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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.04.2026

Toxische Beziehungen

Ultramarin
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Die Spannung ist von Anfang an da zwischen Lou, Raf und Nora, als die drei gemeinsam ins Auto steigen und zu einem Kurzurlaub aufbrechen. Angekommen im kleinen Ferienhaus an der Küste Dänemarks, das schon ...

Die Spannung ist von Anfang an da zwischen Lou, Raf und Nora, als die drei gemeinsam ins Auto steigen und zu einem Kurzurlaub aufbrechen. Angekommen im kleinen Ferienhaus an der Küste Dänemarks, das schon lange Rafs Familie gehört, spitzt sich die Situation immer weiter zu; besonders zwischen Lou und Raf liegt etwas in der Luft. Lou ist sich nicht sicher, ob da noch etwas überiggeblieben ist von den Gefühlen, die einst zwischen ihm und seinem Freund bestanden haben; er selbst fühlt sich noch zu Raf hingezogen, Raf hingegen sendet äußerst ambivalente Zeichen. Und dann ist da noch Nora, die neuen in der Konstellation, mit der Lou zunächst nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Die Tage vergehen, und immer eindeutiger werden die Abgründe erkennbar, die sich hinter der Fassade locker-leichter Sommertage abzeichnen.

Von Anfang an ist klar, dass hier düstere Ereignisse auf die drei Protagonist*innen zukommen. Die Spannung ist ab den ersten Seiten spürbar; dennoch hatte ich mit Fortschreiten der Geschichte zunehmend Probleme, mich in die Welt der Figuren hineinzufühlen, was wohl vor allem an Raf als Charakter lag. Er hat mich beim Lesen zunehmend frustriert, da sein Handeln oft überhaupt nicht nachvollziehbar und den anderen gegenüber mehr als unfair war. Gegen Ende gibt es einen Plottwist, den ich wirklich gut gemacht fand, aber alles in allem hat mir hier trotzdem etwas gefehlt.

Veröffentlicht am 27.03.2026

Nichts passiert

Melken
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Nach der Trennung von ihrer Freundin steigt Ellen in ihr kaputtes Auto und fährt raus aufs Land in das kleine Örtchen, in dem sie als Kind gelebt hat. Sie betritt ihr Elternhaus und verbringt dort Tag ...

Nach der Trennung von ihrer Freundin steigt Ellen in ihr kaputtes Auto und fährt raus aufs Land in das kleine Örtchen, in dem sie als Kind gelebt hat. Sie betritt ihr Elternhaus und verbringt dort Tag um Tag - obwohl das Haus längst nicht mehr ihrer Familie gehört. Da die neuen Besitzer jedoch gerade in Urlaub sind und sie selbst einst so viele Jahre hier verbracht hat, sieht Ellen sich im Recht. Dann taucht Max auf, ihr Nachbar aus Kindertagen, und Ellen denkt zurück an damals, als ihrer Familie noch ein Milchbetrieb gehörte und sie und Max die einzigen beiden richtigen Bauernkinder in ihrer Klasse waren.

Ohne wirklichen Faden folgen wir Ellen, deren Gedanken mal hierhin, mal dorthin schweifen. Sie blieb mir als Protagonistin fremd; zwar scheint ihr Wunsch nach einer Heimkehr auf den ersten Blick nachvollziehbar, dann aber irgendwie auch wieder nicht, wenn immer offensichtlicher wird, dass sie dieses Anders-Sein als Kind eigentlich stets als Last empfunden hat - die matschigen Schuhe, der weite Schulweg, der ständige Mist-Geruch, der sie auf all ihren Schritten begleitet hat. Noch unverständlicher blieb mir ihr Handeln - einfach in ein "fremdes" Haus eindringen und sich dort einrichten, die Kleidung der ihr völlig unbekannten Besitzer tragen? Ihren Kühlschrank leeressen, ihr Sofa vollkrümeln? Ich weiß ja nicht.
Hinzu kommt, dass am Ende des kurzen Romans eigentlich nichts passiert ist. Man wartet vergeblich auf irgendeinen Twist, irgendeine Erkenntnis, doch am Ende verläuft sich die Geschichte einfach.

Veröffentlicht am 09.03.2026

ADHS im Erwachsenenalter

Ich erzähle von meinen Beinen
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Wally und Valli haben beide ADHS. Bei Valli, der Tochter, diagnostiziert, bei Wally, der Mutter, nicht. Und doch ist sie die regelrechte Inkarnation einer Frau mit ADHS, wie sie im Lehrbuch steht. Oder ...

Wally und Valli haben beide ADHS. Bei Valli, der Tochter, diagnostiziert, bei Wally, der Mutter, nicht. Und doch ist sie die regelrechte Inkarnation einer Frau mit ADHS, wie sie im Lehrbuch steht. Oder stünde, wenn denn die medizin schon so weit wäre, Kriterien für Neurodivergenz nicht nur anhand des Verhaltens von Kindern, insbesondere Jungen, festzulegen; als Frau fällt man da schnell mal durchs Raster.

Der Roman folgt Wallys Alltag. Viel mehr passiert auch tatsächlich nicht; es geht um die Probleme, die ihre Tochter in der Schule hat, das Chaos, das zuhause herrscht. Immer wieder wird dabei offensichtlich, dass Wally Schwierigkeiten hat, ihren Alltag zu meistern, weil die Ansprüche einer auf neurotypische Menschen ausgerichteten Welt für neurodivergente Menschen oft nicht erfüllbar sind.

Ich mochte den Roman gerne, habe aber ein bisschen die Handlung vermisst. "Ich erzähle von meinen Beinen" ist ein wichtiger Roman, weil er den Blick darauf lenkt, dass eben nicht nur Kinder, nicht nur Jungen von ADHS betroffen sind. Trotzdem fand ich es schade, dass man durch die fehlende Handlung das Gefühl hatte, Wally werde auf ihre Neurodivergenz reduziert. Alles, was sie tut, ist geleitet von Merkmalen und Symptomen; beinahe hatte ich das Gefühl, es werde eine Liste ein Eigenschaften abgearbeitet, und die Lücken dazwischen würden mit dem bisschen Handlung aufgefüllt, dass der Roman dann letztendlich hat. Das war etwas schade, an für sich ist der Roman aber absolut lesbar und auf jeden Fall wichtig.

Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein wunderschöner Roman

Moosland
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Dreihundert junge Frauen verlassen kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs Deutschland und reisen für mindestens ein Jahr nach Island. Dort sollen sie aushelfen als Haushaltshilfen und Landarbeiterinnen ...

Dreihundert junge Frauen verlassen kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs Deutschland und reisen für mindestens ein Jahr nach Island. Dort sollen sie aushelfen als Haushaltshilfen und Landarbeiterinnen auf den zahlreichen Höfen mit ihren Schafen und Pferden, und im Idealfall auch längerfristig dem deutlichen Männerüberschuss der Insel ein wenig Abhilfe verschaffen. Eine der Frauen ist Elsa, die nicht spricht und sich nur schwer an das karge Leben auf Island gewöhnen kann.

Ich sage es, wie es ist: Ich habs geliebt, von der ersten Seite bis zur letzten. "Moosland" ist ein wunderbar ruhiger, leiser Roman, der vollkommen ohne Action, ohne "den großen Knall" auskommt. Obwohl die Protagonistin nicht spricht, ist es gerade die Sprache, die diesen Roman für mich so besonders macht: Mit wenigen Worten wird hier so akkurat die Atmosphäre in der kleinen, ärmlichen Bauershütte vermittelt, werden die Spannungen zwischen den Familienmitgliedern greifbar, die sanften, grasbewachsenen Hügel, der scharfe Wind, die kratzige Schafswolle eingefangen. Ich war direkt mittendrin und habe mich sofort wohlgefühlt.
Natürlich könnte man bemängeln, dass hier "zu wenig passiert", dass am Ende Vieles offenbleibt, dass der Roman sich in Andeutungen verliert. Mich hat das aber nicht gestört, im Gegenteil. Über Elsas Vergangenheit erfährt man wenig und das auch nur nach und nach; das finde ich tatsächlich aber sehr gut gemacht, denn Elsa würde am liebsten alles hinter sich lassen, möchte nicht, dass ihre Vergangenheit in der Gegenwart eine derart große Rolle einnimmt. Die Strukturen des Romans spiegeln das wieder und erlauben ihr, nach und nach einen Weg zu finden, eine neue Sprache.
Für mich war "Moosland" all das, was ich mir von einem Roman wünsche.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Freundinnenschaft

Spielverderberin
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Gemeinsam in derselben Bauernschaft im Süthland aufgewachsen, sind Lotte und Sophie schonlange Freundinnen. Als in der Oberstufe dann Romy aus München dazukommt, verändert sich die Dynamik der kleinen ...

Gemeinsam in derselben Bauernschaft im Süthland aufgewachsen, sind Lotte und Sophie schonlange Freundinnen. Als in der Oberstufe dann Romy aus München dazukommt, verändert sich die Dynamik der kleinen Gruppe merklich; Großstadt trifft auf Dorfidylle, die Beziehung der drei Mädchen zueinander ist geprägt von offener und heimlicher Bewunderung und unterschwelligen Spannungen, an denen die Freundinnenschaft bald zerbricht. Jahre später versuchen die drei jungen Frauen erneut, sich einander anzunähern; doch kann das funktionieren, wenn so Vieles aus ihrer Jugend unausgesprochen bleibt?

Mit feinfühliger Sprache schildert Marie Menke das Auf- und Verblühen einer intensiven, teilweise beinahe schon obsessiven Freundinnenschaft. Die Tiefe, mit der dies geschieht, mochte ich sehr. Dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hier mehr Konflikte aufgemacht und mehr Handlungsstränge begonnen werden, als der Roman letzendlich zufriedenstellent lösen bzw. zuende führen kann. Vieles bleibt vage und nur angedeutet, wird letztendlich nicht aufgelöst. Die Spannung steigt unleugbar mit jeder Seite, man will "endlich wissen, was da los war" - das ist wunderbar gemacht, der erwartete "große Knall" am Ende war dafür mMn jedoch enigermaßen enttäuschend.
Die Charakterstudie der drei jungen Frauen und die Beschreibungen des Zwischenmenschlichen fand ich sehr gelungen; vollkommen überzeugen konnte mich der Roman damit aber nicht.