Cover-Bild Seerauchen
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19,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Dörlemann
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Ersterscheinung: 21.08.2025
  • ISBN: 9783038208679
Sabine Eschbach

Seerauchen

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ist Anderssein gefährlich – lebensgefährlich. Und Josef ist anders. Geräusche und Stimmen füllen seinen Kopf mit Farben, kleinste Veränderungen in seinem Alltag, verunsichern ihn; erst mit sieben Jahren spricht er sein erstes Wort. Nach heutigem Verständnis würde man ihn dem Autismus-Spektrum zuordnen. In einem Dorf am deutschen Bodenseeufer führen Josef und seine Mutter Martha ein karges Bauernleben am Rande der Dorfgemeinschaft. Als Josef endlich zur Schule gehen darf, scheint sich sein sehnlichster Wunsch zu erfüllen: Dazugehören. Unter der fördernden Obhut des Lehrers entfaltet er seine besonderen Begabungen.
Über die Jahre jedoch macht sich die NS-Diktatur auch in seinem entlegenen Dorf bemerkbar, und das Gift der Propaganda beginnt zu wirken. Der Hass auf Josef wächst, seine wenigen Vertrauten beginnen zu verschwinden, und Josef muss sich entscheiden.
Sabine Eschbach erzählt einfühlsam und poetisch von der Farbenpracht einer ganz besonderen Weltwahrnehmung, aber auch von der Gefahr des Andersseins.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Anderssein

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Josef ist bereits sieben Jahre alt und hat noch kein einziges Wort gesprochen und nicht nur das unterscheidet ihn von den anderen Kindern im Dorf. Als Josef dann unerwartet seine Worte findet, sind es ...

Josef ist bereits sieben Jahre alt und hat noch kein einziges Wort gesprochen und nicht nur das unterscheidet ihn von den anderen Kindern im Dorf. Als Josef dann unerwartet seine Worte findet, sind es solche wie Idiot, Nichtsnutz, Trottel, Worte, die er schon sein ganzes Leben lang gehört hat, Worte, mit denen man ihn schon sein ganzes Leben lang betitelt hat, Worte, die beschreiben, was er für die anderen im Dorf ist, der kleine schwachsinnige Balg, mit dem seine Mutter dafür bestraft wurde, dass sie sich mit einem umherreisenden Fremden eingelassen hat und so Schande über sich und das ganze Dorf brachte.

Schauplatz des Romans ist ein kleines deutsches Dorf am Bodensee in den 30iger Jahren. Hier, in Sichtweite zur Schweiz, wächst der kleine Josef auf, die Mutter, von der Dorfgemeinschaft geächtet, bringt sich und ihren Sohn mit dem Ertrag des kleinen Hofes durch, vermietet die Werkstatt ihres verstorbenen Vaters an einen schweizer Maler und verdient sich als Wäscherin. Die Zeiten sind hart, der Aufschwung, den man sich nach dem "Großen Krieg" erhofft hat blieb aus, es gibt Missernten durch Hochwasser und Kälteeinbrüche und in ihrer Not ist den tiefgläubigen, bigotten Dörflern Josef, mit seinem merkwürdigen Verhalten, mit seinen Stimmungsschwankungen, mit seinen unkontrollierten Zuckungen eine willkommene Projektionsfläche für ihre Ängste, ihren Spott und ihren Hass. Josef ist Freiwild, wird mit Billigung der Erwachsenen von den anderen Kindern gehänselt, misshandelt und dient ihnen als Sündenbock, als bei einer Hetzjagd auf ihn ein anderes Kind verunfallt, gibt man ihm auch daran die Schuld. Nur wenige Dorfbewohner unterstützen Josef und seine Mutter, allen voran Nachbarin Josepha und der Lehrer der Dorfschule.

Josef ist anders und das in einer Zeit, in der "Anderssein" gefährlich ist, heute würde man wahrscheinlich Autismus bei ihm diagnostizieren. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus in Deutschland wird den Leuten die Angst vorm "Anderssein" eingetrichtert, Angst vor einem anderen Glauben, Angst vor einer anderen ethnischen Herkunft, Angst vor allem, das die Reinheit der deutschen Rasse bedroht und aus dieser Angst heraus wird Hass geschürt, Neid und Missgunst. Autorin Sabine Eschbach verbindet in ihrem Roman gleich zwei hochemotionale Themen und liefert begleitend zu Josefs Geschichte auch ein beängstigend klares Bild des damaligen Geschehens. Was klein beginnt und von den meisten Dörflern noch abgetan wird, wächst sich schnell aus und mündet in Ereignissen, die wir aus der Geschichte nur all zu gut kennen. Es ist hochemotional und herzzerreißend all dies durch Josefs Augen zu sehen, der für all das ja keinerlei Erklärung hat und den das auch aus seinen Routinen und gesicherten Abläufen reißt.

Für mich war die Lektüre des Buches sehr hart, ich habe bereits nach wenigen Seiten furchtbar geweint und konnte das Buch stellenweise gar nicht weiterlesen. Grund hierfür ist meine persönliche Nähe zum Thema Autismus, bin ich doch stolze Oma eines ganz wunderbar besonderen kleinen Jungen und es war mir, als hätte die Autorin mit Josef genau meinen kleinen besonderen Jungen beschrieben. Allein die Vorstellung, er wäre in eine solche Zeit hineingeboren worden, hätte all dies erlebe müssen, wäre von seiner Umwelt so behandelt worden, treibt mir erneut die Tränen in die Augen. Wie die Autorin seine Gefühlswelt beschreibt, seine Wahrnehmung der Umwelt und seine Reaktionen darauf, ist so einfühlsam und sensibel. Aber genauso bin ich emotional auch total bei Martha, Josefs Mutter. Auch ihre Gefühle, ihre inneren Konflikte, ihre Ängste, ihre Wut, ihre Scham und die bedingungslose Liebe zu ihrem Kind sind so treffend beschrieben, das ich mich der Figur unglaublich nah fühle, denn ich kenne all das. Allein die Szene, in der Martha sich wünscht, ihr Sohn würde sie nur einmal anlächeln, würde sich nur einmal von ihr in den Arm nehmen lassen, das hat mich gebrochen, denn es beschreibt einfach so eins zu eins die tägliche Realität von uns Angehörigen.

Mit "Seerauchen" hat die Autorin auf unvergleichliche Weise ein Buch geschaffen, dass das Grauen des Nationalsozialismus beschreibt, ohne all zu plakativ darüber zu schreiben. Die dichte Atmosphäre entsteht einzig durch Josefs Erleben, sein Empfinden, das etwas falsch ist, als der Laden der Kahnˋs verwüstet wird, er die Brille und den Kittel des Doktors in dessen zerstörter Praxis findet und der Doktor ist nie ohne seine Brille, als seine Mutter ihn zwingt sich auf Josephaˋs Dachboden zu verstecken, wo er doch noch nie auf Josephaˋs Dachboden war. Das ist falsch und Josef versteht es nicht. Und auch ich als Leser verstehe es nicht, wie konnte all das passieren, wie konnten unsere Großeltern all dies ihren Nachbarn und Freunden antun, wie konnten es so weit kommen und wie ist es möglich, dass all diese Propaganda auch heute wieder so viele Zuhörer findet.

Für mich ist "Seerauchen" mein absolutes Jahreshighlight, ein Buch, das auf eindringliche und berührende Weise aus unserer dunklen Vergangenheit erzählt. Ich hoffe, das es von ganz vielen Menschen entdeckt wird. Mich wird das Buch für den Rest meines Lebens begleiten, mit all seinen guten Gedanken und mit all seinen schlimmen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich es lesen durfte, wünschte mir aber fast, ich hätte es nicht getan.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

brillant

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Seerauchen der Autorin Sabine Eschbach spielt in einem kleinen Dorf am Bodensee in den 30-iger Jahren. Dort lebt Martha mit ihrem Sohn Josef. Josef ist anders als andere Kinder, heute würde er wahrscheinlich ...

Seerauchen der Autorin Sabine Eschbach spielt in einem kleinen Dorf am Bodensee in den 30-iger Jahren. Dort lebt Martha mit ihrem Sohn Josef. Josef ist anders als andere Kinder, heute würde er wahrscheinlich mit Autismus diagnostiziert werden. Seine ersten Worte spricht der Junge mit sieben Jahren, aber es sind nicht die Worte, die man als erstes von einem Kind erwartet. Idiot ist da noch das harmloseste. Er gibt die Worte wieder, mit denen ihn die Umgebung seit er lebt betitelt. Durch seine Einschränkungen leben er und seine Mutter sehr isoliert von den anderen Dorfbewohnern. In der Schule dann der erste Lichtblick, als ein Lehrer seine Fähigkeiten entdeckt und diese fördert. Doch auch dieses Glück bleibt für Josef nicht von langer Dauer, da dieser in Laufe der Geschichte und des Krieges ersetzt wird.

Die Autorin versteht es in ihrem Debüt, die grausame Zeit des Nationalsozialismus mit dem Leben einfacher und wenig gebildeter Menschen zu verknüpfen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Das Hauptaugenmerk liegt dabei immer bei Martha und Josef und lässt den Leser an den innersten Gedanken und Gefühlen der beiden Protagonisten teilhaben.
Besonders berührt hat mich, dass Josef in Farben denkt, heute bekannt unter Synästhesie einem neurologischen Phänomen. Die Stärke der Mutter, die trotz ihrer immer größer werdender Überforderung zu ihrem Josef hält, beeindruckt mich tief.

Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, mit ausgefeilten Charakteren, brillant umgesetzt.

Veröffentlicht am 21.08.2025

Berührender Roman

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Ich kann euch dieses Buch gar nicht genug empfehlen, so gelungen finde ich die Darstellung rund um die autistische Hauptperson.

Josef heißt er und wohnt mit seiner Mutter in einem Dorf an der Schweizer ...

Ich kann euch dieses Buch gar nicht genug empfehlen, so gelungen finde ich die Darstellung rund um die autistische Hauptperson.

Josef heißt er und wohnt mit seiner Mutter in einem Dorf an der Schweizer Grenze, zu der Zeit, in der der Nationalsozialismus in Deutschland Fuß fasst.

Ich bin sehr beeindruckt von den Nuancen, mit denen die Autorin Josefs Art die Welt zu verstehen mit den Umbrüchen des Nationalsozialismus zusammen bringt. Gerade hier fällt auf, wie ganz Mensch Josef sein darf. Manches versteht er, manches nicht, manches auf seine Art. Manche Propaganda ist für ihn unlogisch, manche Aspekte des Nationalsozialismus sprechen ihn an. Die Mischung aus Josefs Widerstand aus sich heraus, seiner Annahme von nationalsozialistischen Gütern und natürlich seiner großen Gefährdung ist gut gelungen.

Insgesamt hat mich diese Art Josef zu schreiben berührt. Wir hören aus seiner Innensicht und von seiner Mutter aus der Außenperspektive. Wunderschöne Beschreibungen von stimming mit Licht gibt es genauso wie ehrliche Blicke auf Überforderungssituationen. Diese Beobachtungen rund um Josef bestimmen die Geschichte, wer sich eine Erzählung mit großer Spannung wünscht, ist hier falsch. Trotzdem wird mit der Zeit die Stimmung bedrückter, bedrohlicher und die angespannte Situation geht durch und durch. Hauptsächlich folgen wir den Konflikten von Josef, seiner Mutter und den Erwartungen der Umwelt. Begleiten Josef und seine Mutter dabei sich verstehen zu lernen und Wege ihrer Liebe trotz der gegenseitigen Schmerzpunkte zu finden. Dürfen Möglichkeiten der Gemeinschaft für Josef sehen und die Bosheit die ihn ausschließt.

Ich finde, das Buch gibt einen sehr lesenswerten Einblick in eine autistisch, synästhetische Perspektive und das in einer Zeitperiode, in der dieser Blick auf die Welt nochmal mehr zum Nachdenken und neu betrachten einlädt. Denn, die Art, wie durch Josefs Perspektive von den Reaktionen der anderen Menschen auf die nationalsozialistischen Veränderungen erzählt wird, öffnet für mich einen authentischen und emotionalen Zugang zum Thema. Die Autorin schafft es, die Nebenfiguren so wunderbar echt und greifbar zu schreiben und gleichzeitig deutlich rüber zu bringen, was da gerade geschieht und trotzdem die nationalsozialistische Perspektive zu dezentrieren. Auch die Balance zwischen Konflikten des Zeitgeschehen und ur-menschlichen Themen ist gut gelungen.

"Seerauchen" ist, was ich von Literatur möchte und hat mich immer wieder und auf verschiedenen Ebenen sehr berührt.

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