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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein klassischer Krimi mit viel Flair

Die Tote am Lago Maggiore
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Dieses Buch ist ein richtig schöner, atmosphärisch gelungener Krimi, der ohne Blut und viel Action auskommt, aber mit einer aktuell angehauchten und gut durchdachten Geschichte aufwarten kann. Mit Charme ...

Dieses Buch ist ein richtig schöner, atmosphärisch gelungener Krimi, der ohne Blut und viel Action auskommt, aber mit einer aktuell angehauchten und gut durchdachten Geschichte aufwarten kann. Mit Charme und Charisma ermittelt Matteo Basso, von Hauptberuf Fleischer, auf eigene Faust und mit glücklicherweise den richtigen Kontakten, im Fall um die ertrunkene Giselle. Dabei hat er - ganz der unvollkommene Held - immer wieder mit seinen Gefühlen zu kämpfen, war er doch mit der Toten befreundet. Doch nicht nur das mit Basso glaubhaft und sympathisch, auch seine bisherige Lebensgeschichte, von der nicht alles erzählt wird, macht neugierig auf diesen Charakter und wirkt nicht konstruiert.
Ebenso vielfältig und glaubhaft beschrieben sind die anderen Personen – man merkt, dass der Autor, weiß, über welches Volk er schreibt – und auch die Landschaft, die Umgebung, das Wetter, rufen Sehnsucht nach einem Italienurlaub hervor. Das Zusammenspiel der Dorfbewohner, die Atmosphäre auf den Bergen und die richtige Prise Humor lesen sich sehr stimmig. Auch die italienische Küche kommt nicht zu kurz und macht das Flair dieses Buches perfekt.
Doch trotz der privaten Erzählungen wird die Aufmerksamkeit des Lesers nie weit von der Krimihandlung abgelenkt, in der der Autor gekonnt falsche Fährten mit interessanten Wendungen kombiniert. Ganz nebenbei findet sich auch Platz für aktuelle Gesellschaftskritik. Stichwort Lampedusa.
In meinen Augen ist dieser leichte Krimi ein guter Start für eine Serie mit Herrn Basso und ich bin gespannt, ob er noch weitere Fälle lösen darf.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Viele Probleme, viele Verdächtige

Spreewaldgrab (Ein-Fall-für-Klaudia-Wagner 1)
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Ich mache das sonst eigentlich nicht, aber an dieser Stelle muss ich zitieren, was auf dem Buchumschlag steht. Arno Strobel wird dort wiederum, dieses Buch betreffend, zitiert: „Die Sprache: Außergewöhnlich. ...

Ich mache das sonst eigentlich nicht, aber an dieser Stelle muss ich zitieren, was auf dem Buchumschlag steht. Arno Strobel wird dort wiederum, dieses Buch betreffend, zitiert: „Die Sprache: Außergewöhnlich. Die Handlung: Verstörend. Die Figuren: Undurchsichtig. Alles an diesem Buch macht Lust auf mehr.“ Es wäre eine sehr kurze Rezension, wenn ich nun nur mehr schreiben würde, wie sehr Strobel nicht recht habe und dass ich alles genauso sähe. Aber im Grunde ist es so.
Die Handlung wechselt hier zwischen Szenen in einem dunklen Verließ, in dem eine Frau darum kämpft, am Leben zu bleiben, und dem schwierigen Alltag von Klaudia Wagner. Klaudia ist Polizistin und aufgrund der Trennung von ihrem Langzeitfreund, ebenfalls Polizist, vom Westen in den Osten Deutschlands umgezogen. Während sie mit ihrer Gesundheit, dem Chef, den Kollegen und den Leichen zu kämpfen hat, bekommt der Leser immer wieder Eindrücke davon, was es heißt, wirklich zu kämpfen. Die Abschnitte über die unbekannte Frau führen einem doch vor Augen, wie banal Klaudias Probleme sind. Zusätzlich sind sie in einer eigenen Dynamik, in einem anderen Stil verfasst, sodass man immer wieder das Gefühl hat, hier wären zwei Autoren am Werk gewesen.
Die Autorin schafft es außerdem, nahezu jede auftretende Person mit einer speziellen Aura zu umgeben, so intensiv, dass man nach und nach merkt, dass jeder etwas zu verbergen hat und sich zahlreiche mögliche Motive ergeben. Alle kleinen und großen Wendungen fügen sich wunderbar in den Krimi ein und die Geschichte entwickelt so eine Dynamik, dass man zwischendurch immer wieder Personen vergisst, so dass man überrascht ist, wenn sie wieder auftauchen. Auch wo der Prolog denn dazugehört, erschließt sich dann später.
Da dies Wagners erster Fall ist, freue ich mich ebenso wie Arno Strobel auf weitere Werke mit ihr, der Beginn einer möglichen Serie ist jedenfalls sehr vielversprechend.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Bissig und sehr wahr

Stupid White Men
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Natürlich ist dieses Buch Satire und daher kann Moore auch schon mal stark übertreiben. Manchmal erschrickt man auch, versteht aber, warum der Autor so deutlich wird/werden muss - es ist ihm wirklich wichtig, ...

Natürlich ist dieses Buch Satire und daher kann Moore auch schon mal stark übertreiben. Manchmal erschrickt man auch, versteht aber, warum der Autor so deutlich wird/werden muss - es ist ihm wirklich wichtig, wirklich ernst. Er deckt auf, was bei der Präsidentschaftswahl denn so lief, wie es lief und warum es so lief. Er zeigt schonungslos und natürlich mit nachvollziehbaren Quellen (am Ende des Buches) auf, was im Staat alles schief läuft, Mauschelei, Packelei und allerlei andere Machenschaften, die es zwar gab, die aber natürlich nicht offiziell gemacht oder einfach gut verschleiert wurden. Beim Lesen denkt man sich schon des Öfteren: "Gut, dass das SO bei uns ja doch nicht möglich ist, egal wie unzufrieden wir alle mit der Politik sind.." oder vielmehr: "Ich HOFFE, dass so etwas nicht bei uns passiert - aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen?" Liest man dieses Buch, muss man damit rechnen, ab und an ein beklemmendes Gefühl zu erfahren, das dann aber kurzfristig vom nächsten pointierten Scherz Moores abgelöst wird. Aber so ganz wird man es doch nicht los..

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine Hommage an Mut und Unerschütterlichkeit

Eins
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Dieser Roman ist so unvergleichlich wie seine beiden Protagonistinnen. Alles darin ist fiktiv, aber die Autorin wirkt dabei wie die Reporterin im Buch, sie begleitet die beiden Schwestern Tippi und Grace ...

Dieser Roman ist so unvergleichlich wie seine beiden Protagonistinnen. Alles darin ist fiktiv, aber die Autorin wirkt dabei wie die Reporterin im Buch, sie begleitet die beiden Schwestern Tippi und Grace einige Monate bei allem, was sie tun. Und weil Sarah Crossan das tut, können wir als Leser es auch. Tippi und Grace sind aber nicht nur Schwestern, sie sind auch die jeweils andere. Siamesische Zwillinge und doch eigenständige Personen, die ganz unterschiedlich sein können, sich aber um nichts in der Welt trennen lassen würden und die jeweils beste Freundin der anderen sind.
Sie haben das Gefühl, das sein zu müssen, denn von allen anderen werden sie immer wieder ungläubig angegafft. Damit können sie sich aber arrangieren, wie mit allem in ihrem gemeinsamen Leben. Umso erstaunter sind die beiden, als sie an der Schule zwei Freunde finden, die sie ansehen als wären sie beide eigenständig und nie Vorurteile haben oder die üblichen Fragen stellen.

Zusätzlich besonders macht dieses Buch die Art, wie der Text präsentiert wird. Es braucht gar nicht viel Text, die Seiten sind nicht von oben bis unten voll, nicht jede Seite ist bedruckt. Grace erzählt aus ihrer Sicht und nur das, was sie möchte. Kurze Dialoge, Gedanken, Beobachtungen, auf die Seiten gestreut. Auch das macht die Geschichte so unmittelbar und echt. Ab und an sind die Zeilen so verschoben wie die Gedanken des Teenagers, der sie ist.

„EINS“ ist ein wundervolles Portrait, eine Hommage an den Mut und die Unerschütterlichkeit mit der siamesische Zwillinge offensichtlich geboren werden. Die Autorin lässt erkennen, wie viel sie, ihren veränderten Äußerlichkeiten zum Trotz, ihren Mitmenschen voraushaben. Tippi, Grace und Crossan bringen jeden Leser dazu, nachzudenken, über sich selbst, die Eigenständigkeit, die man so einfach hinnimmt. Dinge, die gegeben sind, vermisst man erst, wenn man sie nicht mehr hat. Doch den Fakt, ein Individuum zu sein, kann man nicht so einfach abgeben, er wird immer da sein. Nicht so bei siamesischen Zwillingen, wo lange Operationen zur Trennung immer wieder versucht werden. Wer überlebt, kennt beide Seiten: eins sein und eins sein.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Tagebuch eines Doppelmörders

1888
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Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, um dieses Buch korrekt zu beschreiben, so, dass es der Geschichte gerecht wird. Das Werk, das auf dem Cover als „Thriller“ ausgewiesen ist, ist zwar teilweise ...

Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, um dieses Buch korrekt zu beschreiben, so, dass es der Geschichte gerecht wird. Das Werk, das auf dem Cover als „Thriller“ ausgewiesen ist, ist zwar teilweise einer, aber einer, der so sehr darüber hinausgeht, dass man fast nicht glauben kann, dass so viel in nur diesem einen Buch Platz hat.
Wenn die Handlung nicht gerade ein Thriller ist, dann ist sie ein Krimi mit viel historischem Einschlag, wie auch der Titel vermuten lässt. Ein Teil der Geschichte spielt 1888, der andere 1923/24. Schauplätze sind London und Wien, der Protagonist ist George, ein deutscher Kriegsveteran, den es nach London verschlagen hat. Er lässt die Leute im Glauben, er sei aus der Schweiz und rechtfertigt damit seinen Akzent. Um seine deutschen Wurzeln noch besser zu verschleiern, bevorzugt er auch die englische Aussprache seines Namens.
George bekommt ein Paket zugestellt, das ihn und seine neue Existenz zusammen mit den wenigen Kontakten, die geknüpft hat, vor eine wichtige Entscheidung stellt. Aufgrund der Tagebücher und Notizen, die er von seinem Freund Richard geschickt bekommt, beschließt er, dessen Geschichte und Erlebnisse niederzuschreiben. Und die haben es in sich: Richard, Arzt, wird verdächtigt, in Wien eine Prostituierte und einen Arztkollegen ermordet zu haben. Er sitzt im Gefängnis und wartet auf die Vollstreckung seines Todesurteils. Währenddessen schreibt er all seine Erinnerungen nieder.
George, vom Krieg körperlich und seelisch gezeichnet, beschließt, nach Wien zu fahren, als er nicht mehr weiterkommt und dort an seinem Buch, wie er es mittlerweile nennt, weiterzuschreiben. Er verstrickt sich immer mehr in die Vergangenheit, die mörderischen Geschehnisse von 1888 und den Geheimnissen, die die österreichische Hauptstadt verbirgt. Vielmehr sind es ihre Bewohner und von diesen jene, die damals in die Sache verstrickt waren, die George zu schaffen machen.
Begünstigt durch seine eigenen Vergangenheit, die schwierigen Nachforschungen und den ausschweifenden Konsum von Tabak, Alkohol, Morphium und anderen Substanzen, verliert George immer wieder die Kontrolle. Nicht nur über sich, sondern über Richards Geschichte, die fast zu seiner eigenen zu werden droht, sehr viel Platz einnimmt.
Der Autor lässt die Abschnitte der Geschichte immer zwischen der Gegenwart Georges und der Vergangenheit hin- und herpendeln und erzeugt mit einem gelungenen Wechsel zwischen längeren und kürzeren Einblicken in das jeweilige Geschehen einen ganz eigenen Sog, der den Leser durch das Buch zieht. Fast nebenbei bemerkt der Leser die viele akkurate Recherchearbeit und wird von der so speziellen, herausragenden Art der Formulierung in einen Bann gezogen. Die Geschichte bietet sehr viele lose Fäden und wirft Fragen auf. Nicht alles wird aufgeklärt, vieles überlässt der Autor dem Leser, der selbst Zusammenhänge herstellen kann und oft über das Warum grübeln darf. Ob die eigenen Vermutungen denn stimmen, bekommt man nicht immer zweifelsfrei beantwortet. Das wirkt teilweise unbefriedigend, weil es (in diesem Ausmaß) doch sehr unüblich ist. Es lässt aber die Möglichkeit offen, dass verschiedenen Leser mit leicht abweichenden Theorien gegen Ende trotzdem alle recht behalten können. Das ist zwar ungewöhnlich, passt aber wiederum exakt zu diesem ungewöhnlichen Leseerlebnis.