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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.04.2026

Neurodivergent geschrieben

Sie wollen uns erzählen
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Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch, aufgrund der Leseprobe und des Titels.
Der Anfang und die ersten zwei Drittel bis drei Viertel waren richtig gut, danach (nachdem die Oma gefunden wurde) stieg ...

Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch, aufgrund der Leseprobe und des Titels.
Der Anfang und die ersten zwei Drittel bis drei Viertel waren richtig gut, danach (nachdem die Oma gefunden wurde) stieg die Spannung und ich hatte den Eindruck, dass damit zerfledderte, was die Erzählung so stark gemacht hat.

Es geht um Ann und ihren Sohn Oz. Beide haben ADHS und darum geht es zu Beginn auch. Ann hadert mit Neuronormativität, versucht sich innerlich, und vor allem für ihren Sohn, radikal davon abzugrenzen. Oz soll nicht denken, er wäre falsch. Gleichzeitig bleiben Ansprüche von und im Außen und letztlich die Frage nach Integration.

Dieser erste Teil hat mir, wie gesagt, sehr gefallen. Anns und Oz' Perspektiven ergänzen sich gut und gerade an ihrem Miteinander werden so viele Unterthemen differenziert beobachtet. Es gibt quasi auf jeder Seite zitierfähige Sätze und ganze Passagen, die einfach nur "Treffer versenkt" sind. Durch den Schreibstil, der einem Monolog nachempfunden ist, wird nicht über ADHS geschrieben, sondern die Wahrnehmung, Verarbeitung und Aufmerksamkeitslenkung direkt in der Erzählstimme erlebbar. Ich würde den Text selbst im Stil als neurodivergent bezeichnen. Er ist zugleich für nicht ADHSler zugänglich und für ADHSler affirmativ ohne zu pathologisieren oder die Schwierigkeiten zu verstecken. Das ist stark und ich hätte mir mehr davon gewünscht, denn viele konkret Themen werden so nur gestreift. Insbesondere, da mit dem Spannungsaufbau der Geschichte rund um die Oma, die Erzählung für mich merklich nachlässt. Es passiert deutlich mehr, aber es fühlt sich für mich in der Umsetzung weniger erzählerisch zielgerichtet an. Die Autorin bringt schon den Bogen zuende und nimmt am Schluss nochmal Bezug auf den Titel, aber die Einheit die Form und Inhalt zu Beginn waren verlor sich für mich. Auch das Potenzial des Charakters des Nachbarn der Oma wurde nicht wirklich genutzt. Insofern ist das Buch leider insgesamt hinter meinem Erwartungen zurück geblieben und nicht das Highlight geworden, auf das ich gehofft hatte.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Was läuft in Piesnitz?

Bevor der Himmel reißt
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Mein erstes Buch dieser Autorin und es hat mir gut gefallen.
"Bevor der Himmel reißt" hält das Verlagsprogramm-Versprechen des Arctis Verlag. Es ist ein aktuelles Jugendbuch, dass sich auf unterhaltsame ...

Mein erstes Buch dieser Autorin und es hat mir gut gefallen.
"Bevor der Himmel reißt" hält das Verlagsprogramm-Versprechen des Arctis Verlag. Es ist ein aktuelles Jugendbuch, dass sich auf unterhaltsame und nahbare Weise mit einem großen Thema auseinander setzt. Ich würde sagen, es geht um Rassismus und rassistisch motivierte Gewalt. Genauso geht es aber auch um Freundschaft, Familie, Nachbarschaft und die Frage, wie wir alle gut mit rechtem Gedankengut umgehen können.

Ich mochte Heer und Dilly. Ihre Gedanken und Gefühle werden so lebendig erzählt. Sie leben ein doch recht anderes Leben als ich und die Autorin hat es gut geschafft mir das nahe zu bringen. Piesnitz und die Menschen darin mögen erfunden sein, wie die Autorin im Nachwort schreibt, viele ihrer Erlebnisse sind es nicht.

Am Anfang haben mich die Zeitsprünge etwas irritiert, aber das hat sich schnell gelegt und Dillys E-Mails aus der Zukunft haben der Erzählung gut getan. Auch die Nebencharaktere haben die Geschichte gestützt. Ich mochte besonders, wie viel Tiefe auch sie bekommen haben.

Insgesamt würde ich die Stimmung im Buch als gedrückt beschreiben. Gleichzeitig sind da kleine und große Momente und Entwicklungen, die sehr real werden und in/neben/mit dieser Grundstimmung existieren. Auch die kleinen Zeichnungen und Chatverläufe lockern den Lesefluss ein wenig auf, zusammen mit den kurzen Kapiteln zum Ende hin, schaffen sie Raum langsamer zu lesen und das gelesene wirken zu lassen.

Ich finde, die Erzählung bleibt ein wenig offen und bietet sich mit seiner Wahrheit an ohne ein moralischer Knüppel oder ganz hoffnungslos zu sein. Sie bietet viel Anknüpfungspunkte um selber weiter zu reflektieren, ich habe zb gemerkt, dass ich über die DDR noch nie etwas zum Thema Migration gelesen oder gelernt habe und da eigentlich gerne mehr wissen möchte.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Ein starker Text einer starken Frau, der uns auch heute noch einiges zu sagen hat

Das Tränenhaus. Roman
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Diese Neuauflage des ursprünglich 1908 erschienen Buches ist eine große Bereicherung.

Die Ausgabe ist gut editiert, es ist sowohl eine für den modernen Sprachgebrauch lesbare, als auch eine die Mundart ...

Diese Neuauflage des ursprünglich 1908 erschienen Buches ist eine große Bereicherung.

Die Ausgabe ist gut editiert, es ist sowohl eine für den modernen Sprachgebrauch lesbare, als auch eine die Mundart und den Stil des ursprünglichen Textes erhaltene Fassung. Mit dem Schwäbisch in mancher wörtlichen Rede muss man allerdings klarkommen. Auch die langen Schachtelsätze sind heute nicht mehr in Mode. Gleichzeitig ist gerade die Adjektiv-Fülle und -Kreativität unterhaltsam bis poetisch. Die Beschreibungen und Bilder aus der Natur erweitern und spiegeln die inneren Prozesse und Zustände, ein stilistisches Mittel, was ich ausgesprochen gerne mag, wenn es, wie hier, sensibel umgesetzt wird.

Das Titelgebende "Tränenhaus" ist eine kleine "Anstalt" einer Hebamme, in der unverheiratete, schwangere Frauen unterkommen, so auch die Erzählerin. Es geht um die Rollen, als Frau, Ehefrau, Mutter und die Beziehungen in und mit diesen Rollen. Auch um das Untereinander der Frauen geht es, um Standesdünkel, das trennt, und den Wert zusammen zu halten.

Die Personen sind allesamt sehr klar charakterisiert, die Beschreibungen und Beobachtungen, auch über diese hinaus, immer sehr "voll". Diese Stil hat eine Intensität, die manchmal überzeichnet wirkt, gleichzeitig aber auch nachdrücklich Raum und Aufmerksamkeit für die Themen des Romans fordert. Dezidiert weibliche Themen, weshalb ich das besonders stark finde, damals wie heute. Denn auch, wenn sich Umstände seit der Zeit im Kaiserreich geändert haben, sind die Themen nicht nur historisch relevant. Was heißt das denn, schwanger zu sein, gebären zu wollen/sollen/müssen, den eigenen Platz als Frau zu finden, ob mit Heirat, Zusammenleben oder alleine. Gerade weil ein Kern des Buches das Erleben und Erlernen von weiblicher Solidarität in dem, was Frauen gemeinsam ist, ist, empfinde ich "das Tränenhaus" als sehr aktuell.

Ich bin froh, dass Reclam mit dieser schönen Neuauflage Aufmerksamkeit auch auf die wichtigen weiblichen Autorinnen der Vergangenheit lenkt. Ohne hätte ich diesen Text wohl nie gelesen. Denn in der Schulzeit ging es dann eben doch vielfach nur um die männlichen Autoren. Dabei steht ihnen "das Tränenhaus" in nichts nach, im Gegenteil.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Authentisch, eindringlich und sehr wertvoll

Narbenmädchen
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Dieses Buch ist richtig gut, aber man muss beim Lesen schon einiges aushalten können. Die Darstellung im Buch begünstigt aus meiner Sicht Aktivierung eigener Muster rund um die Themen (insbesondere SVV, ...

Dieses Buch ist richtig gut, aber man muss beim Lesen schon einiges aushalten können. Die Darstellung im Buch begünstigt aus meiner Sicht Aktivierung eigener Muster rund um die Themen (insbesondere SVV, Suizidalität, Alkohol).

Die Hauptperson ist Lara, aus ihrer Perspektive hören wir die Geschichte. Mir hat sehr gefallen, wie die Autorin schleichende Veränderungen und Konfrontationen mit ganz anderen Perspektiven und Wahrnehmungen eingebaut und dabei trotzdem konsequent Laras Erzählperspektive beibehalten hat. Lara ist nicht im klassischen Sinne eine unzuverlässige Erzählerin, aber die Autorin spielt mit Themen um Selbst- und Fremdwahrnehmung und Deutungsmacht.

Lara ist fünfzehn und die Sprache oft derb, vulgär. Ich hätte das nicht gebraucht, manchmal war es mir ein bisschen viel, aber insgesamt passt es auch zu den Jugendlichen. Ich empfand den Schreibstil ansonsten als angenehm, die längeren und kürzeren Abschnitte fühlen sich natürlich an und spiegeln gut den Fokus von Laras Aufmerksamkeit. Klassische Kapitel gibt es nicht, das verleitet dazu mehr am Stück zu lesen, obwohl es immer Gelegenheit gibt Pause zu machen.

Von Anfang an gecatcht haben mich Laras sehr auf den Punkt gebrachte Beobachtungen über den Umgang der Psy*Arbeitenden und die Station (psychosomatische Kur). Sie stellt die Widersprüche deutlich da und man merkt beim Lesen, wie ungut das in ihre eigenen Ambivalenzen und Vorerfahrungen reinspielt. Schnell wird die Haltung der Kurleitung deutlich und am Ende war ich, ehrlich gesagt, ziemlich wütend. Gleichzeitig ist genau diese Art des Umgangs - zwischen Unterstellungen nicht zu wollen und fehlender konkreter Unterstützung Vorgaben umsetzen zu können - so typisch und die Autorin legt hier mit ihrer Erzählung den Finger genau in die Wunde.

Hoffnung ist im Buch wenn dann nur sehr zaghaft und vorsichtig, eigentlich nicht als solche vorhanden. Gleichzeitig verändert sich was, wachsen Freundschaften, Erkenntnisse und Handlungsspielräume. Bei aller Direktheit ist die Erzählung hier immer wieder sehr zart, emotional und vulnerable. Da ist Tiefe und eine Eindringlichkeit, die sich durch die Erzählung zieht. Wer leichte Unterhaltung sucht ist hier falsch. Ich fand die Erzählung sehr berührend und sehe gerade deswegen das Triggerpotenzial. Gleichzeitig ist diese Authentizität so wertvoll.

Ich empfehle "Narbenmädchen" sehr, gebe nur zu bedenken gut abzuschätzen, wann für euch der richtige Lesezeitpunkt ist, insbesondere, wenn ihr ähnliche Themen habt oder hattet.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Einblick in das abrutschen in die tradwife Szene

Heimat
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Für mich wird das Buch durch die Erzählperspektive geprägt. Jana ist nicht sehr kritisch, fühlt sich zu Beginn nur etwas unwohl oder stimmt nicht allem zu. Dann siegt nach und nach der Anschluss und die ...

Für mich wird das Buch durch die Erzählperspektive geprägt. Jana ist nicht sehr kritisch, fühlt sich zu Beginn nur etwas unwohl oder stimmt nicht allem zu. Dann siegt nach und nach der Anschluss und die Sehnsucht. Da wir aus ihrer Perspektive lesen kommen kritische Stimmen nur sehr gedämpft und hauptsächlich über Janas Mann. Wie wir das Lesen, liegt also in unserer Verantwortung, wir werden damit konfrontiert wie nachvollziehbar und bedürfnissbefriedigend Janas Eintauchen in die trad Wide Szene ist und gleichzeitig zieht eine gewisse beklemmende Stimmung sich durch. Ich fand das durchaus ganz gut gemacht und nehme einmal mehr die Erkenntnis mit, dass dieselben (gesellschaftlichen) Probleme sehr unterschiedlich beantwortet werden können.
Für mich war Janas Mann dabei die spannendste Figur, denn er wird als eher links politisch organisiert dargestellt, auf jeden Fall gegen den neuen Nationalsozialismus eingestellt, und durchaus engagiert, während er gleichzeitig die Vulnerabilitäten seiner Frau ignoriert, auch zu ihnen beiträgt und auf ihr langsames Abdriften in die Szene nicht erkennbar materiell reagiert. Denn die Dinge mit denen Jana kämpft (ihre Care Arbeit und ihre Karriere zb) sind real (und im Grunde urfeministische Themen). Und die Bestärkung und Entlastung, die sie im trad Wide Umfeld kennen lernt, die ist ja auch real. Gleichzeitig kostet sie, persönlich und vor allem gesamtgesellschaftlich. Doch durch Janas Perspektive liegt der Fokus der Erzählung nicht darauf. Die unheilvollen Andeutungen bleiben lange schwer zu greifen und das Ende fühlt sich für mich an wie der eigentliche Beginn.

Das Buch ist recht kurz, ich bin ganz froh, dass ich es an einem Stück gelesen habe. Es fühlte sich wie ein kurzer Einblick in das Thema an, der aber meiner Meinung nach doch eher wie ein Brocken wirkt, bisschen trocken und faserig zum drauf herum kauen, ohne Einbettung und Kontext. Ich hätte mir ein bisschen mehr gewünscht, so bleiben ich mit einem gewissen Unwohlsein zurück.

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