Profilbild von zeilen_echo

zeilen_echo

Lesejury-Mitglied
offline

zeilen_echo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit zeilen_echo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.02.2026

Irreführung mit literarischem Anspruch

Trag das Feuer weiter
0

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: ...

Der Klappentext verspricht eine Geschichte über Gedächtnislücken, Long Covid und die mühsame Rekonstruktion einer Familienvergangenheit. Was „Trag das Feuer weiter“ tatsächlich liefert, ist etwas anderes: der dritte Band einer Familiensaga, der ohne Vorwarnung so tut, als wären wir längst Teil dieses genealogischen Kosmos. Wer, so wie ich, eine eigenständige Auseinandersetzung mit Krankheit, Erinnerung und Identität erwartet, wird erst irritiert und dann zunehmend ungeduldig.

Der Prolog stützt dabei erstmal genau diese Erwartung: Long Covid, Erinnerungslücken, eine Erzählerin, die sich tastend ihrer Vergangenheit nähert. Doch nach diesem Auftakt folgt ein abrupter Bruch. Statt einer subjektiven Rekonstruktion entfaltet sich eine breit angelegte Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Fragmentarisch erzählt, mit Perspektivwechseln, die nicht immer organisch ineinandergreifen. Ich habe lange darauf gewartet, dass „die eigentliche Story“ wieder aufgenommen wird, aber wurde hier enttäuscht.

Inhaltlich kreist der Roman dabei stark um Identität und Zugehörigkeit. Marokko erscheint als Schmelztiegel unterschiedlicher Herkünfte, Sprachen und sozialer Milieus. Klassismus durchzieht das Gefüge ebenso wie die Herabsetzung der arabischen Bevölkerung gegenüber der französischen. Diese kolonial geprägten Hierarchien strukturieren Biografien, Selbstbilder und Lebenswege. Slimani zeigt, wie tief patriarchale Strukturen und postkoloniale Machtverhältnisse in familiäre Dynamiken eingreifen.

Besonders eindrücklich war für mich die Figur der Inés: als Kind von den Eltern geliebt, von der Schwester gehasst, bewegt sie sich durch diese Spannungsfelder mit einer fast stoischen Selbstbehauptung. Sie ist keine Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Figur, die sich dem familiären Erwartungsdruck entzieht, ohne laut zu rebellieren. In ihr verdichtet sich das Thema weiblicher Selbstverortung zwischen Loyalität und Eigensinn.

Sprachlich blieb der Roman für mich kühl und fragmentarisch. Die Perspektivwechsel erzeugen Distanz statt Intimität. Das kann man als bewusste ästhetische Entscheidung lesen - als Spiegel einer zerrissenen Identität. Für mich hatte es eher den Effekt, dass vieles an mir vorbeirauschte. Es fehlte ein erzählerischer Sog, eine innere Dringlichkeit.

Gesellschaftskritik ist vorhanden: Klassismus, koloniale Nachwirkungen, patriarchale Familienstrukturen. Aber sie entfaltet sich nicht als scharfe Anklage, sondern als stilles, fast beiläufiges Mitlaufen im Hintergrund. Vielleicht ist das literarisch konsequent. Emotional hat es mich leider kaltgelassen.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Romans, der mehr sein will, als er einlöst und eines Marketings, das falsche Versprechen macht. Nicht das Thema ist dabei für mich das Problem, sondern die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ausführung. Ein literarisch ambitionierter Text, der an seiner Rahmung scheitert und mich unbefriedigt zurücklässt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.02.2026

Frauenkörper als Verhandlungsmasse

Es ist hell und draußen dreht sich die Welt
0

Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit ...

Dieses Buch hat bei mir vor allem eines ausgelöst: Unbehagen. Kein lautes, sondern ein leises, konstantes Gefühl von Reibung, das mich durch die Lektüre begleitet hat.
Wir verbringen ein Wochenende mit zwei Paaren in einem Haus am Meer. Linn will schwanger werden, mithilfe künstlicher Befruchtung. Während des Lesens hat mich besonders beschäftigt, wie sehr ihr Körper dabei zum verhandelbaren Raum wird. Was sie isst, welche Medikamente sie nimmt, welche Risiken sie eingeht. All das wird kommentiert und kontrolliert, vor allem durch ihren Partner Matze. Für mich fühlte sich das weniger wie Fürsorge an als nach einem schleichenden Machtverlust über den eigenen Körper.

Gleichzeitig habe ich viel Frust beim Lesen von Evas Perspektive gespürt. Sie ist Mutter von zwei Kindern, liebt sie, und wirkt trotzdem oft einsam und erschöpft. Mich hat getroffen, wie normal ihre Abwesenheit ist, egal ob emotional, im Gespräch, oder im sozialen Gefüge. Dieses stille Verschwinden von Müttern kam mir erschreckend vertraut vor und fand ich unfassbar gut dargestellt.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, zu keiner der Figuren eine echte Bindung aufgebaut zu haben. Vor allem Linn blieb für mich sperrig und teilweise unsympathisch, was ich im Nachhinein gar nicht als Schwäche empfinde. Im Gegenteil: es hat mich eher zum Nachdenken angeregt, warum ich automatisch erwarte, dass weibliche Romanfiguren sympatisch sein müssen.

Das Ende empfand ich als eine Art Selbstermächtigung beider Frauen, aber auch das blieb für mich seltsam offen und leicht schief. Nicht befreiend, eher tastend. Vielleicht realistisch, aber nicht unbedingt befriedigend.

Meine Beziehung zu diesem Buch ist ambivalent mit der Tendenz ins Positive. Es hat definitiv etwas in mir angestoßen. „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ hat mich weniger berührt als irritiert, und vielleicht war genau das seine Absicht!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2026

Was bleibt, wenn alles vorbei scheint

Da, wo ich dich sehen kann
0

Dieses Buch hat mich auf eine unbequeme, nachhaltige Weise getroffen.
Nicht wegen expliziter Gewalt oder dramatischer Zuspitzung, sondern weil es genau dort ansetzt, wo mediale Aufmerksamkeit meist endet: ...

Dieses Buch hat mich auf eine unbequeme, nachhaltige Weise getroffen.
Nicht wegen expliziter Gewalt oder dramatischer Zuspitzung, sondern weil es genau dort ansetzt, wo mediale Aufmerksamkeit meist endet: NACH einem Femizid.

Im Zentrum steht Maja, die Tochter der Getöteten. Ein echtes Papa-Kind. Und genau darin liegt die Brutalität dieses Romans: Der Vater, ihr Held, hat ihre Mutter ermordet.
Was mich dabei besonders mitgenommen hat, ist wie realistisch Jasmin Schreiber die innere Zerrissenheit ausarbeitet. Maja sieht ihrem Vater äußerlich ähnlich. So ähnlich, dass sie ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr erträgt. Sie zerstört alle Spiegel im Haus ihrer Großeltern, weil sie in ihrem eigenen Gesicht nur noch den Täter erkennt. Dieses Bild hat sich wahrscheinlich für immer in mein Hirn gebrannt.

Der Roman erzählt aber nicht nur aus Majas Perspektive, sondern wechselt zwischen ihr, den Großeltern mütterlicherseits und Liv, der besten Freundin der Mutter. Alle eint der Versuch, für Maja stark zu sein. Und alle haben das Gefühl zu scheitern.
Was das Buch dabei schonungslos offenlegt ist, dass jeder isoliert trauert. Jeder trägt Schuldgefühle mit sich herum. Jede*r fragt sich, an welchem Punkt man hätte eingreifen müssen und eine der stärksten Aussagen des Romans war für mich: Es gibt nicht DIE EINE verpasste Schlüsselsituation, die alles hätte ändern können.

Auffällig und wohltuend zugleich ist, dass mediale Berichterstattung kaum eine Rolle spielt. Stattdessen bleibt der Fokus konsequent auf dem inneren Chaos der Hinterbliebenen. Während gesellschaftlich oft gilt: Tat passiert, Täter verurteilt, Fall abgeschlossen, zeigt dieser Roman das Gegenteil.
Mit einer Verurteilung endet nichts. Für die Hinterbliebenen beginnt erst dann ein lebenslanges Ringen mit Verlust, Schuld, Loyalität und Trauma.
Für mich liegt die größte Stärke dieses Buches in seiner klaren Haltung:
Femizid ist Mord.
Kein „Beziehungsdrama“. Kein „Familiendrama“. Keine tragische Verkettung unglücklicher Umstände. Diese Begriffe verharmlosen und genau das tut dieser Roman nicht.

„Da wo ich dich sehen kann“ ist kein leichtes Buch aber es schaut hin, wo wir als Gesellschaft oft wegsehen. Und es lässt einen nicht mit dem Gefühl zurück, etwas „abgeschlossen“ zu haben sondern mit der unbequemen Erkenntnis, dass manche Geschichten nie enden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2026

Unauffällig, bis es einschlägt

Alle glücklich
0

„Alle glücklich“ wirkt lange wie die x-te Geschichte einer bürgerlichen Vorzeige-Familie: Studium, Liebe, frühe Schwangerschaft, er macht Karriere, sie bleibt zu Hause. Nina rutscht nahezu geräuschlos ...

„Alle glücklich“ wirkt lange wie die x-te Geschichte einer bürgerlichen Vorzeige-Familie: Studium, Liebe, frühe Schwangerschaft, er macht Karriere, sie bleibt zu Hause. Nina rutscht nahezu geräuschlos in unbezahlte Care-Arbeit, während Alexander sich beruflich entfaltet und sich dabei für einen großartigen Familienvater hält. Nach außen funktioniert alles aber nach innen funktioniert absolut gar nichts.

Alle Hauptfiguren sind durchzogen von patriarchalen Mustern: ein emotional abwesender, selbstmitleidiger Vater, eine Mutter, die heimlich arbeitet, um sich ein Minimum an Unabhängigkeit zu bewahren, Kinder mit massiven Selbstwertproblemen. Besonders deutlich wird, wie tief diese Strukturen greifen, als selbst scheinbar „reflektierte“ Figuren reproduzieren, was sie eigentlich ablehnen. Kommunikation findet kaum statt – stattdessen das stille Erwartungsdenken: Die anderen müssten doch wissen, was man braucht.

Ehrlicherweise war ich kurz davor das Buch auf ca. der Hälfte abzubrechen. Bin aber jetzt heilfroh, es nicht getan zu haben, denn:
Das eigentliche Aha-Erlebnis kommt spät, trifft dann umso härter!
Dieses Buch schreit auf jeder einzelnen Seite Patriarchat! In jedem Gedanken, jeder Handlung, jedem unausgesprochenen Satz. Die Geschichte ist nicht banal, sie ist realistisch. Und genau deshalb so verstörend. Die Kritik ist leise, aber allgegenwärtig und wird mir definitiv noch sehr lange im Kopf bleiben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2026

Zwischen Flügeln und Verboten

Der letzte Sommer der Tauben
0

„Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider ist ein Coming-of-Age-Roman der ganz besonderen Art.
Keine Selbstfindung mit Wohlfühlkurve, sondern Erwachsenwerden unter permanenter Bedrohung.
Noah ...

„Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider ist ein Coming-of-Age-Roman der ganz besonderen Art.
Keine Selbstfindung mit Wohlfühlkurve, sondern Erwachsenwerden unter permanenter Bedrohung.
Noah ist vierzehn, Taubenzüchter, und lebt in einer Gesellschaft, in der Freiheit nicht verschwindet, sondern systematisch zerquetscht wird.

Khider zeigt mit bedrückender Konsequenz, wie totalitäre Herrschaft in den Alltag einsickert: in Familien, in Berufe, in Körper. Helikopter über der Stadt, religiöse Vorschriften bis ins Private, Angst als Grundrauschen. Die Menschen bewegen sich nur noch in einem extrem schmalen Korridor dessen, was erlaubt ist. Jeder Schritt daneben kann tödlich sein.

Was diesen Roman so stark macht, ist das, was trotz aller Gewalt bleibt: Widerstand im Kleinen. Menschen, die im Verborgenen leben, sich anpassen, ohne innerlich aufzugeben. Die kämpfen, obwohl sie wissen, dass sie verlieren könnten oder vielmehr werden.

Noahs Tauben sind dabei mehr als ein Symbol. Sie stehen für Bewegungsfreiheit, Instinkt und ein Wissen, das dem Menschen längst abhandengekommen ist. Der Schluss setzt genau hier an: mit einem harten, unmissverständlichen Schlag gegen religiösen Fanatismus und menschliche Hybris. Und die Erkenntnis, dass wir uns von Tauben mehr abschauen könnten als von Predigern.

Ein absolut kluges, poetisches und auch hoffnungsfrohes Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere