Freundschaft mit Sprengkraft
Die Sonne und die MondHat mich das Buch umgehauen? Nicht ganz. Hat es mich gepackt? Ja – aber auf seine ganz eigene, seltsam melancholische Art. Chris Kraus hat’s geschafft, dass ich beim Lesen gleichzeitig grinse und den Kopf ...
Hat mich das Buch umgehauen? Nicht ganz. Hat es mich gepackt? Ja – aber auf seine ganz eigene, seltsam melancholische Art. Chris Kraus hat’s geschafft, dass ich beim Lesen gleichzeitig grinse und den Kopf schüttele, weil Sonne und Mond einfach so dermaßen gegensätzlich und trotzdem füreinander gemacht sind. Die eine bestattet Menschen, die andere bringt sie zum Lachen – dazwischen liegen ganze Galaxien, und trotzdem fliegen sie immer wieder ineinander rein.
Die Story hat Wumms – zumindest am Anfang. Alte Freundschaft, dicker Verrat, plötzliches Wiedersehen beim Tod eines Mannes. Das riecht nach Drama, nach Scherben, nach dem ganz großen Kino. Und ja, stellenweise ist es das auch. Kraus hat eine Sprache drauf, die richtig reinhaut: böse, liebevoll, manchmal komplett durchgeknallt – und ich meine das positiv. Zwischen schwarzem Humor und echter Traurigkeit zu jonglieren, das kann nicht jeder.
Aber (und das ist ein fettes Aber): 600 Seiten sind ne Menge Holz. Irgendwann hab ich gedacht, wenn die noch ein Kapitel über metaphysische Mondreflexionen reinschiebt, dann brauch ich selbst ’ne Bestattungspause. Es gibt Passagen, da wird’s einfach zu viel – zu ausufernd, zu viele Ideen, zu wenig Punch. Das Buch hätte locker 100 Seiten weniger vertragen, ohne was zu verlieren.
Trotzdem: Sonne und Mond sind zwei Charaktere, die man nicht so schnell vergisst. Sie streiten, lieben, trauern, versöhnen sich – wie zwei Sterne, die sich gegenseitig anstrahlen und verbrennen. Nicht perfekt, aber intensiv. Ein Roman über Freundschaft, Schuld, Verlust und den Mut, nochmal hinzusehen.
Kurz gesagt: Kein Feelgood-Roman, aber ein echtes Kopfkino-Erlebnis – und wer schwarzhumorige, tiefgehende Geschichten mag, wird hier definitiv fündig.