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Veröffentlicht am 12.01.2024

Adeles Schicksal

Feldpost
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Die junge Anwältin Cara gönnt sich in einem Kasseler Café eine Pause. Als sich eine ältere Dame zu ihr setzt entspinnt sich ein kurzes Gespräch, nachdem die Dame verschwindet, nur ein alter Aktenkoffer ...

Die junge Anwältin Cara gönnt sich in einem Kasseler Café eine Pause. Als sich eine ältere Dame zu ihr setzt entspinnt sich ein kurzes Gespräch, nachdem die Dame verschwindet, nur ein alter Aktenkoffer bleibt zurück. Eigentlich will Cara den Koffer zurückgeben, doch um die Besitzerin ausfindig zu machen, muss sie den Koffer öffnen. Und worauf wollte die Dame hinweisen als sie bemerkte, Adele sei verschwunden. Neugierig geworden widmet sich dem Inhalt des Koffers. Sie findet Feldpostbriefe aus dem zweiten Weltkrieg, die offensichtlich ein junger Mann namens Richard an besagte Adele geschrieben hat. Kann Cara im Jahr 2000 die Briefverfasser ausfindig machen? Nach so langer Zeit.

Einmal aus der Gegenwart beginnend mit dem Jahr 2000 und aus der Zeit kurz vor dem zweiten Weltkrieg wird das Schicksal von Adele Kuhn und ihrer Familie nachgezeichnet. Die Kuhns waren angesehene Leute in Kassel. Der Vater besaß eine gutgebende Spedition, die Mutter führte den Haushalt, die Kinder Adele und Albert waren erfolgreich und beliebt in der Schule. Doch in der Nazizeit konnte es sich schnell rächen, dem Regime nicht nach dem Mund zu reden. Und so war der Vater in politischen Kreisen durch seine Überzeugungen gebrandmarkt. Als er sich eines Tages eine Blöße gibt, wird er verhaftet und verurteilt. Welche Auswirkungen das unter den Nazis auf die Familie hatte, beschreibt dieses Buch.

Gewohnt stimmig und einfühlsam vorgetragen wird dieses Hörbuch von Vera Teltz. Die Autorin Mechthild Borrmann hat in diesem Roman Aufzeichnungen verarbeitet, die sie im deutschen Tagebucharchiv gefunden hat. Als Leser hätte man sich ein anderes Schicksal für Adele gewünscht, doch erklärt der reale Hintergrund vielleicht, wieso man schließlich staunt, was Cara und Richard Martens nach der langen Zeit noch herausfinden, man aber doch etwas betrübt ist, weil man sich eine gewisse Gerechtigkeit wünschen würde. Möglicherweise gibt es die im wirklichen Leben einfach nicht häufig genug. Auch wenn Richard nicht sein Leben führen konnte, so hat er doch eine gewisse Zufriedenheit erreicht, wenigstens das. Aber irgendwie ist das nicht genug. Dennoch berührt dieser Roman, weil der die grausamen Machenschaften des Regimes deutlich beschreibt. Wie wurden Kleinigkeiten aufgebauscht, Machtpositionen missbraucht und Menschen zu Handlungen gezwungen, die ihnen nicht entsprachen. Eine Lektüre, die einen nicht so schnell loslässt.

Veröffentlicht am 07.01.2024

Pirestale Akademie

The Scars Chronicles: Dorn der Finsternis
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Olivya Whitethrone wird aus ihrem normalen Leben gerissen. Sie ist nur mal eben mit dem Rad zum Buchladen. Als sie wieder beim Haus ihrer Großmutter ankommt, ist ihre geliebte Grams ermordet worden. Olivya ...

Olivya Whitethrone wird aus ihrem normalen Leben gerissen. Sie ist nur mal eben mit dem Rad zum Buchladen. Als sie wieder beim Haus ihrer Großmutter ankommt, ist ihre geliebte Grams ermordet worden. Olivya wird zur Pirestale Akademie gebracht, wo sie erfährt, dass sie zur Armee der Lichtkrieger gehört. Warum hat ihre Großmutter nie etwas davon erwähnt? Nun wird Olivya direkt auf eine Mission geschickt, auf der Geister zu bekämpfen sind. Erst danach kann sie mit dem Unterricht beginnen. Denn nichts anderes als ein Internat für junge Krieger ist die Akademie.

Eine alte Geschichte, Schicksale, die sich anders erfüllt haben als von den Engeln geplant und junge Krieger beider Fraktionen, die nicht gegeneinander sondern miteinander ausziehen, um die Welt zu retten. Olivya, Camila, Raven, Gideon und Hugo bilden ein Team, ein unfreiwilliges Team, den die Professoren haben entschieden, dass beide Fraktionen zusammenarbeiten sollen. Dass heißt aber nicht, dass sie sich mögen müssen. Es lässt sich allerdings nicht vermeiden, dass sie sich besser kennenlernen. Doch die Missionen werden immer gefährlicher, allerdings verbessert sich auch das Können der jungen Kämpfer. Und langsam wachsen sie auch zu einem richtigen Team zusammen.

Soweit man feststellen kann, gibt es zwei Bücher in dieser Reihe. Allerdings scheinen „The Scars Chronicles“ als Trilogie angelegt gewesen zu sein. Die Bücher sind bereits im Jahr 2020 erschienen, es ist also unklar, ob noch ein dritter Teil erscheinen wird. Wenn es daher keine wirkliche Auflösung für die angelegten Verwicklungen gibt, muss dahingestellt bleiben, ob man diese Reihe verfolgen möchte. Auch sollte man bedenken, dass es sich wohl eher um einen Roman für junge Erwachsene handelt.

Die Geschichte der Geisterkrieger ist spannend. Der Ansatz, dass sowohl Krieger, die Geister in die Hölle schicken, als auch die, welche Geister ins Licht schicken, zusammen kämpfen müssen, vermag zu überzeugen. Die jungen Krieger und Kriegerinnen sind dabei sympathisch, wenn auch manchmal etwas sprunghaft und sehr mit überbordenden Emotionen. Die Bedrohungen, derer sich die Akademie erwehren muss, sind schwerwiegend. Doch sollten Lehrer und Schüler ihre Aufgaben meistern.

Veröffentlicht am 06.01.2024

Onkel Root

Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois
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Schon seit Jahren fährt die Doktorandin Ailey Pearl Garfield nach Chicasetta, Georgia. Dort lebt ihr Großonkel Root, der lange an einem der ersten Colleges für Schwarze gelehrt hat. Auch Ailey hat dort ...

Schon seit Jahren fährt die Doktorandin Ailey Pearl Garfield nach Chicasetta, Georgia. Dort lebt ihr Großonkel Root, der lange an einem der ersten Colleges für Schwarze gelehrt hat. Auch Ailey hat dort ihren Abschluss gemacht. Nach schwierigen Zeiten möchte sie einen Doktor in Geschichte machen. Dazu beschäftigt sie sich mit der Geschichte ihrer Familie vom Beginn der ersten englischen Einwanderer, die auf die Ureinwohner trafen, über die ersten Amerikaner afrikanischen Ursprungs, die als Sklaven ins Land kamen. Wie gingen die Menschen miteinander um? Und wie hat sich das auf Ailey selbst ausgewirkt?

Für Ailey und ihre zwei Schwestern war es nicht ganz leicht in ihrer Kindheit. Zwar werden sie von ihren Eltern behütet, die eine relativ glückliche Ehe führen. Dennoch haben sie unter ihrem Großvater zu leiden, worüber sie allerdings nicht reden. Trotzdem gehen sie alle ans College. Lydia, die Älteste, bekommt leider Probleme mit Drogen. Coco studiert Medizin. Auch Ailey muss sich nach dem College erstmal sammeln und ihren Weg finden. Dabei hilft ihr Onkel Root, der ihr immer wieder von der Familie erzählt, vom Weg der Schwarzen in die Freiheit. Zunächst einmal die Emanzipation der Schwarzen, die keinesfalls abgeschlossen ist. Und dann auch die Emanzipation der schwarzen Frauen. Ein schier unendlicher Kampf, der in kleinen Schritten zu Verbesserungen geführt hat.

Mit fast tauschend Seiten bekommt man hier reichlich afro-amerikanische Geschichte geboten. Dabei kann es schon mal zu Längen kommen, aber weitgehend ist die Erzählung ausgesprochen interessant. Wie alles zusammenspielt und welche Auswirkungen kleine Begebenheiten haben können. Akribisch wird beschrieben wie sich die Familien zusammenfügen. Nach und nach entwickeln sich Aileys Nachforschungen zu einem dramatischen Krimi. Phasenweise ist man geradezu mitgerissen. Man erlebt Leben, Sterben und Lieben. Das abfällige Verhalten der Weißen, das Durchhaltevermögen und die Leidensfähigkeit der Schwarzen. Deren Weg ist immer noch nicht abgeschlossen, doch sie sind vorangekommen und sie werden weiter vorankommen. Ein toller Roman, der einen ungewöhnlichen Einblick in die Geschichte Amerikas aus der Perspektive der schwarzen Amerikaner gibt.

Veröffentlicht am 06.01.2024

Ans Meer

Das späte Leben
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Mit 76 Jahren bekommt Martin überraschend eine Krebsdiagnose. Der Arzt macht ihm in aller Offenheit keine Hoffnungen. Martin bleiben nur noch wenige Monate, nicht einmal ein Jahr. Doch zunächst geht es ...

Mit 76 Jahren bekommt Martin überraschend eine Krebsdiagnose. Der Arzt macht ihm in aller Offenheit keine Hoffnungen. Martin bleiben nur noch wenige Monate, nicht einmal ein Jahr. Doch zunächst geht es Martin genauso wie vorher, wenn nur die Müdigkeit nicht wäre, die ihn manchmal unvorbereitet trifft. Nun muss Martin sich mit seinem nahenden Tod beschäftigen, aber auch mit dem Leben, das ihm noch bleibt. Martins Frau Ulla ist erheblich jünger als er. Zwar war sie nicht seine Studentin, aber als sie sich kennenlernten war sie Studentin und er Professor. Die beiden haben einen knapp sechsjährigen Sohn, den Martin regelmäßig vom Kindergarten abholt.

Wie lange noch? Wie lange noch kann Martin David abholen? Wie lange noch wird er mit Ulla verheiratet sein? Wie lange noch wird er die Sonne genießen können? Viele wie lange noch, die Martin durch den Kopf gehen. Wie geht Ulla mit seinem baldigen Ableben um? Was wird mit David sein, wenn er ohne Vater aufwachsen muss? Überraschend gibt es auch noch Neues, was Martin erfahren muss oder darf. Und einige Unternehmungen, die er mit Ulla und David schon lange mal wieder machen wollte, können in Angriff genommen werden. Ist das alles überhaupt wahr? So schlecht geht es ihm gar nicht.

Immerhin hat Martin ein erfülltes Leben, doch hätte man ihm ein längeres Leben gewünscht. Leider ist manchmal nicht so einfach mit der Wunscherfüllung. Nicht alles läuft wie man möchte. Doch so eine Diagnose. Das ist hart. Dabei wirkt Martin trauernd um das, was er nicht mehr erleben kann. Dennoch ist er nicht wehleidig, er nimmt seine tödliche Erkrankung wie sie kommt. Er versucht, möglichst lange seinen normalen Alltag zu erleben. Er versucht sich und seinen Lieben möglichst viele freudige Momente zu erhalten. Mit einigen unerwarteten Situationen muss er sich auseinander setzen. So wie ihm normalen Leben, in dem nicht dieses Damoklesschwert über ihm hinge. Behutsam und sanft nähert sich Bernhard Schlink seinem Thema. Der Autor selbst in einem ähnlichen Alter schreibt sehr nahegehend wie er sich vorstellt, wie es ist mit dem nahenden Tod konfrontiert zu sein. Tatsächlich so würde man es sich wünschen, das Schicksal annehmend, noch das Beste draus machend. Wie es wirklich wird, kann man zum Glück nicht sagen. Das wird wohl sehr individuell sein. Dieser Roman ist sehr berührend. Ein hervorragender Schriftsteller, dessen Gedanken bei diesem Hörbuch ebenso hervorragend und nachdenklich vorgebracht werden von Ulrich Noethen.

Veröffentlicht am 04.01.2024

Energie

Solar
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Vor etlichen Jahren hat Michael Beard den Nobelpreis für Physik erhalten. Danach hat er beruflich nicht viele Neuerungen entwickelt, vielmehr hat er sich seinen Ehen und Affären gewidmet, die schließlich ...

Vor etlichen Jahren hat Michael Beard den Nobelpreis für Physik erhalten. Danach hat er beruflich nicht viele Neuerungen entwickelt, vielmehr hat er sich seinen Ehen und Affären gewidmet, die schließlich immer wieder in die Brüche gegangen sind. Doch nun ist seine Frau, die eine Affäre hat, mit einem Bauarbeiter. Es ist nicht zu fassen. Michael Beard kann es nicht begreifen, dass er seine eigene Medizin zu schmecken bekommt. Dennoch unternimmt er eine Reise zum Nordpol, die ganz anders verläuft als erwartet. Aus seine Heimkehr verläuft völlig anders als gedacht. Als Nobelpreisträger verfügt Beard über so etwas wie Intelligenz, was ihm dabei hilft aus einer verfahrenen Situation das Beste herauszuholen.

Einen Nobelpreisträger würde man sich schon nobler vorstellen. Beard kommt mit vielem durch. Sowohl privat als auch beruflich. Dabei ist er eher klein, korpulent und weder gutem Essen noch einem Glas Alkohol abgeneigt. Sein Selbstbewusstsein ist dermaßen grenzenlos, dass ihn das eher noch beflügelt. Erst Patrice, seine fünfte Frau, zahlt es ihm mit gleicher Münze heim. Jetzt sieht er mal, dass es nicht so witzig ist, betrogen zu werden. Zu einer Läuterung führt das allerdings nicht. Eher überlegt sich Beard, wie er Patrice so manipulieren kann, dass die Ehe zumindest so lange hält, bis er sie beenden kann.

Michael Beard ist schon ein widerlicher Typ, manipulativ, selbstgerecht, großkotzig und wer weiß, was noch. Trotzdem muss man beim Lesen dieses Romans häufiger schmunzeln, weil er mit seiner Art mit einigen Dingen durchkommt, die eigentlich nicht sein können. Und er findet immer wieder Frauen, was einen allerdings etwas an den Frauen zweifeln lässt, denn er lügt nichtmal so übermäßig. Oder vielleicht ist es gerade das, sie meinen, wegen ihnen würde er sich ändern. Beard jedoch bleibt sich treu, möglicherweise mit seiner selbstherrlichen Art irgendwann auch das eine Mal zu viel. Nur eine Person liebt ihn selbstlos, doch retten kann sie ihn gewiss nicht. Möglicherweise fällt ihm schließlich doch alles vor die Füße, was er sich erschlichen hat.

Ein Roman über die Frechheit und Dreistigkeit, mit der einige Menschen bei vielem durchkommen, bis sie eben den Bogen überspannt haben.