Immer wieder aufs Neue unfassbar unbegreiflich
Es ist nicht mein erstes Buch über das 3. Reich, seine letzten Tage, über eine Nazi-Größe bzw. einen Verbrecher, über den Untergang oder über die Schuldfrage des einzelnen, des Volkes, der Täter, der Mitläufer ...
Es ist nicht mein erstes Buch über das 3. Reich, seine letzten Tage, über eine Nazi-Größe bzw. einen Verbrecher, über den Untergang oder über die Schuldfrage des einzelnen, des Volkes, der Täter, der Mitläufer und der Wegseher. Aber dennoch ist mir das Gelesene bisweilen geradezu quälend und verstörend unbegreiflich. Wie viel Glück kann ein Mensch haben?
Unversehrt und unbehelligt in den allerletzten Kriegstagen aus dem Führerbunker entkommen, unentdeckt geflohen, unerkannt in die Nähe der Familie gelangt, aufgenommen, mit einem Job versorgt. Dann bald auf einem Karriereposten, Wohlstand, Aufstiegschancen, eine sich erneut anbahnende politische Karriere. Das ist das Leben eines der engen Vertrauten Goebbels, Werner Naumann, der von Goebbels und Hitler mit dem politischen Testament betraut wird, die Anhänger der Bewegung nach dem Untergang des 3. Reiches wieder zu sammeln, und der sich dieser Idee verschrieb bis fast zuletzt. Es ist unfasslich, wie es den ehemaligen Nazi-Größen, die das Ende des 3. Reiches überlebt hatten, in der jungen Bundesrepublik wieder Fuß zu fassen, und nicht nur das, wie sie wieder zu Geld, Einfluss und Ansehen kamen. Sie besetzten wichtige Ämter und Posten und hievten sich gegenseitig die Karriere- und Parteileiter hinauf. Wie standen sie zu dem allen, was die Nürnberger Prozesse zutage förderten von den dunklen Seiten des glorreichen 100jährigen Reiches, das zwar nur 12 Jahre Bestand hatte, aber einen Schaden anrichtete, der locker 100 Jahre währen kann. Alle haben von allem nichts gewusst, nur die Toten, die sich nicht wehren konnten, waren an allem schuld. Manchmal mag man es fast glauben, dass die großen Nazi-Schreibtischtäter, die den Krieg und die Judenvernichtung vom Reißbrett aus planten, keine wirkliche Vorstellungen von dem hatten, was sie da propagierten und anzettelten. Aber Nichtwissen(wollen) schützt vor Strafe nicht. Man könnte irre werden an der Frage nicht der Schuld, denn die ist klar, aber daran, wie jemand sich einer solchen Idee verschreiben kann so mit Haut und Haar, dass ihn nichts von den grauenvollen Kehrseite derselben erreicht. Oder war am Ende doch nur alles weinerliches Lippenbekenntnis von Männern, die zu feige waren, zu ihrer Schuld zu stehen, zu opportun auf ein neues Leben, eine zweite Chance zu bekommen, nur um es demselben Zweck zu widmen wie das erste?
Der Autor schreibt mit großer Sachkenntnis der großen Zusammenhänge und kleinen Details von den letzten Tagen im Führerbunker, über Neumanns Flucht, bis hin zu seinen Neuanfängen, begleitet von den Enthüllungen der Nürnberger Prozesse, und einer beginnenden politischen Karriere sehr nüchtern und sachlich, was der Thematik meines Empfindens nach sehr entgegen kommt. Dabei aber liest man zugleich gebannt und schockiert von den Ereignissen, den Zufällen und den Interessenslagen, die den einen in die Hände spielten, während anderen eine Form der Gerechtigkeit nicht zuteil wurde. Man muss wohl sagen, dass Naumann großes Glück gehabt hat, auf jeder Linie, dass er den amerikanischen Geheimdiensten zugegen kam und von der Lobbyarbeit ehemaliger Parteigenossen profitierte, die auf Generalamnestie drängten und davon profitierten, dass man einen deutschen Staat nicht hätte wieder aufbauen können, hätte man alle, die jemals in Berührung gekommenen sind mit der verheerenden Ideologie des 3. Reiches, zur Rechenschaft ziehen wollen.
Der Roman zeigt die Komplexität der Frage nach der Schuld und letztendlich die Unmöglichkeit absoluter Gerechtigkeit im Rahmen einer Geschichte, die sich ereignet, deren Verlauf aber nicht nach Gut und Böse urteilt, sondern dem Zufall oder dem Glück freien Lauf lässt.