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Veröffentlicht am 15.09.2016

Als der Krieg das Leben bestimmte

Ab heute heiße ich Margo
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Der Autorin gelingt hier ein besonders vielschichtiger und authentischer Roman über eine Zeit, die in Europa tiefe Wunden hinterlassen hat. Exemplarisch für Millionen Menschen stellt sie hier mehrere Familien ...

Der Autorin gelingt hier ein besonders vielschichtiger und authentischer Roman über eine Zeit, die in Europa tiefe Wunden hinterlassen hat. Exemplarisch für Millionen Menschen stellt sie hier mehrere Familien und Einzelpersonen in den Vordergrund, die sich in der Zeit von 1936 bis 2000 auf unterschiedlichen und trotzdem verwobenen Wegen ihr Leben bestreiten. Der Leser begleitet Margo (die eigentlich Margarete heißt) bei den wichtigsten Stationen ihres Lebens: Eine Lehre im Fotoladen ihres Heimatortes Stendal, die erste Liebe, Krieg und Hochzeit, und all die folgenden Wirrungen, die den Menschen gegen Ende des Krieges widerfahren und die durch die Teilung Berlins für die im Osten lebenden nicht besser werden.
Unermesslich muss der Schmerz sein, der Margo und ihre Verwandten und Bekannten immer wieder einholt und vielleicht ist gerade das ein Faktor, warum dieser Roman auch heutzutage fasziniert und tief berührt. Weil wir heute uns eben nicht mehr vorstellen können, Stoff für Essen eintauschen zu müssen, über uns Kriegsflieger zu hören oder sich in seinem eigenen Heim (wenn man denn eines hatte) vor niemandem sicher zu fühlen.
Die Abschnitte im Buch werden abwechselnd aus der Sicht der wichtigsten Personen erzählt: Margo, Helene, Alard und zum Ende noch Margos Enkelin. Oft sind die Abschnitte voneinander unabhängig, da sich auch die Leben der drei getrennt haben, doch die wenigen Überschneidungen, die es gibt, sind von so elementarer Bedeutung, dass sie dadurch auch aus allen Perspektiven beleuchtet werden können. Vieles, was der Leser aus den Abschnitten herausliest, erschließt sich den Protagonisten oft erst nach und nach und es macht einen Teil der Spannung aus, sie dabei zu beobachten, was sie fühlen, als sie die Zusammenhänge verstehen und wie sie darauf reagieren.
Zu Beginn sind Alard, Margo und Helene eher lose miteinander bekannt, die beiden Frauen arbeiten beide im Fotoladen und fühlen sich zu Alard hingezogen. Aus diesen Bekanntschaften lässt Cora Stephan im Lauf der Zeit intensive, fast voneinander abhängige Beziehungen entstehen, bildet ein mitunter fatales Dreiecksgespann, das schlussendlich nicht nur das Leben der drei, sondern auch das ihrer Bekannten und Verwandten gefährdet.
Ein wenig schade fand ich, dass nicht Margo diesen Roman mit einer ihrer Tagebucheintragungen beendet, das hätte gut gepasst, ist sie doch auch die erste Person, die man hier kennenlernt. Dadurch gibt es noch eine Art „Abspann“, der für mich fast schon eine eigene Geschichte ergibt und somit hat man das Gefühl, dass es noch weitergehen hätte können.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Breitgefächerte Realsatire

Morgens leerer, abends voller
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Warnungen wie „Achtung, Humor!“ oder „Achtung, Satire!“ sollte man angeben, wenn man über dieses Buch schreibt. Auf dem Cover steht „Roman“ und der Klappentext könnte den ein oder anderen Leser dazu verleiten, ...

Warnungen wie „Achtung, Humor!“ oder „Achtung, Satire!“ sollte man angeben, wenn man über dieses Buch schreibt. Auf dem Cover steht „Roman“ und der Klappentext könnte den ein oder anderen Leser dazu verleiten, das Buch zu Beginn noch einen Tick zu ernst zu nehmen. Der Autor, selbst Lehramtsstudent, schreibt hier eine freche, jugendliche Realsatire über die verschiedenen Zustände des Lehrerdaseins. Schon fast zu authentisch beschrieben sind die mühsamen Klassenszenen, in denen sich die Schüler gegenseitig Beleidigungen an den Kopf werfen und alles tun, um nicht dem Lehrer (Fabian) zuhören zu müssen. Dieser ist teils bemüht, teils verzweifelt und lässt sich dann am Elternsprechtag vollends demotivieren. Dabei lief zwischendurch nicht alles schlecht, er kämpft um seinen Job, den er gleichermaßen hasst wie liebt und baut zu seinen schwierigen Schülern eine Beziehung auf und zeigt mehr Interesse an seinen Kollegen.
Nebenbei erlebt der Leser Fabian in seinem Freundeskreis (Bier, Playstation und wenig Gespräche), mit seiner Langzeitfreundin und dem Kater Poseidon. Teilweise übertriebene Szenen, sehr „männliche“ Dialoge und witzige Metaphern wechseln sich ab. Tobias Keller legt seinen Roman breit gefächert an: aufgrund der Dialoge, die als Milieustudie durchgehen könnten, der kurzen Gedichte, die er Fabian verfassen lässt und dem Happy End mit möglicher neuer Liebe kann dieses Buch ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Auch, wer Ironie erkennt und zu schätzen weiß, kann hier auf seine Kosten kommen.
Wer damit zurecht kommt, dass ihn wohl nicht alle Aspekte dieses Romans restlos begeistern können und wer dafür auf die Momente warten kann, die ihn gut unterhalten werden, dem kann man dieses Buch empfehlen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Abgründe einer kindlichen Psyche

Die Zelle
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Jonas Winner lehrt hier einen ungewöhnlichen Hauptdarsteller das Fürchten: Sammy ist elf Jahre alt und was er in seinen Sommerferien im neuen Haus der Familie, die gerade nach der Berlin umzieht, erlebt, ...

Jonas Winner lehrt hier einen ungewöhnlichen Hauptdarsteller das Fürchten: Sammy ist elf Jahre alt und was er in seinen Sommerferien im neuen Haus der Familie, die gerade nach der Berlin umzieht, erlebt, wünscht man nicht einmal einem Erwachsenen.
Sammy (Sam) erzählt die Geschichte selbst, als eine Art Rückblick. Man lernt ihn als über-30-Jährigen kennen, der schon beängstigende Andeutungen macht über die Ereignisse in seiner Kindheit. Er schreibt sie nieder, um sie besser verarbeiten zu können.
In das neue Haus ziehen Sammys Eltern, sein älterer Bruder Linus und das Kindermädchen Hannah. Schon bald stellt sich heraus, dass etwas an der familiären Idylle nicht stimmen kann. Unter dem Garten gibt es ein Bunkersystem, das auch teilweise die Gärten der angrenzenden Grundstücke unterzieht. In Berlin nichts Ungewöhnliches. Allerdings sind in den anderen solchen Anlagen keine Mädchen eingesperrt…
Mit dieser Entdeckung wird Sammys Leben auf den Kopf gestellt und er beginnt, alles zu hinterfragen, was er bisher über seine Familie zu wissen glaubt. Seine Mutter arbeitet ganztags, als Komponist arbeitet sein Vater von zuhause aus. Er wäre kräftig genug.
Gekonnt treibt der Autor den armen Jungen immer tiefer in Zweifel und Albträume. Er will sichergehen, niemanden umsonst anzuklagen, doch bald quält ihn sein schlechtes Gewissen zu sehr. Seiner Anklage folgen Besuche der Polizei, des Jugendamtes. Nichts wird gefunden und der Junge für psychisch labil erklärt. Sammy ist sich nicht mehr sicher. All die Dinge, die geschehen, die er sieht – passieren sie wirklich? Warum kann er mit niemandem reden. Immer weiter zieht er sich zurück und natürlich bleibt es nicht bei einem Verbrechen…
Am Ende kehrt die Erzählung wieder zum erwachsenen Sammy zurück, womit sich vieles klärt, aber auch neue Fragen auftauchen. Jonas Winner spinnt eine tief verstrickte Geschichte um einen verzweifelten Jungen, der innerlich zu zerspringen droht. Er schafft eine spezielle, eigene Spannung, die auch das Gehirn des Lesers rastlos zurücklässt. Man meint, Sammys Unruhe beinahe selbst spüren zu können.
Kritisieren kann man hier am ehesten das, was diesen Thriller gleichzeitig von anderen abhebt: Aufgrund der Verschmelzung von Fiktion und Wirklichkeit, von Realität und Einbildung, bleiben am Ende Teile der Handlung offen und der Leser kann für sich selbst entscheiden, ob dies oder jenes passiert ist und wer es denn getan hat. Wem das nichts ausmacht und wer gerne seine Fantasie spielen lässt, dem kann man diesen Thriller getrost ans Herz legen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Widerstand ist zwecklos

Immerstill
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Ein beschauliches kleines (fiktives) Dorf im Osten Österreichs und seine Bewohner stehen im Mittelpunkt dieses packenden Thrillers. Beschaulich? Nein. Natürlich nicht.
Der Autor stürzt die Protagonistin ...

Ein beschauliches kleines (fiktives) Dorf im Osten Österreichs und seine Bewohner stehen im Mittelpunkt dieses packenden Thrillers. Beschaulich? Nein. Natürlich nicht.
Der Autor stürzt die Protagonistin Lisa, die auf einen Anruf ihres Vaters hin ihr Heimatdorf wieder betritt, in ein Gefühlschaos, das man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht. Auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Maria stößt sie Lisa nicht nur auf ein heruntergekommenes Dorf ohne Leben und viele eigenartige Bewohner sowie ihre alte Liebe Patrick, sondern vor allem auf eine Mauer des Schweigens, die sie zuerst gar nicht wahrnimmt und schlussendlich dann einreißt, als sie gar nicht mehr wissen will, was sich dahinter verbirgt.
Tief unter die Haut gehen die Beschreibungen der Umgebung, der Wohnhäuser und öffentlichen Einrichtungen in Grundendorf und man ahnt, dass dies nicht die schlimmsten Eindrücke des seelenlosen Dorfes sind, die noch so auf einen zukommen. Die wahren Abgründe sind die unsichtbaren, die beinahe jeder Grundendorfer in sich zu tragen scheint und in denen sich letztendlich auch Lisa wiederfindet, obwohl sie so lange dagegen zu kämpfen scheint. Wie Don Quijote sträubt sie sich gegen all die Eindrücke und Vermutungen, die sie sammelt und weiß sich teilweise nur mehr mit Wutausbrüchen zu helfen. Ja, sie ist emotional sehr gefordert, doch ab und an war es an diesen Stellen auch für den Leser ein wenig zu viel.
Gefallen hat mir, dass auch durch typisch österreichische Ausdrücke zusätzlicher Lokalkolorit in die Geschichte einfloss, ein wenig konsequenter hätte man damit noch sein können, schließlich haben deutsche Pendants auch so ihre Eigenheiten.
Das Cover unterstreicht die düstere Atmosphäre des Thrillers und dass der Titel mehrdeutig ist und warum er überhaupt gewählt wurde, weiß man erst nach der Lektüre. Sehr gelungen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine Kommissarin, die sich nicht beirren lässt

Verletzung
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Dieser Münchner Krimi liest sich leicht und flüssig, was stark im Kontrast zu seinen Inhalten steht. Die Hauptthemen sind häusliche Gewalt und eine schwere, als Kind erlittene, psychische Störung.
Obwohl ...

Dieser Münchner Krimi liest sich leicht und flüssig, was stark im Kontrast zu seinen Inhalten steht. Die Hauptthemen sind häusliche Gewalt und eine schwere, als Kind erlittene, psychische Störung.
Obwohl die Geschichte – die Fälle von ermordeten und wie Puppen drapierten Frauen – immer wieder von den persönlichen Problemen der Ermittlerin, Kommissarin Toni Stieglitz, unterbrochen werden, sind diese viel zu ernst, um wirklich zu nerven. Sie flieht vor ihrem gewalttätigen Partner Mike (ebenfalls Polizist) und lebt von da an immer in Angst, ihm über den Weg zu laufen. Verfolgungswahn – zurecht – inklusive. Für jemanden, der so etwas nicht erlebt hat, mögen die wiederkehrenden Schilderungen ihrer Angst ein wenig übertrieben sein, doch da die Autorin selbst Polizistin ist, denke ich, dass sie ganz gut weiß, über welchen Frauentyp sie hier schreibt, wenn sie ihre Kommissarin leiden lässt.
Aber zur Krimihandlung: Als Leser weiß man ja schon durch den Klappentext, dass es nicht bei einer Toten bleiben wird und kann mitermitteln und ist der Polizei immer wieder mal einen Schritt voraus. Man lernt die späteren Opfer (bis auf das erste) vorher kennen und wartet darauf, wie sie denn erwischt werden. Trotzdem bleibt es spannend, zu lesen, wie die Arbeit der Ermittler beginnt, welche Spuren sie finden und wie sie danach vorgehen. Der Polizeialltag ist natürlich glaubhaft beschrieben und wirkt sehr lebendig, auch wie die Kollegen so miteinander umgehen, und die Dialoge und Besprechungen sind vermutlich teilweise aus dem „echten“ Alltag entnommen.
Mir gefällt, wie Toni den Fall mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit, weiblicher Intuition und Leichtsinnigkeit angeht und auch löst und dadurch wohl auch erkennt, dass sie stärker ist als sie denkt und nach langer Zeit nun auch Hilfe bezüglich Mike sucht.
Doch nicht nur an dieser Front tut sich Positives: aus irgendeinem Grund hat es ihr der neue Rechtsmediziner Mulder angetan und auch er ist wohl nicht ganz abgeneigt. Mal sehen, wie es in möglicheren weiteren Bänden mit Toni da weitergeht.

Nur eines hat mich ein wenig verstört: In einer Szene zuckt die von Kopfschmerzen geplagte und überlastete Kommissarin richtig aus und währenddessen hoffte ich immer, es sei bloß einer ihrer Träume. Doch diesmal war es keiner. Später erkennt man erst, dass diese Szene für die weitere Entwicklung des Falles natürlich nötig war, aber kurz danach ist man als Leser erst mal ein bisschen vor den Kopf gestoßen – genau wie Toni selbst.