der Zeit einer der größten Umbrüche spielt – der Eiserne Vorhang ist gefallen. Es bieten sich so viele Möglichkeiten und Chancen an, gleichzeitig fehlt aber auch der bisherige Halt und die Orientierungspunkte. Durch große Euphorie und gleichzeitige Unsicherheit ist die Zeit gekennzeichnet, was in diesem Werk gezeigt wird. Gut transportiert wird dies durch den jungen Dichter und den ehemaligen Doppelagenten. Ein junges Talent, dem nun alle Türen offen zu stehen scheinen, aber dennoch irgendwie durch die Situation stolpert ohne Halt zu verspüren. Und ein ehemalgier Doppelagent, der nunmehr keinen Beruf bzw. keine Rolle mehr hat, da sich die Situation verändert hat. Exemplarisch kann man beide für die jeweiligen Generationen bzw. Berufe in der realen Geschichte betrachten.

Durch einen lockeren Schreibstil in den Bann gezogen, folgt man nun vor allem dem jungen Dichter und weniger dem ehemaligen Doppelagenten in so manche abstruse Situation. Es wird Fiktion mit realer Zeitgeschichte verknüpft. Der klassische Agententhriller wird hierbei auf die Schaufel genommen, aber sehr intelligent und mit feiner sprachlicher Klinge. Man stolpert mit dem Dichter durch diverse Orte wie Rom, Kasachstan, St. Petersburg und handelt mit so ziemlich jedem militärischen Gerät. Manche Frage der Geschichte und das Ende bleibt doch eher offen, jedoch wünscht man dem doch sehr sympathischen Protagonisten, dass es für ihn ein gutes Ende nehmen möge.

Ein kurzweiliger Roman, der eher als Parodie auf klassische Agententhriller zu verstehen ist. Gleichzeitig schafft er es allerdings wunderbar das damalige Zeitgefühl einzufangen, indem er es den Leser durch die Figurenerfahren lässt.

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Entschleunigung und Reflexion in der Gegenwart von Büchern

Yu-jins Bücherküche der großen Träume
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Yu-jin gründet im kleinen ländlichen Ort Soyangri eine Pension mit angeschlossenem Büchercafe. In ruhiger und schöner Landschaft bietet die „Bücherküche“ die Möglichkeit sich dem Lesen und Schreiben zu ...

Yu-jin gründet im kleinen ländlichen Ort Soyangri eine Pension mit angeschlossenem Büchercafe. In ruhiger und schöner Landschaft bietet die „Bücherküche“ die Möglichkeit sich dem Lesen und Schreiben zu widmen, allein oder bei Events. Gemeinsam mit zwei Mitarbeiteten schafft Yu-jin eine ruhige Atmosphäre und einen Rückzugsort für verschiedene Menschen. So erliegt eine Sängerin, eine erfolgreiche Anwältin, der Nachfolger einer durch seinen Vater betriebenen Firma, ein Auslandskoreaner und eine Freundesgruppe dem Charme des Ortes. So unterschiedlich all diese Personen sein mögen, so sehr ähneln sie sich im Grundgedanken, sie sind unzufrieden oder unsicher in ihrer derzeitigen Lebenssituation. Etwas plagt sie.

In einer ruhigen und sehr auf Details bedachten Schreibweise taucht man in die Bücherküche ein. Der Alltag und die Natur werden detailliert beschrieben man wird sanft durch die Geschichte getragen. In jedem Kapitel lernt man einen neuen Charakter kennen, seine Geschichte und Ängste. Durch die Atmosphäre des Ortes oder im Gespräch mit den Mitarbeitern der Bücherküche kommt es zur Reflexion. Gedanken werden angestoßen, nicht nur beim Charakter, sondern auch beim Leser.

Etwa störend bzw. einfach ungewohnt sind die Namen der Personen, die sehr ähnlich klingen, speziell wenn man mit dem Koreanischen nicht vertraut ist. Ein Personenregister wäre hier sicher eine Bereicherung.

Für mich ein Buch, das entschleunigt. Man darf sich keine weit getriebene Handlung erwarten, man bekommt passend zum Tempo des Buches Momente der Reflexion und des Nachdenkens präsentiert. Ich kann sehr gut verstehen warum das Buch in Korea, einem Land mit viel Leistungsdruck und gesellschaftlichen Erwartungen ein großer Erfolg ist.

Für mich ideal um kurz aus dem Alltag auszusteigen und innezuhalten.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

kurze Geschichte über das Überwinden von Hindernissen

Flockenwirbel in den Highlands
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Neil Morrison kommt nach einem Einsatz beim Militär in die Heimat zurück. Viel hat er verloren – Hoffnung, Freunde und ein Bein. Er bezieht ein abgelegenes Cottage in den Highlands, das von Rhona MacLeod ...

Neil Morrison kommt nach einem Einsatz beim Militär in die Heimat zurück. Viel hat er verloren – Hoffnung, Freunde und ein Bein. Er bezieht ein abgelegenes Cottage in den Highlands, das von Rhona MacLeod renoviert und seinen Bedürfnissen angepasst werden soll. Doch sie stößt auf Widerstand. Besonders bedrohlich wird es, als starke Regenfälle in der Region niedergehen und eine Flut Häuser und Bewohner bedroht.

Generell eine kurze Geschichte und das dritte Buch einer Serie um Personen, die es in die Highlands verschlägt. Man lernt auch Figuren aus den Vorgängerbänden kennen, braucht jedoch kein Vorwissen, um der Geschichte zu folgen.

Besonders gelungen fand ich die Tatsache, dass hier ein Kriegsversehrter eine der Hauptrollen spielt. Eine Gruppe, die man sonst nicht so oft porträtiert sieht. Die Zweifel und Hindernisse, innerliche und äußerliche werden gut thematisiert. Rhona bietet einen guten Gegensatz zum ängstlichen Neil.

Auch wenn die Geschichte auch so eine nette Unterhaltung für Zwischendurch war, hätte ich mir gewünscht, dass der Geschichte mehr Raum gegeben würde. Speziell ein solches Setting hätte mehr Platz verdient, da es meiner Meinung nach etwas unterrepräsentiert ist. Außerdem erscheinen manche Handlungen etwas rasch und übereilt, vielleicht liegt es auch daran, dass manchmal eine exakte zeitliche Einordnung nicht möglich ist.

Dennoch eine nette, kurzweilige Geschichte für zwischendurch.