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Veröffentlicht am 23.09.2022

Glaubwürdig und auch modern

Ein Fremder hier zu Lande
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Dieser historische Krimi spielt in Berlin, zu einer Zeit als Strom in den Haushalten nur ganz vereinzelt möglich war. Man ging zu Fuß oder fuhr mit dem Pferdeomnibus oder einer Droschke.

Eine Spurensicherung ...

Dieser historische Krimi spielt in Berlin, zu einer Zeit als Strom in den Haushalten nur ganz vereinzelt möglich war. Man ging zu Fuß oder fuhr mit dem Pferdeomnibus oder einer Droschke.

Eine Spurensicherung gab es nicht, vieles, was heute selbstverständlich zur Verbrechensaufklärung zählt, war nicht bekannt oder gerade erst in den Kinderschuhen. Der Autor beschreibt diese Entwicklungen und Probleme sehr gut.

Diese Umstände machten es Verbrechern potentiell sogar einfacher, mit ihren Taten durchzukommen, doch unser Mörder hier hat nicht mit den beiden Kriminalkommissaren Ernst Vorweg und Wilhelm von der Heyden gerechnet.

Wobei unser Mörder zu kurz gefasst ist, denn die beiden findigen Akteure lösen gleich mehrere Fälle, die für den Rest der Polizei zu schwierig wären. Als kleine Sondereinheit verfügen sie über eine recht freie Zeiteinteilung und unterstehen nur und direkt dem Leiter der Kriminalpolizei.

In dieser Hinsicht liest sich das Buch sogar recht modern und auch wenn allerlei für uns heute seltsame “Regeln” gelten im Umgang zwischen den Personen und “Hofdame” noch ein Beruf ist, so wirken die Ermittlungen der beiden befreundeten Kollegen nicht altbacken.

Die mehr als 500 Seiten lange Geschichte unterhält gut, auch wenn sie ohne das eine oder andere Detail auskommen könnte. Aber wer weiß, vielleicht ist etwas davon für weitere Bände nötig. “Ein Fremder hier zu Lande” ist nämlich selbst Band 2, nach “Des Kummers Nacht”.

Veröffentlicht am 15.08.2022

Der Gute unter den Bösen

City on Fire
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Dank seines beruflichen Hintergrunds als Privatdetektiv und Anti-Terror-Ausbilder ist Don Winslow in der Lage, Thriller über Kriminelle sehr authentisch zu schreiben. Nicht nur das, eine der Stärken des ...

Dank seines beruflichen Hintergrunds als Privatdetektiv und Anti-Terror-Ausbilder ist Don Winslow in der Lage, Thriller über Kriminelle sehr authentisch zu schreiben. Nicht nur das, eine der Stärken des Autors ist es auch, beim Leser Sympathie für manche seiner fiktiven Charaktere zu erzeugen.

Wir fiebern mit Danny Ryan, einem jungen Iren, der in Providence an der US-Ostküste in den 1970ern erwachsen wird. Danny stammt aus schwierigen Verhältnissen. Sein Vater ist Oberhaupt der irischen Mafia, die sich freundschaftlich alles zwischen Boston und New York mit den Italienern teilt. Ein bisschen Schusswaffen hier, ein bisschen Schutzgeld da, aber niemals Drogengeschäfte.

Danny also findet seinen Platz in der “Organisation” und stellt sich bald als einer der Klügeren heraus. Zwar ist er in die kriminellen Geschäfte verstrickt, hat aber abseits dessen mit Alltagsproblemen wie du und ich zu kämpfen.

Und plötzlich gibt es Ärger im Paradies, also in Providence und der Frieden wackelt. Männer, die sich wie Männer benehmen und erst einmal handeln, statt miteinander zu reden, tun das Übrige.

Der Thriller ist derb und fordert beim Lesen heraus. Es gibt viele Charaktere, die kurze, wenig prägnante Namen haben oder mit Spitznamen bezeichnet werden. Aber sobald man damit zurechtkommt, ertappt man sich dabei, wie man über einen Kriminellen plötzlich anders denkt als über den anderen.

Gibt es hier ein “Gut” und “Böse”? Wie viel Grauzone erlaubt eine Geschichte über Mafiaclans? Ist der Mord mit Pistole “besser” als der, wo ein anderer überfahren wird?

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Für Danny Ryan gibt es - trotz allem - Grenzen und ebenso “gut” und “böse”. Oder zumindest “böse” und “böser”. Und was für Danny Ryan gilt, gilt!


“City on Fire” ist der erste Band einer geplanten Trilogie. Die (englischen) Titel der weiteren lauten aktuell City of Dreams (2023) und City of Ashes (2024).

Veröffentlicht am 02.08.2022

Unterhaltsam und kurios

Siena Carciofine und die Toten im Weinberg
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Dieser Krimi passt sehr gut in Wikipedias Definition der “Schauer- und Kriminalromane für Frauen”. Die Hauptperson Siena Carciofine, Anfang 30, ist eine moderne, leicht kuriose Person, die zufällig in ...

Dieser Krimi passt sehr gut in Wikipedias Definition der “Schauer- und Kriminalromane für Frauen”. Die Hauptperson Siena Carciofine, Anfang 30, ist eine moderne, leicht kuriose Person, die zufällig in Ermittlungen hineingerät.

Das Kuriose an ihr sind ihre Gedankenwelt und ihr Faible für die Farbe gelb. Sie ist grundsätzlich bedacht und agiert logisch, aber manchmal überschlagen sich ihre Gedanken derart, dass sie sich selbst kurz darauf zur Ordnung rufen muss. Der Krimi ist kurzweilig, spannend und gespickt mit allerlei italienischen Ausdrücken und Phrasen, die fast immer gleich auch in deutscher Entsprechung eingeflochten sind.

Sogar wie man “Carciofine” ausspricht, ist auf der Buchrückseite erklärt. Die 37 Kapitel sind großteils eher kurz und immer mit einem mehr oder weniger passenden Spruch überschrieben.

Siena lebt und arbeitet in Florenz und besucht sehr oft und sehr gerne ihre Großmutter. Sie ist Journalistin bei einem Onlineportal, wäre aber lieber Ermittlerin bei der Polizei (oder gleich selbstständig). Praktischerweise lernt sie auch einen Polizisten kennen. Was sie als Vorteil ansah, wird jedoch plötzlich zu einem kleineren Problem, als nicht weit vom Haus der Großmutter zwei Menschen getötet werden.

Siena soll vom Tatort berichten und damit beginnen die Dinge ihren Lauf, sie fühlt sich immer öfter verfolgt (der Mörder?) und es geschehen Dinge, auf die sie keinen Einfluss hat. Ihre hochangesehene Polizei ist auch keine Hilfe. Also ermittelt Siena fortan selbst…

Veröffentlicht am 30.07.2022

Dolce Vita mit bitterem Beigeschmack

Vermisst
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Josef Vierziger, pensionierter österreichischer Polizist mit familiären Wurzeln in Apulien, zog es nach seiner Karriere im Staatsdienst in den Süden. Dort erfreut er sich an milderen Wintern und seinen ...

Josef Vierziger, pensionierter österreichischer Polizist mit familiären Wurzeln in Apulien, zog es nach seiner Karriere im Staatsdienst in den Süden. Dort erfreut er sich an milderen Wintern und seinen Olivenbäumen. Er arbeitet an seinem Akzent und stellt sich der Einfachheit halber als Giuseppe Quaranta vor.

Und obwohl er einen ruhigen Alltag schätzt und wenige persönliche Kontakte pflegt, finden ihn regelmäßig spannende Fälle, die noch keine offiziellen polizeilichen Ermittlungen ausgelöst haben.

So auch dieses Mal. Avvocato Simoncini, ebenso pensioniert, gewissermaßen Vierzigers Nachbar und häufiger Profiteur von dessen Kochkünsten, bittet ihn um Hilfe. Rosaria Maci, die Nichte eines Kollegen, sei spurlos verschwunden.

Sein Interesse ist geweckt und so sagt Vierziger zu, sich etwas umzuhören. Und dank der Hilfe Simoncinis, ein wenig kriminalistischem Spürsinn und einer Prise Zufall fördert “Pepe” erstaunlich vieles zutage. Da Ermittler auch Menschen sind und niemand vor Fehleinschätzungen gefeit ist, hält dieser Fall für Vierziger allerdings noch eine unerwartete Lektion bereit.

Mindestens ebenso lesenswert wie die verstrickte Geschichte um Signora Maci sind wie immer bei Joseph Lemark die feinen Zwischentöne, das dolce vita und alles was damit kulinarisch, kulturell und generell einhergeht.

Kaffeeduft wechselt sich ab mit Ragù, wird ergänzt durch Gerüche der Macchia und des Meeres und immer wenn Vierziger sich “ein Gläschen” (bei dem es nicht immer bleibt) einschenkt, würde man zu gerne kosten.



Ein kleiner Auszug der vielen erwähnten Gaumenfreuden findet sich am Ende des Buchs, zusammen mit einem Glossar.

“Vermisst” ist der fünfte Krimi mit Major Quaranta. Bisher erschienen sind ebenso “Tödliche Liebe”, “Vendetta”, “Kollateralschaden” und “In der Fremde”.

Veröffentlicht am 14.07.2022

Talentiert und sympathisch

Das wahre Motiv
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Obwohl dieser Krimi im München des Jahres 1895 spielt, wirkt er nicht altmodisch. Natürlich ist es aus heutiger Sicht witzig, wenn Die Menschen noch Boten mit Depeschen schicken und dem einzigen Telefon ...

Obwohl dieser Krimi im München des Jahres 1895 spielt, wirkt er nicht altmodisch. Natürlich ist es aus heutiger Sicht witzig, wenn Die Menschen noch Boten mit Depeschen schicken und dem einzigen Telefon im ganzen Wohnblock mit Argwohn begegnen. Aber dank der so sympathischen Hauptfigur und der leisen modernen Anklängen (auch was die Rolle der Frau betrifft), sind diese Details alle liebevoll und angenehm verpackt.

Unser Ermittler Wilhelm Freiherr von Gryszinski (nun, in diesem Band 2, Major) bekommt es mit einem Serientäter zu tun. Er und seine zwei Wachtmeister sind gerade dabei, modernere Tatortmethoden zu etablieren, was sich bei jedem Fall als außerordentlich wichtig erweist.

Interessant zu lesen ist auch, dass die damaligen Methoden natürlich beschränkt und sehr von manchen Umständen abhängig waren (gibt es im Zimmer elektrisches Licht? Gibt es nur in einem Raum der Wohnung Licht? Wo wurde geheizt?) aber genau diese Umstände manchmal auch Vorteile brachten.

Macht der Täter beispielsweise ein Foto, bleibt Ruß zurück den die Ermittler finden. Heute wäre da natürlich nichts zu sehen.

Da Gryszinski Preuße adeliger Abstammung ist und mit seiner Frau Sophie nach München zog, gibt es abseits der Krimihandlung auch einiges über die Gesellschaft zu erfahren. Zudem speist die Familie viel und hochwertig, was im starken Kontrast zu manchen Teilen Münchens steht, in die die Ermittlungen den Major verschlagen.

Und als wären die Morde noch nicht genug, muss sich Gryszinski in “Das wahre Motiv” auch noch doppelt mit seiner Herkunft herumschlagen. “Die Preußen” wollen, dass er (wieder) ihr Spion ist, selbstverständlich streng geheim und gegen jede Regel der Königlich Bayerischen Polizeidirektion, der Gryszinski angehört.

Und zusätzlich kündigen auch seine Eltern überraschen ihren Besuch an. Dank seiner scharfen Beobachtungsgabe, seines Instinktes und weil er das Herz am rechten Fleck hat, meistert der Major alles, was da auf ihn einstürmt und erweist sich einmal mehr als talentiert und sympathisch gleichermaßen.


“Das wahre Motiv” ist Band 2 mit Wilhelm Freiherr von Gryszinski.
Band 1 heißt “Der falsche Preuße”.