Neurodivergent geschrieben
Sie wollen uns erzählenIch hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch, aufgrund der Leseprobe und des Titels.
Der Anfang und die ersten zwei Drittel bis drei Viertel waren richtig gut, danach (nachdem die Oma gefunden wurde) stieg ...
Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch, aufgrund der Leseprobe und des Titels.
Der Anfang und die ersten zwei Drittel bis drei Viertel waren richtig gut, danach (nachdem die Oma gefunden wurde) stieg die Spannung und ich hatte den Eindruck, dass damit zerfledderte, was die Erzählung so stark gemacht hat.
Es geht um Ann und ihren Sohn Oz. Beide haben ADHS und darum geht es zu Beginn auch. Ann hadert mit Neuronormativität, versucht sich innerlich, und vor allem für ihren Sohn, radikal davon abzugrenzen. Oz soll nicht denken, er wäre falsch. Gleichzeitig bleiben Ansprüche von und im Außen und letztlich die Frage nach Integration.
Dieser erste Teil hat mir, wie gesagt, sehr gefallen. Anns und Oz' Perspektiven ergänzen sich gut und gerade an ihrem Miteinander werden so viele Unterthemen differenziert beobachtet. Es gibt quasi auf jeder Seite zitierfähige Sätze und ganze Passagen, die einfach nur "Treffer versenkt" sind. Durch den Schreibstil, der einem Monolog nachempfunden ist, wird nicht über ADHS geschrieben, sondern die Wahrnehmung, Verarbeitung und Aufmerksamkeitslenkung direkt in der Erzählstimme erlebbar. Ich würde den Text selbst im Stil als neurodivergent bezeichnen. Er ist zugleich für nicht ADHSler zugänglich und für ADHSler affirmativ ohne zu pathologisieren oder die Schwierigkeiten zu verstecken. Das ist stark und ich hätte mir mehr davon gewünscht, denn viele konkret Themen werden so nur gestreift. Insbesondere, da mit dem Spannungsaufbau der Geschichte rund um die Oma, die Erzählung für mich merklich nachlässt. Es passiert deutlich mehr, aber es fühlt sich für mich in der Umsetzung weniger erzählerisch zielgerichtet an. Die Autorin bringt schon den Bogen zuende und nimmt am Schluss nochmal Bezug auf den Titel, aber die Einheit die Form und Inhalt zu Beginn waren verlor sich für mich. Auch das Potenzial des Charakters des Nachbarn der Oma wurde nicht wirklich genutzt. Insofern ist das Buch leider insgesamt hinter meinem Erwartungen zurück geblieben und nicht das Highlight geworden, auf das ich gehofft hatte.