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Veröffentlicht am 18.09.2025

Mutterschaft auf der Rasierklinge

Kopflos
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Kopfkino im Ausnahmezustand! Ariana Harwicz schleudert mir in diesem Roman eine geballte Ladung Emotionen entgegen, die sich irgendwo zwischen Wahnsinn, Mutterschaft, Sehnsucht und purem Kontrollverlust ...

Kopfkino im Ausnahmezustand! Ariana Harwicz schleudert mir in diesem Roman eine geballte Ladung Emotionen entgegen, die sich irgendwo zwischen Wahnsinn, Mutterschaft, Sehnsucht und purem Kontrollverlust bewegen. Lisa – die Protagonistin – ist kein Charakter, den man mal eben sympathisch findet. Sie ist unbequem, sprunghaft, obsessiv. Und genau das macht diesen Text so spannend, weil ich als Leser das Gefühl habe, direkt in den brodelnden Kopf einer Frau hineinzufallen, die alles verloren hat und trotzdem nicht loslassen kann.

Die Sprache ist roh, fast wie ein Schlag in die Magengrube. Keine Nettigkeiten, keine Schleifen. Harwicz schreibt so, als hätte sie die Wörter direkt aus der Kehle gerissen. Und Silke Kleemann übersetzt das mit einer Wucht, die man beim Lesen fast körperlich spürt. Stellenweise fühlt es sich an, als würde man heimlich eine fremde Akte lesen – ein Protokoll aus Sehnsucht und Wahnsinn.

Natürlich: Wer hier auf klassische Familiengeschichten oder nette Erzählungen hofft, wird gnadenlos enttäuscht. Das Buch ist unbequem, und manchmal fragt man sich, ob man Lisa in den Arm nehmen oder ihr sofort die Polizei auf den Hals hetzen soll. Genau diese Ambivalenz macht den Reiz aus. Es ist keine „leichte Kost“, sondern ein literarischer Rausch, der mich trotz aller Beklemmung gefesselt hat.

Am Ende bleibe ich mit einem mulmigen Gefühl zurück – aber auch mit Bewunderung für eine Autorin, die sich traut, Tabus zu sprengen und die dunklen Seiten von Mutterschaft so gnadenlos offen zu legen. Für alle, die gerne mal Kopf voraus in den Abgrund springen, ist Kopflos definitiv die richtige Wahl. Vier Sterne von mir, weil ich das Ganze trotz aller Brillanz nicht in einem Stück runterlesen konnte. Zu intensiv, zu roh – aber eben auch unvergesslich.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Zeitdiebe aufgepasst: Momo ist zurück!

Momo
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Mitten in den Ruinen eines Amphitheaters hockt ein kleines Mädchen mit wirrem Haar und großen Augen, das mehr Power hat als alle Superhelden zusammen – und das ganz ohne Cape. Momo. Michael Ende hat hier ...

Mitten in den Ruinen eines Amphitheaters hockt ein kleines Mädchen mit wirrem Haar und großen Augen, das mehr Power hat als alle Superhelden zusammen – und das ganz ohne Cape. Momo. Michael Ende hat hier nicht nur irgendeine Geschichte geschrieben, sondern einen zeitlosen Klassiker, der uns beim Lesen fast den Kaffee aus der Hand geklaut hat, so oft mussten wir innehalten und laut lachen oder nachdenklich die Köpfe zusammenstecken.

Der Buddyread mit meiner Tochter war ein wilder Ritt: mal haben wir uns über die absurden Methoden der grauen Herren kaputtgelacht, mal haben wir schweigend auf die Seiten gestarrt, weil uns die Geschichte mitten ins Herz getroffen hat. Und jedes Mal, wenn Momo einfach nur zugehört hat, haben wir uns dabei erwischt, wie wir uns fragten: Hören wir eigentlich auch so gut zu? Oder sind wir schon halb graue Herren im Alltagstrott?

Besonders großartig: Diese limitierte Filmausgabe mit den Fotos. Plötzlich wird der Roman noch greifbarer – wie ein Mix aus Kinoabend und Lesezeit. Wir haben ständig hin und her geblättert: erst Text, dann Foto, dann wieder Text. Meine Tochter hat dabei eine Begeisterung entwickelt, die mich glatt neidisch gemacht hat. Während sie sofort Team Momo war, hab ich heimlich Sympathien für Beppo Straßenkehrer entwickelt – einer, der einem beibringt, Schritt für Schritt zu gehen, ohne die ganze Welt gleichzeitig schultern zu wollen.

Kurz gesagt: Dieses Buch hat uns gepackt, gefesselt, erheitert und bewegt. Es war wie eine kleine Zeitreise in eine Welt, in der jede Minute zählt. Und das Schönste: Wir haben die Geschichte nicht nur gelesen, sondern zusammen gelebt. Ein Buddyread, den ich nie vergessen werde. Danke, Momo, dass du uns die Zeit zurückgeschenkt hast.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Zwischen Asche und Aperol – ein Gefühlsrausch der besonderen Art

Let’s Talk About Feelings
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Gefühle. Ein Wort, das in meinem Kopf immer ein bisschen klingt wie ein ironischer Ratgeber-Podcast, den keiner hören will – und dann kommt Leif Randt daher und macht daraus ein literarisches Feuerwerk. ...

Gefühle. Ein Wort, das in meinem Kopf immer ein bisschen klingt wie ein ironischer Ratgeber-Podcast, den keiner hören will – und dann kommt Leif Randt daher und macht daraus ein literarisches Feuerwerk. Da läuft ein Typ namens Marian Flanders durch Berlin und die halbe Welt, und während er mit Designerklamotten jongliert, Halbgeschwister bestaunt und Flirts auslotet, stolpere ich als Leser in eine Zwischenwelt aus Trauer, Sehnsucht, absurdem Alltag und einem unfassbar trockenen Humor.

Es fängt mit einem Abschied an, und man denkt: okay, jetzt kommt die große Melancholie-Keule. Pustekuchen. Stattdessen wird auf einem Partyboot die Asche verstreut, es gibt eine Rede, die so entwaffnend ehrlich ist, dass man gleichzeitig weinen und schmunzeln will. Und genau so geht’s weiter: Randt schafft es, das Leben in all seiner bittersüßen Schrägheit einzufangen, ohne jemals kitschig zu werden. Ich schwöre, manchmal hatte ich das Gefühl, er beschreibt den inneren Monolog von jemandem, der gerade im Späti überlegt, ob er Club-Mate oder Bier kaufen soll – nur auf 200 Seiten verdichtet und mit mehr Stil.

Was mich komplett gekriegt hat: diese Mischung aus Optimismus und Trotz. Marian lässt sich nicht in die klassische Midlife-Crisis-Schublade stecken, er erfindet seine eigene Version davon. Zwischen Wolfsburg und Sapporo, zwischen modischer Sinnkrise und echter Nähe passiert etwas, das man schwer benennen kann, aber umso mehr spürt. Und genau dafür lese ich Bücher: nicht, um perfekte Antworten zu bekommen, sondern um das Chaos des Lebens in Worte gefasst zu sehen.

Leif Randt hat hier kein klassisches Drama, keinen schnulzigen Roman und auch keine seichte Comedy geschrieben. Er hat einen Spiegel aufgestellt, in dem man sich selbst ertappt – mit einem schiefen Grinsen und ein bisschen Herzklopfen. Ganz ehrlich: selten so viel Spaß beim Mitfühlen gehabt.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Schneesturm, Geheimnisse und ein bisschen Chaos

Die Einladung – Mord nur für geladene Gäste
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Schneesturm, ein einsames Herrenhaus und ein Haufen Leute, die alle so tun, als hätten sie nichts zu verbergen – was soll da schon schiefgehen? Genau, alles. Dieses Buch hat mich direkt in die gute alte ...

Schneesturm, ein einsames Herrenhaus und ein Haufen Leute, die alle so tun, als hätten sie nichts zu verbergen – was soll da schon schiefgehen? Genau, alles. Dieses Buch hat mich direkt in die gute alte Whodunit-Stimmung katapultiert. Schon nach den ersten Seiten war klar: Hier werden keine Häppchen gereicht, hier gibt’s Geheimnisse, Intrigen und das ein oder andere Drama im Übermaß.

Rosemary, mit ihren 76 Jahren eigentlich eher Kreuzworträtsel-Champion als Partykanone, ist definitiv mein Highlight. Spritzig, grantig, clever – und mit einer Enkelin an ihrer Seite, die deutlich mehr Durchblick hat als so manche Profi-Ermittler. Die Dynamik zwischen den beiden hat richtig Spaß gemacht, und ehrlich gesagt hätte ich gerne eine ganze Serie nur mit diesem Duo.

Der Aufbau ist klassisch: viele Gäste, jeder verdächtig, keiner erzählt die Wahrheit. Und dann liegt die Gastgeberin plötzlich tot in ihrem eigenen Haus. Das Setting schreit „Agatha Christie 2.0“, aber mit einem modernen Augenzwinkern. Es macht Laune, die Hinweise zusammenzupuzzeln – auch wenn man ab und an denkt: „Moment, war das jetzt ein clever versteckter Hinweis oder nur ein roter Hering?“

Was mich nicht ganz bei fünf Sternen landen ließ: Manche Enthüllungen kamen doch ein bisschen mit der Brechstange, und die ein oder andere Figur hätte mehr Tiefe verdient. Trotzdem – die Mischung aus verschneiter Isolation, schwarzem Humor und schrulligen Charakteren hat mich bestens unterhalten.

Unterm Strich: Ein Krimi wie ein guter Winterabend – draußen tobt der Sturm, drinnen rätselt man sich warm. Wer „Only Murders in the Building“ oder klassische Locked-Room-Mysterys liebt, sollte hier unbedingt reinschnuppern.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Von Mauern, die bröckeln, und Herzen, die aufblühen

Tage wie Buchstabensuppe
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Nicht zu fassen, wie ein Buch mit so einem Titel gleich so tief in die Gefühlswelt rauscht! „Tage wie Buchstabensuppe“ klingt erstmal nach Wohlfühlkost mit ein paar Nudeln im Suppentopf – in Wahrheit steckt ...

Nicht zu fassen, wie ein Buch mit so einem Titel gleich so tief in die Gefühlswelt rauscht! „Tage wie Buchstabensuppe“ klingt erstmal nach Wohlfühlkost mit ein paar Nudeln im Suppentopf – in Wahrheit steckt aber ein komplettes Menü fürs Herz dahinter. Da sitzt man als Leser plötzlich in einer bunten WG im Ostallgäu, wird mit schrulligen, liebenswerten Figuren bombardiert und merkt, wie schnell die eigenen Mauern zu bröckeln beginnen. Kayla, die Goldschmiedin mit dem Rucksack voller Vergangenheit, hat mich echt gepackt. Manchmal wollte ich ihr einen Schubs geben, manchmal hätte ich ihr am liebsten nen Kaffee hingestellt und gesagt: „Mädel, es wird schon!“

Und dann kommt Josch um die Ecke, charmant und mit einer Engelsgeduld, die man heutzutage echt suchen muss. Ich hab mich köstlich amüsiert, wie er Stück für Stück die Schutzschilde niederreißt. Aber das Sahnehäubchen des Romans ist für mich Lio – diese obdachlose, ältere Frau mit beginnender Alzheimererkrankung. Ihre Lebensweisheit hat mich mehrmals schlucken lassen. Zwischen Chaos, Witz und tiefen Fragen haut sie Sätze raus, die einen direkt ins Herz treffen.

Elisabeth Büchle schafft es, das schwere Thema Vergangenheit, Verletzungen und Neubeginn mit einer Leichtigkeit zu verbinden, die weder kitschig noch oberlehrerhaft wirkt. Stattdessen liest sich das wie eine göttlich gewürzte Mischung aus Lebensfreude, Melancholie und Humor. Ich hab so viel gelacht, geseufzt und zwischendurch gedacht: „Ja, genau das ist es – Beziehungen sind das, was zählt.“

Ein Roman, der zeigt, wie Gott manchmal Menschen in unser Leben schickt, die alles durcheinanderwirbeln – und uns gerade dadurch den wahren Wert des Lebens vor Augen führen. Für mich: Lese-Highlight, Herzöffner und Seelensuppe in einem. 🍲✨

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