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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2025

Etwas schwächer, aber immer noch gut

Wut und Liebe
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Ich weiß nicht, wie Suter es macht, dass man in seinen Romanen immer direkt mittendrin ist, aber mit "Wut und Liebe" hat er es schon wieder getan.
Dieses Mal geht es um Noah, seines Zeichens Maler mit ...

Ich weiß nicht, wie Suter es macht, dass man in seinen Romanen immer direkt mittendrin ist, aber mit "Wut und Liebe" hat er es schon wieder getan.
Dieses Mal geht es um Noah, seines Zeichens Maler mit bisher eher bescheidenem (also gar keinem) Erfolg, und Camilla, seine Freundin, die sich jedoch von ihm trennt, da sie Noah zwar liebt, das Zusammenleben mit ihm aber nicht. Als Noah zufällig die Witwe Betty kennenlernt, die ihm mehr im Scherz als ernstgemeint eine halbe Million dafür bietet, den Mann zu ermorden, den sie für den Tod ihres Ehemannes verantwortlich macht, kommt Noah ins Grübeln - ein Mord wäre moralisch absolut verwerflich, klar, aber mit einer halben Million könnte er problemlos Fuß in der Künstlerszene fassen, und vor allem: Camilla zurückgewinnen.

Was ich an Suter so sehr mag, ist, dass immer dann, wenn man glaubt, die Geschichte durchschaut zu haben, von irgendwo doch noch ein Plottwist daherkommt, der mit einem Mal alles in ganz anderem Licht erscheinen lässt. Das war auch hier wieder der Fall und in meinen Augen die größte Stärke des Romans. Und auch, wenn mich die Handlung dieses Mal nicht zu 100% packen konnte und "Wut und Liebe" für mich ein wenig hinter den bisherigen Romanen zurückbleibt, habe ich die Geschichte von Noah, Camilla und Betty mit all ihren Verstrickungen und verdeckten Intrigen sehr gerne gelesen - Suter kann es irgendwie einfach.
Zwar nicht Suters bester, aber allemal ein lesenswerter Roman!

Veröffentlicht am 13.04.2025

Ruhiger Roman

Halbinsel
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Bilkaus neuer Roman ist in leisen Tönen erzählt. Auf einer Halbinsel in Nordfriesland begegnen sich Annett und Linn, Mutter und Tochter, und müssen einander ganz neu kennenlernen. Linn hatte gerade erst ...

Bilkaus neuer Roman ist in leisen Tönen erzählt. Auf einer Halbinsel in Nordfriesland begegnen sich Annett und Linn, Mutter und Tochter, und müssen einander ganz neu kennenlernen. Linn hatte gerade erst einen Schwächeanfall während ihres Vortrags auf einer Klimatagung und zieht für eine Woche zu Annett, in das Haus ihrer Kindheit. Doch aus einer Woche werden schnell mehrere und dann ist plötzlich nicht mehr Mai, sondern September. Längst fragt sich Annett, was mit ihrer sonst so zielstrebigen Tochter passiert ist, die schon während der Schulzeit wusste, dass Klima- und Naturschutz ihr ganzer Lebensinhalt sein soll, und die nun Tag um Tag mit Kopfhörern auf den Ohren im Bett verbringt. Linn wiederum fragt sich, warum der 20 Jahre zurückliegende Tod ihres Vaters nie von Annett aufgearbeitet wurde, der Standardsatz noch immer einfach nur ein "Johan ist nicht vom Laufen zurückgekehrt" ist.

Beide Frauen finden sich wieder inmitten des Konflikts aus Fürsorge und Freiheit, aus Hoffnungen, die zu Erwartungen geworden sind; sie müssen sich auseinandersetzen mit ihren Vorstellungen des eigenen Lebens und des Lebens der jeweils anderen, mit den Ansprüchen und der Verantwortung ihrer jeweiligen Generation. Immer wieder werden dabei fast wie nebenbei auch Aspekte aus dem Bereich Klima- und Umweltschutz miteingeflochten: Etwa, wenn Linn ihrer Mutter die Begeisterung für Sea Level Maps zu erklären versucht, die sie während ihrer Kindheit verspürt hat; oder, wenn beide in den Tiefen des Watts über die Überreste eines vor Jahrhunderten überfluteten Dorfs wandern.

Einfühlsam und ganz behutsam seziert Bilkau die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die auch eine Beziehung zwischen verschiedenen Generationen ist. Der Roman kommt ohne große Aufregung daher, nähert sich langsam und vorsichtig den zentralen Konflikten an - vielleicht bleibt er dabei manchmal fast schon etwas zu zaghaft, hätte er doch ein wenig mehr "Krach" vertragen können. Dennoch: Die Ruhe hat auch etwas für sich. Allemal ein lesenswerter Roman!

Veröffentlicht am 13.04.2025

Zwiegespalten

Pearly Everlasting
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Wir schreiben das Jahr 1918. Pearly Everlasting wächst in einem Holzfällercamp in den Wäldern Kanadas auf, umgeben von rauer Natur, den Männern, die tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit ...

Wir schreiben das Jahr 1918. Pearly Everlasting wächst in einem Holzfällercamp in den Wäldern Kanadas auf, umgeben von rauer Natur, den Männern, die tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienen, und den Geräuschen und Gerüchen des Camps. Viel lieber noch als mit ihrer Schwester verbringt Pearly Zeit mit ihrem Bruder Bruno, den ihr Vater im Jahr ihrer Geburt im verschneiten Winterwald gefunden hat und der gemeinsam mit ihr von der Mutter gesäugt wurde – Bruno, der gar kein Menschenkind ist, sondern ein kleiner Bär. Gemeinsam streifen sie durch die Wälder und entdecken das Leben in einer Welt, die ebenso frei und wunderschön ist wie hart und unerbittlich. Als eines Tages der Vorarbeiter tot aufgefunden wird, gerät bald Bruno in Verdacht, ihn getötet zu haben.
Das Pacing des Romans wird nicht für jeden etwas sein; die Sprache ist oft sehr lyrisch und bildhaft, die Handlung grenzt ans Märchenhafte. Dementsprechend ist das Tempo eher langsam, es gibt zahlreiche atmosphärische Beschreibungen der verschneiten Landschaft und des Lebens im Camp. Mir hat das sehr gut gefallen und ich konnte mich schnell in diese kleine Welt, die so sehr im Kontrast zum Leben außerhalb der Wälder steht, einfinden; ich fand den Roman besonders in der ersten Hälfte wunderbar entschleunigend.
Trotzdem hat mich die Geschichte nicht vollkommen gepackt, weil ich mir (tatsächlich erst nach einer ganzen Weile des Lesens) plötzlich die Frage gestellt habe: Wer ist eigentlich Pearly? Zwar ist der Roman aus ihrer Perspektive erzählt, sie selbst bleibt dabei jedoch merkwürdig unsichtbar. Gefühlt trat sie für mich erst, als sie im Wald auf zwei Bekannte trifft, die das Lager besuchen, zum ersten Mal wirklich auf, und ich hatte hier zum ersten Mal den Eindruck, auch etwas von ihrer Persönlichkeit über ihre Verbundenheit mit Bruno hinaus zu erfahren. Daher konnte ich auch den zweiten Teil des Romans, der vermutlich der spannendere und actionreichere Teil sein sollte, nicht ganz so sehr mitempfinden wie gehofft.
Die Lektüre an sich fand ich zwar sehr schön, ich war aber nicht im eigentlichen Sinne „emotionally involved“ und bleibe daher zwiegespalten zurück.

Veröffentlicht am 26.03.2025

Komplett drüber

Greta & Valdin
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Greta und Valdin sind Geschwister und führen ein mehr oder weniger normales Leben in Auckland. Sie teilen sich eine Wohnung, beide sind in ihren 20ern, queer und unglücklich in ihren Nicht-Beziehungen: ...

Greta und Valdin sind Geschwister und führen ein mehr oder weniger normales Leben in Auckland. Sie teilen sich eine Wohnung, beide sind in ihren 20ern, queer und unglücklich in ihren Nicht-Beziehungen: Während Valdin seine Angststörungen in den Griff zu bekommen versucht und seinem deutlich älteren Freund Xabi nachtrauert, der die Flucht ergriffen hat und nach Argentinien gezogen ist, himmelt Greta aus der Ferne ihre Kollegin Holly an und fragt sich, ob es nicht vielleicht einfacher wäre, es doch nochmal mit Männern zu probieren. Die Perspektive wechselt mit jedem Kapitel zwischen den beiden Geschwistern.

Ich mochte den Roman sehr und fand ihn gleichzeitig ziemlich anstrengend. Ich liebe es, dass nahezu jede der (für einen Roman dieses Umfangs recht vielen) Figuren queer ist. Ich liebe Gretas und Valdins Familie, weil sie so wunderbar chaotisch und liebevoll ist, und würde sie wirklich gerne alle mal bei einem Abendessen persönlich kennenlernen. Die Figuren und auch die Story an sich sind wirklich komplett drüber und alles ist irgendwie ziemlich aufgedreht, was das Lesen manchmal wirklich anstrengend macht (meistens aber auf eine komisch positive Art und Weise) – man muss für diesen Roman wohl selbst in genau der richtigen Lebenssituation sein, sonst findet man ihn vermutlich ziemlich überdreht. Ich kann mir außerdem vorstellen, dass „Greta & Valdin“ vor allem für ein Zielpublikum in den (frühen?) 20ern interessant ist und dass es außerhalb dieses Bereichs schwieriger sein könnte, sich in den Roman und seine Figuren einzufühlen – ohne das jetzt pauschalisieren zu wollen. Was sich auf jeden Fall sagen lässt, ist, dass der Schreibstil wunderbar locker ist und diese Familie voller Exzentriker und sympathischer Sonderlinge immer wieder unerwartet zum Lachen bringt.

Queerness ist hier ein ganz großes Thema, aber, und das ist das Besondere: ohne explizit ein großes Thema zu sein. Es ist einfach komplett normal, und das ist toll. Auch Valdins Angststörung wird feinfühlig und humorvoll wie die normalste Sache der Welt beschrieben, ebenso das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und die sich umeinanderschlingenden Wurzeln der maori-russisch-katalanischen Familie. Diejenigen, die in anderen Romanen vielleicht eher als Randfiguren auftauchen, um doch noch eine Prise Vielfalt und Diversität mit reinzubringen, stehen hier im Zentrum.

Besonders in der 2. Buchhälfte schleicht sich leider die ein oder andere Länge ein; auch, den Überblick über die Figuren zu behalten, ist manchmal nicht ganz einfach. Besonders im Bekannten- und Beziehungskreis der Eltern muss man da häufiger mal auf das Personenregister zurückgreifen (oder einfach stoisch weiterlesen).

Insgesamt ist „Greta & Valdin“ ein bunter, lebendiger Roman, in dessen Welt man manchmal liebend gerne eintauchen wollen würde und der dann doch wieder echt „viel“ ist. Vielleicht auch „zu viel“, das wäre absolut nachvollziehbar – dieser Roman ist sicherlich nicht für jede*n etwas; unter den richtigen Umständen kann man ihn aber auch wirklich großartig finden und die Lesezeit sehr genießen. Von daher eine warme Leseempfehlung unter Vorbehalt!

Veröffentlicht am 24.03.2025

Wichtiger und aktueller Roman

Unter Grund
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Hals über Kopf flüchtet Franka in ihr Heimatdorf in der fränkischen Povinz, nachdem sie mit ihrer Klasse in München eine Gerichtsverhandlung des NSU-Prozesses besucht hat. Viele Jahre war sie nicht mehr ...

Hals über Kopf flüchtet Franka in ihr Heimatdorf in der fränkischen Povinz, nachdem sie mit ihrer Klasse in München eine Gerichtsverhandlung des NSU-Prozesses besucht hat. Viele Jahre war sie nicht mehr hier, hat die Ereignisse ihrer Jugend verdrängt, deretwegen sie sich schon einmal in einem Gerichtssaal wiedergefunden und ihre Mutter sie auf ein Internat geschickt hat. Nun kommt alles wieder hoch: Die Sommertage mit Leon am Weiher, während die halbe Welt im WM-Taumel ist. Die Treffen der NPD in der örtlichen Dorfkneipe, von denen jeder weiß, aber jeder so tut, als wisse er nichts. Patrick und Janna, die ein paar Jahre älter sind und eine merkwürdige Anziehung auf die fünfzehnjährige Franka ausüben, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Weil sie rebellieren. Weil sie auch mal handeln und nicht bloß immer nur reden.

Nun, zurück auf dem Land, zurück im "Fuchsbau" - dem Haus ihrer Großmutter, die von allen stets nur "die Fuchsin" genannt wurde und um die man lieber einen Bogen gemacht hat -, muss Franka sich endlich damit auseinandersetzen, wie das war, damals, als sie langsam aber sicher immer weiter in die rechte Szene hineingerutscht ist. Und auch damit, warum jeder im Dorf weiß: Man muss aufpassen, wenn der Fuchs umgeht.

Franka ist keine ganz einfache Protagonistin. Besonders ihre Eigenschaft, Schuld grundsätzlich nicht bei sich zu suchen, sich selbst als jemanden zu betrachten, der ohne viel eigenes Zutun in alles hineingezogen wird, kann beim Lesen manchmal anstrengen - trotzdem finde ich genau das auch irgendwie wieder passend, weil es vermutlich den Kern des Problems recht gut trifft: Man hält sich selbst nie für schuldig, man reagiert nur auf das, was das Umfeld vorgibt. Obwohl das beim Lesen also vielleicht etwas stört, finde ich diese Eigenschaft in Frankas Charakter druchaus glaubwürdig und gelungen.
Das Ende des Romans dagegen war mir etwas zu überhastet; gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wie Franka letztendlich ihren Weg aus der rechten Szene hinausgefunden hat.
"Unter Grund" fragt danach, wie es sein kann, dass sich Jugendliche radikalisieren, obwohl wir es doch eigentlich alle besser wissen müssten - eine wichtige Frage, heute vielleicht mehr denn je. Die Antwort, die der Roman liefert, ist nur eine von vielen möglichen, aber eine plausible und nachvollziehbare (auch dann, wenn man selbst sich politisch genau in der entgegengesetzten Richtung verortet).
Auch, wenn mich der Roman nicht in allen Punkten vollkommen überzeugt hat, ist er unglaublich wichtig. Gerade heute. Von daher auf jeden Fall eine Leseempfehlung!