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Veröffentlicht am 11.09.2021

Ville Rose

Kein anderes Meer
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In Ville Rose, einem Ort auf Haiti, verschwindet die kleine Claire an ihrem siebten Geburtstag. Ihr Vater Nozias, der sich liebevoll um sie kümmert, ist in heller Aufregung. Endlich hat er die Tuchhändlerin ...

In Ville Rose, einem Ort auf Haiti, verschwindet die kleine Claire an ihrem siebten Geburtstag. Ihr Vater Nozias, der sich liebevoll um sie kümmert, ist in heller Aufregung. Endlich hat er die Tuchhändlerin Gaëlle überredet, die Kleine zu adoptieren. Er selbst schafft es kaum sein Kind, dessen Mutter bei der Geburt starb, zu versorgen. Als beinahe mittelloser Fischer möchte er, dass es sein Kind einmal besser hat. Bisher hat er sein bestes gegeben, ist liebevoll mit seiner Tochter umgegangen und mit regelmäßigen Besuchen am Grab der Mutter, hat er versucht, eine Art Erinnerung aufzubauen. Seiner Meinung nach reicht das nicht.

Die Geschichte von Ville Rose und der einiger Bewohner über etliche Jahre entfaltet sich in diesem Roman. Ausgehend vom Geburtstag und dem Verschwinden der kleinen Claire gewinnt man einen Einblick in das Beziehungsgeflecht zwischen den Einwohnern des pittoresken Örtchens am Meer. Es gibt wohlhabendere und ärmere Menschen, Glückliche und Unglückliche, Gesetzestreue und solche, die es damit nicht so genau nehmen. Und die fremden Weißen sind weit weg. Über verschlungene Pfade, auf deren Weg man sich gebannt der Erzählung hingibt, gelangt man schließlich wieder zum Tag des Verschwindens des kleinen Mädchens.

Welch ein schöner Roman, dessen Entdeckung man dem Zufall verdankt. Auf sehr vielschichtige Art und Weise sind die Schicksale der Dorfbewohner miteinander verwoben. Die teils dramatischen Geschichten von Liebe, Geburt und Tod, von Verbrechen und Leidenschaft greifen häufig überraschend ineinander. Dadurch gerät die Lektüre der berührenden Lebensgeschichten geradezu spannend. Es entfaltet sich ein Kaleidoskop von Menschlichem und allzu Menschlichem, das einen mitreißt in eine karibische Wirklichkeit, die nicht immer einfach ist, aber häufig auch von einer anrührenden Schönheit. Für diesen wunderbaren Roman, der unter dem Titel „Kein anderes Meer“ auch auf Deutsch erschienen ist, gibt eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 10.09.2021

Bruder

Der versperrte Weg
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Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner ...

Die Goldschmidts leben während der 1920er in Reinbek bei Hamburg. Die älteste Schwester ist schon fast aus dem Haus und Erich ist der kleine Herrscher des evangelisch geprägten Hauses. Bis sein kleiner Bruder Jürgen-Arthur im Jahr 1928 auf die Welt kommt. Erichs Welt bricht zusammen, weil dieser Kleine ihm die Aufmerksamkeit der Eltern entzieht. Als die Nazi-Herrschaft beginnt, kommt es schlimmer. Die Familie, obwohl sie sich seit Jahren als protestantisch empfindet, zählt per Dekret plötzlich zu den deutschen Juden und verliert somit ihren bürgerlichen Status. Die Eltern sind sich der Gefahr bewusst und um wenigstens die Jungs zu retten, schicken sie diese ins Exil.

Über Italien geht es für Erich und Jürgen-Arthur in ein Internat im Osten Frankreichs. Die Brüder leiden aneinander, besonders Erich fällt es schwer, seinen empfindsamen, aber in seinen Augen oberflächlichen Bruder zu ertragen. Sobald es möglich ist schließ er sich dem Widerstand an und schlägt auch später eine militärische Laufbahn bei der Fremdenlegion ein. Eine enge Verbindung haben die beiden Brüder nicht und ihre Eltern sehen sie nie wieder.

In seinem autobiographischem Roman widmet sich Georges-Arthur Goldschmidt hauptsächlich dem Leben seines Bruders. Wie die Familie aus ihrer vermeintlich sicheren bürgerlichen Existenz gerissen wird ist wirklich tragisch, wobei zu bedenken ist, dass auch das Selbstbild zerstört wird. Plötzlich aus einer Gesellschaft ausgestoßen zu sein, zu der man sich zugehörig fühlte, lässt einen sicher halt- und orientierungslos zurück. Doch durch ihr Exil erhalten die Jungen, insbesondere Erich, einen Blick von außen auf das perfide Nazi-Regime. Und so bekommt Erich die Chance, die Nazis im Widerstand zu bekämpfen. Es ist ergreifend, wie schwierig das Leben bleibt, als Einzelkämpfer, dessen Bindungen schließlich eher bei der Fremdenlegion liegen als bei der Familie. Dieser kurze, sehr lesenswerte Roman schildert eindringlich das Hadern mit dem auferlegten Schicksal, welches nie wirklich aufhört.

Veröffentlicht am 09.09.2021

Winter

Gnädig ist der Tod
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Der ehemalige Minister Klaus Windisch ist ermordet worden. Der Ort, wo er gefunden wurde, ist offensichtlich nicht der Tatort. Michael Winter von der Wiener Polizei und sein Team beginnen mit den Ermittlungen. ...

Der ehemalige Minister Klaus Windisch ist ermordet worden. Der Ort, wo er gefunden wurde, ist offensichtlich nicht der Tatort. Michael Winter von der Wiener Polizei und sein Team beginnen mit den Ermittlungen. Zwar lief gegen Windisch ein Verfahren wegen Wirtschaftssachen, aber deshalb sollte sicherlich keiner einen Grund haben, ihn umzubringen. Die schockierte Witwe gibt Winter eine Liste der ältesten Freund ihres Mannes. Das kann ein erster Ansatz sein. Vielleicht ist auch das Angebot der Journalistin Angelika Kretschmer hilfreich, ihre Nachforschungen über das Opfer zur Verfügung zu stellen. Das hat allerdings einen Preis.

In seinem ersten Auftritt bekommt es der erfahrene Michael Winter mit einem verzwickten Mordfall zu tun, der in eigenartig berührt. Er selbst ist seit Jahren verwitwet und mit seiner Tochter hat er nur lockeren Kontakt. Die Arbeit hält ihn aufrecht. Doch so langsam könnte er sich auch im Privatem Neuem öffnen. Doch zunächst geht der Mord vor. In mühevoller Kleinarbeit machen sich Winter und seine neue Kollegin Julia auf die Spurensuche. Wie so oft weichen Zeugen aus oder sind nicht besonders auskunftsfreudig. Winter ist jedoch ein Ermittler, der nicht locker lässt. Und er hat manchmal eine Ahnung.

Zu Beginn tut man sich etwas schwer mit Michael Winter. Seine Schwermut und Ichbezogenheit wirkt etwas überzogen. Auch die möglichen Motive zu dem Mord erwecken den Eindruck, dass sie etwas sehr an den Haaren herbei gezogen sind. Erst nach und nach, wenn einige Zusammenhänge klarer werden, bekommt die Ermittlung Kontur. Zwar erscheint Winter oft wie ein Eigenbrötler, doch mit seiner neuen Kollegin klappt es ganz gut. Und im Verlauf der Nachforschung lernt er auch die Vorzüge von Teamwork kennen, auch wenn er seine Gedankengänge mit immer mit den Kollegen teilt. Wenn man mit Winter erst einmal warm geworden ist, hat man einen sehr lesbaren Kriminalroman.

Veröffentlicht am 08.09.2021

Die Totenfrau

Mitgift
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Gerda Derking hat im Dorf lange Jahre als Totenfrau gearbeitet. Nun im August 1962 meint sie, es sei an der Zeit, die Tätigkeit den Bestattern zu überlassen. Doch als Bauer Leeb von nebenan sie bittet, ...

Gerda Derking hat im Dorf lange Jahre als Totenfrau gearbeitet. Nun im August 1962 meint sie, es sei an der Zeit, die Tätigkeit den Bestattern zu überlassen. Doch als Bauer Leeb von nebenan sie bittet, ein letztes Mal ihres Amtes zu walten, sagt sie nicht nein. Sie ahnt voller Trauer, wer verstorben sein könnte. Zunächst jedoch heißt es warten. Gleichzeitig wird über mehrere Generationen die Familiengeschichte der Familie Leeb erzählt. Ein besonderer Akzent auf den beiden Weltkriegsgenerationen und der Generation der Kinder liegt. Wie in vielen Familien gibt es auch in dieser Streit und Zwietracht und ihre Mitglieder sind doch den familiären Zwängen gefolgt.

Nicht immer in chronologischer Reihenfolge erzählt, aber doch beginnend mit dem Bau der jetzt noch genutzten Hofgebäude, bietet dieser Roman einen mitreißenden Abriss über das Familiengefüge der Leebs. Welcher Druck lastete auf dem Hoferben, nicht alle strebten danach, ihr Dasein als Bauern zu fristen. Allerdings ging die Familienräson regelmäßig vor und Träume mussten begraben werden. Dass Wilhelm Leeb als Nazi in den Krieg zog und als Nazi wiederkehrte, hat das Leben auf dem Hof nicht einfacher gemacht. Seine drei Kinder leiden unter ihm und jedes reagiert anders auf seinen Despotismus. Käthe, die Frau, erweckt den Eindruck, als habe sie sich schon lange aufgegeben.

Wenn man als Leser oder Leserin die Wirren des vermaledeiten zweiten Weltkrieges eher aus Geschichtsbüchern kennt, weil in den Familien wenig darüber geredet wurde, ist dieser Roman wie eine kleine Offenbarung. Gerade als hätte der Autor zusammenrecherchiert, was Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern nicht erzählen wollten. Natürlich ist es eine spezielle Familiengeschichte, die erzählt wird, aber sicher kann sie für viele stehen. Die Brüche der Familie, die Zwänge, denen man sich gebeugt hat, es wird auf irgendeine Art dazu geführt haben, dass Wilhelm Leeb der wurde. Auch er musste sich beugen, doch er hat keine Demut entwickelt. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Wut an den Schwachen ausgelassen. Wieso waren sie so, wieso hat sich keiner gewehrt. Solche Fragen sind sicher in etlichen Familien aufgetaucht. Beantworten kann sie ein Roman nicht, aber er gibt ein authentisches Bild, wie es in den Familien bis in die frühen Nachkriegsjahre gelaufen sein könnte. Ein packender Roman, dessen Lektüre nur empfohlen werden kann.

Veröffentlicht am 07.09.2021

Wer es wert ist

Rache der Orphans
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Evan Smoak wird gejagt, doch er ist auch der Jäger. Sein Ziehvater Jack Jones ist auf üble Art und Weise umgekommen, aber er konnte Evan noch eine letzte Nachricht übermitteln und eine letzte Bitte. Er ...

Evan Smoak wird gejagt, doch er ist auch der Jäger. Sein Ziehvater Jack Jones ist auf üble Art und Weise umgekommen, aber er konnte Evan noch eine letzte Nachricht übermitteln und eine letzte Bitte. Er warnt Evan und bittet ihn, ein Paket abzuholen. Dieses Paket entpuppt sich als faustdicke Überraschung. Und die Warnung kommt gerade rechtzeitig. Denn Evan als ehemaliges Mitglied der Orphans wird gejagt. Er ist eine Spur, die vernichtet werden soll. Immer dichter zieht sich das Netz um ihn zusammen und Evan muss alles aufbieten, was er als Orphan gelernt hat, um eine Überlebenschance zu haben.

In diesem dritten Band um Evan Smoak, den Nowhere Man, der obwohl zum Killer ausgebildet versucht, Gutes zu tun. Menschen in Not oder Gefahr können ihn um Hilfe bitten. Doch diesmal geht es um ihn selbst. Immer mehr Mitglieder des Orphan Programms werden getötet und andere Orphans sind hinter Evan her. Warum? Nun, jedenfalls kennen die Jäger keine Gnade. Und Jene, die im Wege stehen, müssen ebenso um ihr Leben fürchten wie Evan. Seine Hoffnung auf ein relativ normales Leben, so befürchtet Evan, muss er aufgeben. Aber, er wird nicht aufgeben.

Diese Reihe verlangt einem einiges ab, was Schilderungen von brutalen Szenen und Beschreibungen von Waffen oder Waffensystemen angeht. Dennoch ist der Charakter des Evan Smoak wesentlich vielschichtiger als man es von einem erzogenen Staatskiller erwarten könnte. Schließlich ist es Evan gelungen, sich aus der Organisation zu lösen und seine Fähigkeiten so positiv wie möglich zu nutzen. Seine Weiterentwicklung ist in diesem Band in eine sehr spannende Handlung gekleidet, die einem den Atem raubt. Gleichzeitig gibt es gefühlvolle Momente, was man bei einem Mann wie Evan nicht erwarten würde. Die Story bleibt so rasant, dass man bei dem von Stephan Lehnen eindringlich vorgetragenen Hörbuch, sogar manchmal bei dem, was man neben dem Hören so macht, innehält und sich ganz auf die Geschichte konzentriert.