Mutterschaft auf der Rasierklinge
KopflosKopfkino im Ausnahmezustand! Ariana Harwicz schleudert mir in diesem Roman eine geballte Ladung Emotionen entgegen, die sich irgendwo zwischen Wahnsinn, Mutterschaft, Sehnsucht und purem Kontrollverlust ...
Kopfkino im Ausnahmezustand! Ariana Harwicz schleudert mir in diesem Roman eine geballte Ladung Emotionen entgegen, die sich irgendwo zwischen Wahnsinn, Mutterschaft, Sehnsucht und purem Kontrollverlust bewegen. Lisa – die Protagonistin – ist kein Charakter, den man mal eben sympathisch findet. Sie ist unbequem, sprunghaft, obsessiv. Und genau das macht diesen Text so spannend, weil ich als Leser das Gefühl habe, direkt in den brodelnden Kopf einer Frau hineinzufallen, die alles verloren hat und trotzdem nicht loslassen kann.
Die Sprache ist roh, fast wie ein Schlag in die Magengrube. Keine Nettigkeiten, keine Schleifen. Harwicz schreibt so, als hätte sie die Wörter direkt aus der Kehle gerissen. Und Silke Kleemann übersetzt das mit einer Wucht, die man beim Lesen fast körperlich spürt. Stellenweise fühlt es sich an, als würde man heimlich eine fremde Akte lesen – ein Protokoll aus Sehnsucht und Wahnsinn.
Natürlich: Wer hier auf klassische Familiengeschichten oder nette Erzählungen hofft, wird gnadenlos enttäuscht. Das Buch ist unbequem, und manchmal fragt man sich, ob man Lisa in den Arm nehmen oder ihr sofort die Polizei auf den Hals hetzen soll. Genau diese Ambivalenz macht den Reiz aus. Es ist keine „leichte Kost“, sondern ein literarischer Rausch, der mich trotz aller Beklemmung gefesselt hat.
Am Ende bleibe ich mit einem mulmigen Gefühl zurück – aber auch mit Bewunderung für eine Autorin, die sich traut, Tabus zu sprengen und die dunklen Seiten von Mutterschaft so gnadenlos offen zu legen. Für alle, die gerne mal Kopf voraus in den Abgrund springen, ist Kopflos definitiv die richtige Wahl. Vier Sterne von mir, weil ich das Ganze trotz aller Brillanz nicht in einem Stück runterlesen konnte. Zu intensiv, zu roh – aber eben auch unvergesslich.