Große Themen, aber wenig emotionale Tiefe
Real AmericansDas Cover von Real Americans zeigt eine große Auster auf zartem türkisem Hintergrund. Dieses Bild wirkt zunächst schlicht, trägt aber eine starke Symbolik in sich. Die Auster steht einerseits für Verschlossenheit, ...
Das Cover von Real Americans zeigt eine große Auster auf zartem türkisem Hintergrund. Dieses Bild wirkt zunächst schlicht, trägt aber eine starke Symbolik in sich. Die Auster steht einerseits für Verschlossenheit, einen Charakterzug, der sich bei vielen Figuren im Roman wiederfindet. Andererseits gilt sie als teure Delikatesse, die im Buch immer wieder konsumiert wird. Damit spiegelt das Motiv zugleich ein zentrales Thema der Geschichte wider: Klassenzugehörigkeit. Geld öffnet in dieser Welt viele Türen und bestimmt maßgeblich über Chancen, Lebenswege und Privilegien.
In drei voneinander getrennten Teilen lässt die Autorin Rachel Khong unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Daraus entwickelt sich eine generationsübergreifende Familiengeschichte, die zahlreiche Themen streift und immer wieder größere Fragen nach Herkunft, Identität und Zukunft stellt.
Im ersten Teil erzählt Lily ihre Geschichte, eine beinahe märchenhafte Romanze, in der ein modernes Aschenputtel den reichen Prinzen findet. Der zweite Teil wird aus der Perspektive ihres Sohnes Nick geschildert, der als Student zwischen Jugend und Erwachsenwerden seinen Vater und Platz im Leben sucht. Im dritten Teil schließlich kommt May zu Wort, Lilys Mutter. In diesem Abschnitt verknüpft sich die Familiengeschichte mit den chinesischen Wurzeln der Figuren, gleichzeitig taucht auch hier ein fast science-fictionhaftes Motiv auf, die Fähigkeit, die Zeit anzuhalten. Dieser Aspekt erscheint jedoch konstruiert, verwirrend und trägt wenig zur Entwicklung der Handlung bei.
Genetische Forschung bildet einen wichtigen Punkt der Handlung. Anhand von Mays wissenschaftlicher Arbeit stellt der Roman grundlegende moralische Überlegungen an. Wie weit darf Wissenschaft gehen, wenn es um das menschliche Erbgut geht? Ist es vertretbar, Gene zu verändern, wenn dadurch Krankheiten verhindert werden könnten? Darf der Mensch die Würfel selbst in die Hand nehmen und eine Spezies mit allen Wunschvorstellungen züchten? Der Roman berührt dabei viele gesellschaftlich relevante Themen, angefangen von Herkunft, Identität, Diskriminierung, ethischen Grenzen der Biomedizin, Erziehung, Macht und Geld sowie die damit verbundenen Privilegien. Schlussendlich geht es um die allumfassende Frage, was prägt uns? Unsere Gene, unsere Herkunft, unsere Erziehung oder die Zuschreibungen der Gesellschaft?
Trotz des großen Umfangs des Buches von über 500 Seiten werden die vielen Themen eher angerissen als wirklich ausgearbeitet, sodass vieles oberflächlich bleibt und kaum emotionale oder inhaltliche Tiefe hat. Viele Aspekte wirken überladen, manche Entwicklungen erscheinen konstruiert und an einigen Stellen schlicht nicht plausibel. Zwar bietet das Buch durchaus interessante Denkanstöße, doch die Handlung verliert sich stellenweise in ihren eigenen Ideen. Auch emotional blieb die Geschichte für mich überraschend distanziert. Weder die Story noch die Protagonisten konnten mich wirklich berühren und genau das erwarte ich von Literatur. Gerade bei einem Familienroman über mehrere Generationen hätte ich mir mehr Tiefe und emotionale Nähe gewünscht.
Der Roman behandelt spannende Fragen unserer Zeit. Den großen Hype und die Lobpreisungen rund um den Slogan „Deutschland liest ein Buch“ kann ich persönlich jedoch nicht ganz nachvollziehen. Für mich bleibt Real Americans ein interessantes, aber letztlich etwas überladenes Buch, das gute Ansätze hat, sein Potenzial jedoch nicht vollständig ausschöpft. Daher nur solide ⭐️⭐️⭐von fünf Sternen für viele große Ideen und gesellschaftliche Themen, aber zu wenig emotionale Wirkung.