"Mischt man sich unter die Spreu, so kann man leicht vom Schwein gefressen werden."
Vampirnovelle von Frank Hebben
In der Vampirnovelle wird mit wenigen Worten trotzdem eine dichte Geschichte erzählt, die man auch als das verstehen kann. Alles ist atmosphärisch dicht eingefangen und ...
Vampirnovelle von Frank Hebben
In der Vampirnovelle wird mit wenigen Worten trotzdem eine dichte Geschichte erzählt, die man auch als das verstehen kann. Alles ist atmosphärisch dicht eingefangen und verwebt. Die Beschreibungen der Situationen sind wortlich so klein gehalten, und trotzdem fühlt man sich, als ob man dabei wäre, da die wenigen Worte doch alles sagen.
So erfahren wir in der Vampirnovelle von einer ganz neuen Art von Vampiren, weitab von jeglichem Klischee. Hier sind Vampire nicht die übernatürlichen Wesen aus Mythen, sondern Menschen, die sich mit einem Virus angesteckt haben. Sie altern bis sie 30 sind, dann nicht mehr. Aber unsterblich sind sie trotzdem nicht. Sonnenlicht geht in Ordnung, ist aber nicht angenehm. Was aber natürlich bei einem Vampir nie fehlen darf, ist seine Nahrung. Im vorliegenden Buch ist es natürlich, wie kann es anders sein?, Blut, bzw. die Bestandteile des Blutes der Menschen. Das Ganze hat nichts Magisches an sich, nichts Mystisches. Hier werden die Opfer nur zur „Nahrungsaufnahme“ benutzt. Es gibt keinen verführerischen Vampir, der sein Opfer in einen Bann schlägt, was in Hypnose oder Sonstigem und in einem leidenschaftlichen Biss an der Kehle endet, um so an Blut zu kommen. Und das ist auch okay so. Immerhin ist diese Novelle etwas ganz anders, fernab von der „Normalität“ anderer Vampirgeschichten.
Was dagegen wieder „normal“ anheimelt, ist das Leben der drei Vampire, Martin, Ruth und Johann, die als Hauptprotagonisten gelten. Man geht normalen Jobs nach, und gerne feiern. Lebt in einer WG ähnlichen Gemeinschaft mit einem Alltag und Routine. Wobei WG ähnlich wohl nur bedeutet, dass die drei sich die meiste Zeit in Ruths Wohnung aufhalten, und auch dort schlafen, um nur ab und an etwas aus ihren eigenen Wohnungen zu holen. Frühstück, spülen, Wäsche waschen und aufhängen. Ja, da werden sogar mal per Internet Streaming Dienst alte Buffy Folgen geschaut, Emails verschickt, und Ava (die Neue in der „Vampirfamilie“) versucht sogar Whatsapp in die Gemeinschaft einzubringen.
Die Geschichte wird hauptsächlich erzählt anhand von Martin alias Marty (bitte nennt mich nicht so, ich heiße Martin), der nun schon 60 Jahre ist. Wohl nicht ganz so beabsichtigt macht er die junge Ava zum Vampir. Wobei……………vielleicht spielt doch eine unterbewusste Absicht mit, dass er gerade sie ebenfalls zur Vampirin macht, immerhin hätte er sie auch töten können, sann wäre sie nur Nahrung gewesen.
Seine zwei Weggefährten im Laufe der Jahrzehnte sind Ruth und Johann geworden. Ein Trio, das menschlicher nicht unterschiedlicher sein könnte. Ruth, die Künstlerin. Johann, der schon immer hart arbeitende Hafenarbeiter. Und Martin, der Sohn eines reichen Mannes…….und eigentlich wirklich auch nur genau das………… arbeitet er doch genau für diesen seinen Vater um die Firmendynastie weiterzuführen. Nicht, dass er seinen Vater gerne hat. Ihn mag er nicht besonders. Hat er ihn immerhin aus besagten Dynastiegründen zum Vampir gemacht. Man merkt richtig, dass Martin mit der Welt nicht klarkommt, sie nicht mag, seine Gedanken dazu eher negativ sind. Dazu dieser ewige Kreis aus Alltag mit Arbeit und ähnlichen Dingen, die eben alltäglich sind (gerne auch mal das Hamsterrad genannt).
Fast kommen einem die Menschen wie Zombies vor, die alle dasselbe tun, und alle nebenher, und nicht miteinander leben, jeder in seiner eigenen Welt versunken, und trotzdem alle gleich in der Ausführung der Tätigkeiten.
Das schlimme ist nur, genau wie auch Martin irgendwie, ist man selbst ein Teil dieses ewigen Kreises. So geht die Geschichte voran, und Martin macht zum Ende des Romans hin Veränderungen durch. Tatsächlich kann man ihn sogar als eine Art Antiheld bezeichnen. Das Ende ist dann allerdings überraschend und hat was von einer verstörenden Arche Noah Situation. Und während man sich im Buch viel in Martins Gefühlswelt befunden hat, regt das Ende ebenfalls zum Nachdenken an, wenn auch anders. Was es damit auf sich hat, kann aber jeder selbst lesen.
Es folgt ein wenig Gedankensalat aus meinem Kopf zum Buch:
Im Buch kommen keine Stereotypen auf. Ja…… nicht mal den allseits gefeierten Charme eines Graf Draculas, der uns sanft verführt, um an unser Blut zu kommen, ist zu spüren. Martin ist so vieles Leid, auch in seiner Umwelt, der er überdrüssig ist, und genau das zeigt er auch. Eine gewisse Langeweile hat sich bei ihm eingestellt. Eine Unzufriedenheit und Kritik über die Lebensweisen von Menschen (und wohl auch irgendwie den gar nicht so anders lebenden Vampiren). Ein Treiben, wie bei einem Teenager, ohne Verantwortung. Und eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Welt. Fast schon depressiv erscheint er einem an manchen Stellen. Mit seiner etwas nicht so ganz charmanten Sprache ist er allerdings trotzdem ein Sympathieträger. Wie er das beim Leser, in diesem Fall bei mir, schafft………..das kann ich nicht mal sagen. :D.
Da ist man also schon mal zum Vampir geworden, und hat eine längere Lebensdauer, ist aber nicht unsterblich, und trotzdem plagen einen genau dieselben Dinge, wie Menschen plagen. Dadurch fällt einem auf, wie trostlos das Leben sein kann.
Viele Gespräche sind durchzogen von einer Gewissen Art schwarzen Humors, so dass man manchmal ein Grinsen nicht unterdrücken kann (selbst wenn es um Vampirnahrungsbeschaffungsmaßnahme geht).
Man muss sich auf diese Novelle einlassen, weil sie vielleicht anders ist, als erwartet. Aber wenn man dies tut, dann hat man für einen kurzen Leseaugenblick einen Einblick in die Seelenwelt eines Vampirs. Aber nicht so, wie wir ihn sonst kennen. Martin könnte quasi auch ein einfacher Kerl sein, der uns begegnet, und unzufrieden mit seinem Leben ist. Mir hat das gefallen. Auch macht es einen irgendwie nachdenklich, ob das höchste Ziel im Leben wirklich ist, sich in den Kreislauf und Alltag aus Arbeit und Zuhause zu stürzen. Und ob das lebenswert ist. Ebenso hat man an einigen Stellen ein wenig Mitleid mit Ava, die von einem Augenblick auf den anderen ihr altes Leben hinter sich lassen muss, wenngleich das kein wirklich schönes Leben war. So gibt das Vampirsein ihr eine neue Chance. Eine heile Familienidylle.
Die beklemmende und düster trostlose Atmosphäre zieht sich durch das ganze Buch, und man fragt sich zwangsweise und unweigerlich, ob unsere Welt wirklich so schlecht ist, wie Martin von ihr denkt. Ab und an habe ich mich beim Gedanken erwischt dies zu bejahen.
An dieser Novelle gibt es nichts auszusetzen. Und das Gedanken - Karussell dreht und dreht sich immer weiter. Wer hier vielschichtige Charakterbeschreibungen mit Vergangenheitserlebnissen sucht, und das Ganze sehr ausführlich, der ist falsch. Denn dafür müsste das Buch ein Roman, und keine Novelle sein. Trotz der kurzen und wenigen Worte findet man aber trotzdem erstaunlich viel über die Charaktere heraus. Die Zwischentöne machen‘s eben. Und weil das hier so gut gelungen ist, gebe ich dem Buch gerne 5 Sterne, weil ich absolut zufrieden damit bin, und die Mischung aus allen Elementen von schwarzem Humor, bis über Stimmungsschwankungen und nachdenklichen Momenten großartig gelungen ist.
Aus dieser Rezension verabschiede ich mich nun noch mit den Worten, die ich schon bei meinem Fazit des Buches verwendet habe, die Worte der Novelle. Ich muss allerdings den Zeitpunkt etwas anpassen, da es nicht mehr heute Nacht ist, und wohl auch nicht mehr 2:30 Uhr.
Mitten in der Nacht. 2:30Uhr. Das Buch beendet. Im Kopf nur Leere. Oder ein Übermaß an Informationen? Werde mich nun hinlegen. Bin wohl etwas müde. Morgen ist auch noch ein Tag. Oder später. Gute Nacht.
Und um alles mit den Worten von Bertold Brecht enden zu lassen:
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.