Spannende Aufarbeitung
Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen ...
Idiot ist das erste Wort, das Josef spricht, da ist er sieben. Es folgt Depp, Trottel und Nichtsnutz und bezieht sich auf einen Tierkadaver, über den er sich so freut, dass er seine Kontrollmechanismen kurz fallen lässt.
Als er zu Martha in die Küche kommt, hört er nichts als das Rühren der Kelle im Topf und ihren Atem. Es riecht nach Äpfeln und Zimt und er setzt sich an den gedeckten Tisch. Als er nun ganz für sich, das Sprechen probiert hatte, wollte er es noch einmal spüren und sagt Schwachkopf. Die Kelle fliegt durch die Küche, das Kompott trifft seine Hose, die nackten Füße. Er wischt sich über die Haut, Apfeleingekochtes an den Fingern, spreizt sie: „Das muss weg.“ Martha stürzte zu ihm, kommt ihm zu nah, sieht ihm tief in die Augen. Du sprichst, sagt sie, während ihr Gesicht verschwimmt.
Josef will jetzt allein zur Schule gehen, Martha lässt ihn schweren Herzens gehen. Er zählt seine Schritte bis zu Josephas Haus. Dort verharrt er am Gartenzaun und sieht sich die reichhaltigen Blüten an. Weiter gehts du Idiot, schimpft er sich. Zählen, vorbei am Kramladen vom Kahn, Xavers Traktor. Da kommt schon der Schulhof in Sicht, aber der ist leer. Er ist zu spät, dreht ab, rennt zum Leible Hof, nach Hause. Martha ist wütend, Blau kommt aus ihrem Mund und Josef kriecht unter den Küchentisch.
Während der Prozession kommt Josef dem Gestell vom heiligen Johannes zu nah, Martha will nach ihm greifen, aber da ist es schon passiert. Der Heilige kommt ins Rutschen, fliegt Richtung See und droht unterzugehen. Der Doktor erbarmt sich mit kräftigen Schwimmzügen und der Xaver mit kräftigen Schultern. Dann steht der Heilige wieder in der Sakristei. Während ein Platzregen die Gemeinde auseinandertreibt, flüstern sie Martha Verwünschungen zu.
Fazit: Sabine Eschbach ist mit ihrem Debüt eine feine Aufarbeitung deutscher Geschichte gelungen. Sie schickt ihren sonderlichen Protagonisten, der heute wohl am ehesten dem autistischen Formenkreis zugeordnet würde, in eine Zeit, in der Anderssein als bedrohlich empfunden wurde. Josef hat große Probleme mit jeder Veränderung. Und dem Land stehen große Veränderungen bevor. Zuerst wird sein über alles geliebter Lehrer von einem einarmigen in Uniform ersetzt. Das Geschäft vom alten Kahn und seiner Rosl wird überfallen. Der Doktor praktiziert nicht mehr. Ein Junge und ein Mädchen aus seiner Klasse kommen nicht mehr zur Schule. Diese Geschichte ist so gut gemacht, weil sie nicht nur die Anfänge der Machtergreifung zeigt und den moralischen Zeigefinger hebt und sagt, ihr habt alle mitgemacht. Sondern sie zeigt Menschen, die gerade so überleben können und sich nach Lösungen sehnen. Die mangels Bildung per se ablehnten, was anders war als sie. Die Autorin zeigt im Weiteren, wie die Machtergreifung Hitlers sich in Josefs Dorf bemerkbar macht. Das gelingt ihr durch einen ruhigen Erzählstil, dem ich liebend gerne gefolgt bin. Die Geschichte ist spannend, bewegend und unterhaltsam.