Cover-Bild Die Lüge
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14,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 384
  • Ersterscheinung: 03.05.2022
  • ISBN: 9783455013672
Mikita Franko

Die Lüge

Maria Rajer (Übersetzer)

Ein virtuoser Roman über einen Jungen, der in Russland bei einem homosexuellen Paar aufwächst

Mikita wird nach dem Tod seiner Mutter von ihrem Bruder adoptiert, er ist fünf Jahre alt. Mit Slawa und dessen Partner Lew genießt er eine fröhliche Kindheit. Aber mit der Einschulung beginnt das Versteckspiel, das Lügen. Wenn Besuch kommt, müssen Fotos weggeräumt, in Aufsätzen müssen Dinge verschwiegen oder erfunden werden, und Mikita schlagen Vorurteile entgegen. Er verliert seinen Frohsinn, wird wütend, aggressiv, depressiv.
Erst die Freundschaft mit einem Jungen aus dem Waisenhaus beruhigt ihn. Und dann merkt er, dass er sich zu Jungs hingezogen fühlt. Ausgerechnet! Er beschuldigt sich, zum Beweis für die Propaganda geworden zu sein, die behauptet, gleichgeschlechtliche Paare würden homosexuelle Kinder großziehen. All seine Versuche, sich in Mädchen zu verlieben, scheitern. Es wird noch dauern, bis Mikita Frieden mit sich selbst und seiner Sexualität findet. 
Die Lüge ist ein ausgesprochen unterhaltsames Debüt, schnörkellos und am Puls der Zeit.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.07.2022

Lügen fürs Überleben

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"Menschen können bemerkenswert gehaltlos sein."

Mikita wird nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter von seinem Onkel Slawa adoptiert. Die Oma ist zu alt und Mikis Mutter hat sich diese Lösung gewünscht, ...

"Menschen können bemerkenswert gehaltlos sein."

Mikita wird nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter von seinem Onkel Slawa adoptiert. Die Oma ist zu alt und Mikis Mutter hat sich diese Lösung gewünscht, obwohl sie Probleme wegen der Homosexualität des Bruders kommen sah. Slawa versteckt seine Liebe zum Lebenspartner Lew geschickt. Die Beziehung und auch das Leben des Jungen werden zunächst auf den Kopf gestellt. Miki muss sich bei den Beiden einleben und Lew akzeptieren, von dem er bis dato nichts wusste. Lew muss sich auch erst an die Konkurrenz gewöhnen und einen Zugang zu dem Kind finden. Das größte Problem ist jedoch die homophobe Umgebung in Russland. Miki muss lügen, die Familienverhältnisse dürfen nicht offenbar werden, damit die Leute und vor allem das Jugendamt nicht auf den Plan kommen. Eine große Herausforderung und Belastung für ein Kind, die sich weiter durch sein Leben zieht und große Auswirkungen auf sein Seelenleben hat.

Slawa und Lew sind fantastische Eltern, die sich wunderbar ergänzen und gut für den Jungen sorgen. Sie meistern viele Probleme und stehen letztlich immer fest zueinander und zu Miki.

Mikis Kindheit und Jugend, seine Selbstzweifel und -findung erlebt der Leser hautnah mit. Es gibt einige dramatische Wendungen, an denen er fast scheitert und die berührend sind.

Über viele beschriebene Situationen wird ganz klar Gesellschaftskritik an Russland geübt, das wurde sehr gut eingeflochten und wirkt authentisch. Viele der Vorurteile und Probleme sind aber übertragbar. Die Schwierigkeit Dinge zu akzeptieren, die anders oder neu sind, ist kein russisches Monopol.

Der Autor hat in diesem Buch eigene Erfahrungen mit eingearbeitet. Vieles wirkt sehr authentisch, das liegt unter anderem an der einfachen direkten Erzählweise. Da er durch Miki erzählt, passt dies gut, denn ein Kind denkt und redet eher schnörkellos. Es gibt es viele schöne Textstellen, die berührend sind und eine wahren Kern haben. So wird man immer nah an der Geschichte gehalten, möchte wissen wie es weitergeht und hofft immer für Miki, dies trifft auch bei typischen Pubertätsproblemen zu, nicht nur bei den übermächtigen sexuellen Einstellungen und Lügengebilden. Mich hat dies Buch sehr angesprochen und ich konnte es kaum aus der Hand legen. Letztlich hat sich der Wunsch der Mutter für ihren Sohn erfüllt. Er hatte die Gelegenheit hinter gesellschaftliche Schablonen zu blicken und konnte lernen frei zu denken. Gerne hätte ich noch mehr über das Leben dieser besonderen Familie gelesen. Ein sehr gelungenes Debüt über Konventionen und Normen, sowie den Wunsch nicht aufzufallen.

Von mir gibt es fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 02.07.2022

Berührender Erstling

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Miki lebt nach dem Tod seiner Mutter bei seinem nun alleinerziehenden Vater. So die offizielle Version. Tatsächlich ist sein „Vater“ eigentlich sein Onkel, der ihn gemeinsam mit seinem langjährigen Partner ...

Miki lebt nach dem Tod seiner Mutter bei seinem nun alleinerziehenden Vater. So die offizielle Version. Tatsächlich ist sein „Vater“ eigentlich sein Onkel, der ihn gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Lew großzieht. Doch in der homophoben Gesellschaft Russlands hält man die Wahrheit über seine Regenbogenfamilie besser gut versteckt. Nicht leicht für Miki, der zum Zeitpunkt der Adoption gerade einmal 5 Jahre alt ist, kaum Freunde hat und auch in den kommenden Jahren immer wieder Schwierigkeiten hat, sich einzufügen. Die ständigen Lügen, das ständige Versteckspiel hinterlassen zusätzlich ihre Spuren.
Mikita Franko hat einen Coming-of-Age-Roman mit Suchtpotential geschrieben. Vieles beruht auf eigenen Erfahrungen, was das Leseerlebnis noch intensiver macht. Miki ist trotz des Todes seiner Mutter ein recht fröhlicher Junge, aufgeweckt und er mag seinen Onkel/Ersatzpapa wirklich gerne. Beste Voraussetzungen eigentlich, aber die Lügen bedrücken ihn immer mehr; diese zunehmende Zerreißprobe wird hautnah am Leser ausgelassen, immer wieder hält man den Atem an, weil die Entlarvung des Familienlebens droht. Authentisch und glaubhaft ist dieses Versteckspiel, selbst die Kleinsten werfen mit homophoben Vorurteilen um sich, sodass man der Familie vor allem eines wünscht: dass niemand die Wahrheit herausfindet. Franko zeichnet ein schonungsloses Bild davon, was es heißt in Russland „anders“ zu sein und löst damit beim Leser immer wieder große Beklemmung aus. Trotzdem ist dieser Roman nicht nur bedrückend, sondern macht vor allem durch seinen lockeren und doch intensiven Stil, seinen wachsenden Ich-Erzähler und seine frische Art großen Spaß. Ein toller Debütroman.

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Veröffentlicht am 27.06.2022

Authentisch und berührend

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Was für ein starker Debütroman des jungen Autors Mikita Franko. Der Klappentext verrät eigentlich schon das Wichtigste.
Ein Interview bei queer.de besagt, dass der Autor mit diesem Roman ein wenig seine ...

Was für ein starker Debütroman des jungen Autors Mikita Franko. Der Klappentext verrät eigentlich schon das Wichtigste.
Ein Interview bei queer.de besagt, dass der Autor mit diesem Roman ein wenig seine Vergangenheit verarbeiten wollte - ein trans Junge in Russland. Wie wir aus mittlerweile unzähligen Dokumentationen wissen, hebt sich Russland ganz besonders durch trans- und homophobe Politik hervor.
In diesem Buch erzählt rückblickend der Protagonist Mikita davon, wie er als Kind nach dem Tod seiner Mutter von seinem Onkel aufgenommen wird, der in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt.
Dementsprechend gestaltet sich auch der Schreibstil, man erlebt die Geschichte seiner Entwicklung aus der Sicht eines Kindes und später eines Teenagers und das fühlt sich ungemein authentisch an.
Dieses Buch beschönigt nichts, überdramatisiert meines Erachtens aber auch nicht. Man ist gefangen in der Erzählung über eine grausame Gesellschaft, Liebe innerhalb der Familie, Alltagsprobleme und Probleme in der Pubertät... und zu keinem Zeitpunkt fragt man sich: "Was geht das mich an?"
Denn blicken wir den Tatsachen ins Auge: Homo- und Transphobie und Probleme der sexuellen Selbstfindung während der Pubertät sind leider keine russlandspezifischen Probleme.
Ein extrem berührender und sehr empfehlenswerter Roman, übersetzt von Maria Rajer.

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Veröffentlicht am 14.05.2022

Coming of Age in einer Regenbogenfamilie

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Mikita kann sich kaum noch an seine früh an Krebs verstorbene Mutter erinnern. Doch er hat ein liebevolles Elternpaar - seinen Onkel Slawa und dessen Lebensgefährten Lew. Und weil die Gesetzgbung in Russland ...

Mikita kann sich kaum noch an seine früh an Krebs verstorbene Mutter erinnern. Doch er hat ein liebevolles Elternpaar - seinen Onkel Slawa und dessen Lebensgefährten Lew. Und weil die Gesetzgbung in Russland ebenso wie die Gesellschaft ausgesprochen homophob ist, muss Mikita sein Familienleben von klein auf mit Lügen, Verschleierungen, Unwahrheiten schützen. Sonst droht ihm im schlimmsten Fall die Einweisung in ein Kinderheim. In Mikita Frankos Coming od Age-Roman "Die Lüge" wird eine Regenbogenfamilie mit viel Empathie, aber ohne Sentimentalität oder gar Kitsch gezeichnet.

Ich-Erzähler Mika hadert mitunter mit seinem Schicksal - Offiziell hat sein alleinstehender Onkel Elternstelle bei ihm übernommen. Slawa, ein unkomplizierter, spontaner Künstlertyp, nur 16 Jahre älter als Mika, war schon immer in seinem Leben präsent. Doch mit dem Arzt Lew, einem auf Ordnung und Manieren bedachten eher strengem Mann, der auch streng und aus Mikas Sicht ungerecht sein kann, tut er sich schwerer. Dennoch ist Lew der erste, den er "Papa" nennt.

Dass seine beiden Väter nicht nur Wohung, sondern auch das Bett teilen, kommt Mika zunächst nicht normal vor. Erst nach und nach gewöhnt er sich an die Idee. Als er in die Schule kommt, hadert Mika nicht nur mit der dortigen Disziplin und rabaukigen Mitschülern, er muss auch ein Versteckspiel beginnen: Kommen andere Kinder zu Besuch, müssen alle Spuren von Lew aus der Wohnung getilgt werden, um die Legende vom alleinerziehenden Vater Slawa aufrecht zu erhalten.

Der Stress bleibt nicht ohne Folgen: Mika wird verhaltensauffällig, aggressiv, beschimpft auch seine eigenen Väter als "Schwuchteln", sehnt sich nach der Art von Normalität, die andere seiner Mitschüler haben. Und dennoch erkennt er nach und nach, dass das Lebensmodell seiner Familie ihn offener macht für andere Lebensstile - ganz so, wie seine Mutter es sich für ihn erhofft hatte, als sie erkennen musste, dass sie ihren Sohn nicht aufwachsen sehen würde. Die Großmutter, liebevoll aber fest verwurzelt in Überzeugungen, die Slawas Homosexualität schlicht ignorieren beziehungsweise für "abartig" halten, ist der Gegenpol zu Mikas Familienleben.

Der Roman folgt Mikas Leben von der Kindheit in die Pubertät - erste Liebe, unerwiderte Liebe, ein Mitschüler, der aus der Regenbogenfahne auf Mikas Tisch die falschen Schlüsse zieht und schließlich, zu Mikas Entsetzen, die Erkenntnis, das er sich selbst zu Männern hingezogen fühlt. Bestätigt er jetzt alle gesellschaftlichen Vorurteile, dass eine Regenbogenfamilie keine "normalen" Kinder hervorbringen kann. Zwischen Liebe zu seinen Eltern und Selbstakzeptanz liegt angesichts der geselllschaftlichen Vorurteile, von denen auch Mika sich nicht gänzlich frei machen kann, eine Kluft.

Mika in seiner teils schnoddrigen, teils leicht nervigen Art (er ist schon eine kleine Diva zuweilen) ist ein sympathischer Protagonist, dessen Konflikte, aber auch tiefe Verbindung zu seinen beiden so unterschiedlichen Vätern überzeugend dargestellt wird. Ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz, die auch Mika gelegentlich benötigt. In Russland darf der Roman nur an Leser über 18 Jahre verkauft werden. Dabei wäre er gerade für queere Kinder und Jugendliche, die sich über sich selbst klar zu werden versuchen, so wichtig und nützlich. "Die Lüge" berührt.

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