Profilbild von walli007

walli007

Lesejury Star
offline

walli007 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit walli007 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.11.2019

Totengesang

Miroloi
0

Die junge Frau hat keinen Namen, keine Eltern, keinen Besitz. Als Baby wurde sie im schönsten Dorf der Insel ausgesetzt. Ihr Finder, der Bethaus-Vater, und Mariah aus dem Ort sind ihr fast wie Eltern. ...

Die junge Frau hat keinen Namen, keine Eltern, keinen Besitz. Als Baby wurde sie im schönsten Dorf der Insel ausgesetzt. Ihr Finder, der Bethaus-Vater, und Mariah aus dem Ort sind ihr fast wie Eltern. Doch weil sie keinen Stammnamen hat und keinen Rufnamen, muss sie Außenseiterin bleiben im Dorf. Die alten Frauen hänseln sie ebenso wie die jungen Mädchen und ohne Namen wird es ihr auch nicht vergönnt sein, zu heiraten. Muss dass denn so sein? Wieso akzeptieren die Menschen auf der Insel ihre Lebensweise? Sie bekommen regelmäßig Nachrichten von Drüben, wenn das Schiff kommt. Und doch verweigern sie sich den Veränderungen.

Eine eigenartige und rückständige Inselwelt ist es, mit der uns die Autorin bekannt macht. Da mag es eine schöne Insel sein und ein schönes Dorf, doch wie das Leben geregelt ist, mutet sehr gewöhnungsbedürftig an. Es beginnt schon damit, dass die es auf der Insel keinen Strom gibt und damit eine ganze Menge nützliche Dinge per Hand erledigt werden müssen. Die junge Frau ohne Namen ist eine der wenigen, die sich Gedanken macht, ob dieses System wirklich so erstrebenswert ist. Obwohl sie so eingeschränkt in ihren Rechten ist, hat sie dadurch sogar eher mehr Freiheiten, weil kaum jemand sie beachtet.

Was in diesem Buch über die Ideologie der Struktur zu erfahren ist, kann man teilweise nur mühsam einordnen. Vielleicht soll man das auch garnicht. Wie sich die junge Frau, die von ihrem Finder „Mein Mädchen“ genannt wird, jedoch mit dem System auseinander setzt und es für schlecht befindet, ist packend erzählt. Bis zu einem gewissen Punkt strahlt der Roman eine Leichtigkeit und Gradlinigkeit aus, von der man meint, sie könne nur ins Happyend führen. Wie auch im richtigen Leben geht nicht alles glatt, doch das Mädchen emanzipiert sich. Ihre große Kraft und ihr Durchblick machen Mut und wecken die Hoffnung, dass es doch welche gibt, die nicht der Masse hinterher rennen und ihr Unglück auch noch klasse finden, nur weil es irgendwo steht oder es irgendwer sagt. Das Mädchen sagt selbst was. Wieso dieser Roman teilweise recht kontrovers diskutiert wird, erschließt sich nicht. Die junge Frau, um die es hauptsächlich geht, überzeugt mit ihrer Art, ihrer Intelligenz und dem ruhigen Widerspruchsgeist, den sie allem und allen entgegenbringt, die es sich allzu leicht machen, in ihrem Glauben an die drei Götter und das Geschwafel der vermeintlich Herrschenden.

Veröffentlicht am 31.10.2019

Seele für Seele

Die Stille des Todes
0

Vor vielen Jahren wurde Tasio de Ortiz für schuldig befunden, mehrere Morde begangen zu haben. Bald kann er einen Hafturlaub antreten. Fast zur gleichen Zeit werden bei der Kathedrale in Vitoria zwei Tote ...

Vor vielen Jahren wurde Tasio de Ortiz für schuldig befunden, mehrere Morde begangen zu haben. Bald kann er einen Hafturlaub antreten. Fast zur gleichen Zeit werden bei der Kathedrale in Vitoria zwei Tote gefunden. Die Art wie sie am Fundort abgelegt wurden, erinnert an die alten Todesfälle. Die Kommissare López und Ruiz nehmen die Ermittlungen auf. Sie stehen zunächst vor einem Rätsel, schließlich sitzt ein verurteilter Täter hinter Gittern. Dann beginnt Tasio, Nachrichten an Unai López zu übermitteln. Tasio fürchtet, dass die Meute auf ihn losgehen wird, wenn er das Gefängnis verlässt. Deshalb will er die Polizei bei ihren Untersuchungen unterstützen.

Mit „Die Stille des Todes“ startet eine neue Reihe von Kriminalromanen um Kommissar Unai und sein Team. Zwar ist es zunächst etwas schwierig, die spanischen Namen, die manchmal unterschiedlich gekürzt werden, den Personen zuzuordnen. Doch hat man sich daran gewöhnt, entspinnt sich ein interessanter Krimi um Morde, deren Ursache in der Vergangenheit zu vermuten ist. Schließlich sind Tötungsdelikte zu untersuchen, die den Morden von vor zwanzig Jahren sehr ähnlich sind. Doch wenn der Täter einsitzt, wieso kann es zu weiteren Taten kommen? Tasio bestellt Unai zu sich. Warum geht der Polizist zum vermeintlichen Täter? Unai greift nach jedem Strohhalm, der ihm helfen könnte, weitere Todesfälle zu vermeiden.

Mehrere Handlungsstränge werden hier geschickt verknüpft. Zwar dauert es einen Moment bis man das beim Hören des Audiobuches entschlüsselt hat, doch hat man Namen und Handlungsstränge erstmal sortiert, entspinnt sich eine spannende Geschichte. Fieberhaft versucht Unai die Zusammenhänge zu klären. Unbedingt will er verhindern, dass es zu weiteren Morden kommt. Gefesselt fragt man sich, ob es ihm gelingen wird. Zu verzwickt scheint der Fall zunächst, so dass es fast aussichtslos erscheint, den Fall zu lösen. Auch wenn im weiteren Verlauf wegen der Konstruktion des Romans nicht alles geklärt werden kann, bleibt man doch gepackt von diesem vielschichtigen Kriminalroman, der in menschliche Abgründe blicken lässt. Gute Absichten bringen leider nicht immer nur Gutes hervor. Eine Sache, an der wohlmöglich auch der Kommissar zu knacken hat.

Das zweite Buch aus der Reihe ist im Übrigen gerade erschienen. Die Neugier hierauf hat der erste Band sicher geweckt.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Lüge und Wahrheit

Vater unser
0

Weil sie erzählt, sie habe eine Kindergartenklasse erschossen, wird Eva Gruber in ein psychiatrisches Krankenhaus in Wien gebracht. Doch wird auch ihr Bruder Bernhard behandelt. Er ist der eigentliche ...

Weil sie erzählt, sie habe eine Kindergartenklasse erschossen, wird Eva Gruber in ein psychiatrisches Krankenhaus in Wien gebracht. Doch wird auch ihr Bruder Bernhard behandelt. Er ist der eigentliche Grund ihrer Einweisung. Bernhard will seine Schwester nicht sehen. Es erscheint ihr also am einfachsten, seinen Wunsch zu übergehen, wenn sie selbst therapiert werden muss. Auch im Krankenhaus legt sich Eva ihre Welt zurecht. Ihrem Therapeuten Dr. Korb macht sie das Leben nicht leicht. Mal widerborstig, mal kooperativ und unvorhersehbar. Wieso wurden die Geschwister so?

In ihrem auf knapp 300 Seiten komprimierten Roman konfrontiert die Autorin ihre Leser mit einer schwierigen Protagonistin. Kann man Eva glauben, dass sei das Beste für Bernhard will? Was ist in ihrer Kindheit wirklich geschehen? Wieso hadern die Geschwister so mit ihrem Leben oder ihrer Kindheit, dass sie schließlich in der geschützten Welt der Psychiatrie landen? Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Gewitzt ist Eva alle mal und auch Humor kann man ihr nicht absprechen. Doch sie macht sich ihre Welt wie sie ihr gefällt, aber gefällt sie ihr wirklich? Kaum zu glauben. Jedenfalls duldet sie kaum jemanden außer sich selbst neben ihrem Bruder und es erscheint doch sehr zweifelhaft, ob dies ihm guttut.

Eine schwierige Entscheidung bahnt sich an. Je weiter man mit der Lektüre kommt, desto mehr beginnt man sich nach dem Sinn oder der tatsächlichen Geschichte zu fragen. Man möchte Eva und Bernhard verstehen. Man möchte ihre Verrücktheit erklärt bekommen. Oder werden Menschen einfach so so? Manchen Lesern mag gerade die Zerrissenheit der handelnden Personen gefallen und die verquere Weltsicht Evas. In anderen Lesern wächst möglicherweise der Wunsch nach der Erklärung, nach einer neutralen Sicht von außen, nach einem Rahmen, in dem sich die Ereignisse in gewissem Umfang ordnen lassen. Und so wird dieser durchaus neugierig machende Roman den einen mit seiner Konsequenz, immer bei Eva zu bleiben, begeistern und andere werden gerade darin einen Knackpunkt sehen, der die Begeisterung doch sehr einschränkt. Nach dem Umblättern der letzten Seite fühlt man sich vielleicht etwas im Stich gelassen.

Veröffentlicht am 28.10.2019

Zwischenreich

Lincoln im Bardo
0

Der 11-jährige William Lincoln stirbt im am 20.Februar 1862. Sein Vater Abraham ist Präsident der Vereinigten Staaten. Doch er ist nicht nur Präsident, er ist auch Vater. Und als dieser ist er tieftraurig ...

Der 11-jährige William Lincoln stirbt im am 20.Februar 1862. Sein Vater Abraham ist Präsident der Vereinigten Staaten. Doch er ist nicht nur Präsident, er ist auch Vater. Und als dieser ist er tieftraurig über den Verlust seines geliebten Sohnes. Nur zwei Tage später wird der Junge bestattet. Und zur ersten Geisterstunde entsteigt er dem Grab, nicht wissend, was passiert ist. Sein Vater, der ihn ein letztes Mal um armen will, besucht die Grabstätte. Obwohl Willie nicht mehr mit seinem Vater sprechen kann, fühlt sich durch dessen Gegenwart wie neu belebt.

In diesem in allen Bereichen überraschenden Roman entsteigen die Toten ihren Kisten. Ein kunterbunt gemischtes Völkchen tummelt sich auf dem Friedhof. Und ein lebendiger Präsident, der den Verlust seines Sohnes betrauert. Viele Geschichten entfalten sich aus den Gesprächen der Toten. Manche sind schon lange an diesem Ort. Viele kamen und gingen. William ist neu, er muss sich erst zurechtfinden. Doch die jungen gehen meist schnell. Sie alle haben eine Vorgeschichte und natürlich gibt es für jeden einen Grund, warum er hier ist. Der eine wurde von einem Holzbalken erschlagen, der andere brachte sich um und Willie starb an Typhus.

Aus verschiedensten Richtungen wird die Geschichte beleuchtet, so dass kaum eine Seite ohne neue Entdeckung vergeht. Der bedauernswerte Willie, sein Vater, der sich Vorwürfe macht und gleichzeitig das Land regieren muss. Seine Stellung in der Historie und daneben die des alternden Ehemannes, des jungen Liebhabers. Tragik und Komik sind hier manchmal nahe beieinander. Und Tatsachen wechseln sich mit Erfundenem ab. Es ist ein wahrer Fall von „Die Mischung macht’s“. Man erlebt Höhen und Tiefen, schaut auf unterschiedlichste Lebenswege, man staunt, man empfindet Trauer und Freude. Und irgendwie ist das Leben ein Kreislauf, der mit jeder Generation von Neuem beginnt und der es mit Sicherheit wert ist, gelebt zu werden.

Ein Buch wie ein Feuerwerk, diese Lektüre lohnt sich.

Veröffentlicht am 27.10.2019

Ein Mädchen

In den Klauen des Falken
0

Sie ist noch ein Mädchen, doch sie ist fanatisch. In der festen Absicht, Menschen zu töten, betritt sie die U-Bahn Station. Gerade noch kann Zack Herry das Schlimmste verhindern. Allerdings hat er keine ...

Sie ist noch ein Mädchen, doch sie ist fanatisch. In der festen Absicht, Menschen zu töten, betritt sie die U-Bahn Station. Gerade noch kann Zack Herry das Schlimmste verhindern. Allerdings hat er keine andere Wahl als die junge Frau zu töten. Es geht ihm nahe, aber er muss weiterarbeiten. Und es wird schlimmer, denn wenige Wochen später wird ein Kollege tot aufgefunden. Mit Roger Dahl hatte Zack die Ausbildung absolviert. Gemeinsam mit seiner Kollegin Deniz versucht Zack alles, um den Täter schnellstens dingfest zu machen. Dies jedoch ist schwieriger als erwartet und es kommt hinzu, dass Dahl einen Informanten geführt hat.

Die Welt, in der Zack Herry sich bewegen muss, ist ausgesprochen düster. Man gönnt ihm seine neue Freundin. Viel Zeit bleibt fürs Private nicht, der Fall fordert die ganze Kraft der Beamten. Und es gibt keine heiße Spur. Zack übernimmt den Informanten. Und schnell stellt sich heraus, dass Dahls schwangere Frau nicht alles über ihren Mann wusste. Während der Ausbildung war auch Zack mit Josefin befreundet. Er hat es nie verstanden, wieso sie sich für Roger entschied. Allem Anschein nach war die Ehe jedoch weitgehend glücklich und es ist ja auch schon lange her.

Der Autor der Reihe um Zack Herry hat für den fünften Band der Reihe eine neue Co-Autorin gewonnen. Zum Glück geht die Handlung ohne Bruch weiter. Sicher kann man den spannenden Thriller auch einzeln lesen, da sich die Rahmenhandlung jedoch von Band zu Band weiterentwickelt, empfiehlt es sich, mit dem ersten Band zu beginnen. Wieder besticht die Geschichte durch ihre Komplexität. Was bringt ein Mädchen dazu, einen Anschlag auszuführen. Wieso wurde der Kollege umgebracht und in welcher Sache hat er ermittelt. Gefesselt verfolgt man das Geschehen. Erstmal begonnen, wird man das Buch kaum noch aus der Hand legen wollen. Nach einer anstrengenden Arbeitswoche bietet dieser Roman genau das richtige Maß an düsterer und atemberaubender Spannung und damit auch eine hervorragende Ablenkung vom grauen Herbstalltag.